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Veröffentlicht am 23.05.2024

Leider enttäuschend und sachlich ungenau

Die kurze Stunde der Frauen
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Anhand der Kurzbeschreibung hatte ich eine tiefgehende, stichhaltig begründete und differenzierte Analyse der Lebensrealität der Frauen in der Nachkriegszeit und deren Auswirkungen auf das Geschlechterverständnis ...

Anhand der Kurzbeschreibung hatte ich eine tiefgehende, stichhaltig begründete und differenzierte Analyse der Lebensrealität der Frauen in der Nachkriegszeit und deren Auswirkungen auf das Geschlechterverständnis erwartet. Leider wurde ich enttäuscht. Miriam Gebhardt räumt zwar mit dem Mythos der Trümmerfrauen auf (dies ist allerdings nicht neu), bleibt aber analytisch doch sehr an der Oberfläche. Es fehlt ein stringenter roter Faden, und vieles wiederholt sich in den Kapiteln, zum Teil sogar wortwörtlich. Dem wichtigen Aspekt der Schuldfrage bzw. dem Unschuldsmythos der deutschen Frauen widmet sie leider nur ein kurzes Kapitel. Hier hatte ich mir eine deutlich ausführlichere Auseinandersetzung erhofft.
Auch mit Miriam Gebhardts Herangehensweise konnte ich mich nicht anfreunden. Besonders stört mich, dass sie von der aktuellen Warte der Emanzipation heraus urteilend auf die Frauen der Nachkriegszeit blickt. Dies klingt teilweise herablassend und geht für mich an der damaligen Lebensrealität der normalen Bevölkerung unmittelbar nach Kriegsende vorbei: „Der Lohn der Frauen war nicht die Karriere, nicht einmal die gleiche Bezahlung, wenn sie arbeiten gingen, sondern die Würdigung als Überlebenskünstlerinnen. Sie ließen sich davon überzeugen, dass sie beim Einkochen, beim Feilschen auf dem Schwarzmarkt und bei ihren viele km langen Märschen mit schweren Rucksäcken Bedeutendes leisteten.“ Ich kann mir nicht vorstellen, dass etwa im Hungerwinter 1946/47 potentielle Karrieremöglichkeiten für die durchschnittliche Frau maßgeblich waren, und ich sehe ihre Leistung, die Familie unter widrigsten Umständen durchzubringen, durchaus als bedeutend an.
Einige Stellen klingen doch sehr bemüht feministisch, beispielweise wenn die Autorin den Umstand, dass zum Trümmerräumen Frauen vor allem dann zwangsverpflichtet wurden, wenn sie in der NSDAP oder anderen NS-Organisationen politisch aktiv waren, kommentiert mit: „Als müssten sie sich, weil sie sich vermeintlich männlich verhalten hatten, auch männlich im Ertragen der Sühnemaßnahme zeigen.“
Als wirklich ärgerlich empfinde ich, dass Gebhardt zur Unterstützung ihrer Thesen häufig einseitig argumentiert und dabei relativierende Fakten unter den Tisch fallen lässt. So schreibt sie beispielsweise: „Die jungen Frauen müssen die neuen Frauenpflichten, die das NS-Regime verordnet - wie den Reichsarbeitsdienst, den Sanitätsdienst oder Haushaltsausbildungen - in ihre Laufbahn einbauen.