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Veröffentlicht am 10.03.2026

Die Entstehung eines künstlerischen Meisterwerks

Der Schrein der Könige
7

Sabine Weiß entführt in ihrem Roman „Der Schrein der Könige“ ins Köln des 12. Jahrhunderts. Die Reliquien der Heiligen Drei Könige sollen eine angemessene Aufbewahrung erhalten und der Verduner Goldschmied ...

Sabine Weiß entführt in ihrem Roman „Der Schrein der Könige“ ins Köln des 12. Jahrhunderts. Die Reliquien der Heiligen Drei Könige sollen eine angemessene Aufbewahrung erhalten und der Verduner Goldschmied Nicolaus wird auserkoren, diese gewichtige Arbeit umzusetzen. Er zieht mit seiner Familie nach Köln, wo er den ansässigen Goldschmieden die Stirn bieten und sich in seiner Kunst den (wechselnden) weltlichen und kirchlichen Herrschern beugen muss, aber auch familiäre Probleme den Alltag bestimmen.

Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich so meine Probleme mit diesem Roman hatte. Dadurch, dass der Fokus fast ausschließlich auf die Entstehung des Schreins und die (fiktive) Familiengeschichte von Nicolaus von Verdun gelegt wurde, kam mir insgesamt die historische Einbettung etwas zu kurz – außer in den letzten Kapiteln, wo plötzlich noch der Kinderkreuzzug eingefügt wird, ohne aber großartig mit der Haupthandlung verbunden zu sein.
Dieses „Angestückelte“ wirkt irgendwie im ganzen Buch nach – der eigentliche Grundkonflikt mit den ansässigen Kölner Goldschmieden löst sich einfach nach einer Weile ohne große Mühen auf, hier und da finden sich lose Enden, die auf potentielle Konflikte hindeuten, aber nicht weiter verfolgt werden, sondern einfach ins Leere laufen. Wurde dort etwas weggekürzt?
Die fiktive Lebensgeschichte des Nicolaus von Verdun wird breit ausgearbeitet; er ist ein gutmütiger, begabter Mensch, der seine Familie über alles liebt. Ein paar Nebenfiguren wie Sophie, Nelles und Jilles sind liebenswert, spielen aber nur eine untergeordnete Rolle und kommen anteilig recht wenig vor. Andere Charaktere, wie z. B. Nicolaus’ Bruder Charles, bleiben für mich in ihren Handlungen und Intentionen teilweise nicht richtig greifbar – was genau motiviert sie? Nicolaus’ Sohn hingegen bleibt konsequent „der Geist, der stets verneint“. Keine Entwicklung, sehr plakativ, der ultimative Antagonist zu Nicolaus. Auch dieser bleibt eigentlich, wie er ist. Naiv, ein wenig in seiner eigenen künstlerischen Welt… auch seine Handlungen bleiben für mich teilweise nicht nachvollziehbar.

Der Schreibstil an sich ist flüssig und gut zu lesen, nur an manchen Stellen wirkt er gehetzt und die Inhalte überschlagen sich, sodass man genau lesen muss, um alle Zusammenhänge mitzubekommen. Das ist aber auch ein Problem des Tempos, das wechselt und nicht ausgeglichen ist. Gerade die großen Zeitsprünge ohne Überleitung gegen Ende des Buches reißen einen aus der Geschichte und verstärken den Eindruck des Bruchstückhaften.

Die wechselhafte Geschichte des Schreins ist gut und interessant dargestellt; darüber und auch über Nicolaus von Verdun gibt es nur wenig historische Quellen, sodass gezwungenermaßen vieles dazu erfunden werden musste, um eine Geschichte erzählen zu können.
Aus meiner Sicht ist das leider nur bedingt geglückt; der Fokus lag zunächst zu nah an Schrein und Schöpfer, danach dann plötzlich zu weit weg. Das Ende lässt mich etwas unbefriedigt zurück.
Auch die fiktive Geschichte um Nicolaus’ Familie wirkt für mich nicht ganz ausgegoren; als müssten immer und immer wieder neue Probleme geschaffen werden, um zusätzlich zur Erstellung des Schreins Beschäftigung in sein Leben zu bringen. Das wirkt teilweise zu gezwungen, zu überspitzt (gerade in Louis’ Fall).

Ein Buch, das unterhält, gut geschrieben ist und ein paar historische Details zum Königsschrein näher bringen kann. Für mich aber leider nicht ganz der farbenprächtige, fesselnde historische Roman, der mich tief in das mittelalterliche Köln eintauchen lässt, wie ich ihn mir erhofft hätte.

