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Veröffentlicht am 08.11.2022

Nachdem die Träume zerplatzten

Revolution der Träume
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Um es vorweg zu sagen, bei diesem Buch sollte man erst gar nicht versuchen, den Roman mal so eben nebenbei zu lesen wie ein banaler Krimi. Der Autor hat gute Recherche betrieben und einen Roman verfasst, ...

Um es vorweg zu sagen, bei diesem Buch sollte man erst gar nicht versuchen, den Roman mal so eben nebenbei zu lesen wie ein banaler Krimi. Der Autor hat gute Recherche betrieben und einen Roman verfasst, bei dem wahre geschichtliche Ereignisse mit Phantasie gepaart wurden. Ich kann nur sagen: Gelungen.

Die drei Protagonisten Isi, Artur und Carl kennen wir schon aus dem ersten Band "Schatten der Welt". Das vorliegende Werk ist der 2. Band der Trilogie.

Man kann "Revolution der Träume" lesen, ohne den ersten Band zu kennen, da diese Geschichte ist in sich abgeschlossen ist. Natürlich ist es von Vorteil, den Werdegang der drei Freunde - der manchmal schon etwas chaotisch und auch kriminell war - in ihren jungen Jahren zu kennen. Die einzelnen Charaktereigenschaften sind dem Leser schon bekannt und im 2. Band hat man das Gefühl, wieder alte Freunde zu treffen.

Doch nun zum Inhalt: Der erste Weltkrieg ist verloren und vorbei. Der Kaiser abgesetzt. Doch von politischer Ruhe gibt es keine Spur. Das Volk erstürmt das Berliner Schloss und Plünderungen sind vorprogrammiert. Die unterschiedlichsten politischen Kräfte treffen in Berlin aufeinander und jede Gruppierung will das Sagen haben. Es beginnt eine wilde Zeit mit viel krimineller Energie.

Hier hat der Autor richtig gute Arbeit bei den Recherchen geleistet. Man hat zwar von den Unruhen dieser Zeit gehört, mit viel Glück im Geschichtsunterricht in der Schule auch Wichtiges darüber gelernt, doch im Laufe der Jahre etliches wieder vergessen. Im Rahmen dieses Buches gibt es eine Auffrischung des Geschichtswissens. Das passiert übrigens ganz nebenbei und ohne Leistungsdruck, eingebettet in die Handlungen eines fesselnden Romans.

Wie man schon im ersten Band lesen konnte, so war Artur der Draufgänger, gewitzt und ließ Gesetz schon mal Gesetz sein. Isi die Aufmüpfige und Carl der Ruhige, ein Künstlertyp. Durch die Kriegsereignisse kristallisierten sich die Persönlichkeiten der drei Freunde noch stärker heraus. Als sie sich in Berlin wieder trafen, war da Artur mit der Maske, die sein verstümmeltes Gesicht verbergen sollte, eine Größe der Berliner Halbwelt. Isi, die Kämpferin klaut einem Soldaten mit ihrer kecken Art einen LKW voller Waffen und Carl war mit seiner Kamera unterwegs um viele wichtige Ereignisse abzulichten. Dass er Zeuge der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurde, deren verlorenen Schuh er auf dem Pflaster ablichtete, nachdem man Rosa Luxemburg ins Auto zerrte, ließ ihn lange nicht zur Ruhe kommen. .

Jeder der drei Freunde geht seinen Weg und obwohl sie so unterschiedlich sind, gehen sie trotzdem zusammen, aber jeder in seine Richtung. Carl, aus dessen Sicht erzählt wird, landet in den Filmstudios, lernt Filmgrößen wie Pola Negri und Ernst Lubitsch kennen und macht so die ersten Schritte hinter die Kamera des Filmgeschäfts.

Was mir durch dieses Buch erst so richtig vor Augen geführt wurde war, dass diese Zeit nach dem Krieg voller Gewalt und Kriminalität war. Erst dachte ich, dem Autor sei da ab und zu die Phantasie durchgegangen. Doch dann beschäftigte ich mich mit anderen Quellen und irgendwann kam ich zu dem Ergebnis, dass es sich tatsächlich damals in etwa so abspielte, wie in diesem Roman beschrieben. Welch eine unruhige und aufregende Epoche. Würde ich mir wünschen, damals gelebt zu haben - auf keinen Fall.

