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Veröffentlicht am 27.09.2018

Warum ist es am Rhein so schön?

Die vergessene Burg
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Dieser Frage gingen viele Engländer schon im 19. Jahrhundert nach und bereisten das Rheinland. Vielen davon gefiel es dort so gut, dass sie sich dort, vorzugsweise in Bonn, niederließen. Das war damals ...

Dieser Frage gingen viele Engländer schon im 19. Jahrhundert nach und bereisten das Rheinland. Vielen davon gefiel es dort so gut, dass sie sich dort, vorzugsweise in Bonn, niederließen. Das war damals eine gemütliche Stadt mit viel Lokalkolorit und herrlichen Ausblicken auf Rhein und den Drachenfels (an denen sich im Übrigen bis zum heutigen Tage nicht allzuviel geändert hat). Doch auch Kultur und Bildung spielten bereits eine Rolle: just im Jahre 1818 hatte der preußische König Friedrich III. dort eine Universität im Humboldtschen Geiste begründet - also in der Tat ein anregendes und für viele verlockendes Pflaster.

Im Jahre 1868 zieht es auch Paula Cooper, die ein zurückgezogenes Leben als Gesellschafterin einer kränklichen Verwandten führt, dorthin. Doch ihre Gründe sind ganz andere: Sie erhält einen Brief von ihrem dort lebenden Onkel Rudy, dem Bruder ihres längst verstorbenen Vaters, von dessen Existenz sie bislang gar nichts wusste. Rudy ist leider schwer erkrankt und möchte sie vor seinem Tode kennenlernen. Warum will Paulas Mutter, die kühle Margaret, diesen Besuch verhindern?

Paula jedoch lässt sich nicht aufhalten und in Bonn angekommen, offenbart sich ihr eine vollkommen neue Welt, die nicht nur das Kennen- und Schätzenlernen ihres bezaubernden Onkels, sondern auch die Begegnung mit einem für sie ganz neuen Lebensstil, einer fremden, aber auch sehr offenen Kultur und vielen faszinierenden Menschen umfasst. Und sie stellt fest, dass sie bisher fast nichts über ihre Herkunft und die Familiengeschichte wusste und dass es noch so einige Geheimnisse zu ergründen gibt, deren Auflösung sie merkwürdigerweise in Deutschland, genauer gesagt: am Rheinufer näher zu kommen scheint.

Susanne Goga hat schon durch ihre historischen Krimis um Kommissar Leo Wechsler im Berlin der 1920er Jahre ihr großartiges Talent in Sachen historische Romane unter Beweis gestellt: auf der einen Seite recherchiert sie akribisch und integriert fundierte, oft wenig bekannte Fakten in ihre Handlung, auf der anderen Seite bietet sie eine fiktive Geschichte mit jeder Menge Spannung und Emotionen - aber ohne jeglichen Kitschfaktor.

Auch hier ist ihr dies wieder aufs Trefflichste gelungen: "Die vergessene Burg" ist ein ebenso packender wie dramatischer und kluger Roman um das Schicksal einer nicht mehr ganz jungen Engländerin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nicht nur gelingt es ihr, das Porträt einer ebenso typischen wie untypischen Frau des 19. Jahrhunderts zu zeichnen, nein, sie bettet diese auch elegant und gekonnt in die historischen Gegebenheiten ein und zeichnet so ein faszinierendes Bild vom Leben vor allem der gehobenen Mittelschicht in England und Deutschland in dieser Zeit.

Ein ganz großartiges Leseerlebnis ist es, das Ihnen mit diesem wunderbaren Buch geboten wird. Susanne Goga bleibt ihrem gewohnt eloquenten und eindringlichen Stil, der stets von Humor begleitet wird, treu. Für mich als Rheinländerin ein ganz besonderer literarischer Genuss, der lange nachhallen wird und dazu einlädt, sich auch weiterhin mit der Geschichte Deutschlands, Englands, Frankreichs und weiterer Länder, vor allem aber: mit der Geschichte der Frauen zu beschäftigen. Definitiv eines meiner literarischen Highlights in den letzten Monaten!

