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Veröffentlicht am 12.09.2017

Leben im Prekariat

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam
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Sophie, eine junge Frau in den 30ern, hat ihren Job bei einer Zeitung verloren und kämpft seitdem ums Überleben. Nach Auslaufen des Arbeitslosengelds ist sie auf die Sozialhilfe angewiesen, für die sie ...

Sophie, eine junge Frau in den 30ern, hat ihren Job bei einer Zeitung verloren und kämpft seitdem ums Überleben. Nach Auslaufen des Arbeitslosengelds ist sie auf die Sozialhilfe angewiesen, für die sie unzählige bürokratische Hürden überwinden muss. Sie lebt in einem 12 qm großen, spartanisch eingerichteten Zimmer und hat nahezu alles im Internet verkauft, was sich zu Geld machen lässt. Oft bleiben ihr nur wenige Euro für das letzte Monatsdrittel. Selbst Billignahrungsmittel aus dem Supermarkt können nicht verhindern, dass sie Hunger leidet. Ihre Familie hilft ihr nicht. Zumindest ihre sechs Brüder, die sich alle “eine Existenz aufgebaut haben“, wissen nichts von ihrem Elend. Sie hat in Hector ihren einzigen Freund, der ähnlich knapp bei Kasse ist, aber als eingefleischter Schürzenjäger hat er zumindest noch etwas mehr Ablenkung als Sophie. Sophie möchte finanziell unabhängig werden, indem sie einem Roman schreibt. Dabei erlebt sie kuriose Schwierigkeiten. Ihre Figuren melden Ansprüche an. Sie wollen auf bestimmte vorteilhafte Weise dargestellt werden – als Charaktere und sogar drucktechnisch. Auch ihr persönlicher Dämon Lorchus mischt sich immer wieder ein, Gegenstände wie der Toaster sprechen mit ihr.
Divrys Roman ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich, innovativ, extravagant. Es gibt lange katalogartige Listen von Aufzählungen und ausgefallene Metaphern und immer wieder typografische Besonderheiten. Die Autorin geht sehr kreativ mit der Sprache um. Da gibt es Neologismen wie speziöses Spezimen, Sozialhilfeempfangsberechtigungsbescheinigung, postschmausastisches Syndrom usw. Die Mutter horchhakt nach, widernörgelt, kraquäkt, seufzetert, pflichtpampt, unkzürnt usw. Der deutsche Leser ahnt, was für eine gewaltige Herausforderung dieses Buch für die Übersetzerin war, denn die sprachlichen Spielereien gibt es auch im Original. Das Buch ist interessant und durchweg auch deshalb lesbar, weil es viel Humor - zum Teil der derbsten Art - enthält, obwohl es die Situation einer hungernden Langzeitarbeitslosen realistisch und kritisch und ohne jede Larmoyanz darstellt. Deutliche Sozialkritik findet sich auch an anderer Stelle, zum Beispiel in ihren Ausführungen zum Verschleierungsverbot oder zu unzumutbaren Verhältnissen am Arbeitsplatz inklusive sexueller Belästigung. Für mich ist Sophie Divrys Roman ein gut lesbares Experiment, bei dem man sich nicht langweilt.

Veröffentlicht am 06.09.2017

Der Schein trügt, meistens jedenfalls

Der Preis, den man zahlt
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Arturo Pérez-Revertes Roman “Der Preis, den man zahlt“ (“Falcó“) spielt im Herbst 1936 nach Beginn des Spanischen Bürgerkriegs. Die Roten –unter ihnen Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und Separatisten ...

Arturo Pérez-Revertes Roman “Der Preis, den man zahlt“ (“Falcó“) spielt im Herbst 1936 nach Beginn des Spanischen Bürgerkriegs. Die Roten –unter ihnen Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und Separatisten – versuchen, die Republik vor den Nationalen zu retten, deren Führer Franco mit Unterstützung Hitlers und Mussolinis die Alleinherrschaft anstrebt. Beide wollen die Stärkung faschistischer Regime. In Spanien gibt es eine unübersehbare Vielzahl von Gruppierungen, jede mit ihrer eigenen Miliz und einem eigenen Geheimdienst.
Falcó, der Protagonist dieses Romans, hat ein bewegtes Leben hinter sich, wurde u.a. unehrenhaft aus der Marineakademie entlassen und hat überall in der Welt Waffengeschäfte getätigt. Bei einem Deal in Istanbul flog er auf, und nur der Admiral, sein derzeitiger Vorgesetzter, konnte seine Haut retten. Für ihn arbeitet er seitdem als Spion, als Mitglied des für die Falangisten arbeitenden Geheimdienstes SNIO, spezialisiert auf Infiltration, Sabotage und Mord. Aktuell soll Falcó José Antonio Primo de Rivera, den Gründer der Falange, aus der Festung von Alicante befreien, sein bisher gefährlichster Job, denn dazu muss er in den Süden, der noch von den Roten beherrscht wird. Vor Ort operiert ein kleines Team, bestehend aus den Geschwistern Montero und der geheimnisvollen Eva Rengel, zu der er sich sofort hingezogen fühlt.
Falcó ist ein attraktiver Mann, dem sich wenige Frauen entziehen können. Er ist ein Einzelkämpfe, weder Anhänger der Republikaner noch der Faschisten und vertraut niemandem. Für ihn ist die Welt ein großartiges Abenteuer, das er sich nicht entgehen lassen will, sein Leben ein kurzer Moment zwischen zwei Nächten. Er weiß, dass er eines Tages den Preis zahlen muss für alles, was er getan hat. (S. 22). Für den äußersten Notfall trägt er immer eine Zyankalikapsel bei sich. Er ist kein Protagonist, mit dem man sich ohne weiteres identifiziert, zumal er mehrfach in Aktion gezeigt wird. Er foltert und tötet ohne zu zögern und ohne Skrupel.
Pérez-Revertes Roman liefert ein realistisches Bild der Bürgerkriegszeit, zeigt das Chaos und die Grausamkeit dieses Krieges. Er basiert auf realen Ereignissen, ist aber insgesamt fiktiv. Dem Autor ist ein spannender Spionageroman gelungen, der Vorbilder in der Literatur und im Film hat und den ich gern empfehle.