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  • Thema
Veröffentlicht am 01.12.2025

Der Weg des Ewigen Winters

Der Weg des ewigen Winters
3

Im Rahmen der LR durfte ich das vorliegende Buch lesen. Vielen Dank dafür vorab! Dies hat jedoch keinen Einfluss auf meine ehrliche Rezension.

Der Weg des Winters ist ein Fantasyroman, der historische ...

Im Rahmen der LR durfte ich das vorliegende Buch lesen. Vielen Dank dafür vorab! Dies hat jedoch keinen Einfluss auf meine ehrliche Rezension.

Der Weg des Winters ist ein Fantasyroman, der historische Einflüsse aufweist. Zunächst einmal fand ich dieses Setting sehr spannend, muss jedoch sagen, dass historische Orte, Personen und Ereignisse genannt, aber oft außer Zusammenhang und völlig abweichend zum faktischen Vorkommen eingesetzt werden. Natürlich ist es in erster Linie ein Fantasyroman, deswegen muss man davon ausgehen, dass so gut wie alles erfunden ist. Warum aber dann dieser historische Bezug? Um dem Leser als Referenz zu dienen, damit er sich die Welt besser vorstellen kann – wie aber, wenn das ja nicht verlässlich geht? Für einen „seriöseren“ Anstrich – aber wenn das meiste nicht stimmt? Die Motivation des Autors dahinter ist für mich unklar. Es gibt Werke, bei denen das deutlich besser gelöst wird: Tatsächliche Ereignisse/Personen/Orte werden miteinbezogen, aber das Fantasy-Drumherum so angepasst, dass es nicht komplett alles über den Haufen wirft, sondern sich passend einfügt. Oder man nimmt eine parallele Welt, die unserer nur ähnelt, sich aber anders entwickelt hat... oder gleich eine komplett eigene. Wie gesagt, das ist Geschmackssache, aber mich hat dieses Chaos eher verwirrt. Es wird nur sehr spärlich Worldbuilding betrieben und wenn das einzige, was man hat (aha! Reale Orte, reale Figuren – schon gehört, weiß Infos dazu) aber nicht das tun/sind, wie man es kennt, nützt das nichts als Vorstellungshilfe.

Das Setting ist düster, apokalyptisch und eigentlich schon atmosphärisch-winterlich. Jedoch erfährt man auch hier gar nicht so viel, sondern muss sich selbst „einfühlen“ und die Vorstellungskraft bemühen.

Mythologie unterschiedlichen Ursprungs wird ebenfalls eingeflochten, jedoch nicht kohärent mit den antiken Quellen und auch nur sporadisch. Da hätte ich mir mehr gewünscht und auch mehr Potential gesehen. Das geht aber auch in die Richtung der Störfaktoren im historischen Setting.

Orpheus ist ein interessanter Hauptcharakter, nämlich ein klarer Antiheld. Feige, voller Laster und unverantwortlich, wird er plötzlich in eine entscheidende Rolle gedrängt, bei der er für seine Adoptivnichte sorgen muss. Die Entwicklung ist holprig, voller Fort- und Rückschritte, deswegen jedoch gerade authentisch.
Halla, die Nichte, ist ungewöhnlich und besitzt Kräfte (mehr schreibe ich aus Spoilergründen nicht, aber wirklich viel erfährt man im Buch sowieso nicht dazu); alle sind hinter ihr her (wirklich alle, man weiß gar nicht, wer alles; geschweige denn, warum); teilweise handelt sie altersunüblich mutig und entschlossen, ist aber auch furchtsam. Teilweise ist sie undurchsichtigen Parteien gegenüber aber zu vertrauensselig, das kann ich absolut nicht nachvollziehen und widerspricht dem restlich gezeichneten Charakterbild.
Skadi ist eine Söldnerin, die zunächst auf Halla angesetzt wird. Ihre Motivation, sich einer oder einer anderen Seite zuzurechnen, sind für mich z. T. nicht nachvollziehbar dargestellt. Ihr Charakter wird auch nicht so stark ausgearbeitet und für mich bleibt sie daher eher blass.
Ein zweiter Handlungsstrang, der fast bis ganz zum Schluss mit der Haupthandlung unverbunden bleibt, wird ebenfalls eingeflochten. Die Figuren bleiben hier allesamt recht rätselhaft.

Es gibt ein paar wenige Fehler, die vermutlich der Übersetzung zuzurechnen sind (z.B. Island statt Irland). Der Schreibstil ist jedoch flüssig und einfach zu lesen, die Geschichte ist auch unterhaltsam und nicht langweilig – im Prinzip eine fortwährende Verfolgungsjagd. Jedoch zeichnet sich einiges vorhersehbar ab; anderes hingegen bleibt unklar und wird auch bis zum Ende dieses ersten Bandes nicht enthüllt und noch dazu ist das Ende kein richtiger Abschluss, sondern ein massiver cliffhanger mittendrin.
Nach dem spannenden Einstieg verlangsamt sich zwar nicht wirklich das Tempo, aber es passiert irgendwie gar nicht so viel. Es geschehen Dinge, aber die Handlung wird nicht recht vorangetrieben und wirkt mitunter ziellos, bis hin zum logischen Bruch. Warum fliehen sie nicht direkt als Erstes ins Kloster, das mehrfach im Vorfeld Erwähnung fand als Schutzort – die Antwort, die nicht wirklich überzeugt, ist, dass Orpheus es vergessen/nicht dran gedacht hatte im Sinne von „Achja, warum habe ich nicht früher daran gedacht?“, während man als Leser facepalmt und sich allen Ernstes fragt, ja, warum nicht, das ist offensichtlich, das habe ich doch auch und ich bin dort nicht aufgewachsen.

Zudem wird viel in Fäkalsprache geflucht. Wen das stört, sollte dieses Buch meiden.

Nach anfänglicher Begeisterung und einem mitreißenden Start ließ die Geschichte für mich leider unterwegs stark nach. Ich bin mir nicht sicher, ob der/die Folgeband/-bände das noch für mich aufwerten kann/können, oder ob ich den Weg des ewigen Winters nicht weiter verfolgen werde.

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  • Handlung
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  • Cover
  • Fantasy
Veröffentlicht am 30.10.2025

Umfangreicher historischer Roman mit Abstrichen

Sieben Jahre
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In „Sieben Jahre“, dem neuen Roman von Tanja Kinkel, wird die Zeit des Siebenjährigen Krieges geschildert, von dem die meisten von uns vermutlich kaum oder gar nicht gehört haben – bisher.
Im Zentrum ...

In „Sieben Jahre“, dem neuen Roman von Tanja Kinkel, wird die Zeit des Siebenjährigen Krieges geschildert, von dem die meisten von uns vermutlich kaum oder gar nicht gehört haben – bisher.
Im Zentrum steht die preußische Königsfamilie, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die Schlachten mit den feindlichen Allianzen.
Bewusst legt die Autorin einen Schwerpunkt auf Heinrich, einen jüngeren Bruder Friedrichs des Großen, der bisher aus historischer Sicht sehr im Schatten des Älteren stand und wenig Beachtung fand, in vielerlei Weise jedoch sowohl Spiegelbild als auch Antipol des berühmten Herrschers darstellt.

Damit ist eigentlich die Haupthandlung des Buches umfassend beschrieben. Es werden Schlachten und Gefechte chronologisch aneinander gereiht (jedoch kaum im Einzelnen im Verlauf beschrieben, immer nur im Vor- bzw. Nachhinein und zusammenfassend Ergebnisse und Bedeutung), es werden Allianzen geschlossen, tausende Menschen sterben, völlig umsonst. Ein sehr sinnloser Krieg und Symbol für den krankhaften Größenwahn vieler Herrscher durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch.
Dies alles bildet mehr oder weniger den Hintergrund zu der komplexen konflikthaften Beziehung der beiden Brüder Friedrich und Heinrich, die in einem dysfunktionalen Elternhaus herangewachsen sind und ihrer beider Rollen ausfüllen müssen. Die Machtspiele zwischen den beiden stehen dabei im strategischen Taktieren ihrer politischen und militärischen Vorgehensweise in nichts nach.

Leider blieben für mich die beiden so zentralen Charaktere schwer greifbar und wurden nicht „lebendig“. Man erhält wenig Einblick auf die Gefühlsebene, eher nur auf die Gedanken- und Vernunftebene, bleibt aber als Leser meist doch sehr „ausgesperrt“. Viele Nebencharaktere bleiben sehr flach und blass. Wenige Figuren leuchten tatsächlich heraus, wie Lehnsdorff, Amalie und Hannibal, jedoch sind ihre Anteile an der Geschichte relativ gering.
Das Politische und Militärische, was bei der Schwerpunktsetzung zur Herausarbeitung der Beziehung zwischen Friedrich und Heinrich mehr als Szenenbild dienen sollte, rückt vom Umfang zu sehr in den Vordergrund und macht den Verlauf teilweise recht zäh und langatmig. Spannung kommt wenig auf, allein geschichtliches Interesse ist hier der vorantreibende Motivator, den Roman fertig zu lesen, der zeitweise mehr an ein Geschichtsbuch erinnert.

Was mich auch gestört und erstaunt hat, waren die doch nicht wenigen Tippfehler und auch grammatikalischen Fehler, über die ich immer wieder gestolpert bin. Das sollte bei einem so aufwendig herausgebrachten und teuren Buch eigentlich nicht der Fall sein.

Jedoch möchte ich nicht in Abrede stellen, wie viel minutiöse Recherchearbeit der geschichtlichen Hintergründe in diesem Werk steckt. Sicherlich ist es interessant, gerade für diejenigen, die schon einen gewissen Bezug zu der Zeit oder den Figuren haben. Ich weiß auch nicht, ob man diesen Stoff großartig spannender hätte darstellen können; eventuell etwas geraffter.
An sich ist das Buch stilistisch auch gut und flüssig verfasst, es wird sehr auf die damalige Sprache und Sprechweise eingegangen, was die Authentizität unterstreicht. Das gefällt mir richtig gut.

Alles in allem ein interessanter historischer Roman, der ein komplexes Thema zugänglich aufbereitet, jedoch aus meiner Sicht einige Schwächen mit sich bringt.

Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde erhalten; dies hat keine Auswirkung auf meine Bewertung.

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Wigbert und Walther ermitteln

Das Lied des Vogelhändlers
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Der Vogelhändler Wigbert und sein stummes Mündel, die zehnjährige Almut, ziehen zu einem Turnier auf der Burg Hachberg, um dort ihre Vögel zu verkaufen. Unterwegs treffen sie auf Walther von der Vogelweide, ...

Der Vogelhändler Wigbert und sein stummes Mündel, die zehnjährige Almut, ziehen zu einem Turnier auf der Burg Hachberg, um dort ihre Vögel zu verkaufen. Unterwegs treffen sie auf Walther von der Vogelweide, der als Bote des Königs ebenfalls dorthin reist. Als dort mehrere gefährliche Vorfälle passieren, beginnen die beiden Männer, zu ermitteln.
Zur Zeit des Kreuzzugs, 10 Jahre vor diesen Begebenheiten, schließt sich die junge Franziska nach dem Tod ihres Onkels im heiligen Land einem Bader an. Dabei lernt sie zwei Männer kennen, die ihr Schicksal für immer verändern werden.

Die Geschichte ist zunächst in zwei Handlungsstränge aufgeteilt, die örtlich und zeitlich auseinander liegen und sich kapitelweise oder alle zwei Kapitel (circa) abwechseln. Gegen Mitte des Buches werden sie dann zusammengeführt.

Der Aufbau ist komplex, jedoch sorgsam konstruiert; dadurch verliert man als Leser nie den Überblick und erfährt nach und nach häppchenweise, wie alles miteinander zusammenhängt. Daher möchte ich auch gar nicht zu viel vom Inhalt verraten! Man wird durch diese Struktur vom Anfang bis zum dramatischen Ende vom Autor durch die Kapitel gelenkt; und das, ohne dass es unnatürlich wirkt.

Die Hauptfiguren Wigbert und Franziska werden sehr lebendig und vielschichtig gezeichnet und durchleben während der Geschichte eine Entwicklung, da sie durch die Geschehnisse innerlich wachsen müssen. Das gefällt mir richtig gut! Auch die Nebenfiguren bleiben nicht blass, sondern erhalten eine angemessene Tiefe.

Der Schreibstil ist flüssig und angenehm zu lesen. Die Spannung wird von Anfang an aufrechterhalten und zieht sich bis zum großen Showdown am Schluss, wo alle Fäden zusammenlaufen. Auch die Motive der betreffenden Figuren sind glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt.

Die Geschichte ist stimmig, unterhaltsam und interessant - man lernt auch neue Dinge, v. a. über Vögel! Jedes Kapitel ist einem Vogel gewidmet und hat ein kleines passendes Zitat vorangestellt bekommen. Das ist ebenfalls ein liebevolles Detail, das einen richtig darauf einstimmt.

Insgesamt ein sehr lesenswerter Roman, den ich jedem Liebhaber historischer Romane ans Herz legen würde, und auch denjenigen, die es bisher noch nicht sind, aber dadurch werden könnten!


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Veröffentlicht am 08.09.2025

Ein spannender historischer Roman über den umkämpften englischen Thron

Rabenthron
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„Rabenthron“ ist der neuste Band der Helmsby-Reihe, spielt chronologisch jedoch vor den bereits erschienenen beiden Teilen.
Wieder werden fiktive Charaktere aus Helmsby in tatsächliche geschichtliche Begebenheiten ...

