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Veröffentlicht am 30.12.2017

Da lachen ja die Hühner

Hendlmord
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...bzw. würden sie es tun, wenn sie noch leben würden. Tun sie aber nicht! Tot, allesamt, inklusive dem stolzen Hahn - die gesamte Augsburger Zucht von Muck Halbritter, dem Pöldinger Dorf- und Familienfaktotum! ...

...bzw. würden sie es tun, wenn sie noch leben würden. Tun sie aber nicht! Tot, allesamt, inklusive dem stolzen Hahn - die gesamte Augsburger Zucht von Muck Halbritter, dem Pöldinger Dorf- und Familienfaktotum! Und es ist auch Muck, der die Leiche des Hendlwickerls mitten in dessen Verkaufswagen - auf Hochdeutsch ist das ein Grillhähnchenverkauf - entdeckt: Hendlmord also an allen Ecken und Enden. Den gilt es aufzuklären, womit Mucks Frau Sophie, frischgebackenes Mitglied der Starnberger Mordkommission, beauftragt ist - und Muck hilft ihr natürlich, wo er kann. Wenn ihm denn nicht diverse Hürden in den Weg gelegt werden: das hellsichtige und dem ganzen Dorf voraussagende Töchterchen Emma hat Mumps, die Pensionärsvereinigung "Gemeinsam Dabeiseier" ist in Bedrängnis und benötigt Mucks Hilfe nicht nur einmal und vor wird sein Schwiegervater Fidl mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus verfrachtet. Weitere Alltagssorgen wie ein nachhaltiges Stromproblem im Hause sowie ein mehr als pubertierender Sohn erschweren Mucks Dasein. Eine in ihren Hauptzügen - zumindest für mich - absolut unvorhersehbare, in einem fulminanten Finale gipfelnde Auflösung rundet den Fall bzw. die Fälle - Menschen- und Hühnermord - ab.


Ein lustiger, liebevoll gestalteter Krimi der Autorin Ida Ding, die unter anderem Namen auch schon großartige Thriller veröffentlicht hat. Hier stellt sie sich in die Tradition von Ebersdorfer und Kluftinger, wobei bei ihr eine ganze Familie - die Halbritters eben - im Mittelpunkt steht und das Geschehen sich um ein ganzes Dorf rankt. Das ist zuweilen etwas unüberschaubar, trotz des Personenverzeichnisses am Ende des Buches, aber das Dorf - Pöcking am Starnberger See - ist groß und nicht alle auftretenden Akteure finden in besagtem Verzeichnis Platz. Ich jedenfalls hatte immer wieder mal das Problem, die ein oder andere Figur richtig einzuordnen, was das Lesevergnügen aber nur am Rande beinträchtigt hat, wurde ich doch von den zahlreichen entzückenden, von der Autorin selbst angefertigten Zeichnungen, die das Buch durchgehend zieren wie auch durch ein Glossar bayerischer Ausdrücke ausreichend versöhnt.


Unterhaltsam, mitreißend und durchaus originell, da mit allerlei Alleinstellungsmerkmalen versehen, hat das Buch allemal das Zeug, zur Serie ausgebaut zu werden, die mit Ebershofer sowie den München-Krimis um die eigenwillige Elfie Ruhland auf Augenhöhe steht und den aus meiner Sicht auf dem absteigenden Ast befindlichen Kluftinger um Längen schlägt. Ich bin also gespannt, ob und wie es weitergeht und empfehle die Lektüre allen Fans lustiger Krimis - ein Leseerlebnis ganz eigener Art! Wer wissen will, was ein Verwahrkistchen ist, das man in seinem Inneren hat oder wer etwas über Türharfen, die vermeintlich ostindische Schnaderhüpferl aufspielen, erfahren will, der ist hier an der richtigen Adresse!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Der Bauch des Architekten

Die Kälte in dir
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... ist ein Film von Peter Greenaway von 1987, der mir sehr gefallen hat, der Bauch eines Architekten - und weitere Bäuche - spielen aber auch eine nicht unwesentliche Rolle in diesem Krimi, der den Auftakt ...

... ist ein Film von Peter Greenaway von 1987, der mir sehr gefallen hat, der Bauch eines Architekten - und weitere Bäuche - spielen aber auch eine nicht unwesentliche Rolle in diesem Krimi, der den Auftakt einer neuen, in und um Stuttgart angesiedelten Krimireihe um die eigenwillige Kommissarin Kristina Reitmeier markiert.

