Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
online

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.12.2017

Zuckrig, buttrig, weich, mit einer ordentlichen Prise Salz

Solange am Himmel Sterne stehen
0

... und einfach herzerwärmend - so präsentiert sich Kristin Harmels Roman "Solange am Himmel Sterne stehen" dem Rezipienten oder vielmehr der Rezipientin, denn ohne damit ein Urteil über die Qualität des ...

... und einfach herzerwärmend - so präsentiert sich Kristin Harmels Roman "Solange am Himmel Sterne stehen" dem Rezipienten oder vielmehr der Rezipientin, denn ohne damit ein Urteil über die Qualität des Buches abgeben zu wollen, würde ich es klar in die Kategorie "Frauenroman" einordnen.

Worum geht's? Hope hat es nicht leicht - frisch geschieden, mit ihrer12jährigen Tochter Annie, die nicht gerade pflegeleicht ist, hat sie auch noch mit einem Fulltime-Job - als Besitzerin und alleinige Bewirtschafterin einer Bäckerei - zu kämpfen und muss auch noch erfahren, dass sie immense finanzielle Probleme hat und kurz vor einer Pleite steht. Und obendrein obliegt ihr nach dem nicht allzu lange zurückliegenden Krebstod ihrer Mutter die Verantwortung für ihre an Alzheimer erkrankte Großmutter - diese befindet sichin einem Pflegeheim, aber dennoch ist Hope als Ansprechpartnerin für Ärzte und Pflegekräfte und natürlich als familiärer Rückhalt ständig im Einsatz. Mamie, wie Hope ihre Großmutter nennt, bittet sie in einem lichten Moment um einen Gefallen - um eine Reise in ihre Heimat Frankreich, in der sie seit über 70 Jahren nicht mehr war. Mit auf den Weg bekommt sie eine Liste mit Namen, die ihr überhaupt nichts sagen. Nicht ohne gewissen Druck von Tochter Annie begibt sich Hope auf die Reise und taucht tief in die tragischen Wirren des zweiten Weltkrieges ein, erfährt Ungeahntes über ihre Vergangenheit und gewinnt Freunde und Verwandte, von deren Existenz sie nicht mal ansatzweise wusste .

Es ist schon eine kitschige Geschichte, die sich hier vor der Leserin ausbreitet, doch eine mit ordentlichen Tiefen. Die Autorin hat fleißig und mit Herz recherchiert und so erfährt man hier auch eher unbekannte Details über die Situation der Pariser Juden im 2. Weltkrieg. Auch wenn einige Windungen ein wenig glattgezogen sind, einige Hindernisse unglaubwürdig schnell gelöst werden können, ist dies ein mitreißender, empfehlenswerter Roman mit einer Botschaft: nämlich der, dass Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft über die Grenzen der Religionen hinweg Bestand haben kann, wenn man nur daran glaubt.

Und über all dem schweben die Düfte des köstlichen Backwerks aus Hopes Bäckerei, aber auch aus einigen Pariser Backstuben - die Rezepte spielen nämlich bei dem Puzzlespiel um die Zusammensetzung von Roses und Hopes Familiengeschichte eine nicht unwesentliche Rolle. Das Beste dabei - Sie können sie nachbacken und den Duft beim Lesen genießen, denn einige der Rezepte sind im Buch enthalten.

Dies ist eine richtig saftige Schmonzette mit Herz und Schmerz - und mit ordentlich Tiefgang! Wer also originelle Geschichten mit Rückblenden in die Vergangenheit und mit mehr als einer Prise Romantik liebt, der ist hier sehr gut aufgehoben und wird mit Sicherheit bald einen neuen Lieblingsroman haben!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Der eiserne Vorhang

Das geraubte Leben des Waisen Jun Do
0

.... in seiner extremst möglichen Form existiert heute noch: nämlich zwischen Nordkorea und dem Rest der Welt. Wenig dringt aus dem für uns geheimnisvollen Land durch, wenig dringt umgekehrt aus dem Westen ...

.... in seiner extremst möglichen Form existiert heute noch: nämlich zwischen Nordkorea und dem Rest der Welt. Wenig dringt aus dem für uns geheimnisvollen Land durch, wenig dringt umgekehrt aus dem Westen dorthin.

Über dieses merkwürdige Land, das ich derzeit aus gegebenem Anlass durchaus als bedrohlich bezeichnen würde, hat nun der Amerikaner Adam Johnson einen Roman geschrieben, der viel Beachtung fand und gar mit dem Pulitzerpreis für Literatur prämiert wurde. Was ist so besonders daran? Zunächst vor allem, dass der amerikanische Autor die Innensicht nutzt - erzählt wird stets aus nordkoreanischer Perspektive, sei es aus der des Titelhelden Jun Do, der eines Propagandasenders oder derjenigen eines Verhörbeamten im Gefangenenlager, der ab der Mitte des Romans zeitweise als Ich-Erzähler auftritt.

Ganz schön anmaßend, sich als Außenstehender eine solche Innensicht anzueignen, könnte man meinen. Doch Adam Johnson hat gründlichst recherchiert und war selbst in Nordkorea, die Werte und Eindrücke, die er in seinem Roman vermittelt, klingen glaubhaft und nachvollziehbar. Dem Leser wird deutlich, "...dass es für den, der die Realität infrage stellte, nur eine Strafe gab, und zwar die Höchststrafe, und dass man sich in akute Lebensgefahr begab, wenn man auch nur bemerkte, dass sich die Realität verändert hatte" (S.643). Wie dies vonstatten gehen kann, dies schildert der Autor in der aberwitzigen Geschichte um Jun Do, die gleichzeitig die Geschichte der nordkoreanischen Filmschauspielerin Sun Moon, des Kommandanten Ga und eines anonymen Verhörspezialisten ist.

Der Rezipient des Romans sollte schon ein recht dickes Fell sein Eigen nennen - oder aber Meister im Überlesen prekärer Szenen sein - sowohl im Gefangenenlager als auch bei den anfänglichen Szenen in Japan geht es ganz schön zur Sache, was Folter etc. angeht: man sollte also wirklich bereit sein, sich Nordkorea in allen seinen Facetten zu stellen, wenn man diesen Roman durchstehen will, denn er ist alles andere als leichte Kost. Doch am Ende ist man reicher - vor allem um ein ungewöhnliches literarisches Werk, das bereits Literaturgeschichte geschrieben hat und dies weiter tun wird.

Veröffentlicht am 30.12.2017

In die See stechen

Leichtmatrosen
0

... hier vier Männer im besten Alter, die man mit gutem Willen als Freunde bezeichnen kann. Ehrlich gesagt, sind es "nur" Sportsfreunde, Bekannte also, die sich einmal wöchentlich treffen und offengestanden ...

... hier vier Männer im besten Alter, die man mit gutem Willen als Freunde bezeichnen kann. Ehrlich gesagt, sind es "nur" Sportsfreunde, Bekannte also, die sich einmal wöchentlich treffen und offengestanden geht es auch nicht mit dem auf dem Cover abgebildeten Segelboot aufs offene Meer hinaus, sondern mit einem Hausboot auf die Mecklenburgische Seenplatte - aus einer Laune heraus haben sie sich, ohne je länger Zeit miteinander verbracht zu haben, für einen 10tägigen Urlaub verabredet.

Erzählt wird aus Patricks Perspektive - ein Lektor, der eine nicht gerade optimale Beziehung führt, die aus seiner Sicht dem Ende entgegensteuert... die drei anderen sind Pfarrer, Handwerker und sowas wie Lebenskünstler - so unterschiedlich wie diese Beruf(ungen) sind sie auch im Wesen.

