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Veröffentlicht am 06.02.2020

Präludium einer Katastrophe

Der Attentäter
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Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz-Ferdinand war das Ereignis, das den Ersten Weltkrieg auslöste.
In seinem Roman schildert Ulf Schiewe die letzte Woche vor den tödlichen Schüssen aus ...

Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz-Ferdinand war das Ereignis, das den Ersten Weltkrieg auslöste.
In seinem Roman schildert Ulf Schiewe die letzte Woche vor den tödlichen Schüssen aus drei Perspektiven: Der von Franz-Ferdinand, der des Attentäters und der des österreichischen Geheimdienstes in Serbien. Gespickt werden die einzelnen Kapitel jeweils mit Zeitungsberichten jener Zeit, welche die allgemeine Stimmung vergegenwärtigen.
Der Ausgang der Ereignisse ist von Beginn an bekannt. Das Leseerlebnis wird dadurch aber keineswegs geschmälert. Im Gegenteil. Durch die verschiedenen Blickwickel gelingt es dem Autoren, dem Leser neue Facetten zu offenbaren, selbst eine neue Perspektive einzunehmen.
Franz-Ferdinand war nicht nur der Thronfolger, er war ebenso ein Familienvater.
Gavril Princep sah sich selbst als Freiheitskämpfer, der seine Heimat gegen eine despotische Besatzungsmacht verteidigt.
Der Geheimdienst versuchte durchweg das Leben des Kronprinzen vor einem Anschlag, der keineswegs unerwartet kam, zu schützen.
In lebendiger Sprache beschwört der Autor jene Woche im Juli 1914 erneut herauf und es gelingt ihm, seinen Leser mitten ins Geschehen zu führen.

Ulf Schiewe schildert die Begebenheiten einer Zeit an der Schwelle zwischen konservativer Tradition und dem endgültigen Schritt in die Moderne.
Auf der einen Seite steht der immer weiter verblassende Glanz alter Zeiten: Da gibt es alte Machtträger, wie das Deutsche Kaiserreich, die Habsburger Monarchie und das Osmanische Reich – sie alle wollen an ihrer alten Würde festhalten. Doch die Zeit ist eine neue – das ist die andere Seite. Es gibt neue Ideen und Strömungen, im politischen und im privaten Leben: Eine neue Vorstellung der Ordnung, neue Möglichkeiten der Technik.
Diese widersprüchliche Atmosphäre fängt der Autor ein ohne sie zu bewerten.
Es ist das Präludium zum „Krieg, den keiner wollte“, wie es viel später in der Rückschau heißen wird. Zweifellos erklang in jener Zeit lautstarkes Säbelrasseln. Auch war der Kriegswille an einigen zentralen Stellen durchaus gegeben. Aber konnte dort, wo Kriegsbegeisterung herrschte, auch das Ausmaß, welches ein solcher Krieg annehmen könnte und würde, erahnt werden? Vielleicht nicht in vollem Ausmaß, doch die Bedenken, etwas Unkontrollierbares zu beschwören, waren gegeben, zeigten sich in einer latenten Kriegsscheu.

Das fatale Ereignis – ein Anschlag auf das Leben des Thronfolgers – wird von verschiedenen Seiten befürchtet, anhand von Hinweisen sogar erahnt.
Während des gesamten Romans drängt sich dem Leser immer wieder die Fragen auf: Hätte das Attentat verhindert werden können? Und: Welchen alternativen Lauf hätte die Geschichte genommen? Oder hätte ein verhindertes Attentat nur einen „Aufschub“ des „Unvermeidlichen“ bedeutet?

Die Geschehnisse, die schließlich zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges führten, mögen aus heutiger Sicht schon weit in der Vergangenheit liegen. Schiewe vergegenwärtigt sie uns jedoch, sodass sie wieder greifbar werden.
Gerade in der heutigen Zeit kann sein Roman doch sehr nachdenklich stimmen: Die Geschichte, in der verschiedene Strömungen sich gegenseitig falsch beurteilen, sich gegenseitig so lange provozieren, bis schließlich der erste Dominostein fällt, der auch das übrige Gebilde zum Einsturz bringt.
Plötzlich sind es dann nicht mehr die Schilderungen von etwas weit Zurückliegendem, sondern Ereignisse, die sich, in anderem Gewand, wieder und wieder ereignen können.


