Die Entstehung eines künstlerischen Meisterwerks
Der Schrein der KönigeSabine Weiß entführt in ihrem Roman „Der Schrein der Könige“ ins Köln des 12. Jahrhunderts. Die Reliquien der Heiligen Drei Könige sollen eine angemessene Aufbewahrung erhalten und der Verduner Goldschmied ...
Sabine Weiß entführt in ihrem Roman „Der Schrein der Könige“ ins Köln des 12. Jahrhunderts. Die Reliquien der Heiligen Drei Könige sollen eine angemessene Aufbewahrung erhalten und der Verduner Goldschmied Nicolaus wird auserkoren, diese gewichtige Arbeit umzusetzen. Er zieht mit seiner Familie nach Köln, wo er den ansässigen Goldschmieden die Stirn bieten und sich in seiner Kunst den (wechselnden) weltlichen und kirchlichen Herrschern beugen muss, aber auch familiäre Probleme den Alltag bestimmen.
Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich so meine Probleme mit diesem Roman hatte. Dadurch, dass der Fokus fast ausschließlich auf die Entstehung des Schreins und die (fiktive) Familiengeschichte von Nicolaus von Verdun gelegt wurde, kam mir insgesamt die historische Einbettung etwas zu kurz – außer in den letzten Kapiteln, wo plötzlich noch der Kinderkreuzzug eingefügt wird, ohne aber großartig mit der Haupthandlung verbunden zu sein.
Dieses „Angestückelte“ wirkt irgendwie im ganzen Buch nach – der eigentliche Grundkonflikt mit den ansässigen Kölner Goldschmieden löst sich einfach nach einer Weile ohne große Mühen auf, hier und da finden sich lose Enden, die auf potentielle Konflikte hindeuten, aber nicht weiter verfolgt werden, sondern einfach ins Leere laufen. Wurde dort etwas weggekürzt?
Die fiktive Lebensgeschichte des Nicolaus von Verdun wird breit ausgearbeitet; er ist ein gutmütiger, begabter Mensch, der seine Familie über alles liebt. Ein paar Nebenfiguren wie Sophie, Nelles und Jilles sind liebenswert, spielen aber nur eine untergeordnete Rolle und kommen anteilig recht wenig vor. Andere Charaktere, wie z. B. Nicolaus’ Bruder Charles, bleiben für mich in ihren Handlungen und Intentionen teilweise nicht richtig greifbar – was genau motiviert sie? Nicolaus’ Sohn hingegen bleibt konsequent „der Geist, der stets verneint“. Keine Entwicklung, sehr plakativ, der ultimative Antagonist zu Nicolaus. Auch dieser bleibt eigentlich, wie er ist. Naiv, ein wenig in seiner eigenen künstlerischen Welt… auch seine Handlungen bleiben für mich teilweise nicht nachvollziehbar.
Der Schreibstil an sich ist flüssig und gut zu lesen, nur an manchen Stellen wirkt er gehetzt und die Inhalte überschlagen sich, sodass man genau lesen muss, um alle Zusammenhänge mitzubekommen. Das ist aber auch ein Problem des Tempos, das wechselt und nicht ausgeglichen ist. Gerade die großen Zeitsprünge ohne Überleitung gegen Ende des Buches reißen einen aus der Geschichte und verstärken den Eindruck des Bruchstückhaften.
Die wechselhafte Geschichte des Schreins ist gut und interessant dargestellt; darüber und auch über Nicolaus von Verdun gibt es nur wenig historische Quellen, sodass gezwungenermaßen vieles dazu erfunden werden musste, um eine Geschichte erzählen zu können.
Aus meiner Sicht ist das leider nur bedingt geglückt; der Fokus lag zunächst zu nah an Schrein und Schöpfer, danach dann plötzlich zu weit weg. Das Ende lässt mich etwas unbefriedigt zurück.
Auch die fiktive Geschichte um Nicolaus’ Familie wirkt für mich nicht ganz ausgegoren; als müssten immer und immer wieder neue Probleme geschaffen werden, um zusätzlich zur Erstellung des Schreins Beschäftigung in sein Leben zu bringen. Das wirkt teilweise zu gezwungen, zu überspitzt (gerade in Louis’ Fall).
Ein Buch, das unterhält, gut geschrieben ist und ein paar historische Details zum Königsschrein näher bringen kann. Für mich aber leider nicht ganz der farbenprächtige, fesselnde historische Roman, der mich tief in das mittelalterliche Köln eintauchen lässt, wie ich ihn mir erhofft hätte.