In dem Buch werden viele Klischees abgehakt, was Männertouren angeht - jedenfalls nehme ich als weibliche Leserin das so wahr... Alkoholisches Gelage trifft auf Müslipower, Mousse au Chocolat auf faule Zähne.... einer Orgie mit Prostituierten, die ich quasi schon von Anfang an erahnt oder vielmehr befürchtet hatte, ist aber keiner abgeneigt...

Aber es gibt nicht nur Vorhersehbares... nach und nach werden die Herrschaften im Detail vorgestellt und so offenbart sich, dass jeder sein Päckchen oder vielmehr einen riesigen Rucksack zu tragen hat.

Tom Liehr schreibt angenehm, sein Stil ist flüssig und niemals langweilig, springt vom Macho zum Gutmenschen, vom Kumpel zum Konkurrenten - und er hat eine Botschaft oder gar ein Gleichnis für seinen Leser parat. Darin geht es um Werte, Verständnis, Unterstützung... wer mehr wissen will, der sollte selbst zum Buch greifen.

Zu empfehlen auf jeden Fall für Männer, die ein Pendant zur heiteren Frauenliteratur suchen, es aber nicht zu platt und flach haben wollen - aber auch für Frauen, die wissen wollen, wie (manche) Männer so ticken. Vor allem für solche, die schon immer mal Mäuschen spielen wollten bei den Männerabenden ihrer Gatten.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Einen Ausflug nach Norwegen

Im Land der weiten Fjorde
0

macht der Leser dieses opulenten Familiendramas - und noch viel mehr! Wie das? Nun, es geht nicht nur weit in den Nordwesten Europas, sondern auch nach Masuren und auch in verschiedene historische Epochen ...

macht der Leser dieses opulenten Familiendramas - und noch viel mehr! Wie das? Nun, es geht nicht nur weit in den Nordwesten Europas, sondern auch nach Masuren und auch in verschiedene historische Epochen - der Roman spielt nämlich sowohl während des 2. Weltkriegs als auch in der Gegenwart.
Thema: Lisa erfährt nach dem plötzlichen Unfalltod ihrer Eltern, dass sie Wurzeln in Norwegen hat und beginnt, diesen nachzuspüren: dies erfordert mehrere Arten von Reisen: eine ganz normale nach Norwegen, eine in die Herzen der Menschen dort und eine ganz, ganz tief und weit in die Vergangenheit, nicht nur die in Norwegen...
Lisa erlebt dabei einen Gefühlscocktail sondergleichen, stößt sie doch auf Schritt und Tritt auf Neues, nie Erwartetes - und gerät dadurch in ein Durcheinander, das ihr ganzes Leben tangiert.
Der Leser wird pausenlos mit Sprüngen zwischen Gegenwart und Vergangenheit konfrontiert - die Kapitel beleuchten abwechselnd die Situation von Lisa in den 2010ern und die der Norwegerin Mari in den 1940er Jahren.
Für mich war gerade die ausführliche Beleuchtung der Situation Norwegens im 2. Weltkrieg auch gerade durch die deutsche Besatzung ein besonderes Highlight des Romans und sie hat mich dann auch alles andere als enttäuscht

Leider wimmelt es spätestens ab dem 2. Viertel des Romans von plötzlichen Wendungen und jähen, nicht ausreichend dargelegten Entwicklungen der Geschichte, aus denen sich für mich einige Irritationen ergeben haben. Was die Landschaft und die norwegischen Gegebenheiten anbelangt, kommt die Erzählerin gelegentlich vom Hölzchen aufs Stöckchen und schweift ab. Das war für mich ein leider nicht ganz harmonisches Zusammenspiel der Erzählweise in einem insgesamt durchaus gelungenen Roman. Wer sich damit abfindet, dass - zumindest aus meiner Sicht - das letzte Viertel das absolute Meisterstück ist, was vor allem der beeindruckenden Schilderung des Alltagslebens in Masuren im 2. Weltkrieg zu verdanken ist, wird diesen Roman entsprechend goutieren können. Auch der Kontrast der damaligen Strukturen und Lebensformen in Deutschland zur vergleichsweisen Freiheit in Norwegen ist wirklich sehr gut, bildhaft und einfühlsam dargestellt.


