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Veröffentlicht am 06.11.2025

Schuld und Sühne - Ein Ruhrpottmärchen

Der Markisenmann
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"Der Markisenmann“ ist für mich ein modernes Märchen. Ich liebe ja Märchen – habe auch selbst schon einige geschrieben. Ergo: Ich liebe dieses Buch!
Die Prinzessin heißt Kim. Sie ist 15 Jahre alt, total ...

"Der Markisenmann“ ist für mich ein modernes Märchen. Ich liebe ja Märchen – habe auch selbst schon einige geschrieben. Ergo: Ich liebe dieses Buch!
Die Prinzessin heißt Kim. Sie ist 15 Jahre alt, total verwöhnt und zu Beginn ein Paradebeispiel für einen wohlstandsverwahrlosten Teenager.
Als einziges Mitglied ihrer Familie heißt sie Papen mit Nachnamen. Das verdankt sie ihrem Vater, von dem sie aber nur ein – im wahrsten Sinne des Wortes – verschwommenes Bild hat.

In diesem Märchen gibt es zur Abwechslung mal einen bösen Stiefvater: Er ist konsumorientiert und überaus reich. Im Gegensatz zu Kim wird ihr kleiner Bruder emotional überversorgt.
Und dann passiert es: Der rebellischen, schwierigen Prinzessin brennen die Sicherungen durch – und sie wird ins Straflager „Tochterknast“ geschickt.

UNERHÖRT! ist das Lieblingswort von Ronald Papen, der auf einem Schrottplatz lebt und ein von Grund auf anständiger, entwaffnend ernsthafter und würdevoller Markisenvertreter ist. Und nachträglich hätte sich die Prinzessin wohl dasselbe gedacht. Ach nein, das war so: „Er kam auf mich zu, und ich war wirklich auf Anhieb vollkommen enttäuscht.“
In Wirklichkeit hat sie natürlich auf Anhieb erkannt, wer sie selbst war – ohne es zu wollen.

Ziemlich überfordert von der Situation, ist Kim zu müde zum Fliehen – und dann muss sie sich um eine Pfütze auf dem Schrottplatz kümmern. Sie gießt sie gewissenhaft, weil sie es nicht ertragen könnte, dass die Pfütze verschwand ...

Am Schrottplatz leben noch andere liebenswerte Menschen – und Prinz Alik. Jedes Märchen braucht immerhin einen Prinzen, oder? Halb Russe, halb Tunesier, trennt er mit großer Ernsthaftigkeit Altmetall von anderen Stoffen.

An diesem Buch ist alles stimmig: Vom 70er-Jahre-Cover, das sich anfühlt, als wäre es aus einem von Ronald Papens Markisenstoffen gemacht, bis zum Titel. Und es gibt wieder eine Playlist, die den Leser auf eine Zeitreise mitnimmt.

Ein Jugendbuch ist der „Markisenmann“ von Jan Weiler eher nicht. Ich würde es ein Ruhrpott-Märchen über Schuld und Sühne für Erwachsene nennen – obwohl man keineswegs aus dem Ruhrpott kommen muss, um es zu lieben.

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Veröffentlicht am 06.11.2025

Yoga - Hippie-Trail - Indien - Beatles

Yoga Town
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Der Titel „Yoga Town“ hat mich sofort angesprochen. Ist doch für mich Yoga mehr als eine Sportart. Allerdings beschäftigt sich der Autor, Daniel Speck, weniger mit der Philosophie, sondern mehr mit der ...

Der Titel „Yoga Town“ hat mich sofort angesprochen. Ist doch für mich Yoga mehr als eine Sportart. Allerdings beschäftigt sich der Autor, Daniel Speck, weniger mit der Philosophie, sondern mehr mit der Herkunft und wie der Trend seinen Weg in den Westen gefunden hat. Natürlich schön verpackt in eine, auf den ersten Blick, spannende Geschichte.

Es geht um Lucy, eine Yogalehrerin, die noch nie in Indien war. Das muss ja nichts heißen, aber darüber hinaus hat sie einen Burnout. Ausgerechnet beim IKEA. Da fing ich insgeheim an, ihre Yoga-Qualitäten zu hinterfragen. Dann verschwindet ihre Mutter spurlos und alles deutet darauf hin, dass es mit einem Geheimnis zusammenhängt, das sich vor Lucys Geburt in Indien ereignet hat. Super. Ich liebe Geheimnisse. Das ist der Stoff für unterhaltsame Romane. Lucys Eltern waren also den Hippie-Trail gepilgert, weil es damals dem Zeitgeist entsprochen hat und dies auch ihre Idole, die Beatles, taten.

Im weiteren Verlauf erfährt man, was sich 1968 in Indien wirklich ereignet hat und eigentlich plätschert die Geschichte so ganz gut lesbar dahin. Ich habe einiges über Rishikesh erfahren. Dass nicht nur die Beatles, sondern noch viele andere Promis dorthin gereist sind, um Erleuchtung zu finden. Richtig spannend ist es allerdings nie geworden. Na gut, ist ja auch nur ein Roman und kein Thriller. Mich hat mehr gestört, dass eigentlich alle vorkommenden Protagonisten ziemlich unsympathisch rüberkommen. Das passt für mich nicht zusammen. Wie kann man total oberflächlich sein und trotzdem nach Bewusstseinserweiterung streben? Nur weil es gerade in ist? Lou, Lucys Vater ist für mich der interessanteste Charakter der Geschichte. Er ist authentisch und man gewinnt ihn beim Lesen immer lieber. Doch ausgerechnet er ist natürlich die tragische Figur des Buches. Am Ende löst sich alles auf, doch er muss, nachdem man endlich erfährt, warum er es nie geschafft hat, etwas aus seinem Leben zu machen, trotzdem sterben. Ich hasse so was. Das verdirbt mir die ganze Freude am Buch. Ich finde, jeder Roman sollte, so wie es bei den Filmen üblich ist, einen Zusatz dabei stehen haben, ob es sich um eine Tragödie, oder ein Drama handelt. Dann lasse ich nämlich lieber gleich die Finger davon.

Mein Fazit: Das Buch nimmt einen nicht wirklich auf eine spirituelle Reise mit, aber wer sich damit abfinden kann, dass es nicht immer ein Happy End geben muss, kann sich gerne selbst eine Meinung bilden. Die Hintergründe erschienen mir gut recherchiert und machten Lust, in ein paar alte Beatles-Lieder reinzuhören.

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Veröffentlicht am 29.03.2024

Eine Billion Dollar

Eine Billion Dollar
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Dass „Eine Billion Dollar“ letztes Jahr verfilmt wurde, habe ich erst nach dem Lesen des Buches erfahren. Ich frage mich nur, warum das 22 Jahre gedauert hat? Erschienen ist der Roman das erste Mal 2001. ...

Dass „Eine Billion Dollar“ letztes Jahr verfilmt wurde, habe ich erst nach dem Lesen des Buches erfahren. Ich frage mich nur, warum das 22 Jahre gedauert hat? Erschienen ist der Roman das erste Mal 2001. Ich liebe gut recherchierte Schmöker und für die 887 Seiten habe ich immerhin nur ein paar Tage gebraucht. Gut ich bin gerade verletzt und kann nicht viel anderes machen, aber dieses Buch von Andreas Eschbach ist so spannend und regt gleichzeitig zum Nachdenken an, wie man es vom Autor halt gewohnt ist.

Ich will mir gar nicht vorstellen, wie viel Recherchearbeit in dem Werk steckt. Die Serie habe ich noch nicht gesehen. Es hat sich in den letzten 23 Jahren viel getan. Die filmische Umsetzung würde mich schon interessieren.

Die Idee finde ich genial. John, ein New Yorker Fahrrad-Pizza-Lieferant erbt durch mysteriöse Umstände eine Billion Dollar. Eigentlich eine Trillion, würde man nach englischen Maßstäben rechnen. Jedenfalls ein undenkbares Vermögen. Die Erbschaft ist an eine Prophezeiung geknüpft. Er soll mit dem Kapital der Menschheit die verlorene Zukunft wiedergeben. Natürlich steht der arme Junge vor einer schier unlösbaren Aufgabe, denn im Prinzip will er am liebsten genau das machen, was sein Ahn vorhergesehen hat. Doch wo anfangen? Armut bekämpfen? Die Umweltzerstörung stoppen? Das Bevölkerungswachstum eindämmen?

Geld bedeutet Macht. Die Bestimmung stürzt ihn in Selbstzweifel und er fühlt sich trotz des ganzen Reichtums ohnmächtig. John muss erkennen, dass nicht jeder seiner Berater dieselben moralischen Ansichten vertritt, wie er. Und alles Geld erleichtert es nicht, die Liebe seines Lebens zu finden und zu halten.

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Veröffentlicht am 28.12.2023

Anmutig und poetisch

Der ganze Himmel
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„Eine Bulldoggenameise krabbelt über einen Fluch.“ Wir befinden uns im Jahr 1936 am Hollow Wood Friedhof von Darwin, wo Molly Hook aufwächst. Der Fluch ist Teil der Inschrift des Grabes ihres Großvaters. ...

