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Veröffentlicht am 03.01.2025

Herausragender historischer Roman

Die Lungenschwimmprobe
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Der norwegische Schriftsteller Tore Renberg hat mit „ Die Lungenschwimmprobe“ seinen ersten historischen Roman vorgelegt. In seiner Heimat wurde er dafür gefeiert und auch in Deutschland dürfte er damit ...

Der norwegische Schriftsteller Tore Renberg hat mit „ Die Lungenschwimmprobe“ seinen ersten historischen Roman vorgelegt. In seiner Heimat wurde er dafür gefeiert und auch in Deutschland dürfte er damit erfolgreich sein, spielt doch die erzählte Geschichte in Sachsen, vorrangig in Leipzig, Ende des 17. Jahrhunderts.
Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges sind noch lange nicht vergessen und auch nicht die Pest, die erst vor kurzem die Stadt heimgesucht hat.
Der Roman fußt auf einem historisch verbrieften Fall. Im Herbst 1681 bringt die ledige 15jährige Anna Voigt ein Kind zur Welt. Zusammen mit ihrer Mutter, die völlig überrascht von der Schwangerschaft ihrer Tochter war, vergraben die beiden das Totgeborene. Dienstboten, die das Kind ausgraben, bringen den Fall zur Anzeige. Nun sieht sich das Mädchen mit dem Vorwurf der Kindstötung konfrontiert, die Mutter ist als Mittäterin ebenfalls angeklagt. Nach dem damaligen geltenden Recht, der „ Constitution Criminalis Carolina“ droht ihr damit der Tod, durch lebendiges Begraben, durch Pfählen oder Ertränken. Dafür ist aber ihr Schuldeingeständnis erforderlich, was notfalls durch Folter erzwungen wird.
Anna ist aber die Tochter eines wohlhabenden Gutsbesitzers, der über die nötigen Mittel verfügt und sich einen angesehenen Rechtsgelehrten leisten kann. Der Vater beauftragt den Leipziger Rechtsanwalt Christian Thomasius, einen streitbaren Juristen, der sich mutig gegen die herrschende Obrigkeit stellt. ( Thomasius, eine historisch bedeutsame Figur, gilt als Wegbereiter der Aufklärung in Deutschland und war einer der Gründungsväter der Universität Halle.) Dieser kann sich in seiner Beweisführung auf die „ Lungenschwimmprobe“ stützen. Denn bei den ersten Untersuchungen des toten Kindes war der Arzt Schreyer zugegen, der bei Annas Kind diese neue Untersuchungsmethode anwendet. Sinkt die Lunge nach der Autopsie im Wasser, ist das Kind totgeboren, sinkt sie nicht, enthält sie Luft, dann hat das Kind gelebt. Die titelgebende Lungenschwimmprobe markiert den Beginn der modernen Rechtsmedizin.
Obwohl das Ergebnis Annas Aussage stützt, ist Anna noch lange nicht gerettet. Der Prozess zieht sich über Jahre hin, zu viele Widersacher machen dem Verteidiger die Arbeit schwer und Annas Leid immer größer.
Um ein differenziertes Bild zu bekommen, erzählt Tore Renberg aus verschiedenen Perspektiven. So leidet der Leser nicht nur mit der angeklagten jungen Frau, sondern liest ebenso von der Verzweiflung und den Rachegedanken des Vaters, verfolgt die Bemühungen des Rechtsanwalts und erfährt viel über das Leben und die Arbeit eines Scharfrichters. Auch schaltet sich hin und wieder der Autor selbst ein, lässt uns in die Zukunft der Figuren blicken, zeigt auf, wo er den Bereich der Fakten verlässt und macht seine Faszination für das Thema spürbar.
Dabei zeichnet er seine Figuren facettenreich und ambivalent. So ist sein Thomasius nicht nur ein kluger Kopf, der sich dem Fortschritt und der Aufklärung verschrieben hat, sondern auch eitel und aufbrausend
Mein einziger Kritikpunkt an diesem außergewöhnlichen historischen Roman ist der Rachefeldzug des verbitterten Vaters. Dieser genau beschriebenen Gewaltexzesse hätte es nicht bedurft.
Recherchiert hat der Autor über fünf Jahre lang, nicht nur in zahlreichen Archiven und im Austausch mit Wissenschaftlern, sondern auch ganz konkret vor Ort.
Lesenswert ist ebenso noch der Anhang, der online abrufbar ist ( per QR-Code oder per Link ), in dem die Kurzbiograhien aller historischer Personen aufgeführt werden, sowie historisches Bildmaterial und sämtliche Quellenangaben.
„ Die Lungenschwimmprobe“ ragt aus der Masse an historischen Romanen heraus, denn hier ist der historische Hintergrund nicht nur Kulisse für eine spannende Geschichte. Tore Renberg lag es vielmehr daran, ein authentisches Bild dieser Zeit zu vermitteln, einer Zeit, in der traditionelles Denken auf Wissenschaft und Rationalismus trifft. Dabei erfährt der Leser vieles über die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse, über die Macht der Obrigkeit und der Kirche, das geltende Rechtssystem und die Stellung der Frau.
Mit seinen über 700 Seiten, mit seinem detailreichen Sachwissen und seinen Zeiten- und Perspektivwechseln , sowie einer Sprache, die sich der barocken Zeit anpasst, ist es aber kein leicht zu konsumierendes Buch, sondern erfordert die volle Aufmerksamkeit des Lesers.
Fazit: Nicht nur für historisch Interessierte ein äußerst lesenswerter Roman!

