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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.03.2026

Auf der Suche nach Verlässlichkeit

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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Lale wächst in einer Berliner Wohngemeinschaft auf, in der vieles erlaubt ist und kaum feste Regeln gelten. Erwachsene diskutieren über Politik, feiern lange Nächte und sprechen von Freiheit. Für ein Kind ...

Lale wächst in einer Berliner Wohngemeinschaft auf, in der vieles erlaubt ist und kaum feste Regeln gelten. Erwachsene diskutieren über Politik, feiern lange Nächte und sprechen von Freiheit. Für ein Kind wirkt dieses Leben zunächst offen und grenzenlos. Doch zwischen Gesprächen, Partys und ständig wechselnden Menschen fehlt etwas, das für ein Kind wichtig ist: Verlässlichkeit, Schutz und ein fester Platz im Alltag.
Der Roman begleitet Lale durch diese ungewöhnliche Kindheit in den achtziger Jahren. Kleine Szenen aus dem Alltag zeigen, wie sie zwischen Freiraum und Vernachlässigung ihren eigenen Weg sucht. Schon früh wird spürbar, dass sie vieles allein verstehen muss, weil sich kaum jemand wirklich um ihre Fragen kümmert.
Die Geschichte wird in ruhigen, klaren Bildern erzählt. Viele Szenen wirken fast unscheinbar. Oft sind es gerade diese kleinen Beobachtungen, die im Kopf bleiben. Immer wieder versucht Lale, ihren Platz zu finden, während die Erwachsenen um sie herum mit ihren eigenen Ideen und Konflikten beschäftigt sind. Neben Momenten von Freiheit liegt über manchen Situationen auch ein leises Unbehagen.
Im Verlauf der Kindheit wird deutlich, dass Grenzen nicht immer geachtet werden. Einige Begegnungen zeigen, wie wenig Schutz ein Kind in dieser Umgebung manchmal hat. Diese Übergriffe werden nicht dramatisch ausgeschmückt, sondern ruhig und direkt geschildert. Durch diese nüchterne Erzählweise wirken manche Szenen besonders belastend.
Mit den Jahren verändert sich der Blick auf das Erlebte. Aus dem Mädchen, das lange nur versucht hat, zurechtzukommen, wird eine junge Frau, die beginnt, ihre eigene Geschichte zu ordnen. Das Erzählen wird dabei zu einer Möglichkeit, das eigene Erleben langsam zu begreifen.
Die Sprache des Buches bleibt über weite Strecken ruhig und klar. Viele Gedanken werden eher angedeutet als ausführlich erklärt. Dadurch entsteht eine große Nähe zu Lale und zu ihrem inneren Erleben. Vor allem in den stillen Momenten wird spürbar, wie sehr ihr Halt und Geborgenheit fehlen.
Dieser Roman erzählt von einer Kindheit, die nach außen frei wirkt und zugleich von Unsicherheit geprägt ist. Gerade dieser Widerspruch zieht sich durch die ganze Geschichte. Zwischen politischen Ideen, langen Nächten und vielen Menschen wächst ein Mädchen auf, das sich nach etwas ganz Einfachem sehnt: jemandem, der wirklich für sie da ist.
Ein ruhiger und ehrlicher Roman über Kindheit, über Verletzlichkeit und darüber, wie ein Mensch irgendwann beginnt, die eigene Geschichte auszusprechen.
4 Sterne und eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Geheimnisse, Herkunft und ein neuer Weg

Der Wille der Gräfin
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Eine junge Frau, die alles verloren hat, versucht in einer fremden Umgebung einen neuen Anfang zu finden. Genau hier setzt der Roman an und führt in das Österreich-Ungarn des späten 19. Jahrhunderts. Komtess ...