Während der Lektüre bekommt man ein Gefühl dafür, wie all das Schreckliche, das sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte, langsam an die Oberfläche driften konnte.

Ich glaube, das ist einer der Vorzüge dieses Romans, dass man rückblickend versteht, was den Boden bereitete, für das, was noch kommen sollte.

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Veröffentlicht am 08.11.2022

Seit hunderten von Jahren hängt alles mit allem zusammen

Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund
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Um es vorweg zu sagen, dieses Buch ist wie eine Perle in der Literatur. Der Roman mit Bezug auf tatsächliche geschichtliche Ereignisse, als auch diese faszinierende Sprache - es passt einfach alles.

Sobald ...

Um es vorweg zu sagen, dieses Buch ist wie eine Perle in der Literatur. Der Roman mit Bezug auf tatsächliche geschichtliche Ereignisse, als auch diese faszinierende Sprache - es passt einfach alles.

Sobald ich mich voll auf die Geschichte eingelassen hatte, war ich verzaubert von dieser nordischen Mystik, die in dem ganzen Buch präsent ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir vor einigen Jahren Norwegen 4 Wochen lang mit dem Wohnwagen bereisten und uns genau dort wo dieser Roman spielt, nördlich von Lillehammer, für einige Tage aufgehalten haben. Schon während unseres Aufenthaltes waren wir von dieser schieren Endlosigkeit des Fjells angetan. Ab und zu stand da mal ein Sommerhaus an einem See. Ansonsten unendlich Natur. Man konnte das Gefühl haben, allein auf der Welt zu sein, da uns kaum jemand - wenn man von den vielen freilaufenden Schafen absieht - begegnete. Wir besichtigten auch 2 Stabkirchen und wanderten über Friedhöfe, die meist ganz anders angelegt waren als bei uns. Und genau das, was wir auf unsere Reise sahen und empfanden, gibt der Autor in seinem Buch wider. Mir ging das Herz auf.

Doch jetzt zum Inhalt. Zu Beginn geht es zurück in den 1. Band der Trilogie, zu den siamesischen Zwillingen, den Hekne-Schwestern, die mit ihren geschickten Händen Kunstwerke wie Kissen oder diesen sagenumwobenen Wandteppich erschufen. Es war als wüssten sie, was sich alles nach ihnen ereignen wird, denn ihre Motive erzählen davon.

Seite 99, Kai Schwaigaart: "Das Kopfkissen ist den Träumen des Einsamen ganz nah."

Kai Schwaigaard, der Pfarrer in Butangen kennen wir schon vom ersten Band. Er war verliebt in Astrid, konnte aber deren Herz nicht gewinnen, da der deutscher Architekt Schönauer kam die Stabkirche zu zeichnen, anschließend abzubauen und nach Dresden zu verschicken, wo sie wieder aufgebaut wurde. Er zeichnete nicht nur die Kirche sondern auch Astrid, die sich in ihn verliebte und später bei der Geburt ihrer Zwillingen starb. Ab da setzt die eigentliche Geschichte des zweiten Bandes ein.

Wir lernen Jehans kennen, einer von Astrids Söhnen. Der zweite Junge sei bei seiner Geburt verstorben, hieß es. Auch Jehans musste, wie alle anderen Bewohner auch, bei Oswald, dem reichsten Landbesitzer der Gegend, Frondienste leisten. Dieser, ebenfalls ein Hekne, bestimmte über das Land und vor allem über die Menschen. Oswald missbrauchte seine Macht wann immer es ihm beliebte und warf die Menschen von den Höfen, vertrieb sie von dem Land das sie bestellten. Die Handlung des Buches ist in einer Zeit vor etwa 130 Jahren angesiedelt. Was für ein Unterschied zum heutigen Leben, wie wir es in Europa kennen. Während unserer Reise durch Norwegen besichtigten wir auch das Freilichtmuseum Maihaugen und während ich dieses Buch las erinnerte ich mich wieder an diesen Besuch. Vor meinen inneren Augen erstanden wieder die alten Hütten und Häuser des Museums, in denen zu früheren Zeiten die Menschen in Norwegen lebten.

