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Veröffentlicht am 28.06.2025

Erneut ein Volltreffer

Yrsa. Die Liebe der Wikingerin
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„Yrsa – Die Liebe der Wikingerin“, die Fortsetzung der Wikingersaga um die Kriegerin Yrsa aus der Feder von Alexandra Bröhm, erschienen 2025 im Ullstein Verlag, begeistert nicht weniger als der Vorgängerroman ...

„Yrsa – Die Liebe der Wikingerin“, die Fortsetzung der Wikingersaga um die Kriegerin Yrsa aus der Feder von Alexandra Bröhm, erschienen 2025 im Ullstein Verlag, begeistert nicht weniger als der Vorgängerroman und zieht erneut mit einer spannenden Story die Lesenden komplett in den Bann. Dabei funktioniert der zweite Band durchweg auch ohne Vorkenntnis des ersten Bandes, da die Autorin alle wichtigen Informationen geschickt einflicht – aber ich würde dennoch dazu raten, den ersten Band auch zu lesen, ganz einfach, weil es sich lohnt! Auch die Ausstattung des Buches steht dem Band 1 in nichts nach, erneut eine wirklich wunderschöne Covergestaltung mit goldenen Prachtmotiven und Verzierungen auf diesmal blauem Hintergrund. Bei dem knapp 600 Seiten dicken Buch wurde nicht an der Papierqualität gespