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Veröffentlicht am 30.12.2017

Generationsübergreifendes Demonstrieren

Guten Morgen, Revolution - du bist zu früh!
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Auweia: Charlie, die 20jährige Tochter der Journalistin Nora, ist bei einer Anti-AKW-Demo in polizeiliches Gewahrsam genommen worden und Nora löst sie - ganz Mutter und gutes Vorbild - gegen den Rat des ...

Auweia: Charlie, die 20jährige Tochter der Journalistin Nora, ist bei einer Anti-AKW-Demo in polizeiliches Gewahrsam genommen worden und Nora löst sie - ganz Mutter und gutes Vorbild - gegen den Rat des Vaters und des herbeigeholten Anwalts - Fachmann für politische Fälle - gleich aus. Mutter? ja, mit Herz und vollster Überzeugung! Gutes Vorbild - wohl kaum, denn Nora hat es vor mehr als 20 Jahren - also vor Charlies Geburt - wesentlich wilder getrieben - zum Dauerdemonstrieren kamen noch Kommunen, diverse Männerwechsel und, und, und dazu. Dagegen ist Charlie (fast) eine alte, nein, natürlich junge Spießerin, die gleichwohl kurz vor ihrem Prozess steht. Und sie braucht Unterstützung, die sie sich von den früheren Kampfgefährten ihrer Mutter holen will. Ein Wiedersehen wird organisiert, dem Nora aus gutem Grund mit gemischten Gefühlen entgegensieht.

Ein spannendes und witziges, aber auf keinen Fall ein Slapstick-Buch - dazu ist es zu klug, baut auf zu vielen ernsthaften Hintergrundinfos auf. Die Autorin Kirsten Ellerbrake weiß nur zu gut, wovon sie schreibt - fast könnte man meinen, sie sei Nora (ein Schelm, der Böses dabei denkt). Ich habe mich mit diesem Buch köstlich amüsiert und sowohl meine Jugend in den 190ern wieder aufleben lassen als auch einen warmen Gedanken an mein Patenkind - ebenfalls ein überaus politisierter junger Erwachsener - geschickt, in der Hoffnung, dass ihm Charlies Schicksal erspart bleibt. Ein Buch für Mußestunden und um in eigenen Erinnerungen und Assoziationen zu schwelgen.

Mein Fazit also: Generationenübergreifendes Demonstrieren - mit Herz und vor allem mit Verstand. Für die "Demo-Generation" der frühen 1980er, die sich noch selbst ein Bild von Gorleben gemacht haben und noch die "Strauss-nein-Danke"-Sticker im Nachtschränkchen haben, ein Muss! Wie wir hier sehr plastisch dargestellt sehen, können feurige Protagonisten der nächsten und übernächsten Generation sich aber durchaus auch damit identifizieren - oder sich zumindest zusammen mit Charlie und Nora köstlich amüsieren!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Der dreitägige deutsche Sommer von 1988

Ein deutscher Sommer
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Es gab einen, DEN, deutschen Herbst - das war der im Jahre 1977, in dem die RAF Deutschland mit ihrem Tun konfrontierte, es in Angst und Schrecken versetzte, aber auch dazu brachte, kritisch zu denken, ...

Es gab einen, DEN, deutschen Herbst - das war der im Jahre 1977, in dem die RAF Deutschland mit ihrem Tun konfrontierte, es in Angst und Schrecken versetzte, aber auch dazu brachte, kritisch zu denken, die Politik, ihr Drumherum und ihre Wirkungen mehr als bisher zu reflektieren. Lehnt sich der Autor Peter Henning mit seinem Roman über das als "Gladbecker Geiseldrama" in die Geschichte eingegangene dreitägige Drama von August 1988 an diese Bezeichnung an?

Offensichtlich ist es so - das Handeln des Staates und der Polizei wurde schließlich auch hier in Frage gestellt, zeigte die Ohnmacht und Überforderung der Staatsorgane bei Einzelaktionen, mit denen nicht zu rechnen war.

