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Veröffentlicht am 19.10.2022

Interessantes, aber nicht völlig überzeugendes Debüt

Die Familie
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MEINE MEINUNG
„Die Familie“ ist das vielversprechende Debüt der US-amerikanischen Autorin Naomi Krupitsky, der es auf Anhieb in die "New York-Times"-Bestsellerliste geschafft hat.
Es ist ein vielschichtiger ...

MEINE MEINUNG
„Die Familie“ ist das vielversprechende Debüt der US-amerikanischen Autorin Naomi Krupitsky, der es auf Anhieb in die "New York-Times"-Bestsellerliste geschafft hat.
Es ist ein vielschichtiger und bewegender Familienroman über familiäre Zwänge, Freundschaft, Loyalität, Zusammenhalt und Verrat, der im New York Ende der 1920er Jahre seinen Ausgang nimmt und uns ins Mafia-Milieu von Brooklyn eintauchen lässt. Die Autorin widmet sich in ihrer spannenden, über eine Zeitspanne von etwa 20 Jahren erstreckende Geschichte aber weniger den kriminellen Machenschaften der Mafia, sondern richtet ihren Fokus auf das Schicksal der beiden gemeinsam aufwachsenden Freundinnen Antonia und Sofia und deren bis ins Erwachsenenalter reichenden, wechselvollen Freundschaft.
Zum Einstieg beschreibt die Autorin sehr eindringlich und anschaulich, wie die zwei kleinen Mädchen und besten Freundinnen gut behütet und in einer scheinbar heilen Welt aufwachsen, bis schließlich das mysteriöse Verschwinden von Antonias Vater Carlos alles verändert und den Bruch ihrer engen Freundschaft nach sich zieht. Erst im Laufe der Jahre beginnen die beiden als verheiratete Mütter zu begreifen, was sich damals tatsächlich zugetragen hat.
Gekonnt thematisiert die Autorin in ihrem Roman die Rolle der Frau in jener Zeit und innerhalb der sehr patriarchalisch geprägten Mafia. Sie gibt uns aufschlussreiche Einblicke in das bewegte Leben der jungen Freundinnen, ihre Ehe und die Emanzipationsbestrebungen der erwachsenen Frauen, die schließlich versuchen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und ihren eigenen Weg zu gehen.
Trotz der detaillierten, sehr differenzierten Figurenzeichnung und sehr glaubwürdigen Charakterentwicklung der so unterschiedlichen Freundinnen ist es mir leider nicht gut gelungen, mich in die Protagonistinnen hineinzuversetzen und eine Nähe zu ihnen aufzubauen.
Sehr eindrücklich und facettenreich hat die Autorin die Schattenseiten des beschützenden Familienverbunds und die fatalen Auswirkungen des unausgesprochenen Ehrenkodex der „Familia“ herausgearbeitet. All die ungeschriebenen Gesetze, Erwartungshaltungen und Ängste innerhalb der Mafia-Familien wirken sich subtil auf das gesamte Familienleben aus und bestimmen unausweichlich das Schicksal eines jeden.
Trotz der interessanten Thematik und stimmiger, vielschichtiger Charaktere konnte mich der Roman leider mit seinem bisweilen etwas abschweifenden Erzählstils und dem recht spannungsarmen Mittelteil nicht völlig überzeugen und ließ mich etwas enttäuscht zurück.

FAZIT
Ein bewegender Roman mit dem interessanten Portrait zweier Frauen, der uns in die Welt der Mafiafamilien im New York der ersten Hälfte 20. Jahrhundert abtauchen lässt!
Ein thematisch interessantes Debüt, das mich in seiner Umsetzung allerdings nicht völlig überzeugen konnte.

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Veröffentlicht am 14.10.2022

Spannender Beutekunst-Krimi

Das neunte Gemälde
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MEINE MEINUNG
"Das neunte Gemälde" des deutschen Autors Andreas Storm ist der fesselnde Auftakt einer neuen Raubkunst-Krimi-Reihe, in deren Mittelpunkt der Kunsthistoriker Lennard Lomberg steht.
Andreas ...