Veröffentlicht am 22.09.2018

Carol Jordan und Tony Hill - die Zehnte!

Rachgier
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Alleinstehende Frauen sind hier die Opfer und in recht kurzer Zeit kann das Muster eines offensichtlichen Serientäters ermittelt werden: Er findet seine Opfer stets auf Hochzeiten, zu denen er keineswegs ...

Alleinstehende Frauen sind hier die Opfer und in recht kurzer Zeit kann das Muster eines offensichtlichen Serientäters ermittelt werden: Er findet seine Opfer stets auf Hochzeiten, zu denen er keineswegs eingeladen ist. Warum dies dennoch möglich ist und wie er diese Frauen dazu bringt, ihm zu vertrauen - das ist die Frage, die sich ein neu konstruiertes Team um Carol Jordan zu stellen hat. Ein Haufen unterschiedlichster Experten ist es, die sie um sich gesammelt hat und es ist fesselnd zu lesen, wie sie - jeder auf seine Art - an den Fall herangehend.

Ein toll geschriebenes, eindringliches Buch mit intensiv und wirkungsvoll dargestellten Charakteren. Vor allem das Ermittlerteam um Carol Jordan wird so plastisch dargestellt, dass ich mich als Leserin streckenweise wie ein Teil dieses Teams fühlte. Keine
Frage, dass die seit Jahren erfolgreiche Autorin Val McDermid schreiben kann wie sonst kaum eine und nicht nur im Vergleich zu Kollegen aus dem Krimi-Genre die Nase ganz weit vorne hat. Und gerade Personenbeschreibungen sind ihre Stärke, das wird hier noch einmal sehr deutlich.

Dennoch erlebte ich diesmal eine kleine Enttäuschung, obwohl ich das Buch bis zum Ende mit Genuss gelesen habe. Sagen wir mal: fast bis zum Ende. Denn gerade das Ende war es, das aufgrund von Tonys und CarolsDer Hauptgrund - die Auflösung mit all ihren Facetten war zu absehbar und deutete sich für mich im großen und ganzen ab dem letzten Drittel des Buches an.

Ein bisschen erinnert mich dieser Krimi an die letzten Werke ihrer Landsmännin Barbara Vine, wo das aufgebaute Konstrukt von "Suspense" - um einmal den berühmten, von Hitchcock geprägten Begriff zu bemühen - und Spannung nicht ganz bis zum Schluss. aufrecht erhalten werden kann. Aber das ist Meckern auf hohem, wenn nicht höchsten Niveau und dieser Band fügt sich durchaus würdig in die Jordan-Hill-Reihe ein. Wobei es am Ende durchaus Überraschungen gibt - halt in einem anderen Sinne als dem klassischen Showdown. Seien Sie also gespannt, denn Val McDermid ist eine Zitrone, in der noch sehr viel Saft ist. Was sich in diesem Krimi in einer etwas unerwarteten, doch durchaus stimmigen Form offenbart. Typisch Val McDermid eben!

Veröffentlicht am 21.09.2018

Love is in the Air

Gschlamperte Verhältnisse
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und zwar nicht nur bei Sophie, die ihren beiden Galanen - und erbitterten Konkurrenten - Charlie und Joe Obdach gewährt und zwar gleichzeitig. Nein, es finden auch Morde statt, bei denen es Frauen mit ...

und zwar nicht nur bei Sophie, die ihren beiden Galanen - und erbitterten Konkurrenten - Charlie und Joe Obdach gewährt und zwar gleichzeitig. Nein, es finden auch Morde statt, bei denen es Frauen mit Hund trifft. Dass das schon seit einigen Jahren so geht, sodass einige "Cold Cases" (ich kenne den bayerischen Begriff nicht) dabei sind, kommt - wie so vieles in Garching - durch Zufall heraus. Kann es sein, dass auch bei diesen bemitleidenswerten Damen Love in the air war bzw. ihnen vorgegaukelt wurde?

Da ein bestimmter Monat offenbar besonders im Fokus des Mörders und zudem noch vor der Tür steht, muss Sofie mal wieder scharf nachdenken - und sezieren. Natürlich mit den gewohnten Hindernissen im Weg, allen voran ihrer Chefin Dr. Iglu, die gerade ganz besonders strange drauf ist.

