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Veröffentlicht am 06.05.2018

Warum weinst du, holde Gärtnersfrau?

Hortensiensommer
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Johanna lebt in einem großen ererbten Haus im idyllischen Dorf Sommerhausen in Unterfranken und hat in ihrem Beruf als mobile Gärtnerin ganz gut zu tun. Zudem ist sie umgeben von guten Freunden und hat ...

Johanna lebt in einem großen ererbten Haus im idyllischen Dorf Sommerhausen in Unterfranken und hat in ihrem Beruf als mobile Gärtnerin ganz gut zu tun. Zudem ist sie umgeben von guten Freunden und hat ein enges Verhältnis zu Schwester und Schwager. Doch gibt es in ihrem Leben nicht gerade wenig Grund zu Trauer und Tränen. Hat sie tatsächlich ihre Scheidung, die nun schon ein Weilchen zurückliegt, immer noch nicht überwunden?

Sie erhofft sich mehr Ruhe durch ihren neuen Mieter Philipp, Lehrer für Mathematik und Physik. Doch obwohl sie nach anfänglichen Schwierigkeiten bestens miteinander klarkommen, sogar die Abende miteinander verbringen, ist bald das Gegenteil der Fall. Besonderen Pfiff erhält der Roman dadurch, dass die Handlung aus zwei Perspektiven - der von Johanna einerseits und von Philipp andererseits dargestellt wird.

Ein schön geschriebener leichter, aber nicht seichter Unterhaltungsroman für Fans von Gartenkultur und der Region Franken bzw. solche, die es noch werden wollen. Autorin Ulrike Sosnitza lässt den Leser erst nach und nach hinter die Kulissen blicken. "Hortensiensommer" ist aus meiner Sicht nicht unbedingt der passende Titel, weil dadurch alle anderen Blumen und Pflanzen, die ebenso intensiv zur Sprache kommen, in dem Hintergrund gerückt werden. Doch abgesehen davon ist ihr ein anrührender sommerlicher Roman gelungen, der sehr gut für eine kleine oder auch größere Pause im Liegestuhl geeignet ist!

Veröffentlicht am 06.05.2018

Frei, aber fremd

Ich wollte nur Geschichten erzählen
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Denn frei ist man nur, wenn man wirklich all das machen kann, was man will, ja, das was man für ein erfülltes Leben wirklich braucht. Und das ist sehr subjektiv: für den Autor Rafik Schami beinhaltet das ...

Denn frei ist man nur, wenn man wirklich all das machen kann, was man will, ja, das was man für ein erfülltes Leben wirklich braucht. Und das ist sehr subjektiv: für den Autor Rafik Schami beinhaltet das definitiv, sich sooft er will, in seiner Heimat, der syrischen Hauptstadt Damaskus aufhalten zu können. Und sicher auch, in arabischer Sprache problemlos gedruckt zu werden - mit allen seinen Werken.

Beides ist nicht möglich, im Gegenteil, Rafik Schami ist gezwungen, im Exil zu leben. Und das seit 1971, also nicht gerade seit gestern. Und er schreibt in einer Sprache, die nicht seine ursprüngliche ist, also auf Deutsch. Aber zumindest kann er schreiben und er kann frei leben und sich bewegen.

Das Büchlein "Ich wollte nur Geschichten erzählen" beinhaltet eine Reihe von kleinen Sequenzen, man könnte auch sagen: Gedankensplittern zu seiner Situation, quasi zu allem, was mit seinem Leben als syrischer Schriftsteller im deutschen Exil zu tun hat. Sie sind sehr unterschiedlich - teilweise gehen sie eher auf sachliche Aspekte und Umstände ein, zum Teil sind sie aber auch sehr persönlich. Ein Mosaik der Fremde also, wie es im Untertitel heißt.

Und passender könnte dieser nicht sein, denn ein Mosaik ist kein Puzzle: nicht jedes Steinchen muss sich nahtlos an das andere gliedern, nein, es kann auch mal ein wenig uneinheitlich zugehen oder die Schnittstellen stimmen nicht ganz. Beides ist auch hier der Fall und gerade das macht das Buch zu einem so besonderen.

Einer bzw. vieler Botschaften Rafik Schamis eben, die zusammengenommen einen Eindruck von ihm, von seiner Situation vermitteln. Vieles ist ausgesprochen anregend, wenn auch längst nicht so humorvoll wie man es aus seinen Romanen und Erzählungen kennt. Aber es geht auch nicht um Unterhaltung, es geht um das Leben im Ganzen, da mag es nicht so passend erscheinen. Manchmal wird es ein wenig zu persönlich für meinen Geschmack, dann wird ordentlich ausgeteilt. Und wenn man ein wenig googeln würde, wäre es sicher sehr einfach, zu erfahren, wer jeweils der Adressat ist.

Mir jedoch gefallen diejenigen Passagen am besten, die uns allen, die wir hier leben, die wir vom Exil gar nicht oder "nur" mittelbar betroffen sind (hier fühle ich mich angesprochen, denn meine Eltern lebten - so könnte man es sehen - auch im Exil), einen Spiegel vorhält.