“ Hier suggeriert der Begriff „Frauenpflichten“ eine einseitige Belastung der Frauen, doch der Reichsarbeitsdienst ab 1935 galt für beide Geschlechter – er war für junge Männer verpflichtend und für Frauen bis 1939 freiwillig. An anderer Stelle heißt es: „Das Schicksal der oft vaterlos aufgewachsenen Frauen und der Kriegerwitwen, die meistens auf eine tragische Art und Weise miteinander verstrickt waren, stand den Babyboomern als Menetekel vor Augen. (…) Vor diesem Hintergrund – der Weitergabe von Einstellungen zwischen den Generationen – ist meines Erachtens die weltweit unvergleichlich hohe weibliche Teilzeitquote in Deutschland, sprich: die zögerliche Beteiligung der Frauen am Arbeitsleben, noch immer eine Folgeerscheinung der Nachkriegszeit.“ Hier bleibt unerwähnt, dass in Europa die weibliche Teilzeitquote heute in Österreich, den Niederlanden und der Schweiz deutlich höher ist als hierzulande. Dies ist gerade vor dem Hintergrund der Neutralität der Schweiz im Zweiten Weltkrieg durchaus relevant, da es der These des Buches zuwiderzulaufen scheint. Ferner spielen für die „Beliebtheit“ der Teilzeitarbeit bei Frauen neben traditionellen Normen noch weitere Faktoren eine Rolle, etwa die konkrete Ausgestaltung des Arbeitsrechts, der Sozialversicherung und die Möglichkeiten der Kinderbetreuung. Auch die Stundenzahl, die unter Vollzeit verstanden wird, variiert innerhalb Europas stark.
Ebenfalls deutliche Unstimmigkeiten weisen die Fallbeispiele im Buch auf. In Kapitel 5 bezieht sich Gebhardt auf ein Klassenbuch von Abiturientinnen aus dem Jahr 1932: Im Abschnitt „Hoch abgesprungen …“ schreibt sie zunächst, dass Ilse mit dem Tod ihres Mannes im Krieg fertigwerden musste. Später in „Verkäuferinnen“ steht jedoch, dass sich Ilse und ihr Mann nach dem Krieg aufgrund der langen Trennung auseinandergelebt hatten und sich dann trennten. Auch das Fallbeispiel um Bernhardine S. in Kapitel 9 weist bezüglich Alters- und Jahresangaben gleich drei Widersprüche auf. Diese Schludrigkeiten lassen bei mir Zweifel an der Sorgfalt der Quellenarbeit aufkommen. Ebenfalls sehr ärgerlich ist, dass in vielen Fallbeispielen die Quelle nicht wörtlich zitiert, sondern bereits zusammengefasst und interpretiert wiedergegeben wird. So kann ich mir als Leser*in kein eigenes Bild machen. In der Kurzbeschreibung ist davon die Rede, dass Gebhardt für dieses Buch „in bis dahin unerreichter Dichte Selbstzeugnisse von Frauen ausgewertet“ hat. Leider geht nirgendwo hervor, wie viele Quellen hierfür wirklich herangezogen wurden. Die Zahl der im Buch aufgeführten Fallbeispiele ist jedoch recht überschaubar.
Insgesamt bleibt das Buch weit hinter meinen Erwartungen zurück. Neue Erkenntnisse konnte ich kaum daraus gewinnen. Die Informationen zu den bekannten politisch prägenden Frauen wie Elisabeth Schwarzhaupt und den vier weiblichen Mitgliedern des Parlamentarischen Rates waren mir bereits bekannt. Aufgrund zahlreicher Unstimmigkeiten und vieler schwammiger und eher oberflächlicher Aussagen kann ich das Buch leider nicht empfehlen.

