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Veröffentlicht am 15.07.2023

Jede Entscheidung beeinflusst auch das Leben anderer

Nur ein einziger Tanz
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Rike hat gerade einen großen Übersetzungsauftrag abgeschlossen und überlegt, was sie mit der bevorstehenden Freizeit anfangen soll. Sie quält sich mit Selbstzweifeln, seit ihr langjähriger Lebensgefährte ...

Rike hat gerade einen großen Übersetzungsauftrag abgeschlossen und überlegt, was sie mit der bevorstehenden Freizeit anfangen soll. Sie quält sich mit Selbstzweifeln, seit ihr langjähriger Lebensgefährte sie überraschend für eine 'Auszeit' verlassen hat. Immer noch vermisst die Mittfünfzigerin ihre vor einem Jahr verstorbene Mutter. Auch deshalb berührt sie der Brief, den sie aus Amsterdam erhält und in dem der ihr unbekannte Hendrik Rhee von seiner großen Liebe Cisca berichtet, das war ihre Mutter Francisca.
Trotz ihrer widerstrebenden Gefühle der alten Heimat gegenüber macht sich Rike auf den Weg nach Amsterdam, um Hendrik zu treffen.
Doch Amsterdam tut Rike gut, Hendrik, seine WG-Freunde und auch ihre Zimmer-Vermieterin empfangen sie herzlich und Rike erfährt nicht nur Neues über ihre Mutter, sondern ihr fallen zu ihrer eigenen Überraschung auch immer mehr Details aus ihrer Kindheit wieder ein und sie beginnt, sich mit ihrem Familienleben auseinander zu setzen, wobei ihr Hendriks Erzählungen neue Impulse geben. Rike kann sich mit der Vergangenheit versöhnen, loslassen und ist am Ende der Geschichte selbstsicher und bereit für die Zukunft, was auch immer die bringt.

Erzählt wird aus Rikes und aus Hendriks Perspektive, aus Gegenwart und aus Vergangenheit. Hermien Stellmachers Schreibstil ist klar, lebendig und überrascht mit ungewöhnlichen Einfällen. So gibt es in der Alten-WG einen Flipper-Spielautomaten, der hilft, Entscheidungen zu treffen und Rikes Erinnerungen sind im Kopf in einem Lagerhaus untergebracht, dessen Räume unterschiedlich gut zugänglich sind. Die Autorin ist ihren Figuren sehr zugewandt und macht sie zu glaubwürdigen authentischen Charakteren, deren Geschichte und Emotionen berühren und die mich auch schmunzeln lassen. Amsterdam mit seinen Straßen, Grachten, dem Markt, Restaurants, dem Zoo und auch den Menschen wird beim Lesen lebendig und für mich unbedingt zu einem nächsten Reiseziel.
Im Nachwort erzählt die Autorin die interessante Entstehungsgeschichte des Romans, in den auch Autobiographisches einfließt. So ist auch ihre Familie von Amsterdam nach Deutschland ausgewandert, als Hermien 15 war.
Der Roman berührt und macht Mut und hat mir sehr viel Freude bereitet.

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Veröffentlicht am 11.07.2023

Anspruchsvoller Sommerroman

Nachts erzähle ich dir alles
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Das Cover gefällt mir mit den sommerlichen Farben, der mediterranen Küste im Hintergrund und der nachdenklichen jungen Frau am Tisch. Auch eine vorangestellte Playlist passt perfekt zum Roman.

Der kurze ...

Das Cover gefällt mir mit den sommerlichen Farben, der mediterranen Küste im Hintergrund und der nachdenklichen jungen Frau am Tisch. Auch eine vorangestellte Playlist passt perfekt zum Roman.

Der kurze Prolog des Romans, mit „Ende“ überschrieben, macht von Anfang an neugierig auf die Geschichte. Léa will den Sommerurlaub im Haus ihrer Familie an der Côte d'Azur nutzen, um den Trennungsschmerz nach einer langjährigen Beziehung zu überwinden und sich von der anstrengenden Arbeit im eigenen Café zu erholen. Am ersten Abend macht Léa die Bekanntschaft der jungen Alice, die in der Nacht zu Tode kommt. Da Léa als Letzte Kontakt mit der jungen Frau hatte, sucht deren Bruder Emile sie auf, er will verstehen, was passiert ist.
Léa kann besser mit den Gefühlen anderer als mit ihren eigenen umgehen und die Gespräche mit Emile entwickeln sich tiefgründig und bieten ihm Trost, lassen ihn verstehen, tragen aber auch dazu bei, dass Léa sich allmählich mit ihren eigenen Empfindungen auseinandersetzt.

Erzählt wird aus Léas Perspektive mit Einschüben eines an Léa gerichteten Monologs einer anderen Frau. Anika Landsteiners Schreibstil ist bildhaft und intensiv, die Beschreibung der Orte an der Côte d'Azur, der sommerlichen Hitze, des ganzen Flairs ist atmosphärisch gelungen und weckt Fernweh nach Südfrankreich. Die Figurenzeichnung ist vielschichtig und glaubwürdig, sowohl die der Frauen Léa, Brigitte und Claire, als auch Emiles, alle Charaktere erscheinen authentisch. Die komplexen Beziehungen vor allem der Frauen zueinander und die beschriebenen Emotionen überzeugen und berühren.

Wie in Anika Landsteiners erstem Roman 'So wie du mich kennst' geht es auch in 'Nachts erzähle ich dir alles' um Trauerbewältigung und Loslassen, aber mehr noch um weibliche Selbstbestimmung, Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, Vertrauen und Liebe.
Mir hat das Buch gut gefallen und ich kann es Leser:innen empfehlen, die offen sind für eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Themen.

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Veröffentlicht am 02.07.2023

Überzeugender Krimi um ein bisher zu wenig beachtetes Thema

Der Feind
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Ein bizarre Mordserie an Männern sowie ein Anschlag während einer Frauendisko – in Band 5 dieser Reihe halten gleich zwei Fälle TV-Reporterin Milla Nova und das Ermittlerteam um Millas Lebensgefährten ...

Ein bizarre Mordserie an Männern sowie ein Anschlag während einer Frauendisko – in Band 5 dieser Reihe halten gleich zwei Fälle TV-Reporterin Milla Nova und das Ermittlerteam um Millas Lebensgefährten Sandro Bandini auf Trab.

In der Nacht des Anschlags erlebe ich sowohl Sandros als auch Millas Empfindungen. Durch zwei Perspektiven auf ein und dasselbe Ereignis ist das Leseerlebnis um so intensiver und ich bin ganz schnell mitten drin in der Geschichte. Mehrere der mir aus den Vorgängerbänden bekannten und ans Herz gewachsenen Figuren sind durch die Katastrophe persönlich betroffen und Christine Brand gelingt es, ihre Emotionen und Gedanken glaubhaft und realitätsnah zu beschreiben. Der Schreibstil ist fesselnd, eindringlich und einfühlsam, Szenen werden atmosphärisch dicht beschrieben.

Cliffhanger an Kapitelenden, Perspektivwechsel, überraschende Wendungen und Ermittlungsergebnisse entweder durch Millas und Nathaniels teilweise auch gefährliche Recherchen oder Sandro und sein Team halten die Spannung durchgehend auf hohem Niveau und wirklich alle Handlungsstränge treiben die Geschichte voran. Scheinen die Morde an verschiedenen Männern, bei denen keine offensichtlichen Gemeinsamkeiten vorliegen, und der Anschlag auf die Frauen zuerst nichts miteinander zu tun zu haben, werden beide Fälle schließlich geschickt verknüpft.

Die ehemalige Gerichtsreporterin Christine Brand schreibt über Fälle, die in der Realität verankert sind. In 'Der Feind' geht es um die sogenannten Incels, eine Gruppe radikaler Frauenhasser mit haarsträubenden Überzeugungen, denen das Internet mit seiner Anonymität eine Basis bietet, um voller Selbstmitleid den Frauen die Schuld an ihrer Lebenssituation zuzuschieben. Und es gibt ein zweites Thema, das die Autorin im Fall der ermordeten Männer aufgreift.
Das Cover passt farblich und von der Gestaltung her zu den anderen Büchern der Reihe. Das Buch kann unabhängig von den Vorgängerbänden gelesen werden, mehr Spaß macht es aber sicherlich, die Entwicklung der Charaktere chronologisch zu verfolgen.

Dieser gut recherchierte und spannend geschriebene Kriminalroman hat mich erschreckt und berührt und ich kann ihn unbedingt empfehlen.

