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Veröffentlicht am 28.07.2019

Ein Fall mit vielen Facetten

Schneewittchensarg
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“Schneewittchen-Sarg“ ist der 7. Band einer Serie um die so verschiedenen Ermittlerinnen Ingrid Nyström und Tina Forss, geschrieben von dem deutsch-schwedischen Autoren-Duo Roman Voosen und Kerstin Signe ...

“Schneewittchen-Sarg“ ist der 7. Band einer Serie um die so verschiedenen Ermittlerinnen Ingrid Nyström und Tina Forss, geschrieben von dem deutsch-schwedischen Autoren-Duo Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson.
Bei der Eröffnung einer Kunstausstellung anlässlich des Firmenjubiläums des Glashüttenbesitzers Gunnar Gustavsson im Glasreich genannten Smaland. kommt es zu einem Eklat. In einem gläsernen Sarg befindet sich kein Kunstobjekt sondern die skelettierte Leiche einer Frau in ihrem Hochzeitskleid. 47 Jahre zuvor war Berit Thurstan, die Braut des jungen Gunnar, spurlos verschwunden. Ihre Entführung war Teil einer Inszenierung, ihr endgültiges Verschwinden mit ihrem Freund Herbert war es nicht. Der Zusammenschluss der Glashütten der beiden Familien wurde zugunsten eines dritten Fabrikanten, der Geschwister Lundberg wieder aufgelöst.
Die Ermittlerinnen und ihr Team tappen lange im Dunkeln, finden immer neue Indizien und müssen ihre Theorien zum Ablauf der Ereignisse wieder verwerfen. Sie vernehmen überlebende Zeugen von damals, Freunde und Bekannte der Vermissten, arbeiten Tausende von Seiten Akten und Protokolle durch und können nicht einmal mehr anhand der DNA die Identität der Toten feststellen. Es gibt mehrere Verdächtige, allen voran der Bräutigam, aber auch etliche andere aus dem Umfeld, die damals etwas getan oder unterlassen haben, die Dinge wussten, aber für sich behielten.
Erzählt wird mit ständig wechselnder Perspektive auf zwei Zeitebenen, 1971 und der Gegenwart. Dabei spielen auch Verbrechen eine Rolle, die sich nur wenige Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt ereignet haben. Das Privatleben der Mitglieder des Teams wird ebenfalls ausführlich dargestellt, vor allem die Probleme, mit denen sich Nyström und Forss herumschlagen. Bei Nyström ist es die Ermordung der englischen Schwiegertochter Healey, bei Forss das schwer gestörte Verhältnis zu ihrem gewalttätigen, inzwischen verstorbenen Vater. Die Vergangenheit - inklusive der nie aufgeklärte Mord an Ministerpräsident Olof Palme - reicht mit ihren Folgen bis in die Gegenwart und bringt die Lebenden in große Gefahr. Der Fall hat so viele Facetten, dass der Leser angesichts der Zeitsprünge und des umfangreichen Personals einige Mühe hat, der Handlung zu folgen. Bei fast 500 Seiten hätte die Geschichte etwas Straffung vertragen können. Dennoch habe ich das Buch gern gelesen.

Veröffentlicht am 07.07.2019

Was der Krieg aus den Menschen macht

Die Frau aus Oslo
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Kjell Ola Dahls Roman “Die Frau aus Oslo“ erzählt eine komplizierte Geschichte auf drei Zeitebenen. Die Handlung setzt 2015 ein, als eine Frau namens Turid ein Armband, das sie 45 Jahre zuvor als gestohlen ...

Kjell Ola Dahls Roman “Die Frau aus Oslo“ erzählt eine komplizierte Geschichte auf drei Zeitebenen. Die Handlung setzt 2015 ein, als eine Frau namens Turid ein Armband, das sie 45 Jahre zuvor als gestohlen gemeldet hatte, im Angebot eines Auktionshauses entdeckt. Um dieses Armband wird es erst gegen Ende des Romans wieder gehen. Zuvor geht die Geschichte in das von den Nazis besetzte Norwegen des Jahres 1942 zurück. Die junge Jüdin Ester lebt mit ihrer Familie in Oslo und hat sich dem Widerstand angeschlossen. Sie leitet eine verbotene Zeitung weiter - bis zu dem Tag, an dem sie verraten wird und noch der Verhaftung ihres Vaters zusehen muss. Ester gelingt in letzter Minute die Flucht, während ihre Familie umkommt. Kurz nach ihrer Flucht nach Schweden wird ihre beste Freundin Ase ermordet. Freunde adoptieren ihr Baby, denn Ases zwielichtiger Partner Gerhard - ebenfalls im Widerstand aktiv - flieht nach Schweden, weil ihn die Nazis des Mordes an Ase beschuldigen. 1967 sind die Überlebenden der Gruppe wieder in Oslo. Ester, die zwischenzeitlich in Israel gelebt hatte, will noch immer herausfinden, wer sie damals verraten hat und für den Tod ihrer Eltern verantwortlich ist. Es kommt zu konfliktreichen, gefährlichen Begegnungen, bis die meistern wichtigen Fragen beantwortet sind. Aber es bleiben auch eine Reihe von losen Enden.
Der recht umfangreiche Roman ist interessant, aber nicht besonders spannend. Teilweise sind weder die Abläufe noch die Motivation der handelnden Figuren völlig klar. Es erschließt sich dem Leser nicht ohne Weiteres, warum dieser Roman so hohe Auszeichnungen bekommen hat. Meine Vermutung ist, dass er besondere Beachtung fand, weil Vergangenheitsbewältigung in Form eines Kriminalromans schon ungewöhnlich ist. Einerseits werden die Leiden des norwegischen Volkes unter der Naziherrschaft gezeigt, andrerseits die Tatsache, dass nicht alle Kollaborateure waren, sondern trotz Mord und Folter im Untergrund für ihr Land gekämpft haben. Insgesamt bin ich ein bisschen enttäuscht von dem Buch, das eine interessante, aber teilweise etwas wirre Geschichte vor historischem Hintergrund erzählt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Spannung
  • Geschichte
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 23.06.2019