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.10.2024

Voller Wärme und Menschlichkeit

Wohnverwandtschaften
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Isabel Bogdan hatte sich längst einen Namen als Übersetzerin ( z.B. von Jane Gardam ) gemacht, bevor sie 2016 mit ihrem ersten Roman „ Der Pfau“ einen Bestseller landete. Ernstere Töne schlug sie mit ihrem ...

Isabel Bogdan hatte sich längst einen Namen als Übersetzerin ( z.B. von Jane Gardam ) gemacht, bevor sie 2016 mit ihrem ersten Roman „ Der Pfau“ einen Bestseller landete. Ernstere Töne schlug sie mit ihrem nächsten Buch an; in „ Laufen“ schreibt sie über eine Frau, die den Suizid ihres Lebensgefährten mit Laufen verarbeitet.
„ Wohnverwandtschaften“ nun erzählt von einer Wohngemeinschaft, die zu einer Art Ersatzfamilie für alle wird. Jörg ist mit Ende Sechzig der Älteste, ihm gehört die Wohnung. Doch nach dem Tod seiner Frau ist sie ihm zu groß, außerdem lebt er nicht gerne allein. So sind Anke und Murat bei ihm eingezogen. Und zu ihnen gesellt sich zu guter Letzt noch Constanze. Die dreißigjährige Zahnärztin hat nach dem Heiratsantrag ihres Freundes die Flucht aus ihrer so spießigen wie langweiligen Beziehung ergriffen und findet auf die Schnelle keine Wohnung. Als Übergangslösung war das gedacht, schließlich träumt sie weiterhin von einer eigenen Familie. Doch Constanze findet zunehmend Gefallen an der neuen und für sie ungewohnten Situation. Denn die Vier verstehen sich gut, bis auf ein paar Eifersüchteleien , obwohl sie völlig unterschiedliche Typen sind.
Jörg war früher Journalist und träumt nun von einer langen Reise. Bis nach Georgien will er mit seinem alten VW-Bulli fahren. Da kommt ihm die Miete der anderen gerade recht für seine Reisekasse.
Die Schauspielerin Anke steckt in einer richtigen Krise. Mit Anfang Fünfzig bekommt sie keine Rollenangebote mehr. Das kratzt an ihrem Selbstwertgefühl und bringt sie in eine finanzielle Schieflage.
Murat ist der Sonnenschein der Truppe. Immer gut gelaunt, immer ein offenes Ohr für die Nöte der anderen, ein Liebling der Frauen und ein Kumpel für seine Fußballkollegen. In seiner Freizeit werkelt der IT- Spezialist mit Begeisterung in seinem Schrebergarten und verarbeitet danach dessen Erzeugnisse zu phantasievollen Gerichten, sehr zur Freude seiner Mitbewohner. „ Darin ist er echt gut, genießen kann er. Was auch immer. Essen, die Sonne, das Leben.“ so denkt, beinahe neidisch, Constanze, der diese Lockerheit fehlt.
Die Autorin schreibt vom Alltag dieser Wohngemeinschaft wechselweise aus den Perspektiven der vier Protagonisten. So entstehen aus der Innensicht und der Außenperspektive glaubhafte und lebendige Charaktere, die dem Lesenden bald vertraut sind. Dazwischen gestreut finden sich immer wieder lebensnahe Dialoge zwischen den Figuren. Das alles wird in einem lockeren, flapsigen Stil erzählt.
Doch dann schleicht sich zusehends ein ernsterer Tonfall ein. Denn Jörg gibt Anlass zur Sorge. Seine Schusseligkeit wird immer schlimmer. Gut, etwas verpeilt war Jörg schon immer. So versucht er und versuchen es seine Mitbewohner abzutun. Doch es häufen sich die Situationen, wo Jörg nicht mehr weiß, wo er sein Auto abgestellt hat oder nicht nach Hause findet. Manchmal erkennt er nicht mal mehr seine Freunde, versucht das aber geschickt zu verbergen. Aber irgendwann ist seine zunehmende Demenz für alle offensichtlich. „ Mir fallen die Wörter nicht mehr ein, wo sind meine Wörter hin, meine Schätze? …Sie fehlen mir, die Wörter. Die schönen. Und die hässlichen. Meine Schätze, Wortschatz, Wortschätze. Wo sind sie hin, meine Wörter?“ Dieses Defizit macht Isabel Bogdan durch Lücken im Text greifbar.
Für die Wohngemeinschaft stellt sich nun die Frage, wie sie mit Jörgs Erkrankung umgehen sollen. Sie wollen zusammenhalten, denn schließlich sind sie so etwas wie eine Familie geworden. Alle bringen sich ein, wechseln sich ab mit der Betreuung, suchen Hilfe von außen. Aber wie lange können sie das? Und welche Konsequenzen hat das für jeden von ihnen? Sie sehen mit Sorge, dass ihr Zusammenleben in Gefahr ist.
Isabel Bogdan verhandelt in diesem Roman ernste Themen. Sie zeigt, dass es Rücksicht braucht und ein Verantwortungsbewusstsein, wenn eine solche selbst gewählte Wohngemeinschaft auch in Krisenzeiten funktionieren soll. Gleichzeitig stellt ein solches Lebensmodell eine Alternative dar angesichts der vielen unfreiwilligen Singles und den horrenden Mieten in den Städten.
„ Wohnverwandtschaften“ ist ein unterhaltsamer Roman, der zugleich Stoff zum Nachdenken liefert. Ein Buch, das mit seiner Menschlichkeit und Wärme berührt und Hoffnung gibt.