Klar, dass sie nicht allein dasteht, wohnt sie doch sogar derzeit bei ihrer großen Stütze Tante Vroni, wodurch sowohl sie wie auch Murmelchen in den Genuss der besten Küche Garchings kommen. Und die beiden Konkurrenten um Sofies Gunst Jo Lederer sowie der Reporter Charlie sowie weitere Akteure scharwenzeln sowieso ständig um sie herum, von Mops Murmelchen ganz zu schweigen. Aber ob das der Lösung der Fälle dienlich ist - man wird sehen.

Die Autorin Felicitas Gruber, hinter der sich ein Team aus zwei erfolgreichen Frauen mit viel Erfahrung, vor allem jedoch Begabung und Erfolg im schreibenden Metier verbirgt, schreibt durchgehend dynamisch, witzig und spritzig. Längen sucht man hier genau wie logische Fehler vergeblich, der ein oder andere eher bayernfernere Leser wie ich müsste jedoch evtl. den ein oder anderen Begriff, die ein oder andere Wendung nachschlagen. Aber das lohnt sich hundertprozentig, man wird mit einem Feuerwerk aus Spannung, Spaß und Stil belohnt.

Ich jedenfalls bleibe am Ball und freue mich schon auf den nächsten Band mit Sofie und den ihrigen!

Veröffentlicht am 20.09.2018

Eine neue Protagonistin ist wie ein neues Leben

Jenseits von Wut
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Jedenfalls in der (Bochumer) Welt von Lucie Flebbe, die bisher von Lila Ziegler dominiert wurde: ganze neun Krimis umfasst die Reihe, in der die zunächst noch sehr mädchenhaft, wenn nicht gar kindlich ...

Jedenfalls in der (Bochumer) Welt von Lucie Flebbe, die bisher von Lila Ziegler dominiert wurde: ganze neun Krimis umfasst die Reihe, in der die zunächst noch sehr mädchenhaft, wenn nicht gar kindlich wirkende Hauptfigur eher durch Zufall in Kriminalfälle hineingerät und diese auch (mit)löst - und zwar auf sowohl originelle wie auch fesselnde Art und Weise.


Die neue Frau im Fokus ist da ein ganz anderes Kaliber: Eddie Beelitz ist eine gestandene Frau mit einer fundierten Ausbildung: sie ist nämlich Polizistin. Eigentlich. Denn im Moment geht sie so ziemlich auf dem Zahnfleisch, hat sie sich doch ziemlich abrupt von ihrem Mann getrennt - ein Schritt, den - wie ihr klar wird - sie schon längst hätte machen sollen. Wie sie das alles regeln soll, ist ihr noch gar nicht so richtig klar, zumal ein Kampf um die gemeinsame fünfjährige Tochter Lotti entbrennt.


Wie gut, dass sie in ihrem alten Job mit offenen Armen empfangen wird und gleich in eine Mordermittlung gerät, die mit ihre Halbtagsstelle kein bisschen zu vereinbaren ist. Eine junge Frau ist ermordet worden und der Fall führt Eddie und ihren Kollegen, nämlich ihren neuen Chef Adrian Adamkowitsch, der früher mal eine ganz andere Funktion in ihrem Leben einnahm, mitten ins Jobcenter - wo sie so gar nicht mit offenen Armen erwartet werden!


Man kann sich gut ausmalen, dass es bei Eddie aufgrund der eingreifenden Veränderungen sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich ganz schön bunt zugeht - immerhin hat sich ja ihr ganzes Umfeld verändert. Allerdings ist eines geblieben - sowohl in ihrem vorigen als auch in ihrem jetzigen Leben gab es einige dunkle Gestalten, die ihr das Leben schwergemacht haben bzw. dies gerade tun.


