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Veröffentlicht am 07.08.2024

In Lauerstellung in der Kleinfamilie

Kleine Monster
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Von wegen Familienidyll - in "Kleine Monster" von Jessica Lind belauert eine Mutter ihren siebenjährigen Sohn nach einem Vorfall in der Schule. Äußerlich steht sie zu ihrem Kind, tatsächlich aber traut ...

Von wegen Familienidyll - in "Kleine Monster" von Jessica Lind belauert eine Mutter ihren siebenjährigen Sohn nach einem Vorfall in der Schule. Äußerlich steht sie zu ihrem Kind, tatsächlich aber traut sie ihm offenbar alles Mögliche zu. Dabei bleibt stets offen, was Luca eigentlich vorgeworfen wird. Angedeutet wird ein sexueller Zusammenhang - oder alles nur ein Missverständnis? Das Bild Pias als zugewandter, achtsamer Mutter bekommt jedenfalls bald Risse, ihre Reaktionen, ihr Umgang mit dem Kind haben etwas durchaus Manipulatives.

Immer mehr rückt die Gegenwart allerdings in den Hintergrund, denn in Pias Ursprungsfamilie gibt es ein unbewältigtes Trauma, das sowohl die Beziehung zu ihren Eltern als auch zu der Adoptivschwester Romi, zu der kein Kontakt mehr besteht, beeinflusst hat. Wer ist da das Monster? Romi, die Fliegen die Beine ausgerissen hat? Oder auch Pia, die den Weg des geringsten Widerstands gegangen ist? Ist die scheinbar harmonische Kleinfamilie von Pia, Luca und Ehemann Jacob letztlich Illusion? Hat Pia Ressentiments gegen Jacob, weil der zu seiner jüngeren Schwester ein entspanntes Verhältnis hat?

Über weite Strecken überlässt "Kleine Monster" viel der Phantasie der Leser*innen, die die Leerstellen zwischen den Andeutungen und Informationshäppchen füllen müssen. Der Roman ist ein Psychogramm von Familienunglück und unglücklicher Familie, von Schweigen, Loyalität und schönem Schein. Stellenweise hat das Buch Längen, auch wenn es mit 256 Seiten überschaubar ist. Die Selbsterkenntnis kommt erst spät. Die psychologische Spannung ist gut aufgebaut, während das Misstrauen, auch dem eigenen Kind gegenüber ständig wächst. Kein Buch für heile Welt-Anhänger!

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Veröffentlicht am 05.08.2024

Es war einmal in Hollywood

Eve
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Das besondere Biotop von Menschen im Hotel hat Amor Towles bereits in seinem Roman "Ein Gentleman in Moskau" beschrieben. Mit seinem neuen Roman "Eve" ist diesmal ein Hotel in Beverley Hills in den goldenen ...

Das besondere Biotop von Menschen im Hotel hat Amor Towles bereits in seinem Roman "Ein Gentleman in Moskau" beschrieben. Mit seinem neuen Roman "Eve" ist diesmal ein Hotel in Beverley Hills in den goldenen Jahren Hollywoods einer der Schauplätze. Hierhin verschlägt es auch die geheimnisvolle Eve, die sich auf einer Zugfahrt von New York nach Chicago spontan entschließt, nach Los Angeles weiter zu fahren. Los Angeles, vor allem aber Hollywood ist die Stadt der Träume für viele, die hier auf eine Rolle im Film treffen. Blond und schön, wäre auch Eve durchaus eine Kandidatin - wenn da nicht eine Narbe wäre, die ihr Gesicht verunstaltet und über die uns der Autor bis zum Schluss grübeln lässt.

Doch während Hollywood all die Möchtegern-Starlets anlockt wie das Licht einen Mottenschwarm, ist Eve irgendwie selber eine Lichtquelle, die andere in ihren Bann zieht, dabei aber im Gegensatz zu den Sternchen niemals Objekt ist, sondern Herrin ihres Handelns. Wer und was sie ist, weiß sie geschickt zu verbergen und regt daher um so mehr die Phantasie der Menschen an, denen sie begegnet und deren Handeln sie prägt.

Das fängt schon auf der Zugfahrt an - Der einsame, frisch verwitwete Ex-Polizist Charlie fasst angesichts Eves spontaner Reiseänderung den Entschluss: Er wird nicht sein Haus in Kalifornien verkaufen, um an die Ostküste zu Sohn und Schwiegertochter zu ziehen, wo er mehr geduldet als erwünscht sein wird. Prentice, ein alternder und nicht mehr angesagter, da verfetteter Schauspieler, der sein Hotel in Beverley Hills seit Jahren nicht verlassen hat, fasst durch die Begegnung mit Eve den Entschluss, sich nicht länger der Passivität hinzugeben. Und Hollywood Darling Olivia de Havilland, bisher nur das brave Mädchen, lernt von ihrer Freundin Eve Spontaneität und für sich selbstz einzustehen.

Umtriebe und Intrigen Hollywoods, das Machtgefälle und die Allmacht der Studios über Schauspieler, ganz besonders aber über Schauspielerinnen, bekommen hier locker ihr Fett weg. Towles wirft einen ironischen Blick auf die Welt hinter dem Glamour, in der nicht immer sauber gespielt wird. Als deHavilland erpresst wird, ist es Eve, die einen kühlen Kopf bewahrt und mit Hilfe ihrer neuen Freunde einen Plan erstellt, der die Karriere ihrer Freundin, ihren guten Ruf und ihre Rolle in "Vom Winde verweht" retten soll.

Nicht nur das Setting, auch die Dialoge erinnern an die große Filmära der 30-er und 40-er Jahre mit ihren Screwball Comedies mit Witz und Intelligenz, daneben gibt es Bezüge auf Hollywood Noir. Nicht nur für Kino-Fans ist diese Gesellschaftssatire mit Flair und elegantem Witz, die geradezu nach Verfilmung schreit, empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 02.08.2024

Dorf mit Geheimnissen

Den Tod belauscht man nicht
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Für Leser*innen meiner Generation ist der Schwedenkrimi "Den Tod belauscht man nicht" von Ninni Schulman eine Rückkehr in die Jugend - er spielt in den 80-er Jahren, einer Zeit von Walkman und MixTapes ...

Für Leser*innen meiner Generation ist der Schwedenkrimi "Den Tod belauscht man nicht" von Ninni Schulman eine Rückkehr in die Jugend - er spielt in den 80-er Jahren, einer Zeit von Walkman und MixTapes - Streaming und Spotify gab es ja nicht. Mit Ingrid Wolt ist die Protagonistin eine interessante Figur: Eine Ex-Polizistin, frisch aus der Haft entlassen wegen versuchtem Totschlag.

Fernab ihrer alten Heimat Stockholm versucht sie in einem Dorf nahe der Kleinstadt Vamhus einen Neuanfang. Zum einen hofft sie auf einen Ort, an dem niemand ihre Vergangenheit kennt, zum anderen hat sie Angst, dass ihr gewalttätiger Ex-Mann Kjell, den sie damals niedergeschossen hat, sie ausfindig macht, um sich zu rächen. Vor allem aber hofft sie, wieder das Sorgerecht für ihre kleine Tochter Anna zu bekommen, die in den vergangenen Jahren in einer Pflegefamilie lebte - einer Pflegefamilie, der wenig daran gelegen scheint, dass Ingrid schnell wieder Kontakt zu dem Mädchen bekommt. Und auch die Kleine ist ausgesprochen scheu im Umgang mit Ingrid.

Auch die Jobsuche ist deutlich schwerer als erwartet. Schließlich beschließt Ingrid, sich auf das zu besinnen, was sie kann, und bietet in einer Zeitungsannonce ihre Dienste als Privatermittlerin an. Ihr erster - und bislang einziger Fall ist die Suche nach einem vermissten Zwölfjährigen, der vor einem Jahr verschwand. Der zuständige Ermittler geht davon aus, dass der Junge beim Baden in einem Fluss, wo man auch sein Fahrrad und seine Kleider fand, ertrank.

