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Veröffentlicht am 17.06.2018

Geschichte aus einer Zeit, als ein entzündeter Blinddarm einem Todesurteil gleichkam

Die Charité: Hoffnung und Schicksal
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Elisabeth, eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen, beschließt, in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts als Wärterin (wie Pflegerinnen damals hießen) an der Berliner Charité anzufangen. Der Lohn ist ...

Elisabeth, eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen, beschließt, in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts als Wärterin (wie Pflegerinnen damals hießen) an der Berliner Charité anzufangen. Der Lohn ist karg, doch sie hat freie Kost und Logis.
Gleich an ihrem ersten Arbeitstag lernt Elisabeth die Grauen der einzelnen Abteilungen kennen: die Abteilung für Syphilis- und Krätzekranke, die Gebärstation, die Salivationsstube... Alle haben sie gemeinsam, dass die hygienischen Zustände haarsträubend sind. Die Behandlungsmethoden grenzen zum Teil an Folter. So wird eine geisteskranke Frau mit Krätze infiziert, um auf diese Weise ihren Geist wiederzuerwecken.
Die Kenntnisse über die Verbreitung von Krankheiten sind zu dieser Zeit sehr rudimentär. Als die Cholera ausbricht, wird deren Ursprung in sogenannten Miasmen gesucht, üblen Dämpfen, die aus dem Fluss aufsteigen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Wärtern, für die ihre Arbeit eine ungeliebte Pflicht ist, der sie oft genug nur sehr nachlässig nachkommen, kümmert sich Elisabeth aufopferungsvoll um ihre Patienten und erwirbt sich bald einen Ruf, einen beruhigenden Einfluss auf die Patienten auszuüben. Auch Dr. Dieffenbach und seinem Subchirurgen Heydecker fällt Elisabeth positiv auf, obwohl sie sich nicht scheut, den Ärzten zu widersprechen, wenn sie deren Behandlungsmethoden nicht gutheißt. Heydecker fühlt sich immer mehr zu der jungen Frau hingezogen, und auch Elisabeth empfindet etwas für den jungen Arzt. Doch dann muss Heydecker als Militärarzt zur Armee und verlässt die Charité. Daraufhin trifft Elisabeth eine folgenschwere Entscheidung.
Das Buch ist interessant und flüssig geschrieben, wenngleich manches für mich sprachlich hart an der Grenze zum Kitsch ist. Doch die interessanten Charaktere und die beschriebenen Entwicklungen in der Medizin machen dieses kleine Manko wett. Besonders interessant finde ich, dass einige der Personen historisch belegt sind und sich die beschriebenen Ereignisse tatsächlich zugetragen haben. Auf jeden Fall ist das Buch gut recherchiert und obwohl das eine oder andere vorhersehbar ist, sehr spannend zu lesen. Historische Romane sind sonst nicht mein bevorzugtes Genre, doch dieses Buch hat mich wirklich gefesselt.

Veröffentlicht am 13.06.2018

Die Gnade des Vergessens

Das Küstengrab
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Lea, erfolgreiche Fotografin, die in Argentinien lebt, hat bei einem Besuch in der alten Heimat, einer kleinen Nordseeinsel, einen schweren Autounfall, bei dem ihre Schwester ums Leben kommt und sie selbst ...

Lea, erfolgreiche Fotografin, die in Argentinien lebt, hat bei einem Besuch in der alten Heimat, einer kleinen Nordseeinsel, einen schweren Autounfall, bei dem ihre Schwester ums Leben kommt und sie selbst schwer verletzt wird. Seit dem Unfall, der mittlerweile 4 Monate her ist, hat sie ihr Gedächtnis verloren. Beispielsweise hat sie keine Ahnung, warum sie überhaupt auf die Insel Poel zurückkehrte, zumal sie ein sehr schwieriges Verhältnis zu ihrer Schwester hatte.
Nachdem sie aus der Rehaklinik entlassen wird, kehrt sie gegen den Rat ihrer Ärztin auf die Insel ihrer Kindheit zurück. Sie will herausfinden, was vor 4 Monaten geschah. Mit Hilfe ihrer alten Clique, aus der nur ihr Jugendfreund Julian fehlt, will sie auch dem Geheimnis um Julians Verschwinden auf die Spur kommen. Doch die Freunde von damals sind nicht alle begeistert, dass sie wieder auf die Insel kommt, und sie sind auch nicht allzu hilfreich, wenn es darum geht, ihrem Gedächtnis wieder auf die Sprünge zu helfen...
"Das Küstengrab" ist ein spannender Roman, der so manche unerwartete Wendung hat. Zwar enthält er so manche Längen, aber er überrascht bis zum Schluss.