Doch die neue, als Trilogie ausgelegte Serie, bringt uns nicht nur Eddie, sondern einen weiteren Charakter, aus dessen Sicht im Wechsel mit Eddie berichtet wird. Dessen Rolle ist um einiges kleiner, doch um einiges furchteinflößender: nicht nur sein Name, nämlich Zombie erschreckt, nein, auch seine Worte tun dies! Was es mit diesem Wesen auf sich hat - nun, da muss der Leser richtig viel Geduld aufbringen, um das zu erfahren.


Lucie Flebbe schreibt wie gewohnt locker-lässig und spannend zugleich und hat auch den ein oder anderen Gag parat - genau, wie man es von ihr kennt. Wem Lila jetzt schon fehlt, der sollte sich nicht zu große Sorgen machen: Eddie ist zwar kein Ersatz, doch eine wundervolle Ergänzung. Ich zumindest habe von der ersten bis zur letzten Seite genauso begeistert und gespannt gelesen, wie es bei jedem Band der Vorgängerreihe der Fall war und empfehle "Jenseits von Wut" ohne Vorbehalt.

Veröffentlicht am 20.09.2018

Very british unterwegs in der Schweiz

Ich war Diener im Hause Hobbs
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Das betrifft sowohl den Roman in seiner Gänze als auch dessen Protagonisten, nämlich Christian Kauffmann aus Feldkirch in der Schweiz, einem Ort, der sich solch prägnanter Ereignisse wie der Durchreise ...

Das betrifft sowohl den Roman in seiner Gänze als auch dessen Protagonisten, nämlich Christian Kauffmann aus Feldkirch in der Schweiz, einem Ort, der sich solch prägnanter Ereignisse wie der Durchreise von James Joyce rühmt. Krischi, wie er von (Jugend)Freunden - das sind Olli, Isi und Göschi, die in der Handlung von durchaus relevanter Bedeutung sind und zwar durchgehend - und Familie genannt wird, entscheidet sich für einen eher ungewöhnlichen beruflichen Weg: er wird Butler und lernt diesen Beruf von der Pieke auf.

Auch wenn es für Butler eher üblich ist, in einem hochbesternten Großstadthotel anzuheuern, entscheidet sich Krischi dafür, zunächst in einem Züricher Privathaushalt anzuheuern, nämlich bei Familie Hobbs und wird dort zu Butler Robert. Er geht ganz darin auf, und bleibt dort über ein Jahrzehnt, viel länger als gedacht und hat sich eine ganz bestimmte Position, ein ganz spezielles Verhältnis zur Familie erworben. Auch mit seinen Freunden und mit Feldkirch insgesamt hält er den Kontakt und pflegt zudem eine Beziehung zum Amerikaner John.

Doch ganz gegen seinen Willen fließen seine beiden Welten - das Privatleben und die Berufswelt aufs fatalste Zusammen und er kann nichts tun, um dieses zu verhindern.

Ein komplexes und sehr besonderes Buch ist es, das die Schweizerin Verena Rossbacher geschrieben hat: ihr dritter Roman. Man könnte auch sagen, er sei kompliziert im Sinne von umständlich, denn im ersten Teil wird sehr detailliert eine Handlungsbasis, eine Art Bühne geschaffen, bevölkert mit Figuren und Handlungsorten. Doch wenn man sich geduldig auf den Stil einlässt, stellt sich all das als sehr passend heraus, genau überlegt und in die Wege geleitet für ein fulminantes Finale.

Zudem ein - zumindest aus meiner Sicht - ein sehr britisches Vorgehen, das die satirischen Elemente dieses Romans - die durchaus zahlreich vorhanden sind, bestens zur Geltung bringt. Darüber hinaus spielt Verena Rossbacher mit der Wahrheit - der realen und der Wahrheit(en) des Romans, dass es eine Freude ist.

Wer Lust hat auf ein ungewöhnliches Leseerlebnis, das leichtfüßig daher kommt, dennoch höchste Konzentration bei der Lektüre erfordert - um wirklich jedes Detail mitzubekommen und es überhaupt zu verstehen, sollte man imstande sein, den Text in seiner Gänze zu würdigen und damit meine ich: Wort für Wort, der sei herzlich ermuntert, zu diesem Buch zu greifen. Er wird es nicht bereuen!