Vier Kommissare ermitteln

All die unbewohnten Zimmer
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In Friedrich Anis neuem Roman “‘All die unbewohnten Zimmer“ geht es eigentlich um zwei Fälle. Eine Frau wird getötet und ein Polizist wird schwer verletzt. Dann wird am Rande einer rechten Demo ein junger ...

In Friedrich Anis neuem Roman “‘All die unbewohnten Zimmer“ geht es eigentlich um zwei Fälle. Eine Frau wird getötet und ein Polizist wird schwer verletzt. Dann wird am Rande einer rechten Demo ein junger Polizist mit einem Stein erschlagen, während sein Kollege im Auto zurückbleibt. Drei aus anderen Romanen bekannte Ermittler tauchen hier wieder auf: der ehemalige Mönch Polonius Fischer löst einen glücklosen Kollegen als Leiter der Kommission ab, die im Fall des erschlagenen Polizisten ermittelt. Der Pensionär Jakob Franck unterstützt noch immer die ehemaligen Kollegen, indem er den Angehörigen die Todesnachricht überbringt. In diesem Fall hat er eine denkwürdige Begegnung mit dem Vater des erschlagenen Polizisten und stellt eigene Nachforschungen an. Tabor Süden, Spezialist für „Vermissungen“, sucht im Auftrag der Lebensgefährtin eines Verschwundenen und kommt auf diese Weise mit dem Polizistenmord in Berührung. Fariza Nasri, eine Halbsyrerin, die auf Betreiben ihres damaligen Chefs zu Unrecht für acht Jahre in die Provinz verbannt worden war, arbeitet erstmalig im Dezernat K111 mit Polonius Fischer zusammen.
Erzählt wird eine komplizierte Geschichte aus wechselnden Perspektiven mit falschen Fährten, einem erfundenen Geständnis und Zeugen, die aus Angst lange schweigen. In Anis neuem Roman geht es jedoch nicht nur um die Aufklärung von Verbrechen, sondern auch um die aktuelle Situation in Deutschland. Da kommen Ausländerfeindlichkeit und rechtsextreme Hetze gegen Flüchtlinge, die als Sozialschmarotzer verunglimpft werden, genauso zur Sprache wie die Rolle der Medien und der sozialen Netzwerke, und dieser Aspekt des Romans ist keineswegs eine überflüssige Zutat, sondern führt zum Kern des Geschehens.
Ich habe das Buch gern und mit großem Interesse gelesen, obwohl es sprachlich sehr speziell ist, auch wegen der zahlreichen Dialektausdrücke. Für mich ist es allerdings nicht Anis bester Roman.

Veröffentlicht am 23.06.2019

Hap und Leonard auf Schatzsuche

Wilder Winter
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Joe R. Lansdales 1990 unter dem Titel “Savage Season“ veröffentlichter Kriminalroman um die ungleichen Freunde Hap und Leonard ist der Auftakt einer Serie. Hap Collins ist Kriegsdienstverweigerer und hat ...