In diesen Tagen, in denen sowohl der Islamische Staat als auch die zunehmend öffentlich werdende rechte Gesinnung stets präsent sind und eine ständige Bedrohung darstellen, ein ausgesprochen mutiges Werk. Ich habe mich darüber gefreut, es lesen zu dürfen, zeigt es mir doch den Autor Schami aus einer anderen Perspektive als der, die mir aus der Lektüre seiner zahlreichen Werke - und zwar seit weit über zwanzig Jahren, so lange lese ich ihn schon, bekannt ist.

Veröffentlicht am 02.05.2018

"Wie oft verlieren wir jemanden ohne Vorwarnung." S. 12

Die Schönheit der Nacht
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Claire, eine Frau Mitte vierzig, hat es geschafft: als Kind befand sie sich in einer ausweglos scheinenden Situation, nun als gestandene Frau kann sie auf eine berufliche Karriere als Professorin, eine ...

Claire, eine Frau Mitte vierzig, hat es geschafft: als Kind befand sie sich in einer ausweglos scheinenden Situation, nun als gestandene Frau kann sie auf eine berufliche Karriere als Professorin, eine langjährige Ehe, einen wohlgeratenen Sonn und einen gewissen materiellen Wohlstand schauen. Doch um Erfüllung zu finden, fehlt ihr einiges. Bildreiche Sprache, ungeahnte Leidenschaften. Und immer wieder das Meer...

Ein alltäglicher Moment wird zur Kostbarkeit, gestohlene Momente, ein flüchtiges Abenteuer. Ist es für Claire, gestandene Professorin mit geregeltem Alltag und festem Einkommen, nur eine Flucht aus dem Alltag? Werden im Zimmer Nummer 32, Claires kurzfristigem Aufenthaltsort, einschneidende Entscheidungen getroffen?

Wie jedes Jahr verbringt sie mit Ehemann Gilles und Sohn Nico den Sommer am Meer, doch diesmal gibt es einen weiteren Gast: Julie, Nicos Freundin. Dass Claire sie bereits aus einem anderen Zusammenhang kennt, wissen die anderen nicht.

Wie oft verlieren wir jemanden ohne Vorwarnung." (S. 12) Ein zentraler Satz, der sich nicht nur auf Menschen bezieht, nein, auch auf langjährige Verbindungen zur Vergangenheit unterschiedlicher Art. Aber es kommt auch etwas dazu: Personen, Erfahrungen, Eindrücke. Geheimnisse, die verwirren, die jedoch auch weiterführen. Verwirrende Erkenntnisse über sich selbst und andere. Ein Roman wie das Leben.

Nina George punktet durch bildreiche und elegante Sprache. Mal kühl, dann wieder brodelnd, so führt sie uns durch Claires Alltag, vor allem jedoch durch ihre Sinneswelt. Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle - das sind die Elemente, die diesen Roman tragen. Und immer wieder das Meer: für Claire ist es Ruhepol, Think Tank, Zuhause gleichermaßen. Und der einzige Ort, an dem sie sich wiederfinden kann, wenn sie sich - ohne Vorwarnung, versteht sich - selbst verloren hat.

Ein besonderer Roman, der durch seine kraftvolle und poetische Sprache berührt. Der mich aber auch durch die Dringlichkeit, die Vehemenz, mit der extreme Gefühle zugelassen werden und zur Sprache kommen, gefühlt und gelebt werden, durchaus verwirrt hat. Nina George entführt den Leser in eine Welt, in der die geheimsten Empfindungen einen (Lebens)raum erhalten.

Veröffentlicht am 01.05.2018

Geheimnisvolles Damals

So bitter die Rache
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Nicht nur eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, sondern oftmals auch ein neues Domizil - so denkt auch Ellen Holst, die sich gerade von ihrem Ehemann, der als Diplomat ein rastloses Leben führt und ...



Nicht nur eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, sondern oftmals auch ein neues Domizil - so denkt auch Ellen Holst, die sich gerade von ihrem Ehemann, der als Diplomat ein rastloses Leben führt und durch die Welt jettet, getrennt hat. Nun will sie mit ihrem Sohn Tristan ein geruhsameres und entspanntes Leben an der Ostsee, in Heiligendamm nämlich, starten. Das Haus in der schicken Siedlung Vineta ist komfortabel und gut gelegen, so dass dem Vorsatz eigentlich nichts im Wege steht. Doch bald werden sie von den Geistern der Vergangenheit eingeholt.


