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Veröffentlicht am 08.10.2024

lebendig erzählt, voller Hoffnung und Traurigkeit zugleich

Zwei Leben
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1971, in einem Dorf in Süddeutschland. Roberta ist froh, nach ihrer Schneiderlehre wieder auf den heimischen Hof zurückzukehren. Sie hat die körperliche Arbeit an der frischen Luft vermisst. Und doch ist ...

1971, in einem Dorf in Süddeutschland. Roberta ist froh, nach ihrer Schneiderlehre wieder auf den heimischen Hof zurückzukehren. Sie hat die körperliche Arbeit an der frischen Luft vermisst. Und doch ist da eine Sehnsucht nach etwas Neuem in ihr, nach fremden Ländern und dem was möglich wäre, gäbe es die Verpflichtungen auf dem Hof nicht. Ihre Leidenschaft sind Stoffe, sie entwirft eigene Schnitte und träumt sich in die weite Welt. Und dann verliebt sie sich in den Pfarrerssohn Wilhelm, den alten Freund aus Kindertagen. Doch welche Zukunft ist für sie beide möglich? Robertas Arbeitskraft ist auf dem Hof ganz selbstverständlich einkalkuliert, Wilhelm wird in wenigen Monaten das Dorf verlassen und studieren. Auch Wilhelms Mutter Gertrud, die Pfarrersfrau, ist an einem Wendepunkt angelangt. Aus Hamburg stammend, ist sie in dem kleinen Dorf eine Außenseiterin geblieben und in dem rückständigen, alten Pfarrhof nie heimisch geworden. Sie möchte nun endlich ihre Träume umsetzen und dem Dorf den Rücken kehren - wenn da Wilhelm nicht wäre…

So, wie Roberta beim Schneidern scheinbar unvereinbare Materialien miteinander kombiniert, feine Seide und grobes Leinen, spüren die Figuren die Gegensätze des Lebens in sich. Hier die Wurzeln und das Vertraute, das man um sich haben möchte, und dort die Sehnsucht nach dem anderen Leben, das möglich wäre. Jede Entscheidung für einen Weg ist eine Entscheidung gegen alle anderen Optionen. Und sind die Einschränkungen, die wir wahrnehmen, echte Hindernisse, oder müssten wir nur beherzter nach Wegen suchen, sie zu umgehen? Geschickt verwebt Ewald Arenz die Lebenswege von Wilhelm, Roberta und Gertrud miteinander, und nachdem die erste Hälfte der Geschichte noch etwas beschaulich wirkt, hat sie mich in der zweiten Hälfte richtig gefesselt. Ich habe mitgehofft und mitgelitten und wollte das Buch gar nicht mehr weglegen. Ich hätte am liebsten die Figuren noch über weitere 100 Seiten begleitet. Mein heimlicher Lieblingscharakter, der mit seiner leisen, aber lebensklugen Art die Dinge durchschaut, ist Robertas Opa.

Wenn man sehr genau liest, fallen einem leider ein paar zeitliche Ungereimtheiten insbesondere bezüglich der Geschichte des Großvaters auf, wo die Angaben nicht immer genau passen und sich immer mal um 1-2 Jahre verändern. Zudem wird mehrfach erwähnt, dass die Gefangenschaft aus dem Zweiten Weltkrieg bereits 40 Jahre zurückliegt, was mit 1971 nicht vereinbar ist. Auch die Aussage von Wilhelms Kumpel Wolfgang, dass der Zivildienst dreimal so lang dauere, wie der Wehrdienst, ist merkwürdig. 1971 dauerten beide Dienste genau 18 Monate. An einer weiteren Stelle passt eine Aussage Robertas nicht zu einem einige Kapitel davor geschilderten Geschehen. Das sind allerdings Kleinigkeiten.

„Zwei Leben“ ist ein sehr bewegendes, teils trauriges, aber gleichzeitig Hoffnung schenkendes Buch, lebendig und klug erzählt. Es erinnert daran, was wirklich zählt, auch wenn es oft so schwer umzusetzen ist: „…Dass nichts wichtiger ist, als richtig zu leben. Nicht halb oder versteckt oder einfach falsch.“

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Veröffentlicht am 01.10.2024

Konnte mich nicht ganz überzeugen

Dezember 41
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Ich lese sehr gerne historische Spionage-Thriller, und die Kurzbeschreibung zu „Dezember 1941“ machte mich neugierig, zumal sie eine Geschichte verspricht, die auf historischen Tatsachen basieren soll. ...

Ich lese sehr gerne historische Spionage-Thriller, und die Kurzbeschreibung zu „Dezember 1941“ machte mich neugierig, zumal sie eine Geschichte verspricht, die auf historischen Tatsachen basieren soll. Hierzu später mehr.