Ulf Schiewe hat einen eindrucksvollen Roman verfasst, der in jedem Fall lesenswert ist - für historisch Interessierte und auch für solche, die es werden wollen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.02.2020

Dein Mirror - DU 2.0

Mirror
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Carl Poulsen hat ein Gerät entwickelt, das das digitale Leben revolutionieren kann. Der „Mirror“ ist ein persönlicher Assistent, der das Leben seiner Nutzer stetig verbessern wird – sofern sie sich ihm ...

Carl Poulsen hat ein Gerät entwickelt, das das digitale Leben revolutionieren kann. Der „Mirror“ ist ein persönlicher Assistent, der das Leben seiner Nutzer stetig verbessern wird – sofern sie sich ihm anvertrauen.
Das Gerät erstellt eine „digitale Version“ des Nutzers. Über externe Schnittstellen wie Kamera, Audio-Clip und Mikrofon werden ebenfalls seine Eindrücke in die Virtualität übertragen und lassen damit die „Mirrorworld“ entstehen, ein digitales Abbild der Wirklichkeit, in welcher der Nutzer sich fortan ebenso bewegen kann, wie in der Wirklichkeit.
Alles sieht nach einer grandiosen Bereicherung für den Menschen aus, denn die Erfindung besitzt das Potential, viele Schwächen, die den Einzelnen begleiten, auszugleichen.
Die Gesundheit von Kranken wird in Echtzeit überwacht und Gesundheitskrisen können verhindert oder doch wenigstens rechtzeitig behoben werden.
Wer sozial gehemmt ist hat endlich einen persönlichen Trainer – in jeder Situation.
Sogar bei der Partnersuche kann der Mirror helfen... und findet endlich die Person, die wirklich zu dem User passt.

Auch Andy, der Protagonist der Geschichte, erlebt jeden Tag Herausforderungen. Er ist Autist, weshalb ihm einige Dinge seiner Umwelt stets unverständlich erscheinen. Erst hält sich seine Begeisterung in Grenzen, als er zu seinem Geburtstag einen Mirror erhält. Dann lässt er sich auf das Gerät ein und lernt schnell seine Vorzüge zu schätzen. Plötzlich eröffnen sich ihm Möglichkeiten, an die er vorher nicht einmal gedacht hat.
Während er den Mirror jedoch zunächst einen immer größeren Teil seines Lebens bestimmen lässt, macht er jedoch bald schon die Entdeckung, dass sein „anderes Ich“ ein ganz eigenes Selbst mit ganz eigenen Zielen entwickelt – und diese Ziele entsprechen nicht zwingend dem, was Andi sich wünscht.

„Mirror“ ist die Geschichte vom Zauberlehrling in der digitalen Welt. Einmal heraufbeschworen sind die Folgen der virtuellen Schöpfung nur noch schwer einzuschätzen.
Es wäre jedoch ein Fehler, den Roman schlicht als Warnung vor zu starker Technisierung zu betrachten. Das ist er nicht.
Deutlich werden hier auch deren Vorzüge betont. Als problematisch erweist sich schlicht der Faktor Mensch, der etwas in Gang setzt, von dem er nicht genau weiß, wie es funktioniert - oder was es in seinem Wesen ist.
Auch zeigt sich, dass das "Gute", das eine Erfindung bewirkt, immer von der Intention des Nutzers abhängig ist.
In "Mirror" sind Denkanstöße für beide Seiten enthalten, die Möglichkeiten und die Risiken, die Künstliche Intelligenz birgt. Die Bewertung bleibt letztlich dem Leser überlassen.

Seine Geschichte präsentiert Karl Olsberg in einem gewohnt mitreißendem Erzählstil, der es schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen.

Ein vollkommen lesenswerter Roman mit einem Ende, das den Wunsch nach einer Fortsetzung aufkommen lässt.


  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere