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Veröffentlicht am 27.06.2024

Persönlich

Wisting und der ungewollte Verrat
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Eher zufällig kommt William Wisting zu einem Erdrutschunglück, wo er sich um erste Hilfestellungen kümmert. Am nächsten Tag steht fest: alle Bewohner konnten geborgen werden, Verletzte werden im Krankenhaus ...

Eher zufällig kommt William Wisting zu einem Erdrutschunglück, wo er sich um erste Hilfestellungen kümmert. Am nächsten Tag steht fest: alle Bewohner konnten geborgen werden, Verletzte werden im Krankenhaus versorgt. Aber dann kommt die große Überraschung: bei den Sicherungs- und Aufräumarbeiten wird eine Leiche gefunden, die nicht direkt mit dem Hangrutsch in Zusammenhang steht, denn Wisting entdeckt ein Schussloch am Opfer.

Zerstörte Häuser, verängstigte Menschen – ganz anders als üblich beginnt dieser Krimi mit einem Unglück, der Kriminalfall taucht erst später auf. Das Ganze ist dadurch aber um nichts weniger spannend, im Gegenteil, durch eine ganz persönliche Verstrickung Wistings in die Angelegenheit wird die Dramatik eher noch gesteigert. Der ansonsten sehr besonnene und klug agierende Kommissar steckt diesmal in einer Zwickmühle, ob seine Art der Problemlösung die richtige ist? Wer William Wisting bereits kennt, wird sich über dieses Wiedersehen freuen, das natürlich auch seine Tochter Line und seine Enkelin Amalie mit einschließt. Wisting als Ermittler und gleichzeitig als fürsorglichen Vater und Opa zu begleiten, bietet eine sehr schöne Sicht auf dessen Persönlichkeit und untermalt die Polizeiarbeit auf sehr angenehme Weise. Dazu kommt der wunderbar flüssige Schreibstil Jørn Lier Horsts, der den Leser von Anfang an mitnimmt und durchwegs fesselt bis zum gekonnt herbeigeführten Ende.

Realistische Szenen, gut vorstellbare Figuren, eine durchdachte Handlung – alles, was man von einem guten Krimi erwarten darf, bietet auch dieser spezielle Fall von „Wisting“. Ich habe mich bestens unterhalten und empfehle den „ungewollten Verrat“ daher sehr gerne weiter.

Veröffentlicht am 26.06.2024

Briten

Don't kiss Tommy. Eine Liebe in der Stunde Null
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Bad Oeynhausen, 1945: Nach kurzer amerikanischer Besatzung übernehmen die Briten die Herrschaft und errichten mitten im Kurort Bad Oeynhausen ihr Hauptquartier. Die bisherigen Bewohner werden kurzerhand ...

Bad Oeynhausen, 1945: Nach kurzer amerikanischer Besatzung übernehmen die Briten die Herrschaft und errichten mitten im Kurort Bad Oeynhausen ihr Hauptquartier. Die bisherigen Bewohner werden kurzerhand vor die Tür gesetzt und müssen bei Verwandten oder in Lagern unterkommen. Während Anne in eine primitive Baracke vor der Stadt zieht, marschiert ihre frühere Freundin Rosalie zu einem Bauernhof, wo sie gegen Mithilfe bei Stall- und Hausarbeit eine kleine Kammer und Kost bekommt. Während die eine gegen die britische Bevormundung aufbegehrt, versucht die andere, sich mit den Besatzern zu arrangieren.

In kurzen, übersichtlichen Kapiteln stellt Theresia Graw die Geschichte von Anne und Rosalie dar, verquickt historische Fakten mit romanhaften Elementen zu einem besonderen Ganzen. Von der ersten bis zur letzten Seiten herrscht spürbare Lebendigkeit, man erkennt das Herzblut der Autorin, welches in jeder einzelnen Zeile steckt. Detaillierte Recherchen lassen überaus realistische Szenen entstehen, die einem bisweilen den Atem stocken lassen über die Gräuel, welche auch nach dem Krieg noch zu erdulden waren – mit ein paar persönlichen Habseligkeiten sind die Oeynhausener aus den eigenen vier Wänden vertrieben worden, Hunger und Kälte nagen an den ohnehin geschwächten Menschen, jeder Tag gleicht einem Kampf ums Überleben. Anne und Rosalie stehen als Beispiel für Schicksale, welche sich so oder ähnlich zugetragen haben und erinnern auch heute noch an jene schreckliche Zeit. Aber auch die Briten sind hervorragend charakterisiert, insbesondere ihre Art zu sprechen ist sehr treffend wiedergegeben.

