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Veröffentlicht am 18.09.2024

Freundschaft, Liebe und Verlust

In den Farben des Dunkels
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Erzählt wird die Geschichte des Joseph Macauley, genannt Patch. Er hat von Geburt an nur ein Auge. Deshalb trägt er eine Augenklappe wie ein Pirat. Zu diesem Zeitpunkt ist Patch dreizehn Jahre alt. Er ...

Erzählt wird die Geschichte des Joseph Macauley, genannt Patch. Er hat von Geburt an nur ein Auge. Deshalb trägt er eine Augenklappe wie ein Pirat. Zu diesem Zeitpunkt ist Patch dreizehn Jahre alt. Er lebt mit seiner alkoholkranken Mutter in der Kleinstadt Monta Clare im Bundesstaat Missouri im mittleren Westen.

In einer Zeitspanne von mehr als 25 Jahren erfahren wir, wie sein weiteres Leben verläuft. Zu Beginn der Erzählung im Jahr 1975 lernt Patch zufällig das Mädchen Saint kennen. Sie wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie fortan dauerhaft auf ihrem weiteren Lebensweg befreundet sein werden. Beide Figuren sind sehr vielschichtig beschrieben und waren mir von Anfang an sympathisch.

Mit Saints Großmutter Norma, dem Teenager Misty Meyer, sowie dem Galeristen und Maler Sammy hat der Autor weitere Figuren mit Tiefgang entwickelt.

Das Leben von Patch nimmt eine dramatische Wende, als er beobachtet, dass das Mädchen Misty Meyer in Gefahr ist und er ihr zu Hilfe eilt. Sie kann fliehen und Patch wird entführt. Fast ein Jahr lang bleibt er eingesperrt in einem dunklen Verlies zusammen mit einem Mädchen namens Grace.

Nach seiner Befreiung ist Patch nicht mehr der, der er vorher war und Grace ist verschwunden. Es bleibt unklar, ob es dieses Mädchen wirklich gibt oder ob Patch sie sich lediglich eingebildet hat. Wir wissen nicht, ob Patch nicht an Albträumen, Flashbacks und Fehlwahrnehmungen leidet.

Niemand glaubt ihm, dass es diese Grace wirklich gibt. Er reist in den kommenden Jahren quer durch die einzelnen US-Bundesstaaten. Immer wenn er hört, dass irgendwo ein junges Mädchen vermisst wird, sucht er die Eltern auf in der Hoffnung, dass es sich um Grace handeln könnte.

Saint unterstützt ihn dabei, indem sie ihm Informationen zu den Vermissten zukommen lässt. Sie kämpft um ihren Freund, ihre große und einzige Liebe.

Ein nicht unerhebliches Spannungselement besteht darin, dass man erfahren möchte, ob es Grace wirklich gibt und Patch sie in diesem Fall jemals wiederfindet. Plot-Twists, die das weitere Leben von Patch, Saint und Misty wesentlich beeinflussen und ändern, haben mich überrascht, aber zum Teil auch traurig gestimmt.

Manchmal wendet der Autor eine Erzähltechnik an, bei der der Leser einen Wissensvorsprung vor dem Protagonisten hat. Das ist eine Form der Spannungserzeugung und wird meines Erachtens nicht so oft von Autoren angewendet. Um den Leser neugierig auf die Auflösung eines Erzählstrangs zu machen, greift Whitaker an einigen Kapitelenden zu Cliffhangern.

Dieser Roman ist ein gewaltiges Epos mit einer Tragweite von unvorhersehbarem Ausmaß, das sich über einen Zeitraum von insgesamt sechsundzwanzig Jahren erstreckt. Vier Jahre lang hat der Autor daran geschrieben.

Fazit:

Kein Roman seit den beiden Büchern »Unter blutrotem Himmel« und »Das letzte grüne Tal« von Mark Sullivan hat mich so berührt wie dieser Roman. Es sind gewisse Parallelen zu Joseph (Patch) Macauley und Jay Gatsby in F. Scott Fitzgeralds Roman »The Great Gatsby« vorhanden.
Der Schreibstil ist sehr beeindruckend und einfühlsam. Nichts ist langweilig oder langatmig in Whitakers Erzählungen. Er fügt sowohl prosaische als auch romantische Passagen ein. Die Geschichte hat mich mitgenommen und in ihren Bann gezogen. Ständig habe ich mir die Frage gestellt, ob es Grace wirklich gibt, oder ob dieses Mädchen auf Patchs Einbildung basiert.
Es werden verschiedene Genres bedient wie Coming-Of-Age, Freundschaft, bedingungslose Liebe, Schicksal, Verbrechen und polizeiliche Ermittlungen.
Dieser literarische Roman lebt nicht so sehr von der Spannung, sondern mehr von den verschiedenen Charakteren mit deren Entwicklungen über einen langen Zeitraum.
Wer sich davon inspirieren lassen will, dem kann ich dieses Buch empfehlen und vergebe dafür fünf Sterne.

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Veröffentlicht am 18.08.2024

Ende gut, aber nicht alles gut

Finster
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Die hier erzählten Ereignisse beginnen vor 38 Jahren und entführen uns in das fiktive ländliche Katzenbrunn im Odenwald. Dieser trostlose Ort besteht aus achtzehneinhalb Häusern mit 50 dort lebenden Seelen. ...

Die hier erzählten Ereignisse beginnen vor 38 Jahren und entführen uns in das fiktive ländliche Katzenbrunn im Odenwald. Dieser trostlose Ort besteht aus achtzehneinhalb Häusern mit 50 dort lebenden Seelen. Das »berühmteste« Gebäude ist das Haus »Waldfrieden«, eine psychiatrische Klinik.

Damals haben die Uhren noch anders getickt. Das digitale Zeitalter war noch nicht eingeläutet. Um sich dieser Zeit anzupassen, benutzt der Autor Begriffe wie Kolonialwaren. Krankenschwestern beschreibt er ihrem Äußeren nach mit weißen Häubchen auf dem Kopf. Die gute alte D-Mark ist noch Zahlungsmittel. Das ist alles so weit in Ordnung und passt auch zu dieser Zeitrechnung.

Vier Jungen verschwinden nacheinander in unregelmäßigen Abständen spurlos und sind nie wieder aufgetaucht. Kriminalhauptkommissar Hans Jörg Stahl hat damals die Ermittlungen geleitet. Nach einem schlimmen Autounfall wurde er vorzeitig pensioniert. Sein Nachfolger Kleist hat die vermissten Jungen als ungelöste Kriminalfälle zu den Akten gelegt. Als zehn Jahre später der dreizehnjährige Nikolaus Kämmerer verschwindet, kehrt Stahl an diesen Ort zurück. Als Pensionär nimmt er wieder die Ermittlungen auf und möchte neben dem aktuellen Vermisstenfall unbedingt die Cold Cases von damals lösen. Keiner von den aktuellen Ermittlern weiß darüber Bescheid.

Merkwürdige Personen wohnen in dem kleinen Ort. Hier leben psychisch kranke Menschen außerhalb der Klinik, sowie Selbstmörder und Mörder. Der Autor hat sie so beschrieben, dass man sich gut ein Bild von ihnen machen kann. Gleich mehrere Personen kommen als Entführer der Jungs infrage. Jeder misstraut hier jedem. In diesem Punkt hat Menger vieles richtig gemacht, um die Spannung hochzuhalten.

Dass das Kaff eine düstere Stimmung offenbart, kommt gut herüber. Menger gelingt es mit der Beschreibung der einzelnen Dorfbewohner, dass man eine Abneigung gegen die meisten von Ihnen aufbaut. Gekonnt legt er verschiedene Spuren aus, die sich dann aber als Sackgasse erweisen. Die Figur des Hauptkommissars a.D. Stahl ist vielschichtig angelegt. Nicht alles davon hat mir gefallen.