Doch eine Leiche wurde nie gefunden. Solveig, die verzweifelte Mutter, will endlich Klarheit. Das Gespräch Ingrids mit dem damaligen Ermittlungsleiter verläuft wenig konstruktiv, doch überrascht muss sie feststellen, dass ihr alter Streifendienst-Kollege Benny jetzt bei bei Polizei in Vamhus arbeitet. Er unterstützt sie, natürlich inoffiziell, während Ingrid mehr und mehr zu der Überzeugung kommt, dass ein Badeunfall auszuschließen ist. Je weiter sie nachforscht, desto mehr dunkle Geheimnisse in dem Dorf macht sie aus.

Eine zweite Erzählebene schildert die Geschehnisse ein Jahr zuvor in dem Sommer, als Matthias verschwand. Der Junge ist noch sehr kindlich, während bei seinem bisher besten Freund Kaj die Pubertät schon deutlich einsetzt. Plötzlich gibt es nicht mehr die gleichen Interessen, nur gelegentlich spionieren die beiden noch den Geheimnissen der Kleinstadtbewohner nach oder verbringen Zeit in der gemeinsam gebauten Waldhütte.

Dabei schürt die Autorin immer wieder Verdachtsmomente gegen Personen, mit denen auch Ingrid ein Jahr später zu tun hat, ohne aber zu viel zu verraten. Ein Cliffhanger-Ende macht schon jetzt neugierig auf den zweiten Band über Ingrid Wolt, der im kommenden Sommer erscheinen soll. Dabei hat die Autorin bereits genügend Themen angelegt, die auch dann eine Rolle spielen könnten. In diesem Buch hat die Schwedenidylle in der Region Dalarna Risse. Dass der Roman in den 80-er Jahren angelegt hat, macht Sinn - keine Handies, mit denen Kinder getrackt werden können, und eine Kindheit, die nicht überwiegend in sozialen Medien und auf smartphones oder tablets stattfindet. Dass Ingrid sowohl toughe Ermittlerin ist als auch als Mutter jede Menge Gefühle zeigt macht sie zu einer vielschichtigen und interessanten Ermittlerin.

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Veröffentlicht am 30.07.2024

Fluchtinstinkt und Weltschmerz

Sobald wir angekommen sind
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Als Stadtneurotiker ist Ben Oppenheim, der Protagonist in Micha Lewinskys Roman "Sobald wir angekommen sind" ein naher Verwandter der Figuren aus Woody Allan-Filmen - voller Unsicherheiten, Selbstmitleid, ...

Als Stadtneurotiker ist Ben Oppenheim, der Protagonist in Micha Lewinskys Roman "Sobald wir angekommen sind" ein naher Verwandter der Figuren aus Woody Allan-Filmen - voller Unsicherheiten, Selbstmitleid, erotischen Verwirrungen und innerer Nabelschau. Allerdings nicht im hektischen New York, sondern im vergleichsweise beschaulichem Zürich. Doch was heißt schon beschaulich? Von Noch-Ehefrau Marina lebt Drehbuchuchautor Ben getrennt, bei seiner neuen Freundin Julia ist der kleine Sohn offen feindselig eingestellt, und in Europa herrscht Krieg.

Zwar sind weder Ben noch Marina religiös, Sohn Moritz ist noch nicht mal beschnitten und eine Synagoge haben die Kinder auch noch nicht von innen gesehen - aber das Thema Jüdischkeit und Identitä, Zugehörigkeit und die stets unterschwellige Angst, Opfer von Gewalt zu werden, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, allerdings auf durchaus selbstironische Weise.

Denn all die Streitereien um die finanzielle Regelung der bevorstehenden Scheidung sind plötzlich vergessen, als Marina in den frühen Morgenstunden samt Kindern im Taxi vor Bens Atelier auftaucht, mit Flugtickets nach Recife. Mit einer neuen russisch-ukrainischen Eskalation könnte ein Atomschlag folgen, also nichts wie weg!

