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Venatrix

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Veröffentlicht am 14.02.2018

Ein Kardinal für alle

König - Kaiser - Kardinal
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„Ich bin kein Bischof der ÖVP und kein Bischof der SPÖ, kein Bischof der Unternehmer und keiner der Gewerkschafter, nicht ein Bischof der Bauern und nicht einer der Städter: Ich bin ein Bischof ALLER Katholiken. ...

„Ich bin kein Bischof der ÖVP und kein Bischof der SPÖ, kein Bischof der Unternehmer und keiner der Gewerkschafter, nicht ein Bischof der Bauern und nicht einer der Städter: Ich bin ein Bischof ALLER Katholiken. Die Kirche ist für alle da, sie fühlt sich verantwortlich für alle Menschen, auch für jene, die ihr formell nicht zugehören.“ Diese Worte spricht Kardinal Franz König vor Politikern und Gewerkschaftern im Jahre 1973 und festigt damit seinen Ruf als „roter Kardinal“.

Wer ist er nun der Kardinal, der offen auf die Menschen zugeht und keine Scheu vor Politikern und anders Denkenden hat?

1905 als erster Sohn einer Bauernfamilie in Niederösterreich geboren, ist es der Mutter sehr wichtig, dem aufgeweckten Knaben eine ordentliche Schulbildung zu ermöglichen. Er besucht das Stiftsgymnasium in Melk und studiert anschließend Philosophie und Theologie in Rom. 1933 zum Priester geweiht, beginnt seine seelsorgerische Tätigkeit in einer Zeit des Grauens. Mit der indifferenten Haltung der Kirche zum Nationalsozialismus hat König seine liebe Not. Er wird Militärvikar und Jugendseelsorger. Die Jugend, entwurzelt durch die Nazi-Zeit, ist ihm ein besonderes Anliegen. Er geht auf die jungen Menschen vorurteilslos zu.
Später wird ihm seine Offenheit, auf andere zuzugehen zum Vorwurf gemacht. Ja, sie bringt ihn sogar um die Chance Papst zu werden, gilt er doch als „papabile“. Doch nach dem Tod von Papst Paul VI. ist die Zeit für einen nicht italienischen Papst noch nicht gekommen.
Franz König geht, sehr zum Missfallen der Rom treuen Kleriker auf die Ostkirche zu und die Politiker zu. Er ist der erste Kardinal, der eine Fabrik besucht und mit den Arbeitern spricht.

Er gestaltet das Zweite Vatikanische Konzil mit, lehnt aber eine Dauerstellung in Rom ab.
Ökumene und das Miteinander sind ihm wichtig.

Als er 1960 auf dem Weg zum Begräbnis des verfemten Zagreber Kardinal Stepinac einen schweren Autounfall erlitt, sah er dies als göttliches Zeichen, sich um die Kirchen im östlichen Europas zu kümmern.

Während des Kalten Krieges reist er häufig in den Ostblock. Er zählt zu den Wegbereitern von Johannes Paul II., mit dem er dann später den einen oder anderen Disput haben wird.

Die Skandale rund um Hans Hermann Groer und Kurt Krenn haben ihn tief getroffen. Über deren Berufung war er Johannes Paul II., lange gram.

Autor Thomas J. Nagy, Sohn eines Ungarnflüchtlings von 1956, hat rund 50 Zeitzeugen und Weggefährten für diese Biographie aufgeboten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum einem Königs langjährige Sekretärin Annemarie Fenzl und zum anderen einige sozialdemokratische Politiker wie Karl Blecha.
Viele Fotos und Ausschnitte aus Briefen und anderen Dokumenten ergänzen dieses Buch.
Der Autor ist ein grenzenloser Bewunderer (um nicht zu sagen Fan) von Franz, Kardinal König, wie er immer bezeichnet wird. Daher sind nur wenig kritische Töne zu verspüren.

Ich finde diese Biographie, die anlässlich des 110. Geburtstag dieses auf Ausgleich bedachten Mannes erschienen ist, sehr aufschlussreich.

Zum Wortspiel des Titels:

König = sein Geburtsname
Kaiser = der Name seines Stiefvaters
Kardinal = seine Berufung


Einen Denkanstoß habe ich durch diese Biographie auch erhalten: Kardinal Innitzer, ein Befürworter des Anschlusses, war sich der Tragweite dieses Entschlusses damals nicht bewusst. Im Stillen hat er, als die Gräuel der Nazis ruchbar wurden, zahlreichen Verfolgten Hilfe gewährt. Da werde ich noch nachlesen.

Veröffentlicht am 14.02.2018

Hochzeit mit Hindernissen

Karnische Hochzeit
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Ein vergnüglicher Krimi, mit Tempo und vielen Leichen. Leicht zu lesen.
Die Umgebung und die Geschichte von Arta Terme kommen gut zur Geltung. Der Leser erhält einen Einblick in die regionale Küche. Spielerisch ...

Ein vergnüglicher Krimi, mit Tempo und vielen Leichen. Leicht zu lesen.
Die Umgebung und die Geschichte von Arta Terme kommen gut zur Geltung. Der Leser erhält einen Einblick in die regionale Küche. Spielerisch und ganz nebenbei bringt uns der Autor die Geschichte der Region näher.
Die Namen der beiden Commissarii Forza und Camilieri lassen mich sofort an Ludovico „Il Moro“ Sforza und Andrea Camilleri (den Schöpfer von Commissario Montalban) denken. Rein zufällig? Beide haben einen hohen Wiedererkennungswert.

Die Strafversetzung des Commissario Camilieri von Sizilien nach Friaul, ist für mich nicht ganz schlüssig nachzuvollziehen. Es wird öfters darauf hingewiesen. Die Erklärung auf S. 11 erscheint mir nicht logisch. Er hat doch den vorhergehenden Fall gelöst (die Teufelsbrücke?), oder? Dass er der heimatlichen (sizilianischen) Mafia ein bisschen zu stark auf die Zehen gestiegen sein dürft, wird nur kurz mit einem Halbsatz erwähnt. Schade! Wäre interessant gewesen um seine Psyche besser kennenzulernen. Außerdem scheint dieser alte Fall nicht ganz reibungslos abgelaufen zu sein. Vielleicht durch seine Eigensinnigkeit, nicht immer alle Gesetze einzuhalten? Da wäre noch mehr möglich.

Eine köstliche Figur ist Mamma Elisabetta Forza, die ihren über dreißigjährigen Sohn nicht loslassen möchte. Sie läuft dann zur Hochform auf, als die Hotel- und Küchenchefin mit Gipshaxen ausfällt. Sie und ihr Bruder Giorgio, der mit der Hotelchefin anbandelt, sind für mich die facettenreichsten Charaktere.

Warum hat die Hotelchefin eigentlich keinen Namen? Sie hat ja durch Sturz und Gipsbein eine zentrale Rolle.

Die beiden Frauen, Eleonora und Lydia, sind für mich ein wenig zu flach geraten. Ein bisserl klischeehaft die Darstellung der „feurigen“ Italienerin und der „laschen“ Österreicherin. Da hätte ich mir mehr gewünscht.

Dass Kunstgegenstände aus Ausgrabungen gestohlen und auf dem Schwarzmarkt verkauft werden, ist kein speziell italienisches Phänomen. Die diversen Netzwerke haben das in der Vergangenheit kultiviert.

Ein Pfarrer, der nicht ausschließlich seelsorgerisch tätig ist und dafür aber von Vorurteilen behaftet ist, gibt eine gute Entwicklungsmöglichkeit. Schade, dass er dem Grabräuber ins Messer lief.

Ich war nur ein bisschen enttäuscht, dass die Geschichte schon nach 203 Seiten aus war. Allerdings bietet sich ein weiterer Band an, oder??

Veröffentlicht am 14.02.2018

Eine Wiener Institution: Der Salon

Die Salonièren und die Salons in Wien
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Es finden so bekannte Damen und ihre Runden wie Charlotte von Greiner, ihrer Tochter Karoline Pichler, Berta Zuckerkandl, Alma Mahler-Werfel sowie Ina Loos und Grete Wiesenthal Aufnahme in das Buch von ...

Es finden so bekannte Damen und ihre Runden wie Charlotte von Greiner, ihrer Tochter Karoline Pichler, Berta Zuckerkandl, Alma Mahler-Werfel sowie Ina Loos und Grete Wiesenthal Aufnahme in das Buch von Helga Peham.

In vielen Details wird der Werdegang der Salons geschildert. Bemerkenswert ist der Zeitbogen über 200 Jahren, den die Autorin spannt. Von der Regentschaft Maria Theresias (Charlotte von Greiner war eine von Maria Theresias Hofdamen), bis hin zur Tänzerin Grete Wiesenthal (verstorben 1970), die Wien der Nachkriegszeit die Institution des Salon wiederaufleben ließ.

Ein besonders Augenmerk legt die Autorin auf die jüdischen Salons wie den der Fanny Arnstein, Cäcilie von Eskeles und Mutter und Tochter Wertheimstein.
Viele bislang unbekannte Originalquellen werden zitiert. Die Salons und ihre (oft männlichen) Besucher werden recht eindrucksvoll geschildert.
Geschichte und Anekdoten werden dem Leser unaufdringlich näher gebracht.
Ausgesuchtes Bildmaterial ergänzt das „erlesene“ Buch.

Fazit:

Wer sich für die großbürgerliche (Salon)Kultur von Wien zwischen 1770 und 1970 interessiert, wird von diesem Buch nicht enttäuscht sein. Hilfreich sind die Quellen und Querverweise.