Veröffentlicht am 05.06.2018

Der Feind in deinem Bett?

Wahrheit gegen Wahrheit
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Vivian arbeitet in der Spionageabwehr der CIA. Ihre Hauptaufgabe ist es, russische Schläfer in den USA zu entdecken. Mithilfe eines von ihr entwickelten Programms hat sie Zugriff auf den Computer eines ...

Vivian arbeitet in der Spionageabwehr der CIA. Ihre Hauptaufgabe ist es, russische Schläfer in den USA zu entdecken. Mithilfe eines von ihr entwickelten Programms hat sie Zugriff auf den Computer eines russischen Agentenbetreuers, Juri, und entdeckt zu ihrem großen Entsetzen das Bild ihres Ehemanns Matt auf Juris Computer. Ist Matt ein russischer Schläfer? Als sie ihn abends darauf anspricht, stellt sich heraus, dass Matt ihr all die Jahre ihrer Ehe verschwiegen hat, wer er wirklich ist.
Vivian steht vor der größten Entscheidung ihres Lebens. Sie kann Matt decken und ihr Leben so weiterleben wie bisher, als glückliche Familie mit vier Kindern, oder sie kann ihrer patriotischen Pflicht Genüge tun und ihren Mann an die Behörden ausliefern.
Natürlich bleibt den Russen nicht verborgen, was Vivian weiß, und sie üben massiven Druck auf sie aus. Zu allem Überfluss scheint es an ihrem Arbeitsplatz in der CIA einen Maulwurf zu geben. Vivian weiß nicht mehr, wem sie trauen kann...
Die Idee dieses Buchs ist sehr gut und der Einstieg wirklich spannend. Allerdings gerät die Geschichte durch die vielen Rückblicke, in denen Vivian analysiert, wann in der Vergangenheit sie hätte merken müssen, dass etwas nicht stimmt und Matt sich seltsam verhält, sehr zäh. Manche ihrer Gedankengänge sind vollkommen unnötig und entsprechend langweilig. Muss der Leser wirklich wissen, dass Vivian beim Anblick der Pausenbrote ihres Sohnes verzweifelt versucht sich zu erinnern, ob dieser die Brote lieber in Dreiecks- oder Quadratform geschnitten haben möchte? Ich meine nein.
Das Buch wird als „furioser Thriller, den man geradezu verschlingt“ beworben. Diesem Urteil kann ich mich ganz und gar nicht anschließen. Über weite Strecken habe ich gehofft, dass Vivian endlich die Augen öffnet und den Tatsachen ins Auge blickt. Die praktische Lösung ihres Problems fand ich ein bisschen sehr gefällig, und was als überraschender Knaller am Schluss präsentiert wird, habe ich schon lange vermutet. Für mich eines jener Bücher, die einfach zu sehr in die Länge gezogen sind, um wirklich spannend zu sein.

Veröffentlicht am 02.06.2018

Häuser aus Salz

Häuser aus Sand
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Die palästinensische Familie Yakoub muss nach dem Einmarsch israelischer Soldaten im Jahr 1948 die Heimat in Jaffa verlassen und findet in Nablus im Westjordanland eine neue Heimat. Für die Kinder ist ...

Die palästinensische Familie Yakoub muss nach dem Einmarsch israelischer Soldaten im Jahr 1948 die Heimat in Jaffa verlassen und findet in Nablus im Westjordanland eine neue Heimat. Für die Kinder ist Jaffa nur eine ferne Erinnerung, ihre Wurzeln bilden sie in Nablus. Doch auch dort ist nur eine Heimat auf Zeit, sie werden aufgrund der politischen Lage in alle Winde zerstreut: Kuwait, Amman, Paris, Boston...