Peter Henning lässt seinen Roman an genau den drei Tagen spielen, an dem das traurige Ereignis, der Gladbecker Bankeinbruch und die darauf folgende Verbrecherjagd also, stattfand. Das Verbrechen selbst, die Ereignisse darum, stehen nur gelegentlich im Mittelpunkt: Der Roman thematisiert vor allem die Schicksale einer ganzen Reihe von Charakteren, die meisten davon fiktiv, an diesen drei Tagen. Der Busfahrer Adam (fiktiv), der den von den Gangstern gekidnappten Bus in Bremen fuhr, die Taxifahrerin Chris, auf deren Taxi geschossen wurde (fiktiv) stehen wie der Reporter Peter Ahrends (real) und der Polizeibeamte Kirchner dem Geschehen durchaus noch nahe und sind darin eingebunden, bei Thomas Bertram, einem weiteren fiktiven Reporter und Brigitte, der Autorin von Kitschromanen, sind die Zusammenhänge schon sehr weit hergeholt.

Das Buch ist flüssig zu lesen, zwar mit Längen, doch Langeweile kommt selten auf - dafür wechseln sich die Episoden um die verschiedenen Protagonisten zu häufig ab, allerdings leider weit von der Qualität solcher Episodenromane wie "Kapital" von John Lanchester oder "Strahlend schöner Morgen" von James Frey entfernt. Im Klartext: aus meiner Sicht war der "Nervfaktor" ziemlich hoch und ich war des öfteren geneigt, das Buch aus der Hand zu legen. Nicht nur, dass der Autor wie seine Protagonistin Brigitte teilweise selber in das Niveau von Kitschromanen abdriftet, nein, auch mit Fakten wird teilweise überaus nachlässig umgegangen. Das Jahr 1988 ist nicht immer authentisch präsentiert, wenn bspw. eine Projektassistentin den ganzen Tag Computerspiele am PC im Büro spielt und ein 90jähriger seinen Erinnerungen an den Rußlandfeldzug nachhängt. Waren einerseits PC' s damals noch viel zu kostbar, um für sowas "verbraten" zu werden, wurden andererseits nicht mitten im Krieg schon ältere Männer an die entlegensten Schauplätze geschickt - meines Wissens wurden sie eher zum Ende des Kriegs eingezogen, als die Front schon wesentlich näher gerückt war.

Klarer Fall: das Lesen dieses mitunter gar makaber wirkendenden Romans wirft viele Fragen auf, lässt Bauchschmerzen entstehen und macht definitiv wenig bis gar keinen Spaß. Ich selbst war neugierig, wie der Autor mit dieser Tragödie umgeht, wie er sich damit auseinandersetzt und kann nun sagen: es lohnt sich nicht - man erspart sich eine Menge Ärger, indem man nicht zum Buch greift.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Ein neues Ermittlerduo aus Dänemark

Die guten Frauen von Christianssund
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... genauer gesagt aus Christianssund, einer Kleinstadt unweit von Kopenhagen, führt die Autorin Anna Grue ein: nämlich den Kommissar Flemming Torp und seinen Jugendfreund, Werbefachmann Dan Sommerdahl, ...

... genauer gesagt aus Christianssund, einer Kleinstadt unweit von Kopenhagen, führt die Autorin Anna Grue ein: nämlich den Kommissar Flemming Torp und seinen Jugendfreund, Werbefachmann Dan Sommerdahl, der sich als eine Art männliche und jüngere Miss Marple in die offiziellen Ermittlungen einschaltet und mehr noch - sehr eigenmächtig auf eigene Faust zu ermitteln beginnt.