MEINE MEINUNG
"Das neunte Gemälde" des deutschen Autors Andreas Storm ist der fesselnde Auftakt einer neuen Raubkunst-Krimi-Reihe, in deren Mittelpunkt der Kunsthistoriker Lennard Lomberg steht.
Andreas Storms vielschichtiger Krimi rund um einen spektakulären Fall von Nazi-Beutekunst ist in verschiedene, sich abwechselnde Handlungsstränge angelegt, die uns mal nach Bonn, Paris und ins Rheingau führen und auf drei Zeitebenen angesiedelt sind - mit Rückblicken in die 1940er Jahre, ins Jahr 1966 sowie in die Gegenwart von 2016.
Basierend auf bis heute unbelegten Hinweisen und immer wieder neu befeuerten Spekulationen unter Kunsthistorikern, dass 1943 im Pariser Kunstmuseum Jeu de Paume einige wertvolle, von den Nazis der „entarteten Kunst“ zugerechnete Gemälde kurz vor ihrer Verbrennung heimlich durch wertlose Bilder ersetzt worden seien, entwickelte der Autor die Ausgangsidee für seinen hochinteressanten Roman rund um das Thema organisierter Kunstraub der Nationalsozialisten im Dritten Reich. Gekonnt entführt er uns nicht nur in die spannende Welt der Kunst und Provenienzforschung, sondern gibt uns auch aufschlussreiche Einblicke in wichtige Hintergründe zu den Kunstraubzüge in Frankreich durch Hitlers Schergen und Auswirkungen bis in die Gegenwart. Denn viele der damals Involvierten gelang es dank ihrer alten Seilschaften in höchsten Positionen ihre skrupellosen Machenschaften auch in der noch jungen BRD nahezu unbehelligt weiterzuführen.
Schon der Einstieg in diesen hochinteressanten Krimi mit dem ominösen Auftrag eines mysteriösen Anrufers, ein geheimnisvolles, verschollen geltendes Gemälde seinen rechtmäßigen Besitzern zurückzugegeben, ist äußerst packend gestaltet. Bald wird klar, dass Protagonist Lennard Lomberg als Kunsthistoriker und -experte nicht nur die Hintergründe eines dreisten Kunstraubs aufzudecken hat, sondern sich auch mit einem lang gehüteten Geheimnis rund um seinen verstorbenen Vater und dessen Vergangenheit auseinanderzusetzen hat. Nach und nach schält sich heraus, dass das geheimnisvolle verschollene Gemälde eng verbunden mit Lombergs Familiengeschichte ist. Während der Autor sich zunächst Zeit nimmt, die Story aufzubauen und seine Charaktere inklusive Hintergrundgeschichten einzuführen, zieht die Spannung mit immer neuen Details und zutage tretenden Puzzleteilchen allmählich an. Es entspinnt sich schließlich eine komplexe, sehr raffiniert verwobene und überaus wendungsreiche Handlung mit zahllosen Charakteren und einer Unzahl an bedeutsamen Informationen, die für packende Unterhaltung sorgt. Dennoch wird es zeitweise recht anstrengend, um den roten Faden nicht zu verlieren und den Überblick noch zu behalten. Erschwerend für den Lesefluss kommt hinzu, dass der anspruchsvolle Schreibstil des Autors etwas umständlich und sehr detailverliebt ist. Hervorragend ist es Storm jedoch gelungen, die vielen gut recherchierten historischen Fakten und politischen Hintergrundinformationen in seine packende Geschichte einzuflechten. Storm beherrscht es recht gut, seinen Protagonisten Leonard Lomberg mit seinen Ecken und Kanten aber auch die vielen Nebenfiguren vielschichtig auszuarbeiten, so dass sie ausreichend dreidimensional und lebendig wirken.
Nach dem überraschenden Ende, bin ich schon sehr gespannt, auf einen neuen Fall für Kunsthistoriker Lennard Lomberg.

ZUM HÖRBUCH:
Mit Julian Mehne als Sprecher für dieses Hörbuch wurde eine sehr gute Wahl getroffen. Mit seiner angenehm tiefen, und ausdrucksstarken Stimme versteht er es hervorragend, uns sofort in die fesselnde Geschichte hinein zu ziehen und an die unterschiedlichen Handlungsorte mitzunehmen. Mit leichten Temposteigerungen und Verändern der Sprechlautstärke sorgt er für Abwechslung und lässt er immer wieder geschickt Spannung aufkommen. Bei Gesprächen differenziert er die Stimmen der Figuren bewusst nur mit feinen Nuancen, wobei man dennoch stets den jeweils Sprechenden erkennt. Aufgrund der vielen, abwechselnden Handlungsstränge und unzähligen Figuren sowie der vielen bedeutsamen Details bedarf es allerdings einer großen Disziplin und hoher Aufmerksamkeit dieser komplexen und wendungsreichen Geschichte als Zuhörer zu folgen.
FAZIT
Ein packender, vielschichtiger Krimi rund um Beutekunst und Familiengeheimnisse – hervorragend recherchiert, mit einer fesselnden Mischung aus Fiktion und Fakten und überraschenden Wendungen!
Ein sehr anspruchsvolles, aber lohnendes Hörerlebnis!