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Veröffentlicht am 30.06.2023

Lena Lorenzen ermittelt in ihrem 10. Fall auf Fehmarn

Die Tote am Fastensee
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Merle Harmsen, Polizistin aus Schleswig, wird auf Fehmarn tot aufgefunden. Lena Lorenzen und ihre neue Kollegin Naya Olsen untersuchen den Fall. Hat Merles Tod mit ihrem Korruptionsvorwurf gegenüber einem ...

Merle Harmsen, Polizistin aus Schleswig, wird auf Fehmarn tot aufgefunden. Lena Lorenzen und ihre neue Kollegin Naya Olsen untersuchen den Fall. Hat Merles Tod mit ihrem Korruptionsvorwurf gegenüber einem Kollegen zu tun oder ist das Motiv in ihrem privaten Umfeld zu suchen?

Dies ist bereits der 10. Fall um die Inselkommissarin Lena Lorenzen, dennoch hatte ich als Neueinsteigerin in die Serie keine Verständnisschwierigkeiten. Ich kann mir aber vorstellen, dass es mehr Spaß macht, die Entwicklung von Lenas Berufs- und Privatleben zu verfolgen, wenn bereits Vorgängerbände gelesen wurden.

Die Ermittlungen durch Lena, Naya und bald auch Ole Kotten gestalten sich mühsam, es gibt sehr viele Verdächtige, die anscheinend nicht immer die Wahrheit sagen oder etwas verschweigen. Lena, Naya und Ole sind ein gutes Team, kommen aber nicht recht voran. Erst ein weiterer Tote bringt Bewegung und Spannung in die Untersuchungen. Haben die beiden Tötungsdelikte miteinander zu tun und wenn ja, was?

Anna Johannsens Schreibstil ist angenehm zu lesen, sie schreibt klar und lebendig, ihre Figuren sind gut ausgearbeitet und glaubwürdig. Das Verhältnis von beruflichen Ermittlungen und Privatleben finde ich ausgewogen, vermisst habe ich etwas mehr Lokalkolorit.

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Veröffentlicht am 20.06.2023

Spannender Thriller mit ungewöhnlichen Protagonisten

Refugium
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John Ajvide Lindqvist, ein erfolgreicher schwedischer Autor von Horrorromanen, hat sich an einem Krimi versucht und er ist ihm gelungen.

Das Cover erscheint auf den ersten Blick unscheinbar, aber ist ...

John Ajvide Lindqvist, ein erfolgreicher schwedischer Autor von Horrorromanen, hat sich an einem Krimi versucht und er ist ihm gelungen.

Das Cover erscheint auf den ersten Blick unscheinbar, aber ist bei näherer Betrachtung reizvoll mit dem hochglänzenden Schwarz, dem grellen Gelb und dem haptisch wahrnehmbaren Zweig mit der verletzten Rinde.

John Ajvide Lindqvists Schreibstil ist lebendig und fesselnd, auch humorvoll und mit ironischen Seitenhieben, die Charaktere sind interessante, gut ausgearbeitete Figuren, besonders der rätselhafte Kim Ribbing, ein faszinierender Protagonist, aus dessen Vergangenheit nach und nach in Rückblenden erzählt wird.
Die erfolgreiche Schriftstellerin Julia Malmros und der Hacker Kim beginnen zu einem Anschlag zu ermitteln, der in der Nähe von Julias Sommerhaus stattgefunden hat. Julia und Kim haben sehr viel mehr Möglichkeiten als die Polizei und auch der Zufall hilft weiter, dennoch ergänzen sich die Ermittlungen beider Teams und halten den Spannungsbogen durchgehend hoch.

Erzählt wird in kurzen Kapiteln und aus verschiedenen Perspektiven. Als ebenso wichtig wie die Entwicklung des komplexen Wirtschaftskrimis empfinde ich die ungewöhnliche Beziehung, die zwischen Julia und Kim entsteht, wobei der Autor glaubhaft vermitteln kann, was sie für die Beiden bedeutet.

Dieser Thriller hat eine Metaebene: Lindqvist war beauftragt worden, die Millennium-Reihe weiter zu schreiben, sein Buch wurde aber vom Verlag abgelehnt. Das gleiche passiert in 'Refugium' der Protagonistin Julia. Was Julia nur in Betracht zieht, hat Lindqvist getan: er änderte den Anfang, vertauschte die Rollen der Figuren, und veröffentlichte das Buch unabhängig von Millennium als Auftakt einer Trilogie.

Mir hat der spannende Thriller sehr gut gefallen und ich kann ihn uneingeschränkt empfehlen. Ich vergebe 4,5 Sterne.

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