Ein fieser, alter, reicher und dicker Mann ist tot - ermordet, wie es sich herausstellt. Nun, er hatte viele Feinde, es könnten ihm so Einige nach dem Leben getrachtet haben. Und dann gibt es weitere Leichen... vor allem, aber nicht nur Dicke, die eindeutig dieselbe Handschrift tragen. Wer steckt dahinter...

Kristina und ihr eigentlich suspendierter Kollege Daniel ermitteln fieberhaft und jeweils überaus eigenständig, behindert durch Unwegsamkeiten wie die Russenmafia, Leitung und Kollegen des eigenen Hauses und ... den Täter, der ihnen offenbar ausgesprochen nahe ist.

Ein origineller Krimi mit einer charismatischen Ermittlerin, aber leider auch mit zahlreichen Macken - trotz des außergewöhnlichen Themas und durchaus spektakulärer Settings mangelt es bisweilen an Spannung. Die Figuren sind teilweise gut ausgearbeitet, doch leider bleibt es bei Ansätzen. Zudem sind einige, der zahlreichen, sich abwechselnden und immer mit einem Cliffhanger endenden Erzählstränge leider nicht befriedigend ausgearbeitet und verlaufen bisweilen im Leeren. Es scheint so, als hätte der Autor nach eine Vorlage geschrieben - alles immer schön offen lassen, viele spannungssteigernde Cliffhanger einbauen: doch leider vergisst er so manchen Abschluss und so geht die Lösung nicht immer auf. Zudem ist so Manches inhaltlich doch sehr an den Haaren herbeigezogen.

Trotzdem - Kristina Reitmeier und ihre Leute sind ein vielversprechendes Team, die weitere spannende Fälle versprechen - einen Tick realistischer, umfassendere Auflösung und eine Prise mehr Spannung - und ich werde zum Riesenfan dieser Reihe!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Eine benachteiligte Jugend in der DDR und was daraus wurde

Der Rumtreiber
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Karsten Berndt wächst in DDR in unterprivilegierten Verhältnissen auf - die Kindheit ist geprägt von einem gleichgültigen Elternhaus, in dem die Lebensbedingungen in Ostdeutschland zwar kritisiert, nicht ...

Karsten Berndt wächst in DDR in unterprivilegierten Verhältnissen auf - die Kindheit ist geprägt von einem gleichgültigen Elternhaus, in dem die Lebensbedingungen in Ostdeutschland zwar kritisiert, nicht aber reflektiert werden. Es wird betrogen, geschmuggelt... alles, was das Leben leichter macht eben, rein wirtschaftlich gesehen eben. Vor den Kindern wird dies nicht verborgen, allerdings wird ihnen auch keine Bedeutung beigemessen - die Kinder sind was Beiläufiges, Erziehung noch nicht mal Nebensache. An der möglichen Sportlerkarriere des Sohnes sind die Eltern komplett desinteressiert, ein mühsam selbst von ihm zusammengespartes Musikinstrument wird gedankenlos verschenkt. Menschliche Werte, Liebe, ein Miteinander - dies wird Karsten nicht vermittelt und so entwickelt er sich schnell zum Rabauken, der den Kameraden die Westjeans stiehlt und auch sonst in alle möglichen kleinkriminellen Handlungen verwickelt ist.

Als sehr jungem Erwachsenen gelingt ihm die Flucht in den Westen - hier ist das Glück des Dummen oder vielmehr des Naiven auf seiner Seite und er wird auch auf der anderen Seite rasch leichtsinnig. Dadurch landet er wieder im Osten - und kommt so schnell nicht wieder raus - er wird nämlich inhaftiert und muss im berühmt-berüchtigten Bautzen II einsitzen.

Spannend wie ein Krimi liest sich die Geschichte des jungen Karsten, auch wenn ich vieles nicht nachvollziehen konnte. Ein wichtiges Zeitzeugnis, das vom Autor leider überhaupt nicht reflektiert wurde und genau dies wäre so spannend gewesen... wie nimmt er selbst seine damaligen Aktionen, seinen einstigen Blick auf die Welt wahr? Insgesamt jedoch eine wichtige Dokumentation zum Leben in der DDR, zur Republikflucht und zu den entsprechenden Zusammenhängen, die durchaus auch Schülern im Politik- und Geschichtsunterricht nicht vorenthalten werden sollte.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Erfurt im Herbst 1990

Auf Sendung
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Der Plot allein hätte mich hier nicht am Ball gehalten - es geht um eine, später dann zwei Leichen - Personen, die offenbar aufgrund irgendwelcher Schachereien auf der Strecke geblieben sind. Die Auflösung ...