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Veröffentlicht am 26.09.2022

Empfehlenswertes veganes Kochbuch für die Lieblingsgerichte unserer Kindheit

Omi, ich bin jetzt vegan!
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MEINE MEINUNG
Vegane Ernährung liegt voll im Trend und inzwischen gibt es zahlreiche Kochbücher mit einer großen Vielzahl an Rezepten, die zeigen, dass auch die vegane Küche abwechslungsreich und schmackhaft ...

MEINE MEINUNG
Vegane Ernährung liegt voll im Trend und inzwischen gibt es zahlreiche Kochbücher mit einer großen Vielzahl an Rezepten, die zeigen, dass auch die vegane Küche abwechslungsreich und schmackhaft sein kann.
In dem bei Allegria erschienen Kochbuch mit dem Titel „Omi, ich bin jetzt vegan! - 74 vegane Rezepte für deine Lieblingsgerichte aus der Kindheit“ zeigt die sympathische Bloggerin Angelique Vochezer, dass man auch auf Omis traditionelle Hausmannskost und Lieblingsgerichte aus der Kindheit nicht verzichten muss und sich dies zudem problemlos mit veganer gesunder Ernährung verbinden lässt. Ein wirklich tolles und interessantes Konzept!
Gemeinsam mit ihrer pfiffigen Oma und Co-Autorin Ingeborg Teßmann tüftelte Angie an den Zutaten herum, wandelte etliche leckere Rezepte von früher so lange ab, bis schließlich leckere Kreationen dabei heraus kamen, die einfach nachzukochen und zu 100% vegan sind. Herausgekommen ist dabei nicht nur eine ansprechende und abwechslungsreiche Zusammenstellung ihrer liebsten Rezepte mit jeder Menge hilfreicher Tipps und Tricks, sondern auch ein inspirierendes Buch, das über die gemeinsame Reise der beiden erzählt.
Ob nun ein leckerer Auflauf, köstliche Kuchen und Plätzchen zum Kaffeeklatsch oder ein traditionelles Weihnachtsmenü mit Braten, Serviettenknödel und Rotkraut – Angie und ihre Omi zeigen, dass vegane Küche sehr vielfältig und schmackhaft ist und das Zubereiten der kreativen Rezepte zudem viel Spaß bereitet.
Bevor es zum eigentlichen Rezeptteil geht, erhalten wir in den einleitenden Kapiteln zunächst einige persönliche Einblicke in Angies Privatleben, erfahren über ihre ethische Überlegungen und gesundheitlichen Gründe, die sie bewogen haben, auf eine vegane Ernährung umzustellen, aber auch wie sich Familie und Freunde dabei geschickt einbinden lassen. Auch die spannende Reaktion ihrer Oma darauf, ihre Enkelin nicht mehr mit Apfelkuchen, Braten und Klößen verwöhnen zu können, wird in einem Kapitel ausführlich aus deren Sicht geschildert. Außerdem lernen wir, was zu beachten ist, um Mangelerscheinungen zu vermeiden, was es bei der Küchenplanung und dem Einkaufen alles zu beachten gibt sowie eine übersichtliche Zusammenstellung, durch welche Zutaten sich einzelne Produkte tierischen Ursprungs ersetzen lassen.
Ein Blick ins übersichtliche Inhaltsverzeichnis zeigt eine thematische Unterteilung des Rezeptteils in die Abschnitte Suppen, Basics, Salate, Einmachen, Geburtstagsfeier, Ostern und Weihnachten.