Wir erfahren etwas über die Beweggründe des Täters, warum er die Kinder entführt hat. In den Kapiteln, die bspw. mit »Der Greifer«, »Oskar« oder »Tommi« überschrieben sind, wird das Leben dieser Figuren geschildert. Dabei erzählt »Oskar« in der Ich-Form.

Nach etwas mehr als der Hälfte wird deutlich, wer der Gesuchte, der sogenannte »Greifer« ist. Das nimmt der Handlung die Spannung weg. Es geht ab da nur noch darum, ob und wie man den Täter überführen kann.

Einiges war für mich zu klischeehaft. Die Wirtin des Landgasthofes »Zur Krone« ermittelt plötzlich an der Seite des ehemaligen Kommissars Stahl und beide kommen sich dabei menschlich näher.

Fazit:

Nachdem ich bereits »Angst« von dem Autor gelesen habe, stelle ich nun fest, dass »Finster« einen anderen Ansatz hat. Das finde ich mutig, da viele Autoren und Autorinnen nicht von einem einmal eingeschlagenen Stil abweichen.
Schreibstil und Plot konnte ich allerdings nicht mit dem Begriff Thriller in Einklang bringen. Für mich war es eher ein Kriminalroman, was aber keiner Negation entspricht.
Das Buch liest sich leicht und flüssig. Die kurzen Kapitel habe ich als angenehm empfunden.
Die Handlungsstränge haben auf mich konstruiert gewirkt. Positiv sollte man allerdings erwähnen, dass zum Ende hin alles ineinanderfließt.
Wie jemand schreibt und was er schreibt, ist immer auch eine Frage des Geschmacks. Leider hat das Buch meine Erwartungen nur teilweise erfüllt. Ich würde mir wünschen, dass Menger wieder zu seinem bisherigen Stil zurückkehrt. Ich vergebe drei Sterne.

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Veröffentlicht am 15.07.2024

Nur die Zeit ist unser

Hast du Zeit?
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»Alles ist fremdes Eigentum, nur die Zeit ist unser«. Dieses so flüchtige, so leicht verlierbare Gut ist der einzige Besitz, in den uns die Natur gesetzt hat, und doch verdrängt uns daraus, wer da will.« ...

»Alles ist fremdes Eigentum, nur die Zeit ist unser«. Dieses so flüchtige, so leicht verlierbare Gut ist der einzige Besitz, in den uns die Natur gesetzt hat, und doch verdrängt uns daraus, wer da will.« (Zitat aus den Schriften des römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca – 1-65 n.Chr.).

In dem Thriller »Hast du Zeit?« befasst sich Andreas Winkelmann sehr intensiv mit dem Thema »Zeit«. Der Täter beschwert sich darüber, dass ihm die Zeit »gestohlen« wurde. Er will sich rächen und ist bereit, dafür zu töten. Nach welchen Kriterien wählt er die Personen aus? Das ist aus meiner Sicht ein skurriler Ansatz. Bei einigen ist es offensichtlich, warum er sie ausgewählt hat. Bei anderen vermissten Personen kann ich keine Verbindung herstellen. Hierzu haben mir die Beweggründe des Täters gefehlt.

Lars Erik Grotheer, ehemaliger Bundestagspolizist und mittlerweile in Rente, sowie Lilly Costanzo lernen wir im weiteren Verlauf näher kennen. Diese beiden Figuren sind die Protagonisten in diesem Thriller. Sie vermissen einen lieben Menschen. Lars Erik, der zu seiner Tochter Michelle Burghardt nach langer »Sendepause« wieder Zugang gefunden hat. Lilly vermisst ihre Lebenspartnerin Felicitas Möller.

In Deutschland werden täglich 200 bis 300 Vermisstenfälle registriert. In den meisten Fällen sucht die Polizei nicht nach diesen Menschen, da kein konkreter Verdacht vorliegt. Daher ermitteln Grotheer und Costanzo zunächst auf eigene Faust und stoßen dabei auf weitere Vermisstenfälle. Kein Motiv und keine Verbindung zu den vermissten Personen sind erkennbar.

Bei Angehörigen von einigen Vermissten tauchen Sanduhren auf. Was hat das für eine Bedeutung? Die Angehörigen sind irritiert und haben kein gutes Gefühl.

In eingeschobenen Kapiteln, die immer mit der Überschrift »Hinter der Zeit« beginnen, erzählt der Täter in Monologform über seine Gefühlslage. Es dreht sich dabei alles um ein und dieselbe Person: Hannah. Wer ist das – eine Verwandte oder Bekannte? Warum hat er sich immer um sie gekümmert und ihr seine Zeit geopfert? Ist sie krank? Nach und nach kommen wir der Lösung näher. Und plötzlich ist sie nicht mehr da. Ein sehr starkes Setting.

Nicht nur die Gefühle des Täters können wir im weiteren Verlauf besser verstehen und einordnen, auch in die Psyche der Entführten lässt uns der Autor tief blicken. Wir erfahren ein grausames Finale, was auf einen tief traumatisierten und psychopathischen Menschen schließen lässt.

Fazit:

Winkelmann hat als Grundlage für seinen Thriller ein Thema (Zeit) gewählt, dass zum Nachdenken anregt.
Einmal drin in der Handlung – und das geschieht schon auf den ersten Seiten – »fliegt« man durch den Inhalt. Verschiedene Erzählperspektiven sorgen zusätzlich für Spannung, die zum richtigen Zeitpunkt auf die Spitze getrieben wird.
Von Beginn an hat Winkelmann in seinen Kapiteln bei der Leserschaft für Verwirrung gesorgt. Das trifft insbesondere auf das Mitwirken vieler Figuren zu, wobei die meisten keinen Bezug zueinander haben. Das macht es nicht gerade einfach, den Überblick zu behalten.
Bei der Kapitellänge setze ich mehr auf Kontinuität, was hier nicht gegeben ist. Einmal sind sie überschaubar kurz, dann wieder lang. Endet ein Kapitel mit einem Cliffhanger, wünsche ich mir kurze Kapitel zur Fortsetzung des Handlungsstrangs.
Der Schreibstil ist leicht verständlich, flüssig und spannend. Unter Abwägung aller Pluspunkte und der verhalten angebrachten Kritik vergebe ich vier Sterne.

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Veröffentlicht am 04.07.2024

Ene, mene, meck – und du bist weg

NACHT
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Nicht nur dieses grausame Verbrechen auf einem ehemaligen Landgut einige Kilometer außerhalb von Reykjavík lässt einem beim Lesen frösteln. Auch die karge Landschaft in einem eisigen Winter mit viel Schnee ...

Nicht nur dieses grausame Verbrechen auf einem ehemaligen Landgut einige Kilometer außerhalb von Reykjavík lässt einem beim Lesen frösteln. Auch die karge Landschaft in einem eisigen Winter mit viel Schnee und langen Nächten. Das bringt uns die isländische Schriftstellerin Yrsa Sigurðardóttir eindrucksvoll näher. Überhaupt die Dunkelheit ist ein Thema in diesem Thriller.

Die fünfundzwanzigjährige Studentin Sóldís wird als Haushaltshilfe angestellt. Sie ist die eigentliche Protagonistin in diesem Thriller. Zunächst macht sie sich keine großen Gedanken darüber, dass zwei Haushaltshilfen vor ihr nach kurzfristiger Tätigkeit wieder gegangen sind. Zu den Eheleuten Ása und Reynir findet sie keinen richtigen Zugang. Ása behandelt sie zuweilen wie eine Leibeigene. Sie bleibt eigentlich nur wegen der beiden Mädchen Íris und hauptsächlich Gígja. Die kleine Gígja fühlt sich gleich zu Sóldís hingezogen.

Was geht vor in diesem gruseligen Anwesen? Dinge verschwinden, verschlossene Türen stehen plötzlich offen, obwohl sie abgeschlossen waren, eine finstere Gestalt steht vor dem Fenster, ein Motorschlitten verschwindet und sogar ein Pferd ist plötzlich nicht mehr im Stall. Sóldís kämpft mit ihren Ängsten und obwohl sie die beiden Mädchen nicht allein zurückzulassen möchte, beschließt sie, zu kündigen und diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Aber da ist es schon zu spät.

Ziemlich früh erfahren wir in diesem Thriller, was auf dem Anwesen passiert ist. Mutter Ása, die beiden Töchter Íris und Gígja sowie die Haushaltshilfe Sóldís werden regelrecht hingerichtet. Wir wissen lange nicht, wer dahintersteckt und warum dies alles geschehen ist. Zunächst verdächtigt die Polizei den Vater Reynir, da er sich nicht unter den Opfern befindet und verschwunden ist.

Ein operativ entfernter Hirntumor hat die Persönlichkeit von Reynir entscheidend verändert. Er ist seitdem unberechenbar und trifft abstruse Entscheidungen. Haben ihn diese Umstände zum Mörder werden lassen?

Die Polizei von Akranes erhält bei der Aufklärung Unterstützung von der Mordkommission in Reykjavík. Týr Gautason, der Neue im Team aus Reykjavík hat ganz eigene Probleme und wird im Laufe der Ermittlungen von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt.

In zwei verschiedenen Zeitebenen erfahren wir in einem chronologischen Ablauf den Stand der Ermittlungen in der Zeit danach. In der Zeit vor den Gräueltaten auf dem Anwesen erfahren wir hauptsächlich aus der Sicht der Haushaltshilfe Sóldís die Geschehnisse.

Die Autorin hat die einzelnen Figuren wunderbar charakterisiert. Das reiche Ehepaar Ása und Reynir hat viele Probleme untereinander, aber auch mit ihren Töchtern Íris und Gígja. Das Verhalten von Ása und Reynir wird immer merkwürdiger und undurchschaubarer. Die Darstellung von Sóldís und Gígja hingegen hat mir diese beiden Figuren sehr sympathisch gemacht und ich habe mit ihnen mitgelitten.

Fazit:

Ein düsterer Thriller mit sehr viel Potential und einem sehr starken Setting. Ich habe allerdings einige Zeit benötigt, um mich an den Schreibstil von Sigurðardóttir zu gewöhnen. Das wurde im weiteren Ablauf aber immer besser.
Die Beschreibung der einzelnen Figuren ist ein großes Plus der Autorin. Dass auch Polizisten ihre eigenen persönlichen Probleme haben, wird bei dem jungen Kommissar Týr sehr eindrucksvoll wiedergegeben.
Einige Kommentare oder Vergleiche blähen die Handlung unnötig auf - denn wen interessiert es, dass z.B. die Isländer später zu Bett gehen als die Schweden!? Das bringt keinen Mehrwert für den Plot.
Wer nicht auf eine dynamische Schreibweise oder eine hohe Taktung setzt und trotzdem Spannung erwartet, der kann dieses Buch bedenkenlos lesen. Von mir gibt es vier Sterne.

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Veröffentlicht am 26.06.2024

Hass – Leid – Liebe

Wenn sie lügt
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Waldesroda ist ein kleiner trister Ort in Thüringen, wo ein verschlossener Menschenschlag lebt. Dort ist damals vor neunzehn Jahren ein unfassbares Verbrechen geschehen, das das Leben komplett verändert ...

Waldesroda ist ein kleiner trister Ort in Thüringen, wo ein verschlossener Menschenschlag lebt. Dort ist damals vor neunzehn Jahren ein unfassbares Verbrechen geschehen, das das Leben komplett verändert hat. Diese Vergangenheit hat Auswirkungen auf die Gegenwart.