Dan gerät eher zufällig ins Geschehen: Er ist aufgrund eines Burnouts für längere Zeit krankgeschrieben, als sein Freund Flemming von einem gemeinsamen Essen zum Tatort gerufen wird - und das ist ausgerechnet Dans Arbeitsplatz - um direkt alle informationen aus erster Hand zu bekommen, nimmt er Dan, der als einziger Mitarbeiter aufgrund des Treffens mit Flemming nicht tatverdächtig ist, mit vor Ort - und wird ihn so schnell nicht mehr los. Opfer ist eine Putzfrau, die Estin Lilliana, die, wie sich rasch herausstellt, inoffiziell in Dänemark weilte und schwarz arbeitete. Allmählich tut sich hinter diesem einen Fall, der weitere Geschehenisse nach sich zieht, ein ganzes Netzwerk auf - sind es möglicherweise "gute Frauen aus Christianssund", die dahinterstecken? Und wenn ja; wer sind sie, was ist ihre Motivation, was ihre Zielsetzungß

Das Privat- und Berufleben der beiden Herren Dan und Flemming - etwa Mitte 40 - wird ausgiebig beleuchtet, Beziehung zu den Mitmenschen im engeren und weiteren Umfeld werden durchaus auch mal im Detail dargestellt. Ebenso werden weitere relevante Figuren eingeführt, was die Erzählung von Zeit zu Zeit ein wenig langatmig, wenn nicht gar schwerfällig werden lässt. Insgesamt aber ein zeitweise durchaus spannender, gut geschriebener und origineller Krimi im Stil eines klassischen Whodunnit. Das Buch beinhaltet einen Leseeindruck zum nächsten Teil der Reihe - und für mich steht jetzt schon fest, dass ich die Geschicke von Flemming und Dan weiterverfolgen werde!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Einen Verlust der schlimmsten Art

Das Verstummen der Krähe
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haben Kristina Mahlo und ihre Eltern zu ertragen: Kristinas Bruder Ben - jung, hochbegabt, risikofreudig und homosexuell - ist vor sechs Jahren verschwunden. Ein Umstand, an dem die Familie nahezu zerbrochen ...

haben Kristina Mahlo und ihre Eltern zu ertragen: Kristinas Bruder Ben - jung, hochbegabt, risikofreudig und homosexuell - ist vor sechs Jahren verschwunden. Ein Umstand, an dem die Familie nahezu zerbrochen ist und der jeden weiteren Schritt in ihrer aller Leben beeinflusst hat - so ist aus Kristina eine Nachlassverwalterin geworden, die die Interessen der Toten vertritt.

Ihr neuester Auftrag ist besonders kniffelig: Theresa Lenhardt überträgt Kristina testamentarisch die Verteilung ihres beträchtlichen Erbes - allerdings unter der Bedingung, dass sie zunächst einen Mord, für den Theresas Mann Fritz büßen musste - ein Schicksal, an dem er zugrunde ging, aufklärt. Rasch taucht im Verlauf von Kristinas Recherchen Bens Name auf und sie steckt mittendrin.

Nicht nur Kristina, sondern ihr gesamtes Umfeld, ihre MItarbeiterin, ihr Partner, Freunde, die Eltern werden in das Geschehen einbezogen und die Handlung gestaltet sich entsprechend lebhaft.

Kraftvoll und einprägsam beschreibt die Autorin Sabine Kornbichler Kristina und ihre Umgebung: es entsteht ein ausgesprochen atmosphärisch gezeichnetes Bild aller Schauplätze, der Leser kann sich bildhaft vorstellen mittendrin zu sein. Das einzige Manko ist aus meiner Sicht, dass einige der Abläufe, einige der Figuren zu widersprüchlich gezeichnet sind, um wirklich zu überzeugen.

Insgesamt aber ein ungewöhnlicher, wortstarker Krimi, der aus der Masse hervorsticht und im Gedächtnis bleibt: Sabine Kornbichler kann es wahrhaft mit den großen skandinavischen, englischen und amerikanischen Kolleginnen, bspw. mit Viveca Sten, Camilla Läckberg, aber auch mit Elizabeth George aufnehmen. Ihre Protagonistin, die Nachlassverwalterin Kristina Mahlo ist ein interessanter Charakter, der nachhaltig in Erinnerung bleibt. Ich wünsche der Autorin von Herzen, dass diese Reihe - denn es werden weitere Fälle mit Nachlassverwalterin Kristina Mahlo folgen - übersetzt wird und Lesern in anderen Ländern so viel Freude macht wie uns die angelsächsischen und skandinavischen Krimis!