Veröffentlicht am 14.02.2018

Gustav Klimt - ein Genussmensch

Klimt mit allen fünf Sinnen
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Michaela Schlögl beleuchtet Gustav Klimt und seine Werke aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Sie bemüht alle fünf Sinne, um den Lesern den Künstler, der vor 1918 Jahren verstorben ist, näher zu bringen. ...

Michaela Schlögl beleuchtet Gustav Klimt und seine Werke aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Sie bemüht alle fünf Sinne, um den Lesern den Künstler, der vor 1918 Jahren verstorben ist, näher zu bringen.

Es ist nicht ganz leicht, da Gustav Klimt kein Tagebuch geführt hat und grundsätzlich eher wortkarg war. Vieles erfahren wir aus seinen zahlreichen Postkarten, die er verschickt hat und die vielfach erhalten sind. Oder aus Erzählungen und Einschätzungen über ihn.

Gustav Klimt ist ein Mann des Genusses. Nicht nur des Sehens sondern auch des Hörens. Er liebt leise Musik, verehrt Franz Schubert und Ludwig van Beethoven. Neben von Menschenhand geschaffenen Tönen erfreut er sich am Vogelgezwitscher in seinem Gartenatelier.
Auch Gaumenfreuden ist er nicht abhold und so berichten seine Ansichtskarten von gutem oder weniger gutem Speisen, die man ihm auf deinen Reisen vorsetzt. Von französischer oder spanischer Küche hält er nicht viel („So ein Fraß“). Die Wiener bzw. Böhmische Küche ist ihm lieber.
An Frühlingsdüften kann er sich kaum satt riechen. Frische Luft ist ihm ein Bedürfnis und deshalb unternimmt er lange Spaziergänge am Morgen.
Seine haptischen Empfindungen nährt er durch eine Vielzahl von Modellen, denen er nicht nur mit den Augen näherkommt. Doch auch im Beethoven-Fries benutzt er Taktiles. Er arbeitet Spiegelstückchen, Knöpfe und allerlei Tand in sein Kunstwerk ein.

Der bei Gustav am besten entwickelte Sinn ist natürlich der Sehsinn. Viele seiner Gemälde wirken wie Fotografien, so fein sind die Pinselstriche gesetzt.
Gustav Klimt hat nicht nur ein Auge für die Natur, sondern auch für die weiblichen Reize. Er nimmt jede Rundung wahr, zeichnet auch nicht ganz perfekten Körper. Er bricht mit einem Tabu und stellt auch Schwangere dar. Doch anders als bei Egon Schiele sind Gustavs Akte weich, die Formen rund, fließend. So lässt er das schwangere Modell Herma wiederholen, denn bei ihr ist der „Hintern schöner und intelligenter als das Gesicht bei vielen anderen.“ (S.75).

Ein Mann des feinen Wortspiels ist Klimt nicht. Wenn er, der Wortkarge, etwas sagt, mutet es oft plump und derb an. Allerdings bringt er die Sache auf den Punkt.

Abgerundet wird das leider nur 168 starke Buch durch Zitate von Bewunderern und Zeitgenossen.

Fazit:

Ein interessanter Blick auf Gustav Klimt, der mit allen Sinnen lebte und liebte. Gerne gebe ich dieser ergänzenden Darstellung des großen Künstlers 4 Sterne.

Veröffentlicht am 13.02.2018

Leider eine herbe Enttäuschung

Anteil des Redens an der Affenwerdung des Menschen
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Das Buch wird als “witzig, ungewöhnlich und provokant” vorgestellt.

Da haben meine Augen geleuchtet, weil ich gerne humorvolle Bücher über den Umgang mit der Sprache lese. Ich hatte mir so etwas ähnliches ...

Das Buch wird als “witzig, ungewöhnlich und provokant” vorgestellt.

Da haben meine Augen geleuchtet, weil ich gerne humorvolle Bücher über den Umgang mit der Sprache lese. Ich hatte mir so etwas ähnliches wie Sebastian Sicks Bücher über die falsche Verwendung des Dativs (als Genetiv-Eratz nämlich) oder Stilblüten usw., vorgestellt.

Allerdings bin ich schwer enttäuscht worden. Das Buch ist nicht “witzig”, “ungewöhnlich” vielleicht, da es das Wort “eigentlich” zur Ikone erhebt. Provoziert habe ich mich höchstens durch die nichtssagenden Sätze voller Worthülsen, gefühlt.

Der Autor, ein promovierter Chemiker, schwafelt 256 Seiten durch den Äther.

Ich hoffe, Daniel Rapoport ist ein besserer Chemiker, ein wortgewandter und witziger Autor ist er nämlich nicht.

Fazit:

Für mich ein Flop, keine Leseempfehlung und nur ein Stern (keiner geht ja leider nicht)