Mit viel Feingefühl und stilistischer Wertigkeit erzählt Theresia Graw vom Grauen und vom Hoffen, vom Verzagen und vom Kämpfen. Die Blickwinkel von Anne und Rosalie beleuchten unterschiedliche Herangehensweisen, wobei keine besser ist als die andere, jeder muss seinen Weg finden und für sich zurechtkommen. Sehr emotionale und berührende Augenblicke darf der Leser mit den beiden jungen Damen erleben, und auch heute noch denkt man beim Lesen immer wieder darüber nach, wie man wohl selbst in solchen Situationen gehandelt hätte.

Ich bin auch von diesem Roman aus der Feder Theresia Graws sehr ergriffen und werde den Nachhall noch länger in mir spüren. Ein hervorragendes Buch aus historischen Gegebenheiten und einer wunderschönen fiktiven Handlung, ich empfehle es sehr, sehr gerne weiter!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.06.2024

Hoffnung

Anna O.
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Hoffnung ist es, was Psychologe Dr. Benedict Prince wecken möchte, um eine Patientin aus ihren vierjährigen Schlaf zu holen. Er geht von einem Resignationssyndrom aus, das behandelbar ist. Allerdings steckt ...

Hoffnung ist es, was Psychologe Dr. Benedict Prince wecken möchte, um eine Patientin aus ihren vierjährigen Schlaf zu holen. Er geht von einem Resignationssyndrom aus, das behandelbar ist. Allerdings steckt er in einer Zwickmühle: denn wenn Anna O. zu Bewusstsein kommt, wird sie wegen Doppelmordes vor Gericht gestellt, immerhin ist sie mit einem blutigen Messer in der Hand aufgefunden worden, während ihre beiden Freunde tot im Blut gelegen sind. Aber ist sie überhaupt schuldig? War sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte? Oder war sie als Schlafwandlerin unterwegs?

Aus unterschiedlichen Blickwinkeln wird diese Geschichte erzählt, vorwiegend von Ben in der Ich-Form, der Rest aus Sicht eines neutralen Dritten. So wechseln die kurzen Kapitel rasch und fachen des Lesers Neugierde an. Was ist das Resignationssyndrom? Warum sind Schlafwandler nicht oder nur bedingt schuldfähig? Interessante Themen kommen zur Sprache, während das wichtigste natürlich unter den Nägeln brennt: was hat Anna in besagter Nacht getan?

Blakes Schreibstil ist flott und nimmt den Leser mit, die Figuren sind teilweise schwer durchschaubar und auch die Handlung selbst ist komplex. Leider wird es im letzten Drittel dann ein wenig langatmig, aber wo man sich im Grunde schon ein Ende erwartet, kommt nochmals Spannung auf mit überraschenden Wendungen - diese Auflösung habe ich keinesfalls vorhergesehen.

Das angesprochene Thema ist überaus interessant, wer Lesen ohne überschwängliche Dramatik und barbarisches Blutvergießen liebt, wird hier gut bedient sein.

Veröffentlicht am 22.06.2024

Beharrliche Bertha

Bertha Benz und die Straße der Träume
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Auf den ersten Blick verliebt sich Bertha Ringer in Carl Benz. Trotz anfänglicher Bedenken ihres Vaters wird einige Jahre später geheiratet. Als Erfinder und Idealist ist der Ingenieur brillant, an Geschäftssinn ...

Auf den ersten Blick verliebt sich Bertha Ringer in Carl Benz. Trotz anfänglicher Bedenken ihres Vaters wird einige Jahre später geheiratet. Als Erfinder und Idealist ist der Ingenieur brillant, an Geschäftssinn mangelt es allerdings gewaltig, wodurch die Familie immer wieder in große Geldnot gerät. Aber Bertha hält zu Carl und beweist, dass Perfektionismus nicht alles ist. Sein Zögern könnte Konkurrenten zugutekommen, also schreitet Bertha entschieden zur Tat.