Veröffentlicht am 30.12.2017

"Gefährlich ist's den Leu zu wecken

Liebe und andere Parasiten
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..Verderblich ist des Tigers Zahn - Jedoch der schrecklichste der Schrecken - Das ist der Mensch in seinem Wahn".

Auch wenn der Autor James Meek dem angelsächsischen Literaturbetrieb zuzurechnen ist und ...

..Verderblich ist des Tigers Zahn - Jedoch der schrecklichste der Schrecken - Das ist der Mensch in seinem Wahn".

Auch wenn der Autor James Meek dem angelsächsischen Literaturbetrieb zuzurechnen ist und "seinen" Schiller möglicherweise nicht so verinnerlicht hat wie viele der deutschen Kollegen, die auf gleichem - nämlich ausgesprochen hohen - Niveau schreiben, müsste ihm das Zitat aus der "Glocke" aus der Seele sprechen. Den Menschen in seinem Wahn - ja, den lernt der Leser dieses Romans in den verschiedensten Facetten kennen - und wahrlich nicht nur ein einzelnes Exemplar.

Eigentlich ist es eine Familien- und Liebesgeschichte, die Meek hier schreibt: die Geschwister Ritchie und Bec, die als Rockstar bzw. Wissenschaftlerin vollkommen unterschiedliche Wege beschritten haben. Ihre Vergangenheit, ihr Ursprung jedoch ist derselbe und fußt im Wesentlichen auf dem frühen Verlust des Vaters, eines Soldaten im irisch-englischen Krieg, der für seine Gesinnung gefoltert wurde. Ehrgefühl und weitere ethische Wertvorstellungen kommen hier vordergründig zum Tragen - und werden von Grund auf in Frage gestellt. Ritchie und Bec gehen beide Beziehungen ein, die unterschiedlicher nicht sein können - der Leser wird hier bei der Einführung mit den unterschiedlichen Figuren - es sind so einige und alle sind mit wenigen Zügen meisterhaft charakterisiert - mit den unterschiedlichsten Treibern konfrontiert, es sind die unterschiedlichsten Werte, Interessen, Mächte, die die Figuren am Leben erhalten. Kämpfen am Ende alle nur für sich, nur um selbst zu überleben? Verrat, Eigennutz, Mißgunst - sind das tatsächlich die tragenden Säulen der Gesellschaft?

Im Verlauf der Lektüre wird der Leser mit so einigen Parasiten konfrontiert, aber rasch - und hier folgt der Autor gewissermaßen Schiller - ist zu erkennen, dass der Mensch selbst der schlimmste, der gefährlichste aller Parasiten ist. Ein kraftvoller, ein schillernder Roman, der Denkanstöße für die wahrlich großen Fragen des Lebens, nein, des Seins gibt - die durchaus ihrerseits Gefahren beinhalten können - vor allem für Rezipienten, die Veränderungen und neue Wege scheuen.

Gewisse Parallelen konnte ich zu einem anderen großen Roman des Jahres 2013 (zumindest, was die deutschsprachige Übersetzung angeht) entdecken, nämlich zu "Bonita Avenue" des niederländischen Autors Peter Buwalda. Leser, die dieses Buch genossen, sind hier mit Sicherheit gut aufgehoben. Auch sonst empfehle ich die Lektüre vorbehaltlos all jenen, die keine Scheu vor der Konfrontation mit sich selbst, mit alten Ängsten und früheren Bedrohungen haben - und natürlich jenen, die gut geschriebene Literatur mit einer Menge echt britischen Humors zu genießen wissen!