Wieder zurück zum Roman: Doch Jehans ist mehr als nur ein Arbeiter auf dem Hekne-Hof. Kai Schwaigaart versprach sich um ihn zu kümmern und ihm Bildung zu vermitteln. Er lehrte ihn Englisch und brachte ihn mit Hilfe von Büchern mit der moderneren Welt da draußen in Kontakt. Jehans war aber auch ein Jäger und ging auf die Rentierjagd. Kannte deren Gewohnheiten und wie man sich ihnen am besten näherte.

Seite 50: "Die Rentiere kamen den Berghang herab wie die franz. Kavallerie."

Auf seiner Pirsch traf er auf den Engländer Victor, der sich ebenfalls auf Rentierjagd befand. Gleichzeitig hatten sie auf das Tier geschossen und es war nicht mehr genau auszumachen, welcher Schuss das Tier tötete. Auch da kommt wieder dieses Übersinnliche der nordischen Mystik zum tragen, als die beiden Männer sich ohne viel Worte zu wechseln, verstehen. Es ist, als wüssten sie, was der Andere in nächsten Moment zu tun gedenkt. Eine Verbindung jenseits des Erklärbaren. Man einigte sich schnell in Bezug auf das Rentier. Mehr will ich dazu nicht verraten. Von da an überschlagen sich fast die Ereignisse.

Der Roman spielt über mehrere Jahrzehnte. Auch diese abgeschiedenen Ansiedlungen bekamen den ersten Weltkrieg zu spüren. Und als man froh darüber war alles hinter sich zu haben, fand die spanische Grippe ihren Weg nach Butangen. Immer wieder spielen die kunstvollen Kissen und der Wandteppich der Hekne-Schwestern eine Rolle. Haben sie nicht vor Jahrhunderten schon all diese Ereignisse durch ihre Motive in dem Teppich dargestellt? Die Schwesternglocken, von denen eine in Dresden in der Stabkirche hängt und die zweite auf dem Grund des dunklen Sees in Butangen liegt um von dort zu läuten, dass es die Menschen hören und gewarnt werden.

Wie oben schon erwähnt, ist die nordische Mystik in diesem Buch allzeit gegenwärtig.

Geplant ist eine Trilogie. Natürlich kann man diesen 2. Band lesen, ohne den vorherigen zu kennen, da dieses Buch in sich abgeschlossen ist. Doch ich würde jedem empfehlen, zuerst den 1. Band zu lesen oder als Hörbuch zu hören. Die Hekne-Schwestern, Kai Schwaigaart, Astrid, Schönauer und vor allem Butangen werden im ersten Teil dem Leser nahe gebracht und im 2. Band hat man das Gefühl, zu liebgewordenen Bekannten zurück zu kehren.

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Veröffentlicht am 28.09.2022

Die abenteuerliche Reise des Oskar Speck

Der Flussregenpfeifer
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Als ich das Cover dieses Buches sah, war ich schon fasziniert. Der Einband bereitet den Leser auf das Abenteuer vor, welches hier auf über 500 Seiten erzählt wird. Als Grundlage dient die wahre Geschichte ...

Als ich das Cover dieses Buches sah, war ich schon fasziniert. Der Einband bereitet den Leser auf das Abenteuer vor, welches hier auf über 500 Seiten erzählt wird. Als Grundlage dient die wahre Geschichte des Oskar Speck, der im Jahre 1932 mit seinem Faltboot bis Zypern wollte, da dem Sieger dieses Wettbewerbs eine ordentliche Summe gezahlt werden sollte. Die eigenen, als auch die Schulden seines Freundes Karol waren seine Motivation. Doch es kam alles anders als geplant. Sein Sieg wurde nicht anerkannt und er wollte beweisen, was er kann. Am Ende war er sieben Jahre unterwegs und schaffte es bis nach Australien.