Veröffentlicht am 24.09.2024

Wie uns die Vergangenheit prägt

Kleine Monster
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Pia und Jakob werden zu einem Gespräch in die Schule gebeten. Ihr siebenjähriger Sohn Luca soll ein gleichaltriges Mädchen sexuell belästigt haben. Die Lehrerin beschränkt sich auf Andeutungen. Es wird ...

Pia und Jakob werden zu einem Gespräch in die Schule gebeten. Ihr siebenjähriger Sohn Luca soll ein gleichaltriges Mädchen sexuell belästigt haben. Die Lehrerin beschränkt sich auf Andeutungen. Es wird also nicht klar, um welche Art Grenzüberschreitung es sich gehandelt hat. Und Luca schweigt zu den Vorwürfen. Aus Angst? Aus Trotz? Aus schlechtem Gewissen ? Der Vorfall hat Folgen. Pia und Jakob werden sofort aus der WhatsApp - Elterngruppe ausgeschlossen, man geht ihnen aus dem Weg.
Während Jakob seinem Sohn vertraut und das Ganze als kindliches Spiel abtut, nagen in Pia die Zweifel. Misstrauisch beginnt sie ihren Sohn zu beobachten, versucht sein Verhalten zu interpretieren. Sind Kinder so unschuldig, wie es Eltern gerne glauben mögen? Oder stecken in ihnen nicht doch „ kleine Monster“? „ Jakob sieht nicht, was ich sehe. Weil er das Dunkle nicht kennt. Aber ich kenne es, und wenn Luca auch so ist, dann ist er es wegen mir.“.
Bald wird klar, dass Pias Zweifel viel mit ihr selber zu tun haben, mit ihrer Sicht auf sich selbst. „ Ich bin die, mit der etwas nicht stimmt.“
Der Vorfall löst Erinnerungen aus an in ihre eigene Kindheit. Aufgewachsen ist sie mit zwei Schwestern, mit der adoptieren Romi und dem Nachzügler Linda, in einem idyllischen Haus am Waldrand. Die Eltern haben sich aus altruistischen Gründen für ein Adoptionskind entschieden, sie wollten „ einem Kind eine Chance geben, mit dem es die Welt nicht so gut meint“ . Nach außen hin entsprachen sie so dem Bild einer glücklichen Familie. Aber stimmte dieser Eindruck? Wie soll man sich sonst den wütenden Vorwurf der Mutter erklären, den Pia nie vergessen kann? „ Dich habe ich geboren, aber Romi habe ich mir ausgesucht. Sie ist unser Wunschkind.“ Die Schwestern schwanken zwischen inniger Verbundenheit und Eifersüchteleien und Rivalitäten.
Aber erst ein tragischer Unfall, der nie ganz aufgeklärt wird, führt zum Bruch in der Familie. „ Wir drei sind eins. Drei Schwestern. Eine glückliche Familie. Bis wir es nicht mehr sind.“
