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Veröffentlicht am 18.03.2018

Historischer Kriminalroman

Tulpengold
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Tulpengold spielt zur Zeit des Malers Rembrandt van Rjjn, der von 1606 bis 1669 in Amsterdam lebte. Die Hauptfigur ist aber nicht Rembrandt, der berühmte Maler, sondern sein Lehrgeselle Pieter, der von ...

Tulpengold spielt zur Zeit des Malers Rembrandt van Rjjn, der von 1606 bis 1669 in Amsterdam lebte. Die Hauptfigur ist aber nicht Rembrandt, der berühmte Maler, sondern sein Lehrgeselle Pieter, der von seinem Vormund nach dem Tod seines Vaters und auf dessen Wunsch hin zu Rembrandt gebracht wird, um bei ihm eine Lehre als Kunstmaler zu absolvieren. Pieter ist ein äußerst talentierter, hochbegabter junger Mann, allerdings gilt er als Sonderling, da er über alle ihm gestellten Fragen lange nachdenkt und alle denkbaren Möglichkeiten mit mathematischen Thesen berechnet. Heute würde man sagen er leidet am Asperger Syndrom.
Zur Zeit Rembrandts ist der Tulpenhandel in den Niederladen weit verbreitet. Die Recht an den Knollen werden in einer Art Aktie verbrieft und weiterverkauft. Die Preise werden in unerschwingliche Höhen getrieben, wodurch sich viele Tulpenhändler an diesem Phänomen bereichern möchten. In diesem historischen Kriminalroman sterben einige solcher Tulpenhändler an Bleivergiftung - weswegen Rembrandt in den Verdacht gerät diese Männer ermordet zu haben, weil sie alle bei ihm ein Bild bestellt hatten und auch der berühmte Maler in Tulpen investiert hatte. Pieter versuchte seinem Meister zu helfen und die Morde mittels mathematischer Logik aufzuklären.
Eva Völler erzählt hier nicht nur über die Welt des Malens, die Engstirnigkeit und das Genie des Meisters Rembrandt, sondern auch über die harten Bedingungen unter denen die Lehrlinge eines Malers schuften mussten, Werke am Fließband erstellen und diese dann dem Meister Rembrandt als seine überlassen mussten, die er dann signiert mit seinem Namen teuer verkaufte.
Der Leser taucht ein in eine Welt des Tulpenhandels, die richtig verrückt anmutet und schließlich auch zu Bruch geht. Auch die Kriminalgeschichte der toten Tulpenhändler lässt den Leser mit Spannung erwarten, wer den tatsächlich die Morde und vor allem aus welchem Motiv begangen hat.
Mir hat das Buch gut gefallen, ich habe es in zwei Tagen "gesuchtet", weil ich wissen wollte, wer der Mörder der Tulpisten ist.
Ewas enttäuscht war ich vom Hauptcharakter Pieter - seine dauernden mathematischen Berechnungen wurden mit der Zeit mühsam zu lesen bzw. haben mich etwas gelangweilt. Die Sprache ist altertümlich angehaucht, dadurch kann sich der Leser in die Welt um 1600 gut vorstellen. Alles in Allem ein gutes Buch, das sehr spannend zu lesen ist und besonders für Freunde der Kunst und des Malens ein Genuß sein wird.

Veröffentlicht am 08.01.2018

Super Romandebüt

Das Erbe der Rosenthals
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Bereits das wunderschöne Buchcover des im Lübbe Verlag erschienenen Romans von Armando Lucas Correa „Das Erbe der Rosenthals“ lässt auf ein Buch schließen, das sich mit Abschied und Sehnsucht nach der ...

Bereits das wunderschöne Buchcover des im Lübbe Verlag erschienenen Romans von Armando Lucas Correa „Das Erbe der Rosenthals“ lässt auf ein Buch schließen, das sich mit Abschied und Sehnsucht nach der Heimat sowie der damit verbundenen Zerrissenheit beschäftigt. Ein Mädchen das einsam an Deck eines Schiffes steht und gedankenverloren auf die stille Weite des Meeres blickt; der Leser fragt sich sofort ohne nur eine Zeile gelesen zu haben, welches Schicksal dieses kleine Mädchen wohl ereilt hat.

Der Autor erzählt in 3 Erzählsträngen und 3 Abschnitten – aus Sicht der 12 jährigen Hannah, aus Sicht derselben jetzt 87 jährigen Hannah sowie aus der Sicht ihrer ebenfalls 12 jährigen Großnichte Anna - die Familiengeschichte der jüdischen Familie Rosenthal.
Der Leser taucht ein in die Welt des Jahres 1939 kurz vor Ausbruch des
2. Weltkrieges und erfährt wie die 12-jährige Hannah, ihre wohlhabenden, gebildeten Eltern sowie ihr Freund Leo und dessen Vater den immer größer werdenden Hass gegen Juden erleben. Hannahs Vater darf nicht mehr an die Uni zur Arbeit, die Mutter verschanzt sich nur mehr heulend in der Wohnung während Hannah und ihr Freund Leo trotz der Beschimpfungen wie „Gewürm“ nach wie vor Berlin als ihre Heimatstadt lieben und sie gemeinsam immer wieder aufs Neue erkunden.
Allerdings wird der Druck der Barbaren – wie Hannah die Nazis nennt – immer größer und die Rosenthals sowie Leo und sein Vater beschließen mit der St. Louis, einem großen Passagierschiff, nach Kuba zu fliehen.
Die Zeit auf diesem Schiff, das die Flüchtlinge nach Kuba bringen soll, ist die schönste Zeit im Leben von Hannah, sie wird wieder mit Respekt behandelt, tollt wie ein normales 12 jähriges Mädchen mit ihrem Freund Leo über das Schiff und kann einige unbeschwerte Stunden erleben. Die Fahrt nach Kuba endet allerdings in einer Tragödie, da Kuba den Flüchtlingen trotz bei Abreise gültiger Dokumente die Einreise verwehrt. In Kuba gehen nur ca. 20 Flüchtlinge von Bord, darunter Hannah und ihre schwangere Mutter, der Vater muss an Bord bleiben und stirbt schließlich in einem Konzentrationslager in Ausschwitz. Dieser Schicksalsschlag lässt Hannah und ihre Mutter ein Leben lang mit Kuba hadern, weil die Familie ohne Verabschiedung zerrissen wurde und Hannah von ihrer Jugendliebe Leo getrennt wurde, ohne ihn je wieder zu sehen. Das einzige was ihr von ihm blieb, war ein Ring, den sie ein Leben lang verschlossen aufbehält, um ihr Versprechen einzulösen, die Schachtel erst im Alter von 87 Jahren zu öffnen, sollten sie davor nicht wieder zusammenfinden.
Hannah bleibt auch von der Revolution in Kuba nicht verschont, bei dem ihr ein zweites Mal ihr hart erarbeitetes Eigentum und somit wieder ein Stück weit Freiheit genommen wird.

Parallel wird die Geschichte von Anna und ihrem Vater erzählt, den sie nie kennengelernt hat, weil er am 11. September 2001 beim Terroranschlag in New York ums Leben kam, bevor sie geboren wurde. Annas Mutter erhält Briefe von Hannah und so erfährt Anna, dass sie eine Großtante in Kuba hat. Sie besucht mit ihrer Mutter Hannah in Kuba und erfährt vom schrecklichen Schicksal der Großtante, vom Leben ihres Vaters auf Kuba und ist glücklich endlich ihre Wurzeln zu kennen. Hannah ihrerseits ist glücklich endlich eine „Erbin“ der Rosenthals zu haben, die ihrer würdig ist. Sie nimmt sogar wieder ihren ursprünglichen Namen „Rosenthal“ an, den sie auf „Rosen“ geändert hatte, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen und ihre jüdischen Hintergrund zu verschleiern.

Das Erbe der Rosenthals ist ein sehr aufwühlender Roman, in dem der Leser hautnah erfährt, wie es sich anfühlt diskriminiert zu werden aufgrund von Religion oder Abstammung. Dass die St. Louis tatsächlich in See gestochen ist und fast alle der Flüchtlinge auch starben verleiht dem Roman noch zusätzliche Dramatik, obwohl die Handlung eine fiktive ist. Bis heute hat Kuba kein Schuldzugeständnis zum Einreiseverbot gemacht.

Der Roman zeigt auch wie schnell sich Geschichte wiederholen kann, hier bei einer einzigen Familie, auf verschiedenen Kontinenten viele Jahrzehnte später.

Der flüssige und gefühlvolle Schreibstil geht dem Leser sofort ans Herz und rührt stellenweise zu Tränen. Ich kann dieses Familienepos nur jedem empfehlen, da dieser Roman zum Nachdenken anrührt und länger im Gedächtnis bleibt, als so manch andere Geschichte und aufzeigt wie wichtig Heimat und Familie schlussendlich wirklich ist.