Damit sieht sich Ben plötzlich in einer Tradition: "Wenn in Regensburg die Schwaben an die Tür klopften, in Odessa die Kosaken oder in Warschau die Nazis, dann stellte sich immer dieselbe Frage: Fliehen oder Kämpfen? Einige Juden mochten sich in der Vergangenheit entschieden haben, zu bleiben und sich zur Wehr zu setzen. In der genetischen Auslese hatten diejenigen, die rasch flohen, meist die besseren Karten gehabt. Und so war Ben eben nicht einfach nur ein singulärer Feigling, der die Beine unter den Arm nahm, sobald er Gefahr witterte. Er war Kind, Enkel und Urenkel von erfolgreich Geflüchteten."

Brasilien als Fluchtort, das ist zwar einerseits der erste verfügbare Flug gewesen. Für Ben, der sich seit Jahren mit dem Autor Stefan Zweig beschäftigt, aber auch eine Möglichkeit, sich dem literarischen Vorbild anzunähern. Nur dass das selbstgewählte Exil ein instagramtauglicher Touristenort ist, gefällt Ben weniger. Seine emotionale Verwirrung hält auch in Brasilien an - soll er einen neuen Versuch mit Marina wagen? Was hält er von Julias Idee, ebenfalls nach Brasilien zu kommen? Und wie kann er das Leben in der vielleicht neuen Heimat überhaupt finanzieren?

Zwischen Selbstmitleid, Weltschmerz und Liebessehnsucht befindet sich Ben auf einer emotionalen Achterbahnfahrt. Dass Autor Lewinsky Drehbuchautor ist, merkt man dem bildhaft geschriebenen Roman durchaus an. Zwischen Hoffen und Scheitern ist dieser tragikomische Roman bei allem ernsten Hintergrund ausgesprochen unterhaltsam.

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Veröffentlicht am 29.07.2024

Spuren der Wildnis

Karte der Wildnis
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Es gibt Bücher, die sind ebenso lehrreich wie unterhaltsam. Robert MacFarlane´s "Karte der Wildnis" gehört für mich auf jeden Fall dazu. Angetrieben von der Sehnsucht nach den letzten verbliebenen Gebieten ...

Es gibt Bücher, die sind ebenso lehrreich wie unterhaltsam. Robert MacFarlane´s "Karte der Wildnis" gehört für mich auf jeden Fall dazu. Angetrieben von der Sehnsucht nach den letzten verbliebenen Gebieten von Wildnis in einem von Industrialisierung und intensiver Landwirtschaft geprägten Großbritannien, macht er sich auf die Suche - in Mooren und Tälen, auf Bergen und and der Küste, von Wales über Schottland nach Irland.

Mac Farlane legt keinen Wert auf Bequemlichkeit, biwakiert auch bei Frosttemperaturen, Schneefall und Regensturm im Freien. Der Lohn dafür sind immer wieder Sternennächte ohne Lichtverschmutzung, Tierbeobachtungen, Stille und Momente voller Freude, aber auch Ängste und Respekt vor der Macht der Natur.

In seiner Karte der Wildnis, die im Gegensatz zum Autoatlas eher an die gesungenen Traumkarten indigener Völker erinnert, stellt sich MacFarlane ganz bewusst in die Tradition derjenigen, die an den beschriebenen Orten, aber auch überall auf der Welt im Laufe der Jahrhundert die Begegnung mit ursprünglicher Natur gesucht haben. So ist das Buch auch ein Nachdenken über Geschichte und Kultur, über die Mönche und Einsiedler, die bewusst solche Orte der Stille gesucht haben. Andere Landschaften sind von Entvölkerung durch Gewalt und Elend geprägt, etwa im schottischen Hochland oder im irischen Burren, in dem verlassene und verfallene Dörfer die verbliebenen Spuren der großen Hungersnot im 19. Jahrhundert sind.

MacFarlane beschreibt Begegnungen mit Förstern und Naturfreunden, zitiert Philosophen, Gelehrte, Naturforscher. Seine Begeisterung für die Natur ist ansteckend. Seine Erkenntnis, dass man manchmal gar nicht so weit und in so herausfordernde und unwirtliche Landschaften gehen muss, um zu beobachten, wie wilde Natur sich kleine Reservoire zurückerobert, ist eine Einladung, neugierig zu sein, genau hinzuschauen und zu staunen.