Veröffentlicht am 26.08.2017

Keine gute Fee, sondern eine wahnsinnige Mörderin

Dann schlaf auch du
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Leila Slimanis zweiter Roman – „Dann schlaf auch du“ („Chanson douce“) – ist mitnichten ein sanftes Wiegenlied. Gleich auf der ersten Seite erfährt der Leser, dass das Kindermädchen die ihm anvertrauten ...

Leila Slimanis zweiter Roman – „Dann schlaf auch du“ („Chanson douce“) – ist mitnichten ein sanftes Wiegenlied. Gleich auf der ersten Seite erfährt der Leser, dass das Kindermädchen die ihm anvertrauten Kinder getötet hat. Im Roman geht es darum, wie es dazu kommen konnte.
Paul und Myriam, ein typisches Ehepaar der Mittelschicht, haben zwei kleine Kinder, Mila und Adam. Paul arbeitet als Produzent in der Musikbranche, Myriam hat ein glänzendes Jurastudium absolviert, konnte ihren Beruf aber wegen der Kinder bisher nicht ausüben. Als ein ehemaliger Studienkollege ihr einen Job anbietet, beschließt sie, ihr häusliches Gefängnis zu verlassen, weil dieses Leben sie nicht glücklich macht. Zusammen mit ihrem Mann sucht sie ein Kindermädchen. Sie finden die 50jährige Louise, eine Frau mit Erfahrung und besten Referenzen. Schon bald wird Louise auch von dieser Familie hoch geschätzt und macht sich sowohl unsichtbar als auch unentbehrlich. Ihr Einsatz für Kinder und Haushalt übersteigt das normale Maß bei weitem. Sie nistet sich ein, will ein Teil dieser Familie sein. Aus ihrer schlimmen Vorgeschichte wird klar warum. Im Laufe der Zeit mehren sich seltsame Vorfälle, Wutanfälle, Abwesenheit. Von Louises Seite aus ist da nicht nur Liebe, sondern auch viel Neid und Hass. Als das Finanzamt das Ehepaar über Louises Altschulden informiert, macht Pauls und Myriams schroffe Reaktion dem Kindermädchen deutlich, dass sie keineswegs Teil der Familie ist, sondern lediglich eine Angestellte, die Weisungen entgegen zu nehmen hat. Es ist eine Frage des Klassensystems, das einen Umgang auf Augenhöhe unmöglich macht. Die Dinge steuern unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu.
Slimani hat einen Psychothriller geschrieben, der nichts an Spannung einbüßt, auch wenn man das Ende von vornherein kennt. Sie analysiert nüchtern, was mit Louise und der Familie passiert. Die Autorin hat sich von einem realen Ereignis inspirieren lassen und erörtert neben Louises Geschichte auch die Frage, wie gut man einen anderen Menschen kennt, ob es tatsächlich in Ordnung ist, wenn eine Mutter einer wildfremden Frau ihre Kinder anvertraut und sie für sich arbeiten lässt, damit sie selbst ihrem Beruf nachgehen und sich Konsumwünsche erfüllen kann.
Leila Slimani hat mich schon mit ihrem Debütroman „Dans le jardin de l´ogre“ sehr beeindruckt und gilt zu Recht als wichtige Stimme in der französischen Gegenwartsliteratur. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

Veröffentlicht am 26.08.2017

Das Verbrechen des Grafen Neville

Töte mich
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In Amélie Nothombs “Töte mich“ (“Le crime du comte Neville“) geht es um den Grafen Henri Neville und seine Familie, bestehend aus seiner Frau Alexandra und den Kindern Oreste, Electre und Sérieuse. Eines ...