In leichtem romanhaften Stil präsentiert Alexander Schwarz diese interessante Romanbiografie über eine entschlossene junge Frau, die sich nicht in die Rolle als Köchin und Wäscherin für die Familie pressen lassen will. Schon ihrem Vater, einem Zimmermann, ist sie als Kind gerne zur Hand gegangen und hat sich erfreut an den entstandenen Bauten. Ihr beschwingtes Gemüt lässt es zu, dass Bertha die Schwächen ihres geliebten Ehemanns insofern kompensiert, als sie seinem unerschütterlichen Forscherdrang Planung und Organisation entgegensetzt. Beide Charaktere sind wunderbar getroffen und sehr lebensnah dargestellt. Auch die politische und wirtschaftliche Lage im ausklingenden 19. Jahrhundert ist gut dargestellt, knapp, ohne den Roman zu stören, werden beispielsweise die Einflüsse des deutsch-französischen Kriegs und der Börsenkrach in Wien in die Handlung eingeflochten. „Beharrlichkeit führt zum Ziel“ (kindle, Pos. 2836), das ist Berthas Lebensmotto, welches sie auch an ihre Kinder weitergibt, das gerade zur damaligen Zeit gewiss nicht einfach war.

Ein schönes Zeitzeugnis, ein interessantes Portrait von Bertha Benz, das durch detaillierte Recherche in diesem Buch lebendig werden darf.

Veröffentlicht am 21.06.2024

Badespaß

Beachdating - Herz verloren, Glück gefunden
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Da die Fluggesellschaft in Konkurs gegangen ist, fällt die Reise nach Zypern für Annabell aus. Wo soll sie nun auf die Schnelle ihren Urlaub verbringen? Es wird ein Campingplatz an einem See in der Oberpfalz, ...

Da die Fluggesellschaft in Konkurs gegangen ist, fällt die Reise nach Zypern für Annabell aus. Wo soll sie nun auf die Schnelle ihren Urlaub verbringen? Es wird ein Campingplatz an einem See in der Oberpfalz, wo die junge Singlefrau eine Menge lustiger Leute trifft, auch Männer im passenden Alter sind dabei – ein Abenteurer, einer mit flotten Sprüchen, ein anderer mit hübschen blauen Augen. Einem Urlaubsflirt ist Annabell nicht abgeneigt, der Spaß kann beginnen.

Ganz persönlich in der Ich-Form erzählt Annabell von ihrem ersten Zelturlaub. Schon der Kauf der Ausrüstung ist ein Spektakel, denn sie hat überhaupt keine Ahnung von all den Dingen, welche ihr der Mitarbeiter im Geschäft aufdrängen will. Am See angekommen, muss Annabell erst einmal ein Plätzchen finden. Aber damit ist noch keine Erholung in Sicht, die Ereignisse beginnen sich zu überstürzen. Eine illustre Gesellschaft trifft sich am Platz und am See, kunterbuntes Treiben hält Annabell auf Trab. Gut, dass sie über ihre eigene Tollpatschigkeit auch selbst lachen kann, der Humor kommt jedenfalls nicht zu kurz.

Eher einfache Sätze sorgen für ein flottes Tempo, das den Ereignissen am Badesee perfekt entspricht. Unglaublich, aber überaus unterhaltsam sind die Erlebnisse Annabells, sei es mit Merle aus der Kindergruppe, dem Männerquartett oder dem Kreis rund um den Platzwart. Dass das alles in eine einzige Woche passt, ist kaum zu fassen. Die Liebesgeschichte ist ein zartes Pflänzchen, dem oft der Raum genommen wird, dennoch – bis hin zum gelungenen Ende – eine schöne. Vielleicht kommen ob der Turbulenzen die Gefühle ein wenig zu kurz, der Badespaß bietet gleichzeitig aber auch viel Lesespaß.

Ich habe mich jedenfalls recht gut unterhalten mit Annabell in der Oberpfalz. Wer Humor und Selbstironie sucht, wird hierin eine (Urlaubs)Lektüre für entspannte Stunden finden.