Eine junge Frau, die alles verloren hat, versucht in einer fremden Umgebung einen neuen Anfang zu finden. Genau hier setzt der Roman an und führt in das Österreich-Ungarn des späten 19. Jahrhunderts. Komtess Hanna muss nach dem Verlust ihres Erbes ihr Leben neu ordnen und findet zunächst Hilfe bei der Oblatenbäckerin Burgl in Karlsbad. Von dort führt ihr Weg auf den Landsitz der Gräfin Valeria, wo sie als Gouvernante für deren Enkelin Antonia arbeiten soll.
Auf dem Gut beginnt für Hanna ein neues Kapitel. Der Anfang ist nicht leicht. Antonia begegnet ihrer neuen Gouvernante zunächst mit Abstand, und auch im Haus selbst muss Hanna erst ihren Platz finden. Die Unterschiede zwischen Dienerschaft und feiner Gesellschaft sind gut zu spüren, und Hanna versucht vorsichtig, ihren Platz zwischen beiden Welten zu finden. Nach und nach entsteht jedoch eine vorsichtige Nähe zwischen ihr und Antonia. Gerade diese leisen Veränderungen merkt man beim Lesen besonders deutlich und sie machen viel vom Reiz des Romans aus.
Mit der Zeit zeigt sich auch, dass Hanna mehr mit sich trägt, als sie preisgeben möchte. Ihre wahre Herkunft hält sie verborgen, denn sie möchte ihr neues Leben nicht gefährden. Als ein Anschlag auf sie verübt wird, verändert sich die Situation plötzlich. Dabei werden auch alte Zusammenhänge sichtbar und die Verbindung zwischen Hanna und der Gräfin offenbart sich auf neue Weise. Dadurch gewinnt die Handlung an Spannung, ohne dass der ruhige Ton des Romans verloren geht.
Der Roman ist in einer klaren und gut verständlichen Sprache geschrieben. Die Atmosphäre der Zeit wird lebendig beschrieben, ohne dass die Handlung ausgebremst wird. Besonders die Figuren wirken glaubwürdig mit ihren Sorgen, Hoffnungen und Entscheidungen. Im Mittelpunkt steht Hanna, die lernen muss, ihren eigenen Weg zu gehen und sich in einer Welt zurechtzufinden, in der Herkunft und Stellung viel bedeuten.
Insgesamt ist dies ein ruhiger historischer Roman mit einer interessanten Ausgangsidee, starken Figuren und einigen spannenden Momenten. Manche Entwicklungen hätten stellenweise etwas ausführlicher sein dürfen. Dennoch bleibt der Roman über weite Strecken stimmig und angenehm zu lesen. Wer historische Geschichten mit Gefühl, leisen Spannungsmomenten und einer starken Hauptfigur mag, wird hier eine wirklich schöne und unterhaltsame Lektüre finden.
4 Sterne und eine Leseempfehlung für diesen Auftakt der Gouvernanten-Reihe.

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Außergewöhnlich und sehr lesenswert

Moosland
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Viele junge Frauen aus Deutschland machten sich kurz nach dem Krieg auf den Weg nach Island, um dort auf Bauernhöfen zu arbeiten. Auch Elsa gehört zu ihnen. Sie kommt im Sommer 1949 an, mit wenig Gepäck ...

