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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.07.2018

Nicht aus Kurpfalz

Tote Jäger schießen nicht
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sondern mitten aus dem Pott, nämlich aus Bochum, kommt der Jäger Hannes Schreiber, der - Nomen est Omen - hauptberuflich Journalist ist.

Er ist nun im tiefsten Osten gelandet, im Oderbruch, wo er mit ...

sondern mitten aus dem Pott, nämlich aus Bochum, kommt der Jäger Hannes Schreiber, der - Nomen est Omen - hauptberuflich Journalist ist.

Er ist nun im tiefsten Osten gelandet, im Oderbruch, wo er mit Gesinnungsgenossen auf die Pirsch geht.

Obwohl Schreiber wie ich ein Riesen-Dylan-Fan ist und ständig Songs von diesem Barden, mittlerweile ja sogar Nobelpreisträger, zitiert werden, kann ich mit ihm nicht warm werden. Oder vielmehr: nicht mehr.

Denn ich habe vor einigen Jahren den damals frisch erschienenen Band "Das Karpaten-Projekt" gelesen und durchaus genossen. Ich habe das Buch längst nicht mehr, um es zu überprüfen, aber ich gehe davon aus, dass ich mich über solch machohaften Sprüche, wie sie hier reihenweise vorkommen und veraltete Anspielungen v.a. auf Politik auch damals nicht amüsiert hätte. Dazu muss man sagen, dass "Tote schiessen nicht" in einer Neuauflage veröffentlicht wurde und erstmals 2004 auf dem Markt war, das war sieben Jahre vor der Veröffentlichung des genannten Folgebandes. Und hier wird ständig über "den Gerd" (Schröder) gesprochen, der politisch ja schon längst von der Bühne ist. Möglicherweise ist dieser Band auch einfach zu veraltet für eine Neuauflage, ich hatte daran jedenfalls keinen Spaß, auch wenn ich die durchaus originellen und eigenwilligen Kapitel, die die Wölfe betreffen, ganz gerne gelesen habe.

Aber insgesamt machte mir dieser Band nur eingeschränkt Freude und ich werde sicher so bald nicht wieder zu einem Schreiber-Krimi greifen. Es gibt zu viel wirklich Spannendes und Fesselndes - durchaus auch zu Wölfen!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Unverhofft kommt oft!

Angstmörder
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So griff ich eher aus Zufall zu diesem Buch - und stieß auf ein wahres Schätzchen, ein ebenso eindringliches wie innovatives Werk aus der Krimi- und Thrillerliteratur. Krimi UND Thriller? Ja durchaus, ...

So griff ich eher aus Zufall zu diesem Buch - und stieß auf ein wahres Schätzchen, ein ebenso eindringliches wie innovatives Werk aus der Krimi- und Thrillerliteratur. Krimi UND Thriller? Ja durchaus, denn hier werden unterschiedliche Elemente miteinander verknüpft, eine durchgehende, ganz und gar nicht subtile Bedrohung, also ein klares Thrillermerkmal steht hier neben einem zwar sehr ungewöhnlichen und damit einzigartigen Ermittlergespann und anderen deutlichen Whodunnit-Merkmalen, die aus meiner Sicht eindeutig aus der Kriminalliteratur kommen.

Worum es geht: der erfolglose Kölner Anwalt mit deutschrussischen Wurzeln, Nicholas Meller, gerät durch einen ehemaligen Mandanten, der ihn wieder als Verteidiger wünscht, in den Sog laufender Ermittlungen eines ganz besonders widerwärtigen Falles: sein neuer Mandant wird verdächtigt, seine eigene Ehefrau brutal mißhandelt und getötet zu haben. Wie sich zeigt, nur der Anfang eines Kriminalfalles, der ein Fass ohne Boden zu werden droht. Und das, wo Meller doch noch nie mit einem Mordfall zu tun hatte!

Aber auch auf anderer Ebene gibt es Neues bei Nicholas Meller - er, der keinen bzw. definitiv keinen guten Ruf hat, kommt von jetzt auf gleich an eine Referendarin. So unpassend sie scheint, irgendwann raufen sich die beiden zusammen und stecken tief in den Ermittlungen. Denn es bleibt nicht bei dem einen Fall!

Lorenz Stassen, bisher hauptsächlich als Drehbuchautor für Fernsehkrimis unterwegs, ist - wie sich in seinem ersten Thriller zeigt - ein Mann mit vielen Ideen, einer, der Wege gefunden hat, die wirklich noch kein bisschen ausgetreten sind, auch wenn es zunächst so scheint. Dass er sich in seiner Originalität nicht verheddert - nein, es bleibt wirklich vom Anfang bis zum Ende spannend - ist der zweite positive Faktor, der mir aufgefallen ist. Dazu kommen außergewöhnliche und gut konstruierte Figuren. Und dann gibt es noch einen Punkt, der eher individuell eine Rolle für mich spielt: das Geschehen ist in meiner Heimatstadt Köln angesiedelt, die zwar keine große Rolle spielt, aber ab und zu durchaus ihren Charme - ja, den gibt es - einbringt.

