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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.09.2019

Britischer Humor erster Klasse!

Puppenmord
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Tom Sharpe versteht es wie kein anderer Charaktere zu erschaffen, die so archetypisch sind, dass man schon bevor sie etwas sagen weiß: "Ärger ist vorprogrammiert" und für den Leser Lachen umso mehr.

In ...

Tom Sharpe versteht es wie kein anderer Charaktere zu erschaffen, die so archetypisch sind, dass man schon bevor sie etwas sagen weiß: "Ärger ist vorprogrammiert" und für den Leser Lachen umso mehr.

In Wilt, auf dem deutschen Markt als "Puppenmord - Bis das Ihr Tod ihn Scheidet" erschienen, geht es um den intellektuell verqueren und sexuell impotenten Berufsschullehrer Henry Wilt, dessen exentrische und korpulente Ehefrau und eine ganze Reihe anderer Charaktere. Nach dem Henry von seiner leicht zu beeindruckenden Frau zu einer Party bei den Pringsheims mitgeschleppt wurde und dort aufs niedrigste sexuell belästigt und genötigt wurde, plant er in betrunkenem Zustand den Mord an seiner Frau. Mit eben jener Sexpuppe, die ihm bei den Pringsheims den Ärger seines Lebens eingebrockt hat, übt er den Mord an seiner Frau. Als die Puppe jedoch in dem Bauloch in das sie Henry schmeißt am nächsten Tag zugeschüttet wird, entsteht der Glauben jemand hätte eine echte Frau heimtückisch hinunter gestoßen.
Währen Henry Wilt in immer neuen Ausreden Inspektor Flint klarzumachen versucht, dass es sich um eine Sexpuppe in dem nun bis zum Rand mit Beton gefüllten Loch handelt, befindet sich Eva längst auf einer Bootstour mit der sich anbandelnden Sally Pringsheim und ihrem ebenso komischen Ehemann.

Als Leser ist man erstaunt von dem Durchhaltevermögen, welches der Autor Henry auf den Leib schneidert, nein, man ist gar vollkommen sprachlos von den intellektuellen Ausreden welche Henry von sich gibt um bloß nicht das eigentliche Geheimnis lüften zu müssen. Man fiebert von Henry's Verhaftung bis zur Auflösung am Ende mit und ergötzt sich an jeder weiteren Obszönität. So viel Mitleid man auch mit Henry haben möchte und auch mit Inspektor Flint, so gewaltig ist doch der Humor welchen die schiere Naivität der englischen Polizei hier angedichtet wird.

Um dieses sehr persönliche Review in Henry's Stil zu beenden: Wenn man jahrelang Fleisch I unterrichtet hat, dann ist der Gedanke die Leiche seiner Frau zu Pastete zu verarbeiten noch eine der besten Ausreden um die eigene, schamhafte Erklärung für Mrs. Wilt's verschwinden und die Puppe in der Grube zu verschweigen.

Veröffentlicht am 09.09.2019

A wie atemberaubend

Vergesst unsere Namen nicht
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Vergangenheit ist wahre Realität, Geschichte hingegen ist die narrative Re-Konstruktion dieser.

In Strangers Roman geht es um das Thema Erinnerung, genauer gesagt um das Erinnern an den Holocaust in Norwegen ...

Vergangenheit ist wahre Realität, Geschichte hingegen ist die narrative Re-Konstruktion dieser.

In Strangers Roman geht es um das Thema Erinnerung, genauer gesagt um das Erinnern an den Holocaust in Norwegen in drei miteinander verwobenen Erzählungen: die Erzählung seiner Täter, am Beispiel des Verfalls von Henry Oliver Rinnan zum Gestapo Informanten, die seiner Opfer, am Beispiel vom Juden Hirsch Kommissar und die seiner Nachkommen, welche die einstigen Schrecken durch Zeitzeugnisse teils noch zu spüren glauben.