Unter den insgesamt 74 Rezeptvorschlägen gibt es interessante Anregungen für köstliche, abwechslungsreiche vegane Alltagsgerichte und unwiderstehliche „Nachspeisen“ zu entdecken, die Omas traditionell zubereiteten Klassikern in nichts nachstehen.
Ob nun die klassischen Frikadellen, fluffiger Kaiserschmarren oder köstlicher warmer Apfelstrudel– hier gibt es jede Menge sehr appetitanregende Gerichte, bei denen wirklich für jeden Geschmack von Süß bis Deftig etwas Leckeres dabei sein sollte. Alles natürlich immer streng vegan!
Die einzelnen Rezepte, die sich erfreulicherweise auch für nicht so geübte Hobbyköche recht unproblematisch nachkochen lassen, sind übersichtlich untergliedert in eine Auflistung der verwendeten Zutaten und die Zubereitung. Alle Rezepte sind meist für 4 Portionen ausgelegt, Angaben zu Vor- und Zubereitungszeit fehlen allerdings. Die Zubereitungsschritte sind verständlich und gut nachvollziehbar beschrieben. Am Ende der Rezepte finden sich noch Omas Geheimtipps oder Angies Tipps mit ergänzenden Hinweisen zu Zubereitung, Warenkunde oder Abwandlungen.
Die jedem Rezept zugeordneten appetitanregenden Bilder von den fertigen Speisen lockern den Rezeptteil auf und wecken die Lust, die Rezepte selbst auch gleich auszuprobieren. Die kulinarischen Ergebnisse der von mir nachgekochten Rezepte wurden durchweg gelobt und mit großer Begeisterung verspeist.
Hervorragend hat mir auch die gesamte originelle und sehr ansprechende optische Gestaltung des ganzen Buches gefallen, das man nicht nur wegen der interessanten Rezepte gerne in die Hand nimmt, sondern auch einfach zum Schmökern oder um in schönen Erinnerungen an Lieblingsgerichte vergangener Tage und die eigene Kindheit zu schwelgen.
Die tolle, sehr stimmungsvolle Bebilderung mit vielen natürlich wirkenden, appetitlichen Fotos und witzigen Schnappschüssen von Oma und Enkelin während ihrer Kochsessions im einleitenden Teil sind ein wirkliches Highlight, lockern das Rezeptbuch auf und vermitteln viel Spaß. Im Anhang des Buchs findet sich neben der Danksagung noch ein Überblick über die Quellen und weiterführende Literatur. Auf ein ausführliches alphabetisches Rezeptregister, das einem das Auffinden der Rezepte erleichtert wurde leider verzichtet, so dass man zum Nachschlagen der Rezepte im vorangestellten Inhaltsverzeichnis nachsehen muss.
FAZIT
Ein toll aufgemachtes, informatives und unterhaltsames Kochbuch mit einer abwechslungsreichen Rezeptsammlung für alle, die traditionelle Lieblingsgerichte lieber vegan essen, auf 100%igen Genuss aber nicht verzichten wollen. Auch weniger Geübte werden mit den leckeren, leicht nachzukochenden Rezepten bestimmt viel Erfolg und Freude haben.
Sehr empfehlenswert für alle, die sich für vegane und gesunde Ernährung interessieren!