„Rabenthron“ ist der neuste Band der Helmsby-Reihe, spielt chronologisch jedoch vor den bereits erschienenen beiden Teilen.
Wieder werden fiktive Charaktere aus Helmsby in tatsächliche geschichtliche Begebenheiten eingebettet. Die Handlung erstreckt sich über mehrere turbulente Jahre, von der Herrschaft unter König Ethelred bis zu König Edward the Confessor. Krieg, Intrigen und Herrschaftswechsel bestimmen den Alltag der damaligen Einwohner Britanniens. Als Leser verfolgt man dabei die Geschichte Emmas, der Königin von England, die ihrer Kinder, und zudem lernt man nebenbei noch weitere reale historische Persönlichkeiten kennen.
Auf der anderen Seite wird die erfundene Geschichte von Ælfric of Helmsby und seiner Nachkommenschaft geschildert, die eng mit der des englischen Königshauses verknüpft wird.

Rebecca Gablé hat unzählige Male bewiesen, dass sie mit ihren detailreichen, akribisch recherchierten historischen Romanen zu überzeugen weiß. Auch hier gelingt ihr wieder ein üppiges Werk mit dichter Atmosphäre, in dem sie Geschichte anschaulich und lebendig werden lässt. Die geschichtlichen Fakten und Begebenheiten werden so elegant untergemengt, dass man unbewusst viel Neues, Spannendes und Interessantes ganz nebenbei erfährt, ohne dass es sich dröge oder gezwungen anfühlt. Der Schreibstil ist gewohnt flüssig und angenehm zu lesen.

Personen und Beziehungen werden größtenteils individuell, vielschichtig und dynamisch dargestellt, also sehr real. Jedoch, auch wenn es „Jammern auf hohem Niveau“ sein mag, nicht jeder Charakter erscheint dabei leider hundertprozentig wirklich vorstell- und greifbar. Gerade unser Held Ælfric wirkt ein wenig „zu gut für diese Welt“, wie man so schön sagt. Darunter leidet ein wenig die Nachvollziehbarkeit seiner Handlungen und seine Glaubwürdigkeit als Figur. Außerdem – trotz aller Irrungen und Wirrungen – ein paar Mal zu oft für meinen Geschmack rettet der Deus ex Machina unsere Hauptfiguren aus ausweglosen Situationen. Aber das mag jeder für sich anders sehen.

Allerdings schafft die Autorin mit ihren fiktiven Charakteren, wie eben Ælfric und auch seinem Sohn Penda und vor allem deren liebevoll gezeichnetem Verhältnis zueinander, einen Kontrast zu der bitteren und oftmals grausamen damaligen Welt (die häufig auch im Detail geschildert wird), bei der oft, gerade im Adelsstand, Macht und Geld mehr wertgeschätzt wurden als Verwandtschaft. Die Kontinuität des Geschlechts von Helmsby wird der von Umbrüchen, Überwerfungen und Wechseln geprägten königlichen Herrschaft des Landes gegenübergestellt.
Auch einige zum Nachdenken und Schmunzeln anregende Szenen, die auf historischen Überlieferungen beruhen, vervollständigen die Erzählung und tragen dazu bei, dass der Text aufgelockert wird und abwechslungsreich bleibt.

Ein kleiner Wermutstropfen für mich persönlich ist das etwas plötzliche Ende der Geschichte, das in meinen Augen keinen richtigen Schlusspunkt hat. Natürlich ist Geschichte ein Kontinuum und irgendwann muss man (auch ein sehr umfangreiches Buch) zum Ende kommen, das ist klar! Aber nach den vielen geschilderten Ereignissen, dem Hin und Her, folgt der Schluss für mich eher abrupt und unerwartet ruhig.

Schließlich wird im Nachwort nicht nur Fakt von Fiktion geschieden (sehr interessant, welche Details tatsächlich so stimmen und welche Ereignisse wirklich stattgefunden haben!), sondern es werden auch gerafft die weiteren historischen Vorgänge geschildert bis hin zum Folgeband.
Das Nachwort erlaubt zusätzlich einen kleinen Blick auf den riesigen Aufwand, der für die Recherche dieses historischen Romans betrieben worden ist.

Alles in allem ein wirklich guter, interessanter und unterhaltsamer historischer Roman auf hohem Niveau – der aber meiner Meinung nach nicht ganz an andere Bücher der Autorin heranreicht. Dennoch sehr lesenswert.

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