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Veröffentlicht am 20.05.2024

sehr lebendig geschrieben

Im Kaiserreich
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Nachdem ich letztes Jahr bereits Katja Hoyers kontrovers diskutiertes Buch „Diesseits der Mauer“ gelesen hatte, war ich nun sehr gespannt auf „Im Kaiserreich“. Ich hatte schon länger beabsichtigt, mich ...

Nachdem ich letztes Jahr bereits Katja Hoyers kontrovers diskutiertes Buch „Diesseits der Mauer“ gelesen hatte, war ich nun sehr gespannt auf „Im Kaiserreich“. Ich hatte schon länger beabsichtigt, mich mit dieser Zeit näher auseinanderzusetzen, die auf vielfältige Weise prägend für das folgende 20. Jahrhundert war. Während viele historische Sachbücher sehr trocken geschrieben sind, lesen sich Hoyers Werke sehr erfrischend, anschaulich und lebendig, stellenweise beinahe locker. Hier spürt man den angelsächsischen Einfluss der in Großbritannien lebenden Autorin. Das Buch legt vor allem Wert darauf, die großen Zusammenhänge deutlich zu machen. An manchen Stellen habe ich die ein oder andere Ergänzung vermisst, doch insgesamt hat mir der Ansatz des Buches sehr gut gefallen. Gerade für Leser und Leserinnen, die (wie ich) ihre Kenntnisse der Kaiserzeit auffrischen möchten, eignet sich dieses Buch hervorragend.

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Veröffentlicht am 16.05.2024

Praktisch und informativ

ADAC Roadtrips - Bodensee, Allgäu und Oberschwaben
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Die ADAC Roadtrips für den Bodensee, das Allgäu und Oberschwaben decken einen Bereich ab, im dem ich sehr gerne Tagesausflüge und Urlaube unternehme, da er unweit meines Wohnortes liegt. Der Reiseführer ...

Die ADAC Roadtrips für den Bodensee, das Allgäu und Oberschwaben decken einen Bereich ab, im dem ich sehr gerne Tagesausflüge und Urlaube unternehme, da er unweit meines Wohnortes liegt. Der Reiseführer beginnt mit einleitenden Worten zu geographischen, kulturellen und kulinarischen Besonderheiten der Region sowie einem kurzen jahreszeitlichen Überblick. Einige Etappen der fünf beschriebenen Routen kenne und schätze ich bereits, andere sind mir noch neu, und ich werde sie sicher demnächst einmal ausprobieren. Durch die Umsteige-Punkte zwischen den einzelnen Routen ergeben sich schöne Variationsmöglichkeiten. Sehenswürdigkeiten, kulinarische Empfehlungen und Erlebnis-Tipps sind kurz und prägnant beschrieben und werden durch ansprechende Bilder ergänzt, weitere Informationen sind über die enthaltenen QR-Codes leicht abrufbar. Die Routenführung ist ebenfalls per QR-Code verfügbar und kann wahlweise über die ADAC Trips App genutzt oder per GPX-Koordinaten auf das eigene Navigationsgerät geladen werden. Im ebook wäre eine direkte Verlinkung wünschenswert gewesen. Für alle Auto- und Motorradfahrer ein interessanter und übersichtlicher Reiseführer, der einen Überblick über die wichtigsten Ausflugsziele verschafft. Er eignet sich gleichermaßen für Urlauber in der Region wie für Durchreisende, die bereits die Fahrt zum Urlaubsort zu einem schönen und abwechslungsreichen Erlebnis machen möchten.

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Veröffentlicht am 15.05.2024

Berührend und meisterhaft erzählt

Im Tal
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Toni Rosser wächst Anfang des 20. Jahrhunderts allein mit seinem Vater auf einem Einödhof in einem abgelegenen Bergtal in der Fränkischen Schweiz auf. Sein Vater ist unberechenbar und wird von allen gemieden, ...