Der Roman hätte aus meiner Sicht gut ein paar Figuren weniger haben können, auch sonst fand ich,dass die Prioritäten teilweise ungünstig gesetzt waren. Mich hätte beispielsweise das Schicksal einiger Figuren des 2. Weltkriegs brennend interessiert, das wurde ein wenig unter den Tisch gekehrt. Insgesamt aber ein packender und mitreißender Roman - leider nicht ohne Längen - der Freunden und vor allem Freundinnen langer Schmökerabende herzlich zu empfehlen ist!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Aller Anfang ist Köln

Max
0

Naja, fast, denn Max Ernst, der große Künstler des 20. Jahrhunderts, kommt eigentlich aus Brühl, das aber nur einen Katzensprung von der Domstadt entfernt ist. Und dorthin zieht es ihn auch mit seiner ...

Naja, fast, denn Max Ernst, der große Künstler des 20. Jahrhunderts, kommt eigentlich aus Brühl, das aber nur einen Katzensprung von der Domstadt entfernt ist. Und dorthin zieht es ihn auch mit seiner ersten Frau, Mit seiner ersten Ehefrau (von insgesamt vier!) der Kunsthistorikerin Louise Straus-Ernst, lebt er dort und wird zu einer der Gallionsfiguren der Kölner Dadaismus-Bewegung, bis es ihn fortzieht - fort von der Familie, hin zur nächsten Frau.

Markus Orths kleidet das Leben des Künstlers in einen Roman und hangelt sich dabei an den Frauen im Leben Max Ernsts entlang - an sechs ausgewählten, denn es waren einige mehr, die sich für eine Zeit zu Max gesellten. Auf diese oder jene Art und Weise.

Die dichterische Freiheit gepaart mit historischen Fakten zu präsentieren ist nicht leicht - Markus Orths meistert diese Herausforderung mit Bravour, spannend schreibt er und mitreißend, vermag die Charaktere, die ja "in Echt" existiert haben, in wenigen Sätzen darzustellen. Und neben den sechs Frauen Lou, Gala, Marie-Berthe, Leonora, Peggy und Dorothea sind dies noch eine Menge anderer Gestalten, Weggefährten Ernsts in der ein oder anderen Phase seines Lebens oder auch - wie Paul Elouard, Hans Arp oder Marcel Duchamp - mehr oder weniger lebenslang.

Der Roman liest sich fast wie ein Umschlag der Geschehnisse in Westeuropa in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert - danach wird es um Max Ernst merklich stiller - es ist tollkühn, was Markus Orths hier wagt. Und mit Bravour meistert.

Ein Meisterwerk also, eines, das ich in vollen Zügen genossen habe, nicht nur, weil ich Max Ernst als Sohn (naja, fast - siehe oben) meiner Heimatstadt Köln schon lange kenne und schätze, das Max-Ernst-Museum in Brühl oft besucht, seine Bilder im Kölner Museum Ludwig oft gesehen habe, teilweise von Kindesbeinen an.

Ein Meisterwerk also, das einem (Maler-)Meister gewidmet ist und dem ich viele, viele Leser gönne! So sollte eine literarische Biographie geschrieben sein, aber ich kann mir vorstellen, dass das nur die Wenigsten schaffen. Das ist auch gut so - wenn es zu viele Meisterwerke auf der Welt gibt, relativieren sie sich!

Aber so: Ein Hoch auf den großartigen Maler Max Ernst und ein weiteres auf den Autor Markus Orths, der ihm mit diesem Roman ein einzigartiges Denkmal geschaffen hat!