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Veröffentlicht am 19.09.2022

Beeindruckender Roman

Bullauge
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MEINE MEINUNG
In seinem neuen Roman „Bullauge“ erzählt der mehrfach ausgezeichnete deutsche Autor Friedrich Ani eine düstere, aufwühlende und höchst fesselnde Geschichte über zwei physisch und psychisch ...

MEINE MEINUNG
In seinem neuen Roman „Bullauge“ erzählt der mehrfach ausgezeichnete deutsche Autor Friedrich Ani eine düstere, aufwühlende und höchst fesselnde Geschichte über zwei physisch und psychisch versehrte Menschen. Der versierte Autor versteht es zudem hervorragend, mit den alltäglichen zunehmenden Gewaltexzessen gegen Polizisten und der Radikalisierung von Anhängern der rechten, bürgerlichen Szene eine brandaktuelle Thematik in seinem in zwei Teile untergliederten Roman einzubinden. Dennoch handelt es sich hierbei nicht um einen Kriminalroman im eigentlichen Sinne.
Eindrucksvoll zeichnet Ani das beklemmende Psychogramm zweier Gestrandeter, die durch tragische Unfälle aus ihrem alten Leben gerissen wurden, in all ihrer Verletzlichkeit und Verzweiflung zueinanderfinden und einander trotz aller Widrigkeiten Halt geben. Sehr einfühlsam und schonungslos lässt er uns in die Abgründe ihrer desillusionierten und geschundenen Seelen schauen, die trotz allem immer noch auf berührende Weise Reste ihrer Selbstachtung und moralischen Wertevorstellungen bewahrt haben und an das Gute im Menschen glauben lassen.
Anis anspruchsvoller und ungewöhnlicher Erzählstil fordert uns zwar einiges an Aufmerksamkeit ab, doch ist es sehr fesselnd, wie sich die vielen Eindrücke genial miteinander zu verknüpfen und sich allmählich Verbindungen herstellen lassen, die sich schließlich zu einem erschütternden Gesamtbild zusammenfügen. Gekonnt fängt er Stimmungen und Bilder mit viel Feingefühl und Eindringlichkeit ein und bringt uns diese anschaulich näher.
„Ich schau durch dich hindurch wie durch ein Bullauge, und alles, was ich seh, ist ein schwarzes Meer“
Inszeniert als eine Art intimes Kammerspiel kreist die Handlung zunächst um den vom Dienst freigestellten Streifenpolizisten Kay Oleander, der bei einer Demonstration durch einen Bierflaschenwurf die Sehkraft auf seinem linken Auge verloren hat, mit seinem Schicksal hadert und sich mehr schlecht als recht durch den Tag kämpft. Eindringlich schildert Ani die Bemühungen des durch sein Schicksal deutlich gezeichneten Polizisten, zur alten Normalität zurückzukehen und aufgrund der erfolglosen Ermittlungen seiner Kollegen mehr über die Hintergründe und mutmaßlichen Täter zu erfahren. Zugleich gewährt er uns teilweise höchst befremdliche Einblicke in Oleansders angeschlagene Psyche und lässt uns in quälend bizarren Episoden schonungslos an seinen verzweifelten Zusammenbrüchen teilhaben.
Mit der mysteriösen Silvia Glaser und potentiellen Täterin betritt eine weitere faszinierende Figur die Bühne, die durch einen mutmaßlich von einem vorbeirasenden Streifenwagen verursachten Fahrradunfall behindert ist und in ihrem Hass auf die Polizei Zuflucht beim rechtspopulistischen Lager gefunden hat.
Nach einigen recht skurrilen Treffen, bei denen sie sich trotz Misstrauen und ihrer Verwirrtheit einander annähern und öffnen, berichtet Silvia Oleander von ihren Befürchtungen, dass ein rechter Terroranschlag geplant sei und die beiden beschließen, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. So gewinnt die genial angelegte Handlung zunehmend an Fahrt, nimmt eine ungeahnte Wendung und gipfelt schließlich in einem erschütternden und für mich höchst überraschenden Finale. Sehr vielschichtig und beeindruckend zeichnet Ani seine verschiedenen Charaktere mit ihren gebrochenen Biografien, ihre Abgründe und persönlichen Schicksale. Sie alle sind ein jeder auf seine spezielle Weise wertvoll und liebenswert. Ani ist wieder ein faszinierendes, glaubhaft ausgearbeitetes Kaleidoskop aus verschrobenen Einzelgängern, Extremisten, Gescheiterten, (Über-)Lebenskünstlern und den vielen traurigen Verlierern dieser Gesellschaft gelungen. Ani lässt schließlich seinen aufwühlenden und nachdenklich stimmenden Roman trotz aller Düsternis mit einem durchaus hoffnungsvollen Ende ausklingen.

FAZIT
Ein vielschichtiger, sehr bemerkenswerter Roman mit einer tiefgründigen, bewegenden Geschichte die noch lange nachklingt!

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Veröffentlicht am 18.09.2022

Ein eindringlich geschriebener, sehr bewegender Roman

Denk ich an Kiew
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MEINE MEINUNG
In ihrem ergreifenden Roman "Denk ich an Kiew" hat sich die US-amerikanische Autorin Erin Litteken mit ukrainische Wurzeln eines traurigen historischen Themas und finsteren Kapitels der ukrainischen ...