Im ersten Kapitel lernen wir Salma kennen, die ihrer Tochter Alia am Vorabend ihrer Hochzeit aus dem Kaffeesatz liest. Alia ist eine lebenslustige, unkonventionelle junge Frau und eigentlich die Hauptperson des Romans, denn von ihrem Leben erfahren wir am meisten. Am Ende ist sie eine verwirrte alte Frau, die in der Vergangenheit lebt, aber in lichten Momenten ihre Kinder und Enkel erkennt und sich ihres Alters bewusst wird. Diesen Zyklus eines gelebten Lebens fand ich sehr berührend.

Jedes Kapitel wird von einem anderen Mitglied der Familie erzählt. Dank des vier Generationen umfassenden Familienstammbaums am Anfang des Buchs kann man der teilweise doch verwirrenden Familienkonstellation gut folgen.
Zu Beginn hatte ich ein wenig Schwierigkeiten, in die Geschichte hineinzufinden, doch als ich mit den einzelnen Personen erst einmal vertraut war, wollte ich gar nicht aufhören zu lesen. Am Schluss hätte ich gerne gewusst, wie es mit der vierten Generation weitergeht.

Es ist nicht nur die persönliche Geschichte der Familie Yakoub, der Leser erfährt viel über den Krieg im Nahen Osten und dessen Auswirkungen auf die Bevölkerung. Die persönlichen Schicksale, die hinter den Fernsehbildern stehen, sind einem normalerweise nicht bewusst. Hala Alyan erzählt nicht nur von im Krieg vermissten Söhnen, sondern auch von der Langeweile der Kinder, die sich tagelang mit ihren Familien in den Häusern verschanzen müssen und dem Schicksal zurückgelassener Hausmädchen.

Ich habe dieses Buch mit großem Interesse gelesen. Was ich allerdings ausgesprochen ärgerlich finde, ist die deutsche Übersetzung des Titels. Im englischen Original heißt das Buch „Salt Houses“, wobei im Text auf die „Häuser aus Salz“ Bezug genommen wird. Sie sind ein Sinnbild der verlorenen Heimat, Häuser, die von einer Flutwelle (und nicht der Wüste) davongetragen werden. Weshalb die Übersetzerin der Meinung war, ohne Not „Häuser aus Sand“ daraus zu machen, ist mir rätselhaft. Abgesehen davon ist das Buch jedoch hervorragend und flüssig übersetzt. Eine berührende Familiengeschichte, die darüber hinaus Einblicke in die schwierige politische Situation im Nahen Osten gibt.

Veröffentlicht am 29.05.2018

Was geschah mit Billy?

Sommernachtstod
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Der fünfjährige Billy verschwindet eines Abends spurlos aus dem Garten seiner Eltern. Trotz großangelegter Suche wird er nicht gefunden. Wurde er ermordet oder entführt? Es findet sich keine Leiche, und ...

Der fünfjährige Billy verschwindet eines Abends spurlos aus dem Garten seiner Eltern. Trotz großangelegter Suche wird er nicht gefunden. Wurde er ermordet oder entführt? Es findet sich keine Leiche, und es geht kein Erpresserschreiben ein. Die Mutter zerbricht an dem Unglück und auch über dem Leben der restlichen Familie hängt ein Schatten.
Die ältere Schwester Vera verlässt ihr Elternhaus und das Dorf sobald sie volljährig ist und beginnt als Therapeutin zu arbeiten. Eines Tages taucht in einer ihrer Trauergruppen ein junger Mann auf, der sehr viel über den Fall ihres verschwundenen Bruders weiß. Ist er ein Freund Billys oder etwa Billy selbst? Wenn das der Fall ist, wo war er die ganzen Jahre und wer hat ihn entführt?
Vera, die schon seit Jahren nicht mehr in ihrem Heimatort war, beschließt, ihren Vater und den älteren Bruder Mattias zu besuchen, der mittlerweile Polizist ist. Sie erhofft sich, dass er Einsicht in die Akten von damals hat und sie auf bislang nicht verfolgte Spuren stoßen. Doch nicht alle im Dorf scheinen von dem Gedanken angetan zu sein, nicht einmal der Vater will etwas von Veras Theorie, dass Billy möglicherweise am Leben ist, wissen...
Sommernachtstod ist ein mitreißender und äußerst spannender Krimi. Auch wenn ich einige Beweggründe nicht nachvollziehen konnte, fällt doch am Schluss jedes Puzzleteil an Ort und Stelle und so manches erscheint in einem ganz anderen Licht. Perfekte Urlaubslektüre!