Der Autor Tobias Friedrich hat viel und ausführlich recherchiert. Meist wird rückblickend aus der Sicht von Oskar Speck erzählt, der nach dem Ende dieser abenteuerlichen Reise von einer jungen Journalistin interviewt wurde. Wäre es in diesem Buch nur um diese Reise gegangen, es hätte mich nicht mehr losgelassen und ich hätte diesen Roman nur so verschlungen.

Doch der Autor verlegte sich auf mehrere Handlungsstränge, die optisch ineinander übergingen und ich als Leser nicht immer voneinander trennen konnte. Die einzelnen Abschnitte sind recht kurz gehalten, was zur Folge hatte, dass immer dann, wenn ich mich wieder in einem Handlungsstrang zurecht fand, die Perspektive, bzw. die handelnden Personen wechselten und ich laufend wieder zurückblättern musste, da ich den Faden verloren hatte. Dadurch gestaltete sich das Lesen recht anstrengend.

Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich nach den Covid-Impfungen immer für einige Wochen mit Konzentrationsstörungen zu kämpfen hatte. Dazu eine große Müdigkeit, dass mir während des Lesens oftmals die Augen zufielen. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, einen Roman zu lesen, bei dem man seine Gedanken zusammenhalten muss, wenn man der teilweise verwirrenden Handlung folgen wollte.

Sprachlich ist dieser Roman recht einfach zu lesen. Keine tiefgehenden Gedankenanstöße, über die man längere Zeit nachdenken müsste. Überhaupt, Tiefgang ist nicht so die Stärke des Autors. Es ereignet sich alles mehr oder weniger an der Oberfläche. Auch was es mit dem Titel auf sich hat, erschloss sich mir nur ungenau. Vielleicht habe ich es aber auch überlesen, da es unspektakulär war.

Trotzdem hat dieses Buch was. Der Mut von Oskar Speck soviel Unabwägbarkeiten zu wagen, als auch seine abenteuerlich Reise selbst, hielten mich bei der Stange. Dies ist ein Buch für Weltengänger, die vielleicht selbst mal auf der See die Weite unseres Erdballs erkundeten. Also für Menschen, die wissen wollen, was sich jenseits ihres Tellerrandes abspielt und die in Fremdem nicht zuerst die Gefahr sehen, sondern die Möglichkeit Neues kennenzulernen. Ich glaube solche Leser werden sich auch von den kleinen Mängeln dieses Buches nicht die Freude am Lesen verderben lassen.

Im Grunde gebe ich 3,75 Sternchen.

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Veröffentlicht am 20.07.2022

Die Wahrnehmung der Realität den Vorstellungen des eigenen Lebens anpassen

Wir sind das Licht
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Das Buch "Wir sind das Licht" von Gerda Blees hat mir ausnehmend gut gefallen. Wer sich auf dieses Buch einlässt, darf keinen Roman der üblichen Art erwarten. Die eigentliche Geschichte wird schon im ersten ...

Das Buch "Wir sind das Licht" von Gerda Blees hat mir ausnehmend gut gefallen. Wer sich auf dieses Buch einlässt, darf keinen Roman der üblichen Art erwarten. Die eigentliche Geschichte wird schon im ersten Kapitel erzählt.


Die Wohngemeinschaft "Klang und Liebe" entsagt im Grunde allem, was dem Normalbürger wichtig ist. Die Mitglieder leben in 70er Jahre Möbel, schlafen auf Luftmatratzen und sind davon überzeugt, ohne feste Nahrung und nur von Licht und Luft leben zu können. Klingt verrückt und der logische Verstand sagt einem, dass dies nie gutgehen kann. Trotzdem sind die Mitglieder dieser Gemeinschaft davon überzeugt. Müde und abgemagert gehen sie unbeirrt ihren Weg, harren am Sterbebett ihrer Mitbewohnerin Elisabeth aus, die letztlich an Unterernährung und Entkräftung stirbt. Wegen unterlassener Hilfeleistung kommen alle in Untersuchungshaft und die Ermittlungen beginnen.


Danach setzt das Spannende dieses "experimentellen" Buches ein. Immer wieder wird die selbe Geschichte aus anderer Sicht aufgerollt. Jedes Kapitel beginnt mit: "Wir sind..." und es wird aus jeweils dieser Perspektive erzählt.