Viele junge Frauen aus Deutschland machten sich kurz nach dem Krieg auf den Weg nach Island, um dort auf Bauernhöfen zu arbeiten. Auch Elsa gehört zu ihnen. Sie kommt im Sommer 1949 an, mit wenig Gepäck und mit einer Trauer, über die sie nicht spricht. Auf dem abgelegenen Hof trifft sie auf Menschen, deren Sprache sie nicht versteht, und auf eine Landschaft aus Wind, Licht und weiten Wiesen, die zunächst fremd wirkt.
Der Alltag auf dem Hof ist von Arbeit geprägt. Vieles läuft still und ohne viele Worte ab. Elsa versteht die Sprache der Menschen zunächst nicht, doch nach und nach entsteht ein vorsichtiges Miteinander. Mit der Zeit bekommt man beim Lesen ein klares Bild vom Leben auf diesem Hof und von dem einfachen Alltag dort. Auch die Landschaft spielt dabei eine große Rolle. Das weite Land, der Wind und das wechselnde Licht geben der Geschichte eine besondere Stimmung. Besonders im Mittelteil wird deutlich, wie der Alltag auf dem Hof aussieht und wie die Menschen miteinander umgehen.
Mit der Zeit wird spürbar, dass auf dem Hof nicht alles so ruhig ist, wie es zunächst scheint. Elsas Anwesenheit verändert das Zusammenleben, besonders im Umgang mit den beiden Bauernsöhnen. Erwartungen stehen im Raum, manche offen, andere unausgesprochen. Gleichzeitig liegt über der Familie ein Thema, über das niemand spricht. Die verschwundene Tochter des Hauses wird für Elsa immer mehr zu einer stillen Frage, die sich durch die Geschichte zieht.
Der Schreibstil wirkt am Anfang etwas ungewohnt. Die Sätze sind ruhig und oft knapp gehalten. Dadurch braucht die Geschichte etwas Zeit, bis man richtig hineinfindet. Nach und nach stellt sich jedoch ein ruhiger Lesefluss ein, der gut zu dieser Geschichte passt. Die Handlung entwickelt sich langsam und lässt Raum für die Gedanken und Gefühle der Figuren.
Die Geschichte lebt von leisen Momenten und von Menschen, die nach und nach greifbar werden. Zwischen Arbeit, Schweigen und vorsichtigen Annäherungen entsteht ein stilles Bild vom Leben auf dem Hof. Gleichzeitig bleibt die Frage nach der verschwundenen Tochter lange im Hintergrund spürbar. Am Ende bleibt eine ruhige und sehr stimmige Geschichte, die noch eine Weile nachklingt.
5 Sterne und eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 08.03.2026

Das Leben am Fluss und seine dunklen Schatten

Der Fährmann
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Das Leben in den beiden kleinen Orten an der Salzach wirkt zunächst ruhig und vertraut. Die Menschen kennen sich, viele Wege führen immer wieder über den Fluss, und alte Regeln bestimmen den Alltag. Einer, ...

Das Leben in den beiden kleinen Orten an der Salzach wirkt zunächst ruhig und vertraut. Die Menschen kennen sich, viele Wege führen immer wieder über den Fluss, und alte Regeln bestimmen den Alltag. Einer, der dabei eine besondere Rolle spielt, ist der Fährmann. Er verbindet die beiden Ufer und damit auch die Menschen. Doch diese scheinbar feste Ordnung wird nach und nach spürbar unsicher.
Im Mittelpunkt steht Hannes Winkler. Als Fährmann hat er eine Aufgabe, die nicht ungefährlich ist. Nach alter Regel darf er keine Familie gründen. Denn falls ihm auf dem Fluss etwas zustößt, sollen keine Frau und keine Kinder zurückbleiben. Doch sein Herz gehört schon lange Elisabeth. Sie fühlt ähnlich, ist aber einem anderen versprochen. So entsteht eine schwierige Lage, die für alle Beteiligten schwer zu tragen ist und die die Geschichte ruhig, aber deutlich prägt.
Auch das Leben in den beiden Dörfern verändert sich langsam. Was früher selbstverständlich war, beginnt sich zu verschieben. Der Erste Weltkrieg bringt Unruhe in die kleine Gemeinschaft an der Salzach. Misstrauen wächst, alte Freundschaften geraten unter Druck und manche Entscheidungen werden plötzlich von Angst, Unsicherheit und auch von Wut begleitet. Besonders unter den jungen Leuten treten Gefühle wie Neid, Enttäuschung und verletzter Stolz stärker hervor.
Als schließlich ein Kind verschwindet, gerät alles aus dem Gleichgewicht. Die Suche nach der Wahrheit lässt lange verborgene Spannungen sichtbar werden. In den Dörfern breitet sich Unruhe aus und aus einzelnen Ereignissen entsteht Schritt für Schritt ein Drama, das immer weitere Kreise zieht.
Regina Denk beschreibt das Leben an der Salzach sehr anschaulich. Die beiden Orte wirken lebendig und glaubwürdig mit ihren Höfen, den Wegen zum Fluss und den vielen kleinen Begegnungen im Alltag. Besonders die Figuren bleiben im Gedächtnis, weil ihre Gedanken und Gefühle gut nachvollziehbar sind. Ihre Hoffnungen, ihre Fehler und ihre Entscheidungen wirken echt und machen die Geschichte berührend.
Der Roman entwickelt eine ruhige, aber stetig wachsende Spannung. Die Geschichte entfaltet sich nach und nach und zeigt, wie stark Liebe, Pflicht, Neid und Schuld das Leben der Menschen prägen können. Gerade die ernste Stimmung und die glaubwürdigen Figuren sorgen dafür, noch eine Weile nachklingt. So entsteht ein eindrucksvolles Familiendrama vor historischer Kulisse, das durch seine dichte Atmosphäre und seine menschliche Nähe besonders in Erinnerung bleibt.
Fazit:
Ein ruhiger, dichter Roman über Liebe, Pflicht und Schuld in einer kleinen Gemeinschaft an der Salzach zur Zeit des Ersten Weltkriegs.
5 Sterne und eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 06.03.2026