Für all das verzeihe ich dem Autor kleinere Mängel wie ab und zu aus meiner Sicht zu machomäßige Wendungen - die brutale Russenmafia und diverse Szenen, in denen Sex auf verschiedene Weise eine Rolle spielte, hätten aus meiner Sicht nicht vorkommen müssen. Zudem verlaufen einige Erzählstränge völlig im Sande - ein Aspekt, der gerade bei Thrillern und Krimis aus meiner Sicht unverzeihlich ist. Aber nicht hier, denn diese Lektüre möchte ich keinesfalls missen und empfehle sie sowohl Krimi- als auch Thrillerfans uneingeschränkt weiter!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Jeder ist sich selbst der Nächste?

Sei achtsam mit dir
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Nein, so ist es nicht unbedingt: viele Menschen wollen zwar, dass es ihnen gut geht und sorgen für sich im materiellen Sinne, legen Wert darauf, sich einen Platz in der Gesellschaft zu erobern und ihn ...

Nein, so ist es nicht unbedingt: viele Menschen wollen zwar, dass es ihnen gut geht und sorgen für sich im materiellen Sinne, legen Wert darauf, sich einen Platz in der Gesellschaft zu erobern und ihn zu halten. Aber auch sie - und die anderen, die sowieso mehr an ihr Umfeld denken, natürlich in noch größerem Maße - hören oft genug nicht in sich hinein, lauschen nicht auf ihr Innerstes, auf das, was sie wirklich brauchen.

Dieses Buch adressiert genau diesen Punkt: man sollte achtsam mit sich selber sein. Zudem spricht es das Thema Selbstmitleid an, das aus meiner Sicht das falsche Wort, der falsche Begriff ist: Selbstfürsorge sollte es sein, was man in den Vordergrund stellt, ein Anspruch, der über Selbstmitleid hinausgeht und mehr will.

Tatsächlich bleibt dieses Buch, so spannend und vielseitig es auch sein mag, stellenweise doch ganz schön an der Oberfläche. Irgendwie habe ich das Gefühl, als sei es nicht so richtig zielorientiert konzipiert worden: es gibt ein bisschen von diesem, ein bisschen von jenem. Viele Beispiele, viele Übungen, viele Anregungen - aber es baut nicht so recht aufeinander auf. Nichts Halbes und nichts Ganzes also, man weiß nicht so recht, was das Ziel dieses Buches sein soll, außer dass es einem besser geht. Nicht mit diesem Konzept, dazu ist es zu wabbelig, zu nichtssagend, finde ich. Schade, denn das Buch ist sehr schön aufgemacht und bietet eine Fülle von Ideen und Anstößen. Doch wenn mir tatsächlich etwas helfen soll, ein Buch, dann sollte es sich viel runder und durchdachter präsentieren.

Veröffentlicht am 27.07.2018

Fahrradrückgabe

Fahrräder für Utrecht
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Was tun, wenn sich der geliebte Großvater auf dem Totenbett als Naziverbrecher erweist, der an der Judenvernichtung beteiligt war? Als Schreibtischtäter ganz im Westen, nämlich in Holland, was das Ganze ...

Was tun, wenn sich der geliebte Großvater auf dem Totenbett als Naziverbrecher erweist, der an der Judenvernichtung beteiligt war? Als Schreibtischtäter ganz im Westen, nämlich in Holland, was das Ganze aber keinen Deut besser macht. Weswegen Enkel Hauke aber nicht aufhört, ihn zu lieben, den herzlichen Opa, der einsprang, als die Eltern viel zu früh verunglückten. Ist ja auch richtig, beides voneinander getrennt zu betrachten. Und Opa Heinrich ist schon lange kein Nazi mehr, sondern bereut - und bittet Hauke um Wiedergutmachung.

Und zwar aus mehreren Gründen: neben dem oben genannten stellt sich nämlich noch heraus, dass Hauke eine holländische Tante hat. Sie sind neugierig geworden? Dann sollten sie zum Buch greifen, auch wenn es manchmal ein bisschen gewollt schrägt ist und auch gewollt lässig, insgesamt kann man nur sagen: passt schon!