Joe R. Lansdales 1990 unter dem Titel “Savage Season“ veröffentlichter Kriminalroman um die ungleichen Freunde Hap und Leonard ist der Auftakt einer Serie. Hap Collins ist Kriegsdienstverweigerer und hat für seine Überzeugungen im Gefängnis gesessen. Leonard Pine ist ein farbiger homosexueller Vietnamveteran. Die beiden Freunde schlagen sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs durch - zuletzt auf den Rosenfeldern von Texas.
Eines Tages taucht Haps Ex-Frau Trudy auf, und Leonard warnt seinen Freund, denn Trudy bedeutet stets Ärger. Sie ist immer noch eine sehr schöne Frau, und es ist für sie leicht, Hap zu verführen und für ihre Zwecke einzuspannen. Sie verspricht ihm 200.ooo Dollar, wenn er erfolgreich bei der Suche nach der verschwundenen Millionenbeute aus einem Bankraub hilft. Trudys derzeitiger Partner Howard hat ebenfalls gesessen und von dem einzigen überlebenden Bankräuber von damals gehört, dass dieses Geld in einem gekenterten Boot auf dem Grund des Sabine River in Texas liegt. Es gibt nur wenige Anhaltspunkte, wo das sein könnte, aber Hap begibt sich mit dem widerstrebenden Leonard auf die Suche. Zu dem Team gehört noch der durch Brandnarben verunstaltete Paco und der dicke psychisch labile Chub. Die Auftraggeber der Aktion wollen mit dem Geld – entsprechend ihren Idealen aus den späten 60er Jahren – den revolutionären Kampf für eine bessere Welt finanzieren.
Hap und Leonard finden Boot und Geld, aber dann kommt alles anders als geplant. So viel Geld weckt ganz andere Begehrlichkeiten, und Verrat und Mord sind dabei nur ein Mittel zum Zweck. Der Roman liest sich gut und besticht vor allem durch die witzigen Dialoge der Freunde, aber auf die Gewaltorgie am Schluss hätte ich gern verzichtet. “Ein feiner dunkler Riss“ und “Dunkle Gewässer haben mir vor Jahren wesentlich besser gefallen. Positiv ist jedoch anzumerken, dass der Autor sich nicht auf eine simple Krimihandlung beschränkt, sondern viel vom Zeitgeist und den Idealen der 60er Jahre einfließen lässt und die wilde Schönheit seiner texanischen Heimat zum Ausdruck bringt.

Veröffentlicht am 22.06.2019

Ist das Ende der Welt nah?

Der Wal und das Ende der Welt
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Ein nackter junger Mann wird eines Tages am Strand des kleinen Fischerdorfs St. Piran in Cornwall angespült. Die Dorfbewohner retten ihn, und er mobilisiert seinerseits eine Hundertschaft, um ...

Ein nackter junger Mann wird eines Tages am Strand des kleinen Fischerdorfs St. Piran in Cornwall angespült. Die Dorfbewohner retten ihn, und er mobilisiert seinerseits eine Hundertschaft, um den gestrandeten Wal zu retten, der ihn ans Ufer getragen hat. Bei dem jungen Mann handelt es sich um Joe Haak, einen jungen Mathematiker, der fluchtartig seinen Arbeitsplatz bei der Londoner Bank Lane Kaufmann verlassen hat, nachdem die von ihm entwickelte Software Cassie mittels ihrer Voraussagen einen Riesenschaden verursacht hat und wenig später das Ende der Welt, wie wir sie kennen, vorhersagt. Joe Haak glaubt, dass er seinen Arbeitsplatz verloren hat und in Kürze strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen wird.
John Ironmonger erzählt in diesem Roman nicht nur das persönliche Schicksal eines jungen Mannes, der als Fremder in diesen Ort kommt und doch freundlich aufgenommen wird. Joe nutzt seinerseits sein Wissen über globale Zusammenhänge und verhängnisvolle Kettenreaktionen, wenn Versorgungswege zusammenbrechen und aufgrund von weltweiten Epidemien, Kriegen oder Naturkatastrophen die Versorgungswege unterbrochen werden. Cassie sagt den globalen Kollaps voraus, und tatsächlich bricht eine gefährliche Grippeepidemie aus, die an die Grippe von 1918 erinnert, die weltweit 500.000 oder sogar eine Million Opfer forderte. Das Programm Cassie kann zwar die Entwicklung der Aktienkurse in der nahen Zukunft vorausberechnen und von daher den Tradern der Bank bei ihren Kaufentscheidungen helfen, ist aber nicht in der Lage den menschlichen Faktor zu kalkulieren. Wie wird sich die Menschheit angesichts des drohenden Weltuntergangs verhalten? Werden die Menschen zum Äußersten entschlossen aufeinander losgehen, um das eigene Überleben zu sichern, oder werden sie zu mitmenschlichem Verhalten und Solidarität in der Lage sein? Große Philosophen wie Hobbes, auf den immer wieder Bezug genommen wird, haben diese Frage sehr pessimistisch beantwortet. John Ironmonger hat dagegen eine herzerwärmende Geschichte voller Hoffnung geschrieben – wie ein modernes Märchen und im letzten Teil in gewissem Umfang absehbar. Erzählt wird aus der Perspektive von Joe Haak, aber es wird auch weit in die Zukunft vorgegriffen, wenn sich die Generation der Enkel die Geschichte von Joe Haak und dem gestrandeten Wal erzählt. Ein schöner Roman, den ich gern gelesen habe.