Authentisch, akribisch, spannend, düster, wertvoll
Nacht der RuinenIch kannte Cay Rademacher bisher als Autor von gut zu lesenden, leichter verdaulichen Regionalkrimis und mochte ihn sehr. Letzteres hat sich auch nicht verändert, wenngleich dieses Buch für mich zunächst ...
Ich kannte Cay Rademacher bisher als Autor von gut zu lesenden, leichter verdaulichen Regionalkrimis und mochte ihn sehr. Letzteres hat sich auch nicht verändert, wenngleich dieses Buch für mich zunächst nicht leicht zugänglich war.
Nach einem superspannenden Anfang - der Beschreibung eines Schauder, Übelkeit und Gänsehaut erzeugenden Flugzeugabschusses - bewegen wir uns mit dem jüdischen Deutschamerikaner Joe Salmon durch das zerstörte Köln in den letzten Kriegstagen. Er soll ein Verbrechen aufklären und versucht gleichzeitig, Spuren seiner deutschen Freunde aus vergangenen Tagen zu finden.
Cay Rademacher beschreibt all dies sehr detailgetreu und hat offensichtlich akribisch recherchiert, aber genau diese Genauigkeit nimmt dem Buch streckenweise die Spannung, zumindest in der ersten Hälfte und zumindest was mich betrifft, die ich mich nicht gerne seitenweise mit technischen Details der Kriegsgeräte und der Beschreibung des Ruinenszenarios in Köln fesseln lasse. Das allerdings ist sicherlich subjektiv.
Und - im letzten Drittel nimmt die Geschichte noch einmal sehr viel Tempo auf, so dass ich die letzten 100 Seiten geradezu verschlungen habe
Ich finde es wichtig und großartig, dass diese doch sehr selten literarisch beleuchteten Tage des Übergangs vom Krieg zu Besatzung zu Waffenstillstand zu Frieden hier ausführlich betrachtet und in eine fiktive Handlung eingewoben werden, die an und für sich menschlich sehr spannend ist, aber - siehe oben.... Dennoch gehen wir mit JOe Salmon auch einige Irrwege, und die Auflösung kam dann doch RELATIV überraschend.
Auch die Menschen, denen wir im Roman begegnen und die es wirklich gab in dieser Zeit, wie George Orwell, Adenauer, Irmgard Keun, geben dem Buch eine besondere Note.
Gut ist meines Erachtens auch, dass der Autor am Schluss erklärt, was real und was fiktiv war.
Fazit: unbedingt lesenswert, wenn auch in der ersten Hälfte mit weniger Detailtreue noch mehr Spannung erreichbar gewesen wäre.