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Veröffentlicht am 12.05.2026

Tilda Finch und die Unsichtbarkeit

Mit anderen Augen
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Tilda Finch ist 52 Jahre alt, als sie eine bestürzende Diagnose erhält: sie wird unsichtbar. Nach Ansicht der Schulmedizin und ihrer Ärztin ist morbus invisibilis progredient und unheilbar. Sie befällt ...

Tilda Finch ist 52 Jahre alt, als sie eine bestürzende Diagnose erhält: sie wird unsichtbar. Nach Ansicht der Schulmedizin und ihrer Ärztin ist morbus invisibilis progredient und unheilbar. Sie befällt Frauen mit zunehmendem Alter und kann zu ihrem völligen Verschwinden führen. Die Gesellschaft nimmt dieses Leiden nicht wahr und die Forschung der Pharmaindustrie beschäftigt sich nicht damit. Wie kann das sein? Und muss sich Tilda wirklich in ein unabwendbares Schicksal fügen?

Nein, Tilda fügt sich nicht! Sie ist eine Frau, deren Leben man als privilegiert bezeichnen kann. Interessanterweise hat dies einige meiner Mitleserinnen gestört, so als ob ein Leben im Wohlstand und mit einem wunderbaren Umfeld automatisch vor Krankheiten schützen würde. Hat Tilda das Recht dazu, unsichtbar zu werden? Ich denke, dass gerade ihre gesellschaftliche Situation es ihr ermöglicht, sich intensiv mit dieser Diagnose auseinanderzusetzen. Es wäre ein völlig anderes Buch, wenn ihr nicht all die Möglichkeiten offen stehen würden, die sie schlussendlich nutzt. Und es wäre wirklich sehr schade, wenn wir als Leserinnen ihr dabei nicht über die Schulter gucken könnten.

Im ersten Moment ist Tilda bestürzt und betäubt sich mit Alkohol, scharrt ihre Freundinnen um sich und versucht zugleich, diese Krankheit zu verbergen. Doch dann setzt sie sich mehr und mehr mit der Unsichtbarkeit und möglichen Therapien auseinander. Sie besucht eine Selbsthilfegruppe, geht zu einer Therapeutin mit einem alternativen Heilungsansatz, nutzt Apps zur Meditation und meldet sich zu einem Schweige- und Meditations-Retreat an. Was sich nach einem schwermütigen Depressionsroman anhört, ist in Wirklichkeit voller Lebendigkeit. Das liegt sicherlich an der sehr sympathischen Tilda, die wunderbar authentisch gezeichnet wird. Wir begleiten sie durch emotionale Höhen und Tiefen, durchleben Schmerzhaftes ebenso wie Lebensfreude und Liebe. Und es liegt an dem wunderbaren Humor, mit dem die australische Autorin Jane Tara ihre Heldin ausgestattet hat. Tara geht wertschätzend und einfühlsam mit ihren Protagonistinnen um. Niemand wird vorgeführt. Man mag der Autorin vorwerfen, dass sie zu viele Klischees bedient und manche Passagen nach einem Ratgeber klingen. Aber dadurch ermöglicht sie es den Leserinnen, sich mit ihrer eigenen Selbstwahrnehmung über den spielerischen Vergleich zu Tilda auseinanderzusetzen. Manches ist eine literarische Therapiestunde, aber immer schwingt eine Leichtigkeit mit, die uns davor bewahrt in Düsternis zu versinken. Denn Tilda tut das auch nicht.

MIT ANDEREN AUGEN ist kein Psychoratgeber, keine Kampfschrift des Feminismus und manchmal ist das auch gar nicht erforderlich. Ich kann die Kritik nachvollziehen, dass Tara benachteiligende Strukturen individualisiert. Aber manchmal ist ein Unterhaltungsroman auch einfach nur ein Unterhaltungsroman. Schön, wenn er dabei auch noch Frauen unterstützt, sich selbst zu stärken. Und auch eine zugegebenermaßen überkandidelte Liebesgeschichte kann ich der Autorin verzeihen. Das Buch hat einfach andere Stärken.

Ich sage das nicht oft über Bücher, aber dieses werde ich sicherlich bald noch einmal lesen. Ich vergebe 5/5 Sternen ⭐⭐⭐⭐⭐.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Ein Roman zwischen Reportage und Fiktion

Poyais. Ein Land, das es nie gab
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Wenn man noch nie etwas von dem Land Poyais gehört dann, dann liegt es nicht daran, dass man im Geographie-Unterricht nicht aufgepasst hat, sondern daran, dass es dieses Land nie gegeben hat. Und dennoch ...

Wenn man noch nie etwas von dem Land Poyais gehört dann, dann liegt es nicht daran, dass man im Geographie-Unterricht nicht aufgepasst hat, sondern daran, dass es dieses Land nie gegeben hat. Und dennoch haben sich im 19. Jahrhundert zahlreiche Siedler dorthin aufgemacht, denn der angebliche Herrscher von Poyais, ein Schotte namens Gregor Mac Gregor, war nicht nur ein genialer Trickbetrüger, sondern tatsächlich auch ein gefeierter Heerführer aus den südamerikanischen Befreiungskriegen. Sein Coup war derart ausgeklügelt, dass ihm alle auf den Leim gingen, vom einfachen Knecht bis zum gebildeten Akademiker. Uli Achtner, Journalistin und Autorin, hat dieses historische Ereignis aufgegriffen und daraus einen fast 450 Seiten starken historischen Roman geschaffen.

Die Gestaltung des Taschenbuches aus dem emons-Verlag gefällt mir sehr gut. In tropischen Pastellfarben wird eine paradiesisch anmutende Bucht abgebildet, mit hohen Bergen im Hinterland und Palmen und Booten im Vordergrund. Dieses Motiv wird auch auf den vorderen und rückwärtigen Umschlagseiten aufgegriffen und stimmt die Lesenden auf das Buch ein.

Doch das Thema wird etwas anders umgesetzt, als ich es nach dem Klappentext erwartet hätte. Gregor MacGregor ist allenfalls eine Nebenfigur. Ich hätte mir gewünscht, dass er in dem Roman selbst eine prägnantere Rolle einnimmt.

Wir neigen in unserer Gesellschaft dazu, Erfolge zu feiern. Und erfolgreich war Gregor MacGregor zweifellos. Sein Plan war perfide, aber so brillant ausgefeilt, dass das Konstrukt Poyais Realität zu sein schien. Doch wenn man die Opfer mit in den Blick nimmt, dann enttarnt sich diese Brillanz als pure Skrupellosigkeit. MacGregor ist aus egoistischen Motiven über Leichen gegangen. Er hat Existenzen zerstört und unendliches Leid verursacht. Unser Blick auf die Opfer ist häufig getrübt. Statt sie zu stärken, wird ihnen eine Mitschuld unterstellt, zumindest eine Naivität. Es ist in der öffentlichen Wahrnehmung nichts ehrenhaftes daran, ein Opfer zu sein. Das Buch legt den Blickwinkel auf die Opfer, nicht auf den Täter. Am Ende ist die Frage nach seinen Beweggründen - die ich in dem Buch tatsächlich vermisst habe - aber gar nicht so relevant. Vielleicht sollten wir viel mehr auf die Opfer blicken.

Hauptfigur des Romans ist die fiktive Frankfurter Bürgerstocher Julie, die wir auf ihrem langen Weg begleiten - lang, manchmal vielleicht etwas zu lang. Gleiches gilt für den zentralen Protagonisten des zweiten Handlungsstranges, den irischen Söldner Liam. Die Charaktere hätten gerne etwas ausgefeilter gestaltet werden können. Mit Julie konnte ich nicht recht warm werden, sie war mir zu glatt und etwas zu modern beschrieben. Liam hingegen hatte mehr Tiefe, was mir gut gefallen hat. Sein Schicksal hat mich darum auch mehr bewegt. Viele weitere Romanfiguren bleiben leider oberflächlich, manchmal auch klischeehaft dargestellt.

Der Schreibstil ist flüssig und gut lesbar, jedoch in weiten Teilen deskriptiv. Uli Aechter hat für dieses Buch erkennbar gut recherchiert. Ihre Quellenangaben sind umfangreich. Da erkennt man die Journalistin. Ich hätte mir gewünscht, dass sie sich stärker von den historischen Beschreibungen löst und ihren Protagonist:innen noch mehr Leben einhaucht, damit eine größere literarische Tiefe entsteht und der Spannungsbogen etwas raffinierter gehalten wird. So bewegt Aechtner sich an manchen Stellen eher auf einer Reportage-Ebene.