Wenn eine lange Ehe plötzlich zerbricht

Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
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An einem warmen Abend in Triest sitzt ein Ehepaar beim Essen, und plötzlich steht nichts mehr so, wie es all die Jahre schien. Ein Geständnis, das völlig unerwartet kommt, erschüttert eine lange Ehe und ...

An einem warmen Abend in Triest sitzt ein Ehepaar beim Essen, und plötzlich steht nichts mehr so, wie es all die Jahre schien. Ein Geständnis, das völlig unerwartet kommt, erschüttert eine lange Ehe und stellt alles infrage, was vertraut war. Von einem Moment auf den anderen wird aus Sicherheit Unsicherheit.
Diese erste Szene bleibt im Kopf. Sie ist ruhig erzählt und trifft trotzdem tief. Es gibt kein großes Drama, nur einen klaren Moment, der alles verändert. Gerade das macht den Beginn so eindringlich.
Erika steht nach diesem Abend nicht nur vor dem Ende ihrer Ehe, sondern auch vor ganz neuen Fragen. Jahrelang hat sie mit der Zurückweisung ihres Mannes gelebt, ohne wirkliche Antworten zu bekommen. Als er von seiner Affäre erzählt, bricht etwas in ihr zusammen. Doch es bleibt nicht nur bei Schmerz und Wut. Schnell rückt eine andere Frage in den Vordergrund. Was ist in ihrem Alter noch möglich?
Der Roman begleitet Erika in dieser Zeit mit großer Offenheit. Vieles geschieht in ihren Gedanken. Es geht weniger um äußere Ereignisse als um das, was sie innerlich bewegt. Scham, Unsicherheit und ein leiser Wunsch nach Nähe und Begehren lassen sich nicht mehr verdrängen.
Besonders beeindruckend sind die Passagen, in denen über Körper und Alter gesprochen wird. Weibliche Lust in der Lebensmitte wird hier nicht beschönigt und nicht versteckt. Das wirkt ehrlich und manchmal ungewohnt direkt. Einige Stellen können beim Lesen kurz verunsichern, weil sie so klar benannt sind. Und dadurch fühlen sie sich glaubhaft an.
Mit der Zeit verändert sich der Blick auf Erika. Aus der verletzten Ehefrau wird eine Frau, die langsam beginnt, sich selbst wieder ernst zu nehmen. Ihr Weg ist kein schneller Aufbruch. Er ist vorsichtig, tastend und nicht immer klar. Genau das macht ihn nachvollziehbar.
Nicht jede Szene ist gleich stark. Manche Gedanken wiederholen sich leicht, und an einigen Stellen hätte der Text etwas straffer sein können. Doch die ruhige und nachdenkliche Art passt zum Thema. Es geht nicht um große Wendungen, sondern um einen inneren Prozess.
Schließlich bleibt das Bild einer Frau, die sich nach einem tiefen Bruch nicht aufgibt. Schmerz und Zweifel gehören zu ihrem Weg, doch zugleich wächst der Mut, die eigenen Wünsche nicht länger kleinzureden. Der Roman zeigt ruhig und ehrlich, dass Nähe und Begehren kein Privileg der Jugend sind. 4 Sterne für eine Geschichte, die lange nachklingt und zum Nachdenken anregt.

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