Hauke nimmt nämlich die Verantwortung an und zwar auf seine eigene Art und Weise. Er ist nämlich ein Kind seiner Zeit - ebenso wie der Autor. Außerdem sind es sozusagen auch familiäre Gründe, die ihn dazu bewegen, die Aktion "Fahrräder zurück nach Holland" durchzuziehen. Zumal seine Freunde Safi und Lars wie so oft treu an seiner Seite sind!

Und zwar werden die Fahrräder im Rahmen einer medienwirksamen Fahrradtour nach Holland gebracht - zumindest ist es so geplant. Doch wie so oft im Leben, kommt alles ganz anders. Also eine Mordstour, die da unternommen wird? Nein, eigentlich eher das Gegenteil!

Es ist schon ziemlich klischeehaft und manchmal gewollt lässig, dennoch hatte ich viel Freude an dem Buch. Ja, Geschichte kann uns auch heute noch einholen und das stellt Autor Jochen Baier durchaus eindringlich dar. Sehr sympathisch war mir das Thema vor allem deswegen, weil ich meine ganz eigene familiäre Fahrradhistorie habe. Und die ist inzwischen schon über ein Jahrhundert alt - vielleicht wird sie ja auch mal aufgeschrieben. Aber lesen sie erst mal diese - ein ebenso lohnendes wie unterhaltsames Buch über ein Stück deutscher Geschichte und ein Stück deutscher Gegenwart von der Sorte, wie man sie nicht so oft hört bzw. in diesem Falle liest!

Veröffentlicht am 26.07.2018

Ein Leben für die Kindererziehung

Das Nachtfräuleinspiel
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Das lebt Liane, die in den 1960er Jahren zur Erzieherin ausgebildet wurde und damals Methoden wie Prügel und Zwangsschlaf in den Kindergärten mitbekommen hatte. Nicht mit ihr! Nach einigen Jahren - inzwischen ...

Das lebt Liane, die in den 1960er Jahren zur Erzieherin ausgebildet wurde und damals Methoden wie Prügel und Zwangsschlaf in den Kindergärten mitbekommen hatte. Nicht mit ihr! Nach einigen Jahren - inzwischen mit Carl, dem Mann ihrer Träume verheiratet - gründet sie in der schwäbischen Provinz eine eigene KITA und schwingt sich auf zur Erziehungsexpertin - Medienpräsenz inklusive!

In den 1980ern kreuzt sich ihr Leben mit dem von Annamaria, einer klugen jungen Frau ohne jegliche Perspektive - schwanger, kürzlich vergewaltigt und ganz ohne Unterstützung steht sie alleine da und wird von Liane anstelle eines AuPair zur Unterstützung im Haushalt und bei der Betreuung ihrer mittlerweile fünf Kinder eingestellt, nein: aufgenommen. Denn Annamaria ist ihr sehr dankbar für diese Hilfe in der Not und bringt sich entsprechend in den Haushalt ein.

Stimmungsvoll und gekonnt recherchiert ist dieses wundervolle Buch, das allerdings alles andere als ein Wohlfühlroman ist. In ihrem einzigartigen Schreibstil baut Anja Jonuleit diesen ungeheuer dichten, spannungsreichen Roman schrittweise auf. Ich jedenfalls konnte ihn kaum aus der Hand legen, roch die schwäbische Enge, habe die alternative Münchner WG der 1960er, das Haus von Liane und Carl sowie weitere Schauplätze quasi von innen betrachtet, sah Liane, Annamaria und die anderen Protagonisten förmlich vor mir und habe sämtliche Entwicklungen mitgelebt. Bis zum Schluss zog sich das hohe Niveau durch und es hat mich überhaupt nicht gestört, dass nicht alle Handlungsstränge aufgelöst werden konnten. Die subtile Eleganz der großartigen Anja Jonuleit war wirklich ein absoluter Genuss, auch wenn unter den Hauptfiguren kaum Sympathieträger waren. Also kein Roman zum Kuscheln, sondern einer, der zur inneren Auseinandersetzung des Lesers mit der deutschen Gesellschaft, insbesondere im Bereich Erziehung, seit den 1960er Jahren einlädt. Dabei ist die Handlung trotz des hohen Anspruchs - sowohl an Autorin als auch an den Leser - durchgehend ausgesprochen unterhaltsam und leicht zu lesen, auch wenn ich immer wieder gestutzt habe ob der Selbstverständlichkeit, mit der perfideste Methoden durchgezogen und merkwürdigste Einstellungen gelebt werden.

Ein kraftvoller, eindringlicher Roman und ein weiteres Highlight aus der Feder der Autorin Jonuleit, das in mir bereits die Vorfreude auf ihr nächstes Werk weckt! Wie weit Schein und Sein manchmal auseinanderklaffen - das wird hier auf beängstigende Weise verdeutlicht. Sehr lesenswert!