In zwei verschiedenen Zeitebenen erzählt der Autor abwechselnd aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Zum besseren Verständnis sind die Kapitel jeweils mit »NORAH«, »GORAN« und »ER« übertitelt. Cliffhanger an den Kapitelenden dienen dazu, zum Weiterlesen anzuspornen. Das hat Geschke sehr gut umgesetzt.

Rolaf, Peggy, Marcel, Lisa, Daniel, Norah und Goran sind eine eingeschworene Teenager-Clique. Als sich Norah in den vier Jahre älteren David verliebt, bekommt die Clique erste Risse. David will nicht, dass Norah sich weiter mit ihren Freunden trifft. Aus unerklärlichen Gründen ermordet David ein Liebespärchen und wird kurz nach der Tat und seiner Flucht von der Polizei für tot erklärt. Norah ist fortan nur noch die »Freundin des Killers«. Schweigen nach der Tat bringt die Clique endgültig auseinander.

Weil beide der Vergangenheit entfliehen wollen, zieht Norah nach Dresden und Goran nach Berlin.

Neunzehn Jahre später – Norah ist längst wieder in ihre Heimat zurückgezogen – brechen die alten Wunden wieder auf. Mysteriöse Drohbriefe tauchen plötzlich bei Norah auf. Dort werden Dinge erwähnt, die außer ihr nur noch David wissen konnte. Zudem nennt sie der Briefeschreiber »Äffchen«, so wie David sie liebevoll genannt hatte. Ist es ein Indiz dafür, dass er bei seiner Flucht nicht ums Leben gekommen und jetzt zurückgekehrt ist? Ein spannendes Element, das der Autor hier eingebaut hat.

Auch Goran kehrt aus Berlin zurück. Norahs Mutter Elisabeth, zu der Goran immer ein besonderes Verhältnis hatte, erzählt ihm von den Drohbriefen und bittet ihn, zurückzukommen. Norah und Goran hatten schon immer eine engere Beziehung zueinander, wollten sich dies aber nie eingestehen.

In einer auktorialen Erzählweise wird uns das Leben der Protagonisten Norah und Goran vor neunzehn Jahren und in der Gegenwart als Erwachsene mit Mitte dreißig geschildert. Dazwischen erfahren wir aus den Kapiteln, die mit »ER« beginnen, von einer Person voller Wut und Hass, die sich rächen will. Aber an wem und für was?

Im Laufe der Handlung wird »ER« immer mehr zum zentralen Thema. Norah und Goran versuchen, sie oder ihn ausfindig zu machen. Es kann sich nur um jemanden im näheren Umfeld von Norah handeln. Im Ausschlussverfahren derer, die es sein könnten, wird der Kreis immer kleiner.

Wenn man als aufmerksamer Leser die richtigen Schlüsse zieht, kommt man der Lösung schon bald auf die Spur. Es gibt nur eine Person, die die Drohbriefe geschrieben haben kann, auch wenn Geschke versucht, immer wieder andere Fährten zu legen.

Fazit:

Nach »Das Loft« (2022) und »Die Verborgenen« (2023) ist dies der dritte Stand Alone-Thriller von L. Geschke. Wie man hört, will der Autor sich demnächst wieder einer neuen Reihe widmen.
Die Charaktere der einzelnen Figuren sind sehr gut ausgearbeitet. Das trifft in erster Linie auf Norah und Goran zu.
Was in diesem Thriller weiterhin auffällt, ist die Tatsache, dass wir keine polizeilichen Ermittlungen haben, geschweige denn ein Ermittlerteam – lediglich ein oder zweimal wird ein Polizeieinsatz am Rand erwähnt.
Eingefügte Absätze mit Fallzahlen aus der Kriminalstatistik sind interessant und aufschlussreich. Das hat mir sehr gut gefallen.
Leider konnte mich das Setting nicht ganz überzeugen. Eingefügte Plot-Twists hätten die Handlung bereichert. Von der Dynamik her ist »Wenn sie lügt« nicht der stärkste Stand-Alone des Autors.

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