In Amélie Nothombs “Töte mich“ (“Le crime du comte Neville“) geht es um den Grafen Henri Neville und seine Familie, bestehend aus seiner Frau Alexandra und den Kindern Oreste, Electre und Sérieuse. Eines Tages verbringt die 17jährige Sérieuse die Nacht im Wald, wo sie von der Wahrsagerin Rosalba Portenduère gefunden wird. Als Graf Henri seine Tochter abholt, muss er sich nicht nur die Vorhaltungen von Madame Portenduèrre anhören, sondern erfährt auch, dass er bei dem in Kürze stattfindenden großen Fest einen Gast ermorden wird. Die Garden Party wird das letzte gesellschaftliche Ereignis sein, bevor der hoch verschuldete Graf sein Schloss Le Pluvier in den belgischen Ardennen verkaufen und in eine einfache Behausung auf dem Grundstück ziehen wird. Serieuse drängt ihren Vater, sie zu töten, weil sie nichts mehr fühlt und des Lebens überdrüssig ist. Graf Henri ringt mit sich, ob er seine Tochter oder einen missliebigen Gast töten soll. Letzteres scheidet aus, weil ein vorsätzlicher Mord an einem Gast ihn ins Gefängnis bringen und das Ansehen seiner Familie für immer zerstören würde. Am Ende kommt alles natürlich anders gedacht.
Amélie Nothomb siedelt ihren Roman in einem dekadenten Milieu an, wo nichts wichtiger ist, als den Schein zu wahren. Das ganze Jahr über wird eisern gespart, um einmal im Jahr alles, was Rang und Namen hat, zu einem glanzvollen Fest einzuladen. So hat es schon Henris Vater Aucassin gehalten, der seine Familie hungern und frieren ließ, so dass Henris geliebte ältere Schwester an Unterernährung starb. Manches ist dem Leser aus früheren Romanen vertraut, zum Beispiel die ausgefallenen Namen, bizarre Charaktere und groteske Elemente im Handlungsverlauf. Es gibt nichts wirklich Neues. Dieser Roman ist sicher nicht ihr bester. Mir haben ihre frühen Romane wesentlich besser gefallen, z.B. “Stupeur et tremblements“.
Einmal mehr ist mir im Übrigen klar geworden, wie viel bei der Übersetzung verloren geht. Als der Vater den Vorschlag der Tochter, sie als Opfer zu wählen, nicht ernst nimmt, sagt sie vermutlich “Je suis sérieuse“ - “Ich meine es ernst.“ (S. 64). Der Doppelsinn “Ich bin Sérieuse“ geht verloren. Die Antwort des Vaters “Und machst auch noch billige Witze“ muss dem deutschen Leser ziemlich rätselhaft vorkommen.
Ich empfehle “Töte mich“ nur bedingt. Wirklich überzeugt hat mich der Roman nicht.

Veröffentlicht am 15.08.2017

Nachkommen

Heimkehren
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Yaa Gyasis Debütroman “Heimkehren“ erzählt die Geschichte der Halbschwestern Effia und Esi und ihrer Nachkommen über sieben Generationen, von der Mitte des 18. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Die ...

Yaa Gyasis Debütroman “Heimkehren“ erzählt die Geschichte der Halbschwestern Effia und Esi und ihrer Nachkommen über sieben Generationen, von der Mitte des 18. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Schwestern begegnen einander nie und dennoch sind sie für kurze Zeit einander räumlich sehr nahe, als Effia den reichen britischen Geschäftsmann und Gouverneur James Collins heiratet und in der Festung Cape Coast Castle lebt und ihre Halbschwester dort im unterirdischen Verlies auf ihre Verschiffung nach Amerika wartet.
Die erst 26jährige aus Ghana stammende Autorin erzählt einmal mehr die Geschichte des Sklavenhandels und seiner Folgen für Sklavenhändler und Versklavte. Neu war für mich, in welchem Maße die Afrikaner selbst an diesem lukrativen Geschäft beteiligt waren. Kriegerische Stämme – hier die Asante und die Fante – hatten einander schon immer erbittert bekämpft. Nun wurden die Gefangenen, aber auch andere missliebige Personen an den Meistbietenden verkauft, in der Regel an die Engländer. Dabei gingen die Schwarzen nicht weniger unmenschlich und grausam mit ihren Landsleuten um als die weißen Händler und Soldaten.
Gyasis wählt eine komplizierte Erzählstruktur für ihren Roman. Kapitelweise wechselnd und immer zur jeweils folgenden Generation springend erzählt sie die Geschichte der Halbschwestern und ihrer Nachkommen, wobei sie immer einen direkten Nachfahren und seine Perspektive in den Mittelpunkt stellt. Das ergibt immer neue Schauplätze und eine Vielzahl von Personen. Ohne den Familienstammbaum am Ende des Buches würde der Leser schnell den Überblick verlieren. Der Verzicht auf eine zentrale Figur und Erzählkontinuität ist auf jeden Fall etwas gewöhnungsbedürftig. Dennoch ist der Autorin ein berührender Roman gelungen, der das unendliche, von der Sklaverei verursachte Leid für den Leser spürbar macht und ihm vor Augen führt, dass die Schwarzen noch heute unter den Folgen leiden. Mich hat der gut recherchierte und hoch interessante Roman überzeugt.