Die Handlung spielt in den Tagen zwischen dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour am 7. Dezember 1941 und Weihnachten. Der deutsche Spion Martin Browning plant ein Attentat auf Präsident Franklin D. Roosevelt, wenn dieser am Heiligen Abend traditionell vor Publikum die Lichter des traditionellen National Chrismas Tree vor dem Weißen Haus entzündet. Auf seinem Weg von Los Angeles nach Washington kreuzen die unterschiedlichsten Personen seinen Weg: Die gescheiterte Schauspielerin Kathy, der desillusionierte Drehbuchleser Kevin Cusack, der als Amateurspion für eine jüdische Gruppierung den Deutschen Bund auskundschaftet, der FBI-Agent Frank Carter, die Privatdetektivin Sally Drake, etc. Martin wechselt seine Identitäten professionell, er benutzt die Menschen in seiner Umgebung für seine Zwecke, und wer ihm gefährlich werden könnte, wird liquidiert.

Der Thriller ist von Anfang durchaus kurzweilig geschrieben, die Geschichte schreitet flott voran, und als Leser/in begleitet man das Geschehen abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven. Dennoch konnte mich die Handlung nicht richtig fesseln. Das liegt zum einen daran, dass die historischen Tatsachen bekannt sind (Roosevelt wurde nicht ermordet), so dass von Anfang an klar ist, dass das Attentat scheitern muss. Zum anderen traf der Schreibstil von Autor William Martin nicht meinen Geschmack. Stellenweise ist er mir zu amerikanisch-pathetisch, und mir fehlt auch eine gewisse Raffinesse, die den Thriller sprachlich hervorheben könnte. Teilweise wirkt der Thriller reißbrettartig geschrieben, echte Spannung kam bei mir nicht auf, und ich habe das Buch zwischendurch immer wieder für einige Tage beiseite gelegt.

Wie eingangs erwähnt, soll die Handlung laut Klappentext auf historischen Tatsachen beruhen. Diese Anmerkung ist allerdings etwas irreführend. Historisch belegt sind der Besuch Winston Churchills an Weihnachten 1941 im Weißen Haus, die alljährliche Illumination des nationalen Weihnachtsbaumes sowie natürlich die politische Situation und eine allgemeine Bedrohungslage. Alles andere, insbesondere das Attentat, ist reine Fiktion ohne jegliche historische Grundlage.

Insgesamt eine unterhaltsame Lektüre für zwischendurch, aber nicht mehr.

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Veröffentlicht am 01.10.2024

Konnte leider mit dem Erzählstil nichts anfangen

Verlorene Sterne
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Tommy Orange greift mit dem Schicksal der indigenen Bevölkerung, den Gräueltaten, die ihnen durch die Weißen zugefügt wurden, und der Suchtproblematik wichtige Themen auf.

Jedoch wurde ich mit der Umsetzung ...

Tommy Orange greift mit dem Schicksal der indigenen Bevölkerung, den Gräueltaten, die ihnen durch die Weißen zugefügt wurden, und der Suchtproblematik wichtige Themen auf.

Jedoch wurde ich mit der Umsetzung nicht warm. Tommy Orange erzählt die Geschichte einer Familie von Native Americans vom Sand Creek Massacre 1864 bis heute und zeigt, wie Traumata über mehrere Generationen hinweg wirken. Seinen sprunghaften Erzählstil, der immer wieder zwischen den Generationen wechselt, fand ich ungewöhnlich, aber interessant und keineswegs störend. Leider liest sich das Buch insgesamt sehr zäh, und die weitschweifige, oft poetische Erzählweise lag mir überhaupt nicht. Ich hatte das Gefühl, die Handlung bewegte sich nicht von der Stelle, mir fehlten ein roter Faden und eine gewisse Griffigkeit. Die Protagonist/innen blieben mir seltsam fremd, und ich war letztendlich erleichtert, als ich das Buch beendet hatte.

Fazit: Wer einen poetischen Schreibstil und eine experimentelle Erzählweise schätzt und sich vor allem mit dem Innenleben der Protagonist/innen auseinandersetzen möchte, wird an „Verlorene Sterne“ bestimmt Gefallen finden. Da ich direkte, nüchterne Sprache bevorzuge (die dennoch gerne komplex sein darf!), war es leider nichts für mich.

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Veröffentlicht am 29.09.2024

spannendes Abenteuer mit tollem Setting

Birds of Paris – Das magische Pendel
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Léa ist zwölf Jahre alt und neu in Paris. Da ihre Mutter für internationale Museen arbeitet und der Vater als Fotograf viel unterwegs ist, ist sie bereits fünfmal umgezogen und oft auf sich allein gestellt. ...