„Eine Bulldoggenameise krabbelt über einen Fluch.“ Wir befinden uns im Jahr 1936 am Hollow Wood Friedhof von Darwin, wo Molly Hook aufwächst. Der Fluch ist Teil der Inschrift des Grabes ihres Großvaters. Das Mädchen ist noch zu klein, um die ganze tragische Bedeutung des dicht gedrängten Textes zu verstehen und warum sich ihre Mutter genau hier für immer von ihr verabschiedet. Sechs Jahre später redet sie mit dem Himmel, nennt sich selbst das Totengräbermädchen und ihr zweitbester Freund ist eine dreckige Schaufel namens Bert.

Und wieder habe ich ein Buch von Trent Dalton verschlungen. In „Der ganze Himmel“ verschmelzen dieses Mal auf poetisch anmutige Art und Weise die Erinnerungen der jungen Molly mit der brutalen Realität zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Ihr Vater und Onkel sind die Totengräber von Darwin, Leichenfledderer und stadtbekannte Säufer. Als die Stadt evakuiert wird, befinden sie sich wieder auf einem Saufgelage. Molly, auf sich alleine gestellt, beschließt, den Toten ihre geraubten Schätze zurückzugeben. Der brutale Onkel erwischt sie dabei und lässt sie ihr eigenes Grab schaufeln. Der Luftangriff der Japaner verhindert das Schlimmste, zerfetzt aber ihren Vater, der sich im letzten Moment zwischen sie und seinen gnadenlosen Bruder stellt.

Molly flieht gemeinsam mit der saloppe Sprüche klopfenden Schauspielerin Greta Maze aus der Stadt. Und hier beginnt ein spannender Roadtrip durchs australische Outback. Das Totengräbermädchen sucht nach dem alten Zauberer, der ihre Familie verflucht hat. Ein trauriger japanischer Kampfpilot, der nicht mehr kämpfen will, fällt vom Himmel und direkt vor ihre Füße. Sie wandern entlang eines schmalen Grades. Auf der einen Seite die paradiesische Landschaft Australiens, auf der anderen wartet das abgrundtief Böse.

Wieder ein ergreifendes, philosophisches, realistisches, emotionales und humorvolles Werk voller Geheimnisse von Trent Dalton, dass man erst wieder aus der Hand legen kann, wenn das letzte Kapitel zu Ende ist.



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Veröffentlicht am 28.12.2023

Anmutig und poetisch

Der ganze Himmel
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„Eine Bulldoggenameise krabbelt über einen Fluch.“ Wir befinden uns im Jahr 1936 am Hollow Wood Friedhof von Darwin, wo Molly Hook aufwächst. Der Fluch ist Teil der Inschrift des Grabes ihres Großvaters. ...

„Eine Bulldoggenameise krabbelt über einen Fluch.“ Wir befinden uns im Jahr 1936 am Hollow Wood Friedhof von Darwin, wo Molly Hook aufwächst. Der Fluch ist Teil der Inschrift des Grabes ihres Großvaters. Das Mädchen ist noch zu klein, um die ganze tragische Bedeutung des dicht gedrängten Textes zu verstehen und warum sich ihre Mutter genau hier für immer von ihr verabschiedet. Sechs Jahre später redet sie mit dem Himmel, nennt sich selbst das Totengräbermädchen und ihr zweitbester Freund ist eine dreckige Schaufel namens Bert.

Und wieder habe ich ein Buch von Trent Dalton verschlungen. In „Der ganze Himmel“ verschmelzen dieses Mal auf poetisch anmutige Art und Weise die Erinnerungen der jungen Molly mit der brutalen Realität zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Ihr Vater und Onkel sind die Totengräber von Darwin, Leichenfledderer und stadtbekannte Säufer. Als die Stadt evakuiert wird, befinden sie sich wieder auf einem Saufgelage. Molly, auf sich alleine gestellt, beschließt, den Toten ihre geraubten Schätze zurückzugeben. Der brutale Onkel erwischt sie dabei und lässt sie ihr eigenes Grab schaufeln. Der Luftangriff der Japaner verhindert das Schlimmste, zerfetzt aber ihren Vater, der sich im letzten Moment zwischen sie und seinen gnadenlosen Bruder stellt.

Molly flieht gemeinsam mit der saloppe Sprüche klopfenden Schauspielerin Greta Maze aus der Stadt. Und hier beginnt ein spannender Roadtrip durchs australische Outback. Das Totengräbermädchen sucht nach dem alten Zauberer, der ihre Familie verflucht hat. Ein trauriger japanischer Kampfpilot, der nicht mehr kämpfen will, fällt vom Himmel und direkt vor ihre Füße. Sie wandern entlang eines schmalen Grades. Auf der einen Seite die paradiesische Landschaft Australiens, auf der anderen wartet das abgrundtief Böse.

Wieder ein ergreifendes, philosophisches, realistisches, emotionales und humorvolles Werk voller Geheimnisse von Trent Dalton, dass man erst wieder aus der Hand legen kann, wenn das letzte Kapitel zu Ende ist.



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