Toni Rosser wächst Anfang des 20. Jahrhunderts allein mit seinem Vater auf einem Einödhof in einem abgelegenen Bergtal in der Fränkischen Schweiz auf. Sein Vater ist unberechenbar und wird von allen gemieden, er trinkt und hat für seinen Sohn nur Verachtung und Schläge übrig. Toni hat Angst vor ihm, er stottert, ist einsam und unsicher in Gegenwart anderer.
Die Erzählung beginnt mit dem Tod Toni Rossers 1968 und schildert aus auktorialer Perspektive Tonis Lebensgeschichte. Der Schreibstil ist klar und direkt, mit kurzen, einfachen und dennoch starken, berührenden Sätzen, die Tonis Innenleben sehr eindrücklich darstellen. Von Anfang konnte ich mich sehr gut in Toni einfühlen, seine Einsamkeit und Sehnsucht nach Liebe spüren, und ich hätte den kleinen Toni am liebsten immer wieder in den Arm genommen. Die Dämonen des gewalttätigen Vaters verfolgen ihn und lassen ihn keine Ruhe finden. Da Toni nie menschliche Nähe und Wärme kennengelernt hat, ist es ihm nicht möglich, seine emotionalen Bedürfnisse und Gefühle zu zeigen. Nach außen wirkt er wie ein komischer, gefühlsreduzierter Kauz, doch in seinem Inneren sieht es völlig anders aus. Niemand ahnt, welche Empfindsamkeit sich hinter seiner unbeholfenen und wortkargen Art verbirgt.
Toni ist ein Getriebener, der durch sein Leben und die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts stolpert, der rastlos ist und nie wirklich ankommt, den es fortzieht aus dem Tal und der dennoch nicht davon loskommt.
Meisterhaft zeigt Tommie Goerz, wie sich Kindheitstraumata über Generationen auswirken. Die Unfähigkeit zu echter zwischenmenschlicher Nähe ist im Roman allgegenwärtig, auch die Dorfgemeinschaft versagt darin, Toni Rosser in ihre Mitte aufzunehmen. Als Sohn seines Vaters ist er von Kindheit an ein Ausgestoßener. Nur die Frauen des Nachbargehöfts begegnen ihm mit Wohlwollen, bleiben dabei jedoch auch unbeholfen.
Einmal angefangen, hat mich dieses Buch nicht mehr losgelassen und ich habe es binnen eines Tages verschlungen. Tonis Geschichte hat mich tief berührt, und sie ist auch eine Mahnung, genauer hinzusehen und hinter die Fassaden zu blicken. Dieses Buch ist für mich definitiv eine der Entdeckungen dieses Frühjahrs und ich kann es nur wärmstens weiterempfehlen!

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Veröffentlicht am 14.05.2024

Konnte mich nicht erreichen

Welches Königreich
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„Welches Königreich“ handelt von fünf jungen Erwachsenen, die in einer Übergangs-Wohngruppe für psychisch Kranke in Dänemark leben. Das Buch ist aus der Perspektive einer namenlosen weiblichen Ich-Erzählerin ...

„Welches Königreich“ handelt von fünf jungen Erwachsenen, die in einer Übergangs-Wohngruppe für psychisch Kranke in Dänemark leben. Das Buch ist aus der Perspektive einer namenlosen weiblichen Ich-Erzählerin geschrieben, die als Borderlinerin Teil dieser Gruppe ist. Es handelt sich um keine in sich geschlossene fortlaufende Erzählung, sondern vielmehr um eine Aneinanderreihung einzelner Episoden, die das Zusammenleben innerhalb der Gruppe, die Ausprägungen der Krankheiten beschreiben und wie zufällige Momentaufnahmen wirken. Auch die Nebenwirkungen der Vielzahl an verordneten Medikamenten und die bürokratischen Entscheidungen innerhalb des Gesundheitssystems werden sichtbar und teilweise kritisiert. Die Ich-Erzählerin gewährt dem Leser Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt und lässt ihn an ihren Ängsten und Schwierigkeiten bei alltäglichen Aufgaben teilhaben. Allerdings habe ich mich immer wieder gefragt, wie der elaborierte und reflektierte Schreibstil mit einer unter stark dämpfenden Medikamenten stehenden Ich-Erzählerin in Einklang zu bringen ist. Das wirkte auf mich nicht authentisch. Die aneinandergereihten zusammenhanglosen Episoden verhinderten zudem einen gewissen Erzählfluss und bewirkten, dass ich zu der Geschichte und den Jugendlichen stark auf Distanz blieb. Hinzu kommt, dass ich den Schluss nicht logisch einordnen konnte – er ist vermutlich eher im übertragenen Sinne zu verstehen. Insgesamt hatte ich andere Erwartungen an das Buch und es konnte mich insgesamt leider nicht erreichen.

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