Vor sechs Jahren nämlich - wir schreiben das Jahr 2016 - hat es in ebendieser beschaulichen Siedlung einen furchtbaren Mord gegeben - nein, nicht nur einen, es waren gleich drei. Doch Ellen kann fragen, soviel sie will - ihr gegenüber will niemand so richt mit der Sprache rausrücken. Nur soviel erfährt sie, dass es etwas mit dem Haus zu tun hat, in dem sie jetzt mit Tristan lebt. Und alsbald geschehen merkwürdige Dinge: Tristans brandneues Surfbrett verschwindet, und es scheint so, als würde sich jemand in ihrem Haus rumtreiben - nachts oder wenn sie nicht da ist. Obwohl das alles ziemlich gruselig ist, will Ellen Klarheit über die Vorgänge haben und lässt nicht locker. Wird sie es ohne größere Verluste schaffen, Klarheit in die ebenso geheimnisvolle wie grausige Vergangenheit ihres neuen Zuhauses zu bringen?


Mir hat an dem Krimi besonders gut die ungewöhnliche Geschichte gefallen - so etwas gab es wirklich noch nie, auch der Leser konnte sich zunächst überhaupt keinen Reim auf das Geschehene machen, da er quasi mit dem selben Vorwissen startete wie Ellen auch und fiel in vollkommen unvertrautes Terrain, musste - auch mit viel Krimi-Erfahrung - ganz von vorne beginnen. Die ungewöhnlichen Charaktere sind fein gezeichnet, eine absolute Stärke des Autors Eric Berg, die mir schon aus seinen Vorgänger-Krimis "Das Schattengrab" und "Das Küstengrab" vertraut ist und die ich sehr schätze. Zudem eröffnet sich dem Leser die vom Autor liebevoll gezeichnete Ostseeküste und wärmt trotz der unheimlichen Ereignisse das Herz - so sehr, dass ich am liebsten gleich meine Koffer gepackt hätte!


Ein Krimi, den ich mit Genuss gelesen habe - der Autor hat es gleich mehrfach geschafft, mich auf den Holzweg zu führen. Hinter einigen der zunächst glatten Fassaden der Figuren tun sich wahre Abgründe auf, andere outen sich langsam, aber sicher als gar nicht so schlimm wie gedacht. Ein Autor, der zu überraschen vermag, in jeder Hinsicht. Wer gern Spannendes liest, wird auch dieses Buch gern in seinen Urlaubskoffer packen, wenn es im Sommer an die Ostsee oder auch zu einem anderen Urlaubsziel geht - wenn er es überhaupt so lange aushält!

Veröffentlicht am 30.04.2018

Eine Femme fatale

Alles Begehren
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im wahrsten Sinne des Wortes, das ist Kate Andrews, die es gewohnt ist, zu bekommen, was sie sich wünscht: eine Karriere bei Film und Fernsehen, ein Leben im Scheinwerferlicht - und Männer.

Bei ...

im wahrsten Sinne des Wortes, das ist Kate Andrews, die es gewohnt ist, zu bekommen, was sie sich wünscht: eine Karriere bei Film und Fernsehen, ein Leben im Scheinwerferlicht - und Männer.

Bei Callum, einem verheirateten Lehrer aus Edinburgh - auch Kates Heimat - hat das beim ersten Anlauf 1985 - da war sie erst Anfang zwanzig und Studentin - nicht geklappt. Als die heimliche Affäre aufflog, ist er in den Schoß seiner Familie zurückgekehrt. Doch 2002 gibt es ein unverhofftes Wiedersehen und nun denkt Kate nicht dran, locker zu lassen. Obwohl sie mittlerweile selbst Ehefrau und Mutter ist.

Eine verhängnisvolle Affäre also, aber eine der eher ungewöhnlichen Art, die sich nach langen Jahren wieder belebt. Aber kann es eine Beziehung zwischen dem eigentlich glücklichen Callum und der rastlosen Kate geben? Kann sie sich überhaupt von ihrem Ehemann Matt, der ihr stets den Rücken freihält und sie immer unterstützt, wenn sie einmal wieder ihren zahlreichen Süchten erliegt? Und stets auch für die fünfjährige Tochter da ist, wenn sie mal anderes im Sinn hat, was durchaus nicht selten vorkommt.

Ein wahres Drama ist dies, mit zwei, nein eigentlich vier Hauptdarstellern - Kates Ehemann Matt und Callums Ehefrau nehmen ebenfalls zentrale Rollen ein und um all dies herum scharen sich Kinder, Freunde und weitere Verwandte der beiden Ehepaare.

Ein Roman, der von einer Leidenschaft, ja Obsession erzählt. Einer, die jenseits jeder Logik angesiedelt ist, auch langjährige Bindungen und Gewohnheiten, ja sogar Lieben werden mir nichts, dir nichts über Bord geschmissen. Eine kraftvolle Macht ist dies, die alles überrollt, doch dadurch wird aus meiner Sicht der Roman zu wenig facettenreich und vielschichtig. Auch, wenn es eigentlich viele Baustellen gibt, die durchaus hätten enger und geschickter miteinander verzahnt werden können.

Wer gerne über pure Leidenschaft liest, der ist hier an der richtigen Adresse! Alle anderen werden sicher den anschaulichen, teilweise auch poetischen Stil der Autor Ruth Jones, einer walisischen Schauspielerin goutieren, doch könnte ich mir vorstellen, dass ihnen - ebenso wie mir - ein Fitzelchen fehlen wird!