Das Gefüge zerbricht. Ein großes Schweigen legt sich über alles. Doch darunter gärt es. Unausgesprochene Vorwürfe wirken sich im Umgang miteinander aus. Die Eltern werden hart; der Vater entzieht sich, die Mutter ist mal liebevoll, mal grausam. „ Ich hatte drei Mütter.“ heißt es im Roman. „ Die erste war gut und lieb, streng, aber gerecht. Die zweite war kalt und verschlossen. Die dritte lächelt immerzu und backt Apfelkuchen“
Romi wird zum Sündenbock in der Familie, bis diese auszieht und den Kontakt abbricht.
In diesem Roman wird deutlich vorgeführt, wie Traumata weiterwirken. Unverarbeitetes aus der Vergangenheit hat Folgen bis in die Gegenwart hinein.
Pia kennt die Fragilität von Familienbeziehungen und die Unwägbarkeit von Menschen; ihre Erfahrungen haben zu einem grundsätzlichen Misstrauen und zu großen Verlustängsten geführt. Dabei traut sie auch ihrer Sicht auf die Wirklichkeit nicht.
Die Autorin hält auf beiden Zeitebenen die Spannung aufrecht bis zum Schluss. Nicht nur, weil man sich fragt, was denn nun in beiden Fällen genau geschehen ist, sondern auch weil sich Pia immer mehr in ihren Argwohn Luca gegenüber hineinsteigert. Dabei greift sie zu Methoden, die sich nicht entschuldigen lassen. Man kann nur hoffen, dass ihr Verhalten keine langfristigen Folgen für den sensiblen Jungen hat.
Pia ist die Ich- Erzählerin, aus ihrer Sicht erfahren wir alles. Sie ist keineswegs zuverlässig und auch nicht unbedingt sympathisch. Erzählt wird in kurzen Kapiteln, das verwendete Präsens schafft eine Unmittelbarkeit. Die Autorin hat ein gutes Gespür für prägnante Szenen und aussagekräftige Dialoge. Die Stimmung wirkt oftmals bedrohlich und unheimlich. Cliffhanger und vage Andeutungen machen das Buch zu einem echten Pageturner. Nur das Ende kommt etwas zu abrupt daher.
Pia kann sich in weiten Teilen mit ihrer Vergangenheit aussöhnen. Klärende Gespräche mit Mutter und Schwester haben ihr dabei geholfen. Dass nicht alle Fragen beantwortet werden, ist hier kein Manko.
Jessica Lind greift die Themen Mutterschaft, Eltern-Kind-Beziehungen und Familie in verschiedenen Konstellationen auf. So bekommen wir auch einen Einblick in Jakobs Familie. Hier gab es keine einschneidenden Geschehnisse, trotzdem ist das Verhältnis nicht ungetrübt.
Hervorzuheben sind noch der eher doppeldeutige Titel und das surrealistische Cover, das perfekt zum Inhalt passt.
„Kleine Monster“ ist der zweite Roman der österreichischen Autorin und er steht zu Recht auf der Liste für den diesjährigen österreichischen Buchpreis. Man darf gespannt sein auf weitere Bücher von ihr.
Der Roman ist ein packendes Familiendrama, das sich mit seinen psychologisch spannenden Fragestellungen wunderbar für Lesekreise eignet.