Kapitel 3: "Wir sind das tägliche Brot." Hat man schon jemals aus der Sicht eines Brotes unsere Nahrung und unser Leben betrachtet? Brot, das uns am Leben erhält aber im Denken der Mitglieder von "Klang und Liebe" nicht gut für den Körper ist und sinnlos zerkrümelt, aber nicht gegessen wird. Hunger, der so überwunden wird. Beim Lesen musste ich an Bölls "Das Brot der frühen Jahre" denken, denn dort ist Brot auch das Sinnbild für andere Lebensempfindungen. im Gegensatz zu dieser Betrachtungsweise ist das Wort Brot bei Böll aber positiv besetzt.


Kapitel 9: "Wir sind die Eltern". Die Bewunderung für ihre Kinder ist unverkennbar, denn jedes ihrer Kinder ist anders begabt. Doch es zeigt sich auch die Traurigkeit, wenn die eigenen Kinder im Erwachsenenalter mit Worten und Apellen an die Vernunft nicht mehr zu erreichen sind. Da ist Melodie, die mehr Aufmerksamkeit braucht als die anderen Kinder. (S.85/86) Ihr erstes Wort war nicht Papa oder Mama, sondern Cello. "Die Einzige, die wirklich ein Gespür hatte für die Schönheit von Bach, Mahler, Sibelius und all unseren Lieblingskünstlern." Näher wird in dem Kapitel: "Wir sind ein Cello" aus Sicht dieses Musikinstrumentes auf Melodies musikalische Laufbahn, üben bis zum Exzess und trotzdem das Scheitern, eingegangen. (S. 105): "Und damit wurde unsere gemeinsame Zukunft besiegelt. Eine bewegte Zukunft, können wir schon jetzt verraten. Freud und Leid haben wir mit ihr geteilt, aber wenn wir jetzt zurückdenken, erinnern wir uns vor allem an das Leid." Die Erkenntnis, das alles Fördern und Üben nicht reichte. Aus Melodie wurde nie eine große Cellistin. Sie blieb immer Mittelmaß, was sie selbst nicht akzeptieren konnte und enttäuscht die Musik gänzlich aufgab.


Oder Kapitel 10. "Wir sind ein Schmetterling". Ein wundervoller, neugeborener Schmetterling, der schlüpft und in Muriels Gedankenwelt lebt. "Mindestens einmal pro Tag, aber meistens öfter, schlüpfen wir aus unserem Kokon und entfalten unsere Flügel im Sonnenlicht, wobei sich unsere Musterung beeindruckend von der blaugelben Morgenluft abhebt...." Ich glaube, noch nie wurde ein Schmetterling, sowie die Wahrnehmung dieser Tiere mit solch einer Tiefe beschrieben wie in diesem Kapitel. Was löst der Blick auf einen Schmetterling bei Muriel - und sicherlich auch bei Lesern, die sich auf dieses Buch voll einlassen - aus? Es geht immer um Empfindungen, die durch einen äußeren Reiz wachgerufen werden. "Wodurch bekommst du Flügel?" (S. 97)


In allen Abschnitten spielt philosophisches Denken eine große Rolle. Fühlen und Empfinden kommt oftmals stärker zum Tragen als die Realität - auch wenn dies noch so irrational ist.


Kapitel 23: "Wir sind kognitive Dissonanz." (Seite 212) In diesem Kapitel geht es um den Selbstbetrug und wie die Mitglieder der Wohngruppe vor sich selbst die unterlassene Hilfeleistung erklären. Die Überzeugung, dass man Elisabeth einen Gefallen tat, als man bei ihrem Sterben ihre Hand hielt und bei ihr blieb anstatt einen Krankenwagen zu rufen. Spätere Selbstzweifel werden weggeleugnet. "Wir sind die unangenehme Empfindung, die Sie haben, wenn sich herausstellt, dass die Wirklichkeit nicht mit Ihren Überzeugungen übereinstimmt. Wenn sie sich aufgrund Ihres eigenen Verhaltens eingestehen müssen, dass Sie doch kleingeistiger, kleinlicher und konservativer sind, als sie dachten. Wir sind die Grimasse, die dann kurz über ihr Gesicht huscht, nur ein paar Sekunden, bis Sie es geschafft haben, sich eine Geschichte auszudenken, in der Sie die Fakten, oder Ihr eigenes Verhältnis dazu, so verdrehen, bis es den Anschein hat, als würde alles wieder stimmen. Wir sind der Vater und die Mutter Ihres Selbstbetrugs. Dafür müssen sie sich nicht schämen, Sie sind nicht der Einzige." Ganz deutlich wird es auf Seite 214 thematisiert: "Und ganz langsam setzen wir auch bei Muriel und Petrus die Rädchen des Selbstbetrugs in Gang....... und die Erinnerungen an ihre Erfahrungen in der Zelle werden schleunigst angepasst." Was für ein starkes Kapitel. Hier wird generell den Menschen tief in die Seele geschaut.