MEINE MEINUNG
In ihrem ergreifenden Roman "Denk ich an Kiew" hat sich die US-amerikanische Autorin Erin Litteken mit ukrainische Wurzeln eines traurigen historischen Themas und finsteren Kapitels der ukrainischen Geschichte angenommen– dem Holodomor, einem Anfang der 1930er Jahre systematisch und gnadenlos von Stalin durchgeführten Feldzug gegen das ostukrainische Volk, der in einer beispiellosen Hungersnot und einem unfassbaren Genozid mündete. Wie Erin Litteken in ihrem ausführlichen Nachwort erläutert, haben die vielen Erzählungen ihrer ukrainischen Urgroßmutter sie zu diesem Roman inspiriert. Deren Familie aus der Westukraine musste zwar nicht selbst die damaligen Gräueltaten durchleben, dennoch wurde auch deren Leben von den damaligen Geschehnissen nachhaltig geprägt.
Die Autorin hat ihren Roman in zwei einander abwechselnden Handlungssträngen angelegt, die auf unterschiedlichen Zeitebenen spielen. Zum einen erleben wir die sehr eindringlich erzählte Geschichte der jungen Katja zum Anfang der 1930er Jahre in einem kleinen Dorf in der Ukraine und zum anderen den im Jahre 2004 in Illinois angesiedelten Handlungsstrang, in dem wir nach und nach mehr über Cassie, ihre Familie und vor allem ihre aus der Ukraine einst geflüchtete und nun an Demenz erkrankte Großmutter Bobby erfahren. Durch den lebendigen, ansprechenden Schreibstil und die interessanten Charaktere wird man rasch in die Geschehnisse der Gegenwart hineingezogen und folgt zugleich gebannt dem Fortgang der höchst ereignisreichen und schockierenden Geschichte in der Vergangenheit, die mich deutlich stärker fesseln und emotional bewegen konnte. Die Autorin schildert in ihrer erschütternden Geschichte um Katja sehr anschaulich und glaubhaft die Hintergründe für die systematische Ausrottung der ukrainischen Kultur und damaligen Geschehnisse rund um die Entkulakisierung und den Holodomor. Man merkt deutlich, dass sie sehr sorgfältig hierzu recherchiert hat und viele Details aus Schilderungen der Zeitzeugen in die Handlung eingebaut hat, um uns authentische Einblicke in die unvorstellbaren Zustände und das unsägliche Leid der Menschen vor Augen zu führen. Aufwühlend und nachdrücklich schildert die Autorin, wie Katja und ihre Familie in dieser so extrem menschenverachtenden Zeit ums nackte Überleben kämpfen mussten, dennoch immer wieder Stärke, Mut und Hoffnung fanden und neben all der bedrückenden Trostlosigkeit versucht haben, füreinander da zu sein und anderen zu helfen. Wir haben Anteil an grauenvollen, schonungslos geschilderten Szenen; die schockierenden Grausamkeiten, das Leid der Menschen und die unmenschlichen Zustände gehen in ihrer Intensität unter die Haut und lassen einen nicht mehr los. Schätzungsweise über 3,9 Millionen Ukrainer starben damals im Holodomor durch Krankheiten, Schwäche, Deportationen oder kaltblütigen Mord. Eindrücklich führt uns die Autorin am Beispiel von Cassies Großmutter vor Augen, dass diese traumatischen Erlebnisse die damaligen Überlebenden zeitlebens belastet haben. Zwar wurden die furchtbaren, belastenden Erinnerungen oftmals erfolgreich verdrängt und der Familie völlig verschwiegen, aber gerade im hohen Alter kommen diese unaufhaltsam und ungefiltert wieder hoch.
Geschickt unterbricht die Autorin immer wieder den Handlungsstrang aus der Vergangenheit und kehrt zu den Geschehnissen in der Gegenwart zurück. Zwar ist es schon interessant mit zu verfolgen, wie die beiden Handlungsstränge miteinander verbunden sind, doch wirkte die in der Gegenwart angesiedelte Handlung um Cassie vor allem aufgrund der sehr klischeehaft umgesetzten Liebesgeschichte etwas oberflächlich, unnötig in die Länge gezogen und konnte mich leider nicht wirklich fesseln und bewegen.
Die unterschiedlichen Charaktere hat die Autorin zwar ansprechend angelegt, doch für meinen Geschmack hätten diese ruhig etwas tiefgründiger ausgearbeitet werden können, so dass man sich noch besser in ihr Seelenleben hätte hineinversetzen können.
Dennoch lässt vor allem die bewegende und sehr eindringlich geschilderte Lebensgeschichte von Cassies Großmutter diesen Roman trotz seiner bedrückenden Thematik zu einem fesselnden Page Turner werden, den man nicht so schnell vergisst.

FAZIT
Ein eindringlich geschriebener, bewegender Roman über ein dunkles und prägendes Kapitel der ukrainischen Geschichte, das weitgehend in Vergessenheit geraten ist!
Trotz einiger Schwächen eine lehrreiche und sehr lesenswerte Geschichte mit einem höchst aktuellen Bezug!

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