Zusammenfassend ein gut lesbarer und interessanter historischer Roman, der aber die potentiellen Möglichkeiten des Themas noch mehr hätte ausschöpfen dürfen.

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Veröffentlicht am 19.04.2026

Ein Buch, das begeistert und mir in Erinnerung bleiben wird

Ein Ort, der bleibt
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Was verbindet eine deutsche Emigrantin und eine türkische Wissenschaftlerin der 1930er Jahre mit einer jungen Frau im 21. Jahrhundert? Sandra Lübkes, eine mir bislang leider unbekannt gebliebene Autorin, ...

Was verbindet eine deutsche Emigrantin und eine türkische Wissenschaftlerin der 1930er Jahre mit einer jungen Frau im 21. Jahrhundert? Sandra Lübkes, eine mir bislang leider unbekannt gebliebene Autorin, ist dafür verantwortlich. Fasziniert von den historischen Figuren Magda Heilbronn und Mehpare Başarman hat sie deren Lebensgeschichten recherchiert und mit der fiktiven Figur der Imke Voigt in Verbindung gebracht. Lübkes gelingt es wundervoll, Realität und Fiktion miteinander zu verbinden.

EIN ORT, DER BLEIBT beschreibt die Entstehung und das Schicksal des Botanischen Gartens von Istanbul. Während in Deutschland die Nationalsozialisten den jüdischstämmigen Botaniker Alfred Heilbronn seines Amtes entheben, nutzt Kemal Atatürk die für ihn damit verbundene Chance, dem Vertriebenen eine neue berufliche Perspektive zu eröffnen und damit die Modernisierung des Landes voranzubringen. Heilbronn und mit ihm seine Familie emergieren in die Türkei und werden "haymatloz". Dort begegnen sie der jungen Studentin Mehpare Başarman, die schon bald Heilbronns Assistentin wird. Gemeinsam erschaffen sie den Botanischen Garten von Istanbul. Während die Wurzeln der Familie Heilbronn gekappt sind, können Pflanzen wie der Akanthus hier ihre Wurzeln schlagen. Jahrzehnte später ist die Romanfigur Imke daran beteiligt, eine Gutachten darüber zu erstellen, ob die Überreste des Gartens und des Instituts erhaltenswert sind.

Mich hat einfach alles an diesem Buch begeistert. Lübkes hat hervorragend recherchiert und das trägt dazu bei, dass ihre Protagonist:innen lebendig und authentisch wirken. Die Atmosphäre ist greifbar und trotz zahlreicher schwerer Themen niemals so bedrückend, dass ich das Buch zur Seite legen wollte. Der Schreibstil ist lebendig, mitreißend. Ich wollte EIN ORT; DER BLEIBT nicht aus der Hand legen, und habe in meinem Freundeskreis viel darüber erzählt.

Die Geschichte der deutschen Exilanten in Istanbul war mir bislang unbekannt. So wurde ich nicht nur großartig unterhalten, sondern habe gleichzeitig viel gelernt, historisch, politisch und wissenschaftlich. Ein Buch, dass einen Platz nicht nur in meinem Bücherregal, sondern auch in meinem Herzen gefunden hat.

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Veröffentlicht am 31.03.2026

Unausgegorener Verschwörungsthriller - Ein Autor auf der Suche nach dem Schöpferwind

Doppelspiel
5

Arne Dahl, einer der führenden Repräsentanten des Nordic Noir in Schweden, konnte mich mit seiner Reihe um Paul Hjelm und Kerstin Holm immer begeistern. Deshalb war ich sehr gespannt auf seinen neuen Roman ...

Arne Dahl, einer der führenden Repräsentanten des Nordic Noir in Schweden, konnte mich mit seiner Reihe um Paul Hjelm und Kerstin Holm immer begeistern. Deshalb war ich sehr gespannt auf seinen neuen Roman DOPPELSPIEL (im schwedischen Original SKAPAREN, was Schöpfer bedeutet). Diesmal hat er sich mit Jonas Moström zusammengetan, einem mir bislang unbekannten Autor. Das Cover des im Lübbe-Verlag erschienenen Taschenbuches ist gut gelungen. Farbwahl und Motiv gefallen mir sehr. Der Titel verschlingt geradezu einen Mann auf der Flucht und greift dadurch direkt das Thema des Buches auf. Aber ein schönes Cover macht noch kein gutes Buch aus.