Der Plot allein hätte mich hier nicht am Ball gehalten - es geht um eine, später dann zwei Leichen - Personen, die offenbar aufgrund irgendwelcher Schachereien auf der Strecke geblieben sind. Die Auflösung ein wenig wirr, nicht ganz stringent, hat das Ganze nicht unbedingt besser gemacht.

Die drei Protagonisten, die einander in unterschiedlichen Konstellationen in Liebesränken wie auch in dienstlichen Zusammenhängen verbunden sind, werden zwar eindringlich und plastisch geschildert, sind aufgrund ihrer vielen privaten "Abstecher" nicht unbedingt starke Stützen für den eingängigen Fluss der Krimihandlung.

Warum ich dieses Buch trotzdem weiterempfehle? Nun, wer so richtig tief in die Zeit der Wende, der Wiedervereinigung eintauchen, dem Gefühl von damals nochmal nachspüren will, der ist hier allerbestens aufgehoben. Die Aufbruchstimmung, die Hoffnungen, die Naivität, die Offenheit: all diese Schwingungen werden von Beate Baum ganz wunderbar eingefangen und so transportiert, dass man sie heute, mehr als 20 Jahre danach, noch lebhaft nachempfinden kann. Ich habe mich wirklich ins Erfurt im Herbst 1990 versetzt gefühlt, war mit Journalistin Kirsten auf aussichtsloser Wohnungssuche und in unattraktiven Restaurants mit aus heutiger Sicht originellen Speisekarten, die aus DDR-Zeiten übriggeblieben sind.

Beate Baum schreibt gut und versteht es vor allem Atmosphäre zu schaffen. Ich bin überzeugt, wenn ihr dies nicht so fundamental wichtig gewesen wäre und so sehr im Vordergrund gestanden hätte, dann hätte sie auch den Leichen mehr Aufmerksamkeit verliehen, ihre Fälle mit mehr Spannung versehen und diese sauber aufgelöst.

Ärgerlich - im Hinblick auf den Fall und eindringlich - was Zeitgeist und Lokalkolorit angeht. Entscheiden Sie also vor der Lektüre, was ihnen wirklich wichtig dabei ist, damit sie so richtig Spaß an dem Buch haben können. Nachdem ich mich ein kleines Bisschen geärgert hatte, hatte ich diesen durchaus!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Die jungen Männer und das Meer

Jenseits der Untiefen
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In Tasmanien spielt dieser Roman, in dessen Mittelpunkt die drei Brüder Joe, Miles und Harry stehen. Mutterlos wachsen sie heran, geprägt vom Meer, an dessen Küste sie ihr gesamtes bisheriges Leben verbracht ...

In Tasmanien spielt dieser Roman, in dessen Mittelpunkt die drei Brüder Joe, Miles und Harry stehen. Mutterlos wachsen sie heran, geprägt vom Meer, an dessen Küste sie ihr gesamtes bisheriges Leben verbracht haben und das in ihrem Leben eine große Rolle spielt - und vom Vater, der jedoch sein eigenes Leben nicht so recht meistern kann.

Ein Leben am Rande der Existenz - ein Thema, das gerade in letzter Zeit im angelsächsischen Raum immer und immer wieder aufgegriffen wird, was die Aktualität schmerzhaft verdeutlicht. Denn die Familie lebt am wirtschaftlichen Existenzminimum, die Jungs müssen sehen, wie sie zurecht kommen - sie führen ein Leben im Schatten.

In diesem Buch fällt gleich das Zusammenspiel von Mensch und Natur ins Auge, das Favel Parrett eindruckvoll umsetzt: es ist ein, nein DAS essentielle stilistische Element in diesem Buch. Und damit sind wir auch schon beim größten Plus: dem eindrücklichen Stil, der schönen Sprache, die von der Autorin und Übersetzerin Antje Ravic Strubel - die im Übrigen selbst wundervolle Bücher wie "Sturz der Tage in die Nacht" geschrieben hat - überzeugend und elegant ins Deutsche übertragen wurde. Das größte, nein: einzige Minus aus meiner Sicht: trotz der Kürze weist das Buch durchaus gelegentliche Längen auf, die mir das Weiterlesen ein kleines Bisschen erschwerten.

Ein Buch, das zu empfehlen ist für Leser, die Menschen und Schicksalen weltweit begegnen und diese erfahren wollen. Wer "Winters Knochen" von Daniel Woodrell oder "Vor dem Sturm" von Jesmyn Ward gerne gelesen hat, der wird sich auch für dieses Buch begeistern können.