Der Erzähler im Roman ist ein indirekter Verwandter Hirsch Kommissars, welcher uns in umso direkterer Anrede die Ereignisse des Romans näher bringt. Nebst dem Erzählstil sind auch die Anfänge der Kapitel sonderbar: so erhält jedes Kapitel statt einer Nummer einen Buschstaben, welcher zugleich als thematisches Oberthema des jeweiligen Abschnitts fungiert.

Im Zuge der detaillierten Beschreibung Rinnans und seiner Taten, welche wohl angemerkt historisch authentisch dargestellt sind, fragt man sich, wieso die Familie Kommissar die offizielle Hauptrolle im Roman spielen spielt und nicht er. Wie oben bereits erwähnt, versucht der Roman durch teils verwobene, sich an anderer Stelle wieder distanzierende Narrative an Täter, Opfer und Nachkommen gleichermaßen heranzutasten. Um Distanz zwischen Lesern und Vergangenheit zu verkürzen und die herausfordernde Rolle der Erinnerungskultur zu betonen ist dies sicher auch der beste Weg, jedoch habe ich mich persönlich mehr an den Abschnitten erfreut, welche fast tiefenpsychologisch das Leben Rinnans auseinandernehmen.
Aus diesem Grund gebe ich dem Roman, die verdienten, vier Sterne, denn durch Rinnans Aufriss, beginnt man mehr über den Wechsel von Opfer zu Täter im grundlegenden Gewalt-Diskurs nachzudenken. Für die teils verwirrenden Geschichten im fiktionalen Präsens behalte ich mir vor einen Stern abzuziehen. Seinem Genre macht dieser Roman trotzdem alle Ehre.

Veröffentlicht am 27.07.2019

Eine (kriminelle) Leidenschaft zu seltenen Büchern

Die Bibliothekare / Die unsichtbare Bibliothek
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Klappentext laut Bastei Lübbe:

ALLES BEGINNT MIT EINEM BUCH ... Die unsichtbare Bibliothek – ein Ort jenseits von Raum und Zeit und ein Tor zu den unterschiedlichsten Welten. Hier werden einzigartige ...

Klappentext laut Bastei Lübbe:

ALLES BEGINNT MIT EINEM BUCH ... Die unsichtbare Bibliothek – ein Ort jenseits von Raum und Zeit und ein Tor zu den unterschiedlichsten Welten. Hier werden einzigartige Bücher gesammelt und erforscht, nachdem Bibliothekare im Außendienst sie beschafft haben. Irene Winters ist eine von ihnen. Ihr aktueller Auftrag führt sie in ein viktorianisches London, wo eine seltene Version der Grimm’schen Märchen aufgetaucht ist. Doch was als einfacher Einsatz beginnt, wird nur allzu schnell ein tödliches...

Eigenes Fazit:

Der Mensch ist Jäger und (Buch-) Sammler, so wird es ihm zumindest im Geschichtsunterricht beigebracht. Was ihm jedoch niemand erzählt und das schon gar nicht von den Lehrern, ist dass er mit der Kraft seiner Gedanke unglaubliche Welten erschaffen kann.
Genevieve Cogman ist Schöpferin einer dieser und im Fall der Unsichtbaren Bibliothek sogar mehrer angrenzender Parallelwelten. Die Jagd nach allen möglichen seltenen Büchern verführt den Leser selbst (zumindest in meinem Falle) in ein oder andere Bibliothek.

Dabei ist die Hauptprotagonistin, die Bibliothekarin Irene Winter, zunächst so unnahbar, wie der klassische Stereotyp welcher ihr zu Grunde liegt.
Mein Partner, selber Bibliothekar in Ausbildung, ist bestes Beispiel für die zunächst verschwiegene, jedoch hinter der Fassade meist herzliche Natur dieser Berufsgruppe.

Während der Privatdetektiv Vale laut anderen Rezensionen an Sherlock Holmes erinnert, bin ich jedoch der Meinung, dass dies einzig nur am viktorianischen Charme liegt!

Wer einen Roman sucht, welcher die Liebe zu Büchern auf eine neue (kriminelle) Ebene bringt, der ist hier genau richtig.