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Veröffentlicht am 19.09.2024

Schade!

Die Gräfin
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Irma Nelles hat vor ein paar Jahren ihre Erinnerungen an ihren früheren Chef Rudolf Augstein unter dem Titel „ Der Herausgeber“ veröffentlicht. Nun hat sie mit 78 Jahren mit dem Roman „ Die Gräfin“ ihr ...

Irma Nelles hat vor ein paar Jahren ihre Erinnerungen an ihren früheren Chef Rudolf Augstein unter dem Titel „ Der Herausgeber“ veröffentlicht. Nun hat sie mit 78 Jahren mit dem Roman „ Die Gräfin“ ihr literarisches Debut hingelegt.
Sie greift darin eine Episode aus dem Leben der Gräfin Diana von Reventlow-Criminil auf. Diese Frau hat es tatsächlich gegeben. Unter dem Namen „ Hallig-Gräfin“ kennt man sie auch heute noch in Nordfriesland.
Diana, Tochter eines adeligen Gutsbesitzers und seiner schottischen Ehefrau, war eine schöne und eigenwillige Persönlichkeit. Sie blieb zeitlebens unverheiratet, obwohl es nicht an Bewerbern gemangelt hat. Doch ihre Unabhängigkeit war ihr wichtiger. 1910 erwirbt sie die Hallig Südfall und lebt dort die Sommer über einzig mit ein paar wenig Bediensteten und ihren Tieren.
Der Roman setzt ein im Sommer 1944; die Gräfin ist mittlerweile eine Dame über Achtzig. Außer ihr leben auf der Hallig noch die junge Haustochter Meta und der Kutscher Maschmann , der sich als „ Mädchen für alles“ um den Gutshof kümmert.
Da findet eines Tages die Gräfin einen englischen Piloten im Watt, der mit seinem Flugzeug vor der Hallig abgestürzt ist. Gemeinsam mit Maschmann bringt sie den Verletzten in ihr Haus. Meta kümmert sich um den den jungen Mann. Anderntags zieht man noch einen befreundeten Arzt hinzu, der ihn medizinisch versorgt.
Das alles ist nicht ungefährlich für sämtliche Beteiligten. Denn der Absturz hätte gemeldet , der feindliche Flieger ausgeliefert werden müssen. Doch die Gräfin kümmert sich schon lange nicht mehr um das Gerede der Leute. Aus ihrer ablehnenden Haltung dem Nationalsozialismus gegenüber macht sie keinen Hehl. Um sich herum geschart hat sie Menschen mit einer ähnlich kritischen Einstellung. Aus Andeutungen erfährt man, dass sie gemeinsam mit anderen Verfolgten zur Flucht aus Nazi- Deutschland verhilft.
Eine spannende Ausgangslage. Wie geht es weiter mit dem verletzten Piloten? Und kann man dem „ Feind“ überhaupt trauen? Was hat den Absturz herbeigeführt.
Aus dieser historisch verbrieften Situation - die Gräfin soll tatsächlich einem über dem Watt abgeschossenen Piloten mehrere Wochen bei sich versteckt gehalten haben - hätte ein spannender Roman werden können. Doch die Autorin verschenkt leider diese Chance.
Es gelingen ihr zwar sehr schöne Beschreibungen von Landschaft und Natur. Die sind sinnlich, bildgewaltig und poetisch. So wird die Atmosphäre, die das Cover verspricht, sehr gut getroffen.
Überzeugend dargestellt wird auch die Gefühlsverwirrung, die die Ankunft dieses jungen Mannes bei der Gräfin auslöst. Er weckt Erinnerungen an ihre Jugend und Wehmut ob verpasster Gelegenheiten.
Aber ansonsten überwiegen die Schwächen des Romans. Sprachlich gibt es vieles zu kritisieren, nicht nur die hölzernen Dialoge, auch andere sprachlichen Fehlgriffe finden sich. Und sehr oft hapert es mit der Logik. So zweifelt man z.B. an der schnellen Heilung des verletzten Piloten. Verordnet ihm der Arzt an einem Tag noch ein Gipsbett, weil er sich auf keinen Fall bewegen darf, so kann er kurz darauf bei der Bergung des Flugzeugs mithelfen und erlebt sogar eine Liebesnacht. Auch sein sonstiges Verhalten ist nur schwer nachvollziehbar. Ebensolche Unstimmigkeiten lassen sich bei manch anderen Figuren finden.
Der Autorin war es offensichtlich ein Anliegen, das Leben einer faszinierenden Frauenfigur nachzuzeichnen. Allerdings hat sie es nicht geschafft, die notwendigen Hintergründe dieser Biographie organisch in die Geschichte einzubinden. Es ist allzu offensichtlich, dass die Gespräche, in denen die Gräfin von ihrer Vergangenheit erzählt, nur dazu dienen, den Leser zu informieren.
Irma Nelles hat sich ein strenges Korsett gesetzt, in dem sie die Geschichte an sechs Tagen spielen lässt. Ein längerer Zeitraum hätte den Figuren mehr Zeit zur Entwicklung gegeben. So aber erscheint einiges nicht nachvollziehbar.
Doch das größte Manko ist das abrupte Ende des Romans. Er entlässt den Leser unbefriedigt. Zu viele offene Fragen, zu viele lose Fäden… Thematisch wird einiges angerissen und verläuft dann im Sande. Damit werden Erwartungen geweckt, die nicht erfüllt werden. Es werden Motive eingeführt, wie z.B. die kleine Flöte, die der Engländer mit sich führt, Figuren tauchen auf, die im Verlauf keine Rolle mehr spielen usw. Stattdessen bekommt der Leser eine Liebesgeschichte, auf die er gern verzichtet hätte.
Ja, das schmale Buch wirkt unfertig. Auch ein Unterhaltungsroman sollte schlüssig sein. Es hätte eines Lektorats bedurft, das sprachliche Missgriffe beseitigt und auf ein anderes Ende dringt.
Möglicherweise hat der Tod der Autorin eine solche abschließende Arbeit verhindert. Schade!

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Veröffentlicht am 17.09.2024

Liebe, Krankheit, Literatur

Die vorletzte Frau
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Katja Oskamp, 1970 in Leipzig geboren, hatte schon drei Bücher veröffentlicht, bevor sie mit ihren Erzählungen über den Alltag einer Fußpflegerin, „ Marzahn, mon amour“, 2019 einen Riesenerfolg landete. ...

Katja Oskamp, 1970 in Leipzig geboren, hatte schon drei Bücher veröffentlicht, bevor sie mit ihren Erzählungen über den Alltag einer Fußpflegerin, „ Marzahn, mon amour“, 2019 einen Riesenerfolg landete. Darin versammelt sie die Geschichten ihrer Marzahner Kundschaft, Portraits von ganz normalen Menschen.
Ihre Bücher sind allesamt autobiografisch begründet, so auch ihr neuestes „ Die vorletzte Frau“ . Darin geht es um ihre Liebesbeziehung zum Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann, im Buch kurz „ Tosch“ genannt.
Sie, die dreißigjährige Ich- Erzählerin, lernt ihn am Leipziger Literaturinstitut kennen. Er, ein arrivierter Schweizer Schriftsteller, ist als Gastdozent ihr Lehrer. Die Schülerin bewundert den neunzehn Jahre älteren Mann. Beide stecken in unglücklichen Beziehungen fest und sehen im anderen die Rettung. „ Tosch sagte: Bevor ich dich traf, war ich tot. Mein Schwanz war tot.“ „ Ich sagte: Ich war toter als du, Tosch.“
Es beginnt eine leidenschaftliche Beziehung, aber keine des Alltags. Es gibt getrennte Wohnungen; in der einen lebt die Ich- Erzählerin mit ihrer Tochter, in der anderen der Schriftsteller, der einen ganz anderen Lebensrhythmus braucht. Die Begegnungen finden meist an den Wochenenden statt, im sog. „ Lotterbett“.
Sexualität ist von Beginn an elementar für die beiden. Voller Leidenschaft und ohne Tabus, das ist ihnen wichtig. Aber die zweite Säule der Beziehung ist die literarische Arbeit. Tosch ist Lehrer und Mentor; er unterstützt, berät, korrigiert und ermutigt. Kein Text von Katja Oskamp, der nicht durch seine Hände geht. „ Sex und Text“ nennen sie folgerichtig ihr Miteinander. „ Tosch liebte meine Texte und meinen Hintern. Ich liebte Toschs Pranken und sein Lektorat.“
Aber als Tosch die Diagnose „ Prostatakrebs“ erhält, ändert sich beinahe alles. Die Krankheit stellt die Partnerschaft auf eine harte Probe. Aus der Geliebten wird die Pflegerin. Auch hier kennt die Autorin keine Tabus. Sie beschreibt gnadenlos ehrlich, ohne jegliche Rührseligkeit, wie eine tödliche Krankheit das Leben verändert. Dabei geht es nicht nur um die emotionale Verfassung, sondern um ganz konkrete körperliche Probleme und Handgriffe.
Da kommt das anfangs gegebene Versprechen erneut zum Tragen. „ Ich mute mich dir zu. Du mutest dich mir zu.“ Ging es damals um Geständnisse, was die eigenen Schwächen und Macken betrifft, so bekommt es hier noch eine viel tiefere Dimension.
Tosch kämpft um sein Leben, die Ich- Erzählerin ist für ihn da. Doch dabei bleibt sie selbst auf der Strecke. Beruflich in einer Sackgasse, die Tochter flügge und aus dem Haus. Das ist der Zeitpunkt, in dem Katja Oskamp beschließt, eine Ausbildung zur Fußpflegerin zu machen. Tosch unterstützt den Vorschlag. Obwohl beiden bewusst ist, dass sie dann nicht mehr immer zur Verfügung stehen wird.
Der Schweizer Schriftsteller ist zu diesem Zeitpunkt bereits zurück in seine Heimat gezogen. Dort ist sein Arztfreund, dort kann er zwischen den Krankenhausaufenthalten arbeiten. Die Beziehung geht ihrem Ende zu; ohne großen Szenen, ohne Knall. „ Eine Trennung in Häppchen, in Loopings, in Etappen. Ein warmer Entzug.“ Bald stellt sich ihre Nachfolgerin ein; sie selbst ist mal wieder „ die vorletzte Frau“.
Neunzehn Jahre betrug der Altersunterschied, neunzehn Jahre dauerte die Beziehung. „ Im ersten Fall galt neunzehn als viel, im zweiten als wenig.“ Gleich auf der ersten Seite stellt sich die Autorin die Frage, „ ob alles so gekommen wäre, wie es gekommen war, wenn Tosch während der neunzehn Jahre nicht krank und ich während der neunzehn Jahre nicht alt geworden wäre.“
Katja Oskamps Roman ist nicht nur die Liebesgeschichte zwischen einer jüngeren Frau und einem älteren Mann. Der Altersunterschied ist nicht der einzige Gegensatz zwischen ihnen. Er entstammt dem Schweizer Bürgertum. Mit einem Politikervater und einer eleganten und kühlen Mutter weiß er sich in den sog. „ besseren Kreisen“ zu bewegen. Sie dagegen kommt aus dem Osten Deutschlands, lebt mit der kleinen Tochter in einem Reihenhaus . Da der erfolgreiche Großschriftsteller, sie die Studentin mit ersten Schreibversuchen.
Doch Katja Oskamp leidet nicht unter dem Gefälle. Sie war gern unten, wie sie freimütig bekennt. Das wird ihr so richtig wieder bewusst, als sie als Fußpflegerin arbeitet. „ Mein Job war das Gegenteil von dem, was er oberste Liga nannte. Ich war unten im doppelten Sinn: anatomisch ( bei den Füßen) und sozial ( als geringfügig Beschäftigte mit Mindestlohn).“
Und sie neidet Tosch nicht seine schriftstellerischen Erfolge, denn sie ist sich bewusst, wie viel sie bei ihm gelernt hat.
So liest sich das Buch nicht nur als Geschichte einer Liebe und nicht nur als Krankheitsgeschichte, sondern erzählt gleichsam von der Entwicklung einer Frau zur Schriftstellerin.
Katja Oskamp ist zu bewundern für ihren Mut und ihre Offenheit. Aufrichtig und ohne sich und andere zu schonen schreibt sie von Sexualität und Krankheit. Auch wenn man sich fragen mag, ob man das immer so genau wissen will. Doch wovon sie schreibt, das gehört zum Leben und will benannt und angenommen werden.
Ihr Schilderungen sind lakonisch, voller Selbstironie und Witz, dabei ergreifend und zu Herzen gehend. Klug und reflektiert seziert sie Liebe und Krankheit, so dass man das Gelesene noch lange in Erinnerung behält.

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