Dies ist ein Buch das man nicht von vorne nach hinten lesen muss. Jedes Kapitel steht für sich. Einige Kapitel wird man öfters lesen weil sie etwas in einem ansprechen. Andere Kapitel wirken abgehoben oder auch irrational. Aber jedes Kapitel ist eine eigene Betrachtungsweise die es wert ist, darüber nachzudenken. Es ist die Geschichte der Wohngemeinschaft "Luft und Liebe" und doch sind es auch Geschichten von uns selbst. Es wird hinterfragt und entgegen der menschliche Vernunft auch gerade gerückt und angepasst, bis hin zum Selbstbetrug. Das ist das Spannende und auch Skurrile an diesem Buch.


Zum Lesen aber nicht zur Nachahmung empfohlen.








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Veröffentlicht am 13.02.2022

Es kann jede Frau treffen

Brust raus
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Tanja Bülter war 48 Jahre alt als bei ihr die Diagnose "Brustkrebs" gestellt wurde. Auf Grund dieser eigenen Erfahrungen schrieb sie das vorliegende Buch "Brust raus".

Gleich zu Beginn stellte sie sich ...

Tanja Bülter war 48 Jahre alt als bei ihr die Diagnose "Brustkrebs" gestellt wurde. Auf Grund dieser eigenen Erfahrungen schrieb sie das vorliegende Buch "Brust raus".

Gleich zu Beginn stellte sie sich selbst die Frage, "wieso noch ein Buch zu diesem Thema, wo der Markt doch bereits vieles dazu hergibt und damit gesättigt ist?" Die Antwort auf diese Frage gibt das Buch selbst.

Sie ist getrennt lebende und allein erziehende Mutter mit 2 Kindern und hat auch beruflich ihren Platz im Leben gefunden. Als Journalistin bei RTL ist sie erfolgreich und im Grunde könnte alles so geordnet weiterlaufen, wie sie sich das Leben eingerichtet hat. Doch eines Tages merkte sie, dass an ihrer Brust etwas anders war. Meine "Mistbeule" nennt sie von da an den aggressiven Krebstumor, der recht schnell diagnostiziert wurde. Das ganze geordnete Leben war auf einmal in völliger Unordnung. Wie sollte es jetzt weiter gehen? Wem sollte sie sagen, dass sie an Brustkrebs erkrankt war? Von Anfang war für sie klar, dass nur ein kleiner Kreis eingeweiht werden sollte. Gerade so, wie es gut für sie ist. Nichts in die Öffentlichkeit.

Noch bevor sie mit der Chemo begann erkannte sie, dass sie mehrere Menschen in ihrem Umfeld einweihen musste, da sie auf fremde Hilfe angewiesen sein würde. Ihre Freundinnen boten sofort an, sie wechselweise von der Chemo abzuholen und nach Hause fahren. Ihre Mutter als auch ihr getrennt lebender Mann würden sie bei der Betreuung der beiden Kinder entlasten. Natürlich musste ihr Chef eingeweiht werden, der auch später immer wieder sehr viel Verständnis für ihre Situation hatte, genau wie die nächsten Kollegen. Als es mit der Behandlung los ging, halfen ihr diese Menschen, die Monate der Chemo einigermaßen gut zu überstehen.