Der Inhalt konnte mich dann leider weniger überzeugen. Die Handlung an sich ist nicht sehr originell. Krimiautor Tom Borg kämpft mit einer schweren Schreibblockade und begibt sich in zwielichtige Gesellschaft. Während Realität und Fiktion immer mehr verschwimmen, wird Borg durch Stockholm gejagt. Einziger Unterstützer ist sein invalider Freund und renommierter Dichter Lennart. Borg wird in einen Mordfall verwickelt, in dem die merkwürdige Polizistin Olivia ermittelt. Und dann ist da noch eine mysteriöse Gestalt im Hintergrund. Was als Kriminalroman verkauft wird, entpuppt sich mehr und mehr als kruder Verschwörungsthriller. Es geht rasant zu, doch entbehrt die Handlung aus meiner Sicht sowohl Tiefe als auch Logik. Die Charaktere sind plakativ und klischeehaft gestaltet, manche Sexszene ist befremdlich. Die Akteure wirken zum Teil wie aufgezogene Spielfiguren. Die Motivation hinter allem erscheint aufgesetzt. Ich möchte hier nicht zu viel verraten, deshalb klingt meine Kritik vielleicht etwas unpräzise. Da es sich um den ersten Band einer Trilogie handelt, endet das Buch mit einem Cliffhanger und nicht alle offenen Fragen werden gelöst.

Fazit
In Schweden kam der Roman offenbar so gut an, dass er für den begehrten Krimipreis nominiert wurde. Mich konnte das Buch aber nicht überzeugen. Dafür enthält es leider zu viele Ungereimtheiten und Ärgernisse. Ich komme nicht umhin hier nur zwei Sterne vergeben zu können. Schade. Den Nachfolgeband werde ich wahrscheinlich nicht lesen.

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Veröffentlicht am 31.03.2026

Cosy Crime goes 80er - Retrocharme mit ein wenig Krimi

Tainted Love
1

Wer damals dabei war, wird den Sound sofort wieder spüren: Tainted Love. Genau diesen Titel hat nun Vincent Tal für seinen Kriminalroman und Reihenauftakt ausgesucht, der in den 80ern spielt. Im Nordhessischen ...

Wer damals dabei war, wird den Sound sofort wieder spüren: Tainted Love. Genau diesen Titel hat nun Vincent Tal für seinen Kriminalroman und Reihenauftakt ausgesucht, der in den 80ern spielt. Im Nordhessischen Zonenrandgebiet begegnen wir dem Bibliothekar Martin Ritter und seiner Freundin Christine Lehmann, einer Journalistin der örtlichen Lokalredaktion. Die beiden werden im heißen Sommer des Jahres 1986 mit einem Verbrechen konfrontiert, welches einige Jahre zurückliegt.

Nach einem gelungenen Intro habe ich das Gefühl, wieder in den 80ern angekommen zu sein. Die Atmosphäre ist stimmig, der Sommer heiß und natürlich läuft Tainted Love im Radio. Der lockere Schreibstil passt zum Summerfeeling. Hier liegt die große Stärke des Buches.

Insgesamt kommt mir der Kriminalfall aber zu kurz. Der eigentliche Fall ist eher schwach und die Recherche als solche fast schon homöopathisch. Es bleibt ein zielloses Stochern im Nebel. Zudem wirkt alles ziemlich konstruiert. Selbst für einen Cosy Crime ist mir das einfach zu wenig. Am Ende gibt es den einen oder anderen Cliffhanger, was zu erwarten war. Ich werde den Nachfolgeband aber eher nicht lesen wollen, denn abgesehen vom 80er-Feeling hatte dieses Buch für mich leider wenig zu bieten.

Fazit
Vier Sterne für das wunderschöne Cover und die 80er-Vives, aber maximal 2 Sterne für die Handlung und die eher oberflächlich gezeichneten Charaktere. In der Summe bin ich damit leider nur bei 2,5 Sternen

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