Léa ist zwölf Jahre alt und neu in Paris. Da ihre Mutter für internationale Museen arbeitet und der Vater als Fotograf viel unterwegs ist, ist sie bereits fünfmal umgezogen und oft auf sich allein gestellt. Entsprechend schwer ist es für sie, irgendwo anzukommen und Freundschaften zu schließen. Bei einer Erkundungstour durch Paris fällt Léa im Garten von Notre-Dame ein Mädchen auf, das sich mit einer Taube zu unterhalten scheint. Neugierig geht Léa dem Mädchen nach, und wird kurz darauf Zeugin einer merkwürdigen Begebenheit, die Léa zeigt, dass Paris voller geheimer Magie steckt…

„Birds of Paris“ ist eine spannende, sehr lebendig erzählte Abenteuergeschichte mit einem eher ungewöhnlichen Schauplatz. Gerade letzteres hat mich besonders gereizt, das Buch mit meinem Sohn zu lesen: Die meisten Kinderbücher spielen entweder in einer kompletten Fantasiewelt oder an britischen oder amerikanischen Orten. Paris ist eine erfrischende Abwechslung, und der Roman lädt ein, sich ein bisschen genauer mit der Stadt zu beschäftigen. Ein Teil der Handlung spielt in den Katakomben von Paris, und mein Sohn und ich haben uns daraufhin dieses Stollensystem und seine Geschichte näher angesehen.

Die Hauptfiguren im Buch sind Léa und die Straßenkinder Roux, Ari, Alex und Coralie, Erwachsene kommen lediglich am Rande vor. Der Großteil der Geschichte wird aus Léas Sicht erzählt, in einigen Kapiteln wechselt die Perspektive zu Roux. Die Charaktere, ihre Gefühle und Gedanken sind sehr schön ausgearbeitet, man kann sich sofort in sie hineinversetzen. Besonders gut gelungen ist dies bei Léa. Sie ist zunächst befangen und unsicher, als sie auf die Kinder trifft, da ihr durch die häufigen Umzüge die Übung fehlt, sich mit Gleichaltrigen anzufreunden. Man spürt richtig, wie sehr sie sich wünscht, Freunde und Freundinnen zu haben und zu einer Gruppe dazuzugehören. Gerade introvertierte junge Leser/innen werden sich in Léa sehr gut hineinversetzen können, und das Buch macht Mut, auf andere zuzugehen. Auch die Gefühle, die die Kinder bei ihrem Abenteuer durchleben - Angst, Entschlossenheit, Mut und Zuversicht durch Zusammenhalt - sind sehr einfühlsam und authentisch beschrieben. Die Straßenkinder sind wie eine Familie füreinander, sie halten fest zusammen und nehmen Léa bereitwillig in ihre Gruppe auf.

Der Kern der Handlung findet im Buch ein abgeschlossenes Ende, dennoch bleiben einige Fragen offen, und es wird klar, dass die Vergangenheit der Straßenkinder, allen voran Roux‘, noch viele Geheimnisse birgt. Das letzte Kapitel endet mit einem Cliffhanger, der uns schon neugierig und gespannt auf den nächsten Band warten lässt.

Unser einziger Kritikpunkt: Warum bekommt ein Buch einer deutschsprachigen Autorin, das in Frankreich spielt, einen englischen Titel? „Oiseaux de Paris“ wäre natürlich weniger griffig, aber warum nicht „Schimmervögel“ oder „Die Vögel von Paris“?


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Veröffentlicht am 29.09.2024

unterhaltsam, aber nicht mehr

Iowa
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Über die Longlist des Deutschen Buchpreises wurde ich auf „Iowa“ aufmerksam, in dem Stefanie Sargnagel ihren Aufenthalt in Iowa als Gastdozentin am Liberal Arts College in Grinnell autofiktional beschreibt. ...

Über die Longlist des Deutschen Buchpreises wurde ich auf „Iowa“ aufmerksam, in dem Stefanie Sargnagel ihren Aufenthalt in Iowa als Gastdozentin am Liberal Arts College in Grinnell autofiktional beschreibt. Einige Wochen verbrachte sie dabei gemeinsam mit Christiane Rösinger. Mir war zuvor keine der beiden Künstlerinnen ein Begriff, und so ging ich unvoreingenommen an das Buch heran.

Sargnagel schildert ihre Eindrücke der Kleinstadt Grinnell, die sämtliche Klischees des amerikanischen Mittleren Westens zu erfüllen scheint. Auch Chicago und Los Angeles, die sie auf Kurzreisen besucht, sind desillusioniert dargestellt, besonders LA mit der Vielzahl an obdachlosen Menschen wirkt erschreckend. Die gemeinsamen Wochen mit Christiane Rösinger sind unterhaltsam und humorvoll beschrieben, Rösingers korrigierende Anmerkungen in Form von Fußnoten lustig zu lesen. Dennoch ist das Niveau des Romans überschaubar, interessante, pointiert beschriebene Beobachtungen wechseln sich mit Banalitäten ab. Ich muss auch zugeben, dass mir keine der beiden Künstlerinnen sympathisch wurde und mir während der Lektüre immer wieder durch den Kopf ging, dass ich mit ihnen keinen Tag lang auskommen würde.

Insgesamt eine kurzweilige Lektüre, aber nicht mehr. Warum dieses Buch für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde, erschließt sich mir nicht, der literarische Anspruch hält sich in Grenzen. Kann man lesen, muss man aber nicht.

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