Das ist auch einer ihrer Ratschläge: Man darf sich nicht scheuen Hilfe anzunehmen. Besonders in dieser Situation braucht man Menschen die einem den Alltag erleichtern, wenn man alleine nicht mehr zurecht kommt.

Tanja Bülter, eine hübsche Frau die ausstrahlt mit beiden Beinen im Leben zu stehen, ist der Blickfang des Covers. Als Journalistin ist sie seit Jahren regelmäßig im TV zu sehen. Gutes Aussehen ist in diesem Job Teil des beruflichen Kapitals. Ihre bange Frage: Wie soll es weitergehen, wenn sie durch die Chemo ihre Haare verliert? Ein Katalog mit Perücken bringt sie fast zur Verzweiflung. Doch zum Glück ist die med. Entwicklung inzwischen auch da weiter. Als Journalistin weiß Tanja wie man recherchiert und erfährt von "Kühlkappen" (S. 26/27), die den Haarausfall zu einem hohen Prozentsatz stoppen können. Um es vorweg zu nehmen - sie brauchte nie auf eine Perücke zurück greifen.

Viele Arztbesuche, Beratungsgespräche und vor allem Planung waren nötig bevor die aggressive Behandlung beginnen konnte. Immerhin will sie während der Zeit der Chemo nicht wochenlang zu Hause rumhängen sondern weiter arbeiten. Sobald die Chemo vorüber ist gibt es eine OP und anschließend Bestrahlung - so war der Plan.

Tanja Bülter nimmt in diesem Buch den Leser mit durch ihre Höhen und Tiefen während der Behandlung. Dank ihres Berufes als Journalistin ist sie versiert, sich in fließender Sprache und auch für Laien verständlich auszudrücken. Dadurch entstand ein Buch, das man einerseits nur so weg lesen kann und trotzdem sehr viele Informationen rund um die Erkrankung erhält.

Es gibt mehrere grau unterlegte Passagen, für die man sich Zeit und vor allem Konzentration nehmen muss. Es lohnt sich! Ich denke, diese Teile sollte man mehr als nur einmal lesen. Da werden nicht nur Fachbegriffe erklärt sondern es gibt handfeste Informationen rund um die Behandlung, die Ernährung (ab S. 120 Christopher Crell, Ernährungsexperte) oder das Interview (S. 150/151), mit Dr. Med. Claudia Herzler, Fachärztin für Dermatologie, Proktologie, Venerologie, Allergologie. Sie beantwortet Fragen der Autorin. Z. B. "Nach einer OP haben die meisten Patientinnen mit Narbengewebe zu kämpfen. Was kann ich aktiv tun, um die Narben bestmöglich zu versorgen?" usw.

"Was genau passiert bei einer Strahlentherapie, was bewirkt sie?" Darüber gibt PD Dr. Christian Weissenberger auf den Seiten 153 bis 161 Auskunft.

Von ihrem Onkologen bekam die Autorin ein Rezept für eine Heilsuppe, die eine seiner ehemaligen Patientinnen gegen Übelkeitsattacken entwickelte (S.133) und deren Zubereitung man nachlesen kann. Auch auf "Chemobrain" geht die Autorin auf Seite 135 ein. Eine Nebenwirkung der Behandlung war die Vergesslichkeit, ein absolutes Novum für Tanja.

Das Buch ist eine Mischung aus Erfahrungsbericht und einem Sachbuch. Obwohl es sich um eine absolute Ausnahmesituation handelte, schreibt Tanja zwar emotional, drückt aber weder auf die Tränendrüse noch schreibt sie übertrieben euphorisch. Ganz sicher hatte sie während der Zeit der Therapie sehr viele Ängste. Doch beim Schreiben blieb sie klar und zuversichtlich. Tanja wusste von Anfang an, dass es sich um einen sehr aggressiven Krebs handelte, wusste aber auch, was sie wollte: Gesund werden.

Dieses Buch sollten nicht nur Brustkrebspatientinnen lesen. Ich denke, die persönlichen Erfahrungen von Tanja Bülter zeigen auch Angehörigen und Freunden von Betroffenen unterschiedliche Wege, wie sie die Patientinnen unterstützen und auch selbst mit all den Anforderungen die auf sie einstürzen, umgehen können.

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