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Veröffentlicht am 17.10.2024

Der alljährliche Weihnachtswahnsinn, humorvoll auf die Schippe genommen

Mami braucht 'nen Drink – erst recht an Weihnachten (Die Mami-Reihe 5)
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Weihnachten - kein anderes Fest ist so sehr mit Erwartungen aufgeladen und bietet dementsprechend so viel Potential für Enttäuschungen. Auch Ellen hat jedes Jahr wieder ihre idealisierte Vision eines Weihnachtsfestes ...

Weihnachten - kein anderes Fest ist so sehr mit Erwartungen aufgeladen und bietet dementsprechend so viel Potential für Enttäuschungen. Auch Ellen hat jedes Jahr wieder ihre idealisierte Vision eines Weihnachtsfestes mit der Familie vor Augen – rotwangige Kinder, die mit freudestrahlenden Augen vor dem festlich geschmückten und hell erleuchteten Weihnachtsbaum stehen, glockenhell Weihnachtslieder singend, dazu ein opulentes, perfekt gelungenes Festmahl an der festlich gedeckten Tafel, während draußen der zarte Pulverschnee vom Himmel fällt und alles in ein märchenhaftes Weiß taucht. Doch Jahr für Jahr kommt alles anders, und dieses Jahr kommen nicht mal die inzwischen erwachsenen Kinder.

Gill Sims nimmt mit viel Sinn für Humor den alljährlichen Weihnachtsstress aufs Korn. Ellens skurrile Mischpoke, die die ganze Bandbreite abdeckt von der durchgeknallten Hippie-Schwägerin, die gerne spärlich bekleidet Naturgottheiten huldigt, bis zur hysterisch-perfektionistischen Schwester, sorgt zuverlässig für Chaos. Auf übersteigerte Erwartungen folgt die Ernüchterung, die alljährlich mit Baileys, Gin Tonic und Whiskey kompensiert wird. Die Figuren und Situationen sind hierbei stark überspitzt gezeichnet. An der einen oder anderen Stelle wäre mir ein etwas subtilerer Humor lieber gewesen, da sich die Übertreibungen mit der Zeit etwas abnutzen, aber das ist sicherlich Geschmackssache.

Der Roman bietet aber nicht nur leichte, kurzweilige Unterhaltung, sondern wartet auch mit ernsteren Untertönen auf. Vermutlich wird sich jede Leserin auf die ein oder andere Weise in Ellen wiederfinden und sich an Weihnachtsfeste erinnern, bei denen die hoffnungsvolle Vorfreude mit der harten Realität kollidierte und es statt weihnachtlicher Eintracht vor allem Streit, Tränen, ein misslungenes Essen und enttäuschte Beschenkte gab. Gill Sims zeigt, dass die idealisierte und romantisierte Vorstellung von Weihnachten ein Konstrukt der Konsumindustrie ist, das vor allem gegenüber Müttern einen hohen Druck aufbaut und unerfüllbare Erwartungen stellt, die letztlich nur enttäuscht werden können und schlimmstenfalls zu großen Selbstzweifeln führen. Dabei würde ein bisschen mehr Gelassenheit zu deutlich entspannteren und damit für alle harmonischeren Festtagen führen.

In diesem Sinne ist „Mami braucht ‘nen Drink – erst recht an Weihnachten“ eine wunderbare Lektüre zur Vorweihnachtszeit, die uns humorvoll daran erinnert, das Weihnachtsfest lockerer anzugehen und uns von äußeren Zwängen freizumachen. Dann stehen die Chancen für ein vielleicht etwas chaotisches, aber heiteres Weihnachtsfest im Kreise der Familie gut – und für alle Fälle gibt es Glühwein!

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Veröffentlicht am 17.10.2024

spannend und humorvoll

Die Schule der Mitternachtswelt 1
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Simeon ist ein Halbvampir mit Sonnenallergie, der in der Mitternachtsschule eingeschult wird. Dort trifft er auf allerlei andere magische Wesen, unter anderem die Werwölfin Eir. Da Vampire und Werwölfe ...

Simeon ist ein Halbvampir mit Sonnenallergie, der in der Mitternachtsschule eingeschult wird. Dort trifft er auf allerlei andere magische Wesen, unter anderem die Werwölfin Eir. Da Vampire und Werwölfe traditionell verfeindet sind, ist Simeon ihr gegenüber zunächst skeptisch, zumal sich an der Schule merkwürdige Vorkommnisse häufen und immer mehr Schüler verschwinden.

Simeon beginnt, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Mit der Zeit gelingt es ihm, seine Vorurteile gegenüber Eir zu überwinden und sich mit ihr anzufreunden. Überhaupt haben Freundschaft, Zusammenhalt und Unvoreingenommenheit einen hohen Stellenwert im Buch, und die Autorin zeigt sehr schön, wie wichtig und bereichernd es ist, Vorurteile abzubauen und vermeintlich Trennendes zu überwinden.

Von der ersten Seite an war meinem Sohn (10) und mir Simeon richtig sympathisch, und seine oft ironischen und lakonischen Bemerkungen sorgen für gute Unterhaltung. Der Schreibstil ist flott, lebendig und humorvoll, und das Abenteuer ist geschickt aufgebaut, mit zahlreichen überraschenden Wendungen, so dass es bis zum Schluss spannend bleibt. Mein Sohn war zudem ganz besonders angetan vom Cover, bei dem bestimmte Elemente mit spezieller Farbe gedruckt sind, so dass diese im Dunkeln leuchten.

Maëlle Desard ist ein abwechslungsreicher Auftakt zu einer neuen Fantasy-Reihe gelungen, der nicht nur für Spannung sorgt, sondern auch wichtige Werte wie Toleranz, Offenheit und Freundschaft vermittelt. Wir freuen uns schon sehr auf den zweiten Teil!


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Veröffentlicht am 15.10.2024

wirkt aus heutiger Sicht sehr antiquiert

Ein tugendhafter Mann
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Anita Brookers „Ein tugendhafter Mann“ erschien erstmals im Jahr 1989 unter dem Titel „Lewis Percy“. Lewis ist zu Beginn des Romans, 1959, Anfang zwanzig und lebt nach einem kurzen Forschungsaufenthalt ...

Anita Brookers „Ein tugendhafter Mann“ erschien erstmals im Jahr 1989 unter dem Titel „Lewis Percy“. Lewis ist zu Beginn des Romans, 1959, Anfang zwanzig und lebt nach einem kurzen Forschungsaufenthalt in Paris wieder mit seiner Mutter zusammen. Für seine Promotion beschäftigt er sich mit dem Helden in der Literatur des 19. Jahrhunderts, in der Realität ist er ein verzagter, unsicherer Mann. Seine Kenntnisse über Frauen bezieht er aus Romanen.

Es fiel mir sehr schwer, in den Roman hineinzufinden, da dieser selbst für sein Erscheinungsdatum recht antiquiert wirkt. Auch Lewis selbst scheint nicht in die 60er und 70er zu passen und hängt Idealbildern aus dem vorangehenden Jahrhundert nach. Die Rollenauffassungen sind äußerst konservativ, und ich muss gestehen, dass es mir stellenweise schwerfiel weiterzulesen, weil ich zu keiner Figur einen Zugang gefunden habe und weder mit Lewis noch seiner Frau Tissy oder seiner Angebeteten Emmy mitfühlen konnte. Insbesondere Lewis‘ Art, allein aus kleinsten Äußerlichkeiten auf die Lebensgeschichte und den Charakter von Menschen zu schließen, ohne sich mit diesen jemals ernsthaft auf ein Gespräch einzulassen und echte tiefgreifende Beziehungen einzugehen, verärgerte mich zunehmend.
Fraglos ist „Ein tugendhafter Mann“ von hoher literarischer Qualität, doch Lesevergnügen kam bei mir leider nicht auf. Zu weit weg waren hierfür für mich die Thematik und Figuren des Romans und zu langatmig die Erzählweise.

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Veröffentlicht am 15.10.2024

Wissenschaftler in der Resistance

Die Formel des Widerstands
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Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde in der Physik durch bahnbrechende Entdeckungen im Bereich der Kernphysik geprägt, und maßgeblich beteiligt waren Marie und Pierre Curie sowie Irène und Frédéric ...

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde in der Physik durch bahnbrechende Entdeckungen im Bereich der Kernphysik geprägt, und maßgeblich beteiligt waren Marie und Pierre Curie sowie Irène und Frédéric Joliot-Curie. Kurz nachdem Otto Hahn und Fritz Straßmann 1938 erstmals eine Kernspaltung gelang, brach der Zweite Weltkrieg aus, und rasch wurde klar, dass diese Entdeckung militärisch bedeutsam war, da eine Atombombe den Kriegesverlauf entscheidend beeinflussen würde. Das Nazi-Regime setzte alles daran, diese zu entwickeln, und nach der Besetzung Frankreichs wurde auch das Labor von Frédéric Joliot-Curie unter deutsche Kontrolle gestellt. Es verfügte, im Gegensatz zu deutschen Forschungseinrichtungen, bereits über ein Zyklotron, das fortan deutsche Wissenschaftler für ihre kernphysikalischen Experimente nutzen wollten. Für die Überwachung der französischen Kollegen wurde Wolfgang Gentner entsandt, der bereits zuvor mit Joliot-Curie zusammengearbeitet hatte und mit ihm befreundet war. Für Gentner beginnt nun ein riskantes Spiel: Nach außen hin muss er im Sinne des deutschen Uranprojektes arbeiten, verdeckt schützt er seinen Freund Joliot-Curie, der eine wichtige Rolle in der Resistance innehat, und weitere französische Wissenschaftler im Widerstand.

Astrid Viciano beschreibt eindrücklich die Atmosphäre im besetzten Paris und die Situation in den Forschungsinstituten. Viele Wissenschaftler hatten sich dem Widerstand angeschlossen, waren Teil antifaschistischer, kommunistischer oder links-intellektueller Bewegungen, u.a. Frédéric Joliot-Curie, Jacques Solomon und Paul Langevin. Unter Lebensgefahr widersetzten sie sich den Besatzern und sabotierten das Atomprojekt. Gentner hält seine Hand über sie und setzt sich für die Freilassung von verhafteten Wissenschaftlern ein.

Der Fokus des Buches liegt klar auf den historischen Aspekten, die kernphysikalische Forschung wird nur sehr rudimentär angerissen. Es lässt sich daher auch für naturwissenschaftliche Laien problemlos lesen. Da die Autorin den Fokus auf mehrere Personen legt, springt das Buch sowohl zeitlich als auch räumlich immer wieder hin- und her, teilweise gibt es kleinere Redundanzen. Hier hätte ich mir vor allem zeitlich eine etwas stringentere Umsetzung gewünscht, zumal Viciano offenbar selbst etwas durcheinanderkommt. So schreibt sie, nachdem Frédéric Joliot-Curies Freund Jacques Solomon im Mai 1942 von den deutschen Besatzer ermordet wurde am Ende des fünften Kapitels: „Frédéric Joliot-Curie ist von der Ermordung Solomons so erschüttert, dass er beschließt, Mitglied der kommunistischen Partei zu werden. […] Er wählt dafür einen denkbar ungünstigen Moment. Werden die Deutschen doch einen Monat später, im Juni 1942, den Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion brechen, indem sie gen Osten marschieren.“. Der Nichtangriffspakt wurde jedoch bereits ein Jahr zuvor, am 22. Juni 1941, also deutlich vor der Ermordung Solomons, aufgekündigt. Im sechsten Kapitel geht es dann verwirrenderweise auch am 29. Juni 1941 mit der Verhaftung Frédéric Joliot-Curies weiter.

Abgesehen davon bietet das Buch jedoch sehr interessante Einblicke und verdeutlich die Brisanz der physikalischen Forschung zur damaligen Zeit sowie die Rolle der französischen Forscher in der Resistance. Sehr lesenwert!

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Veröffentlicht am 15.10.2024

ein hervorragend geschriebenes Sachbuch über faszinierende Tiere

Ameisen
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Ameisen - jeder kennt sie, doch die wenigsten schenken ihnen Beachtung, sofern man sich mit der Picknickdecke nicht versehentlich in der Nähe eines ihrer Nester niederlässt. Das wird sich nach Magdalena ...

Ameisen - jeder kennt sie, doch die wenigsten schenken ihnen Beachtung, sofern man sich mit der Picknickdecke nicht versehentlich in der Nähe eines ihrer Nester niederlässt. Das wird sich nach Magdalena Sorgers Buch auf jeden Fall ändern. Ursprünglich studierte Wirtschaftswissenschaftlerin, verlor Sorger ihr Herz eher zufällig an Ameisen, und forschte daraufhin jahrelang als Myrmekologin.
Äußerst unterhaltsam schildert sie ihre Erlebnisse mit den unterschiedlichsten Ameisenarten auf ihren weltweiten Exkursionen, und ihre ehrliche Begeisterung für die kleinen Insekten ist in jedem Satz spürbar. Diese Faszination überträgt sich beim Lesen, und ich sehe diese Insekten nun mit ganz anderen Augen. Mir war zuvor nicht ansatzweise bewusst, wie groß der Artenreichtum der Ameisen ist und wie hochspezialisiert und sozial diese zusammenleben. Und wer hätte gedacht, dass Ameisen nicht nur gigantische Nester mit mehreren Metern Durchmesser und Tiefe bauen, Pilze züchten und Nutztiere halten, sondern etwa die Schnappkieferameise ihre Mandibeln mit 230 km/h schließen kann und sich so bei Gefahr durch den Rückstoß rückwärts durch die Luft katapultiert? Magdalena Sorger schreibt so eingängig und kurzweilig, dass ich stellenweise das Gefühl hatte, sie würde neben mir sitzen und mir von den Ameisen erzählen. Abgerundet wird das Buch durch interessante Fotos, die einen Eindruck von der Vielfalt der Ameisen geben. Ich kann dieses großartige Sachbuch nur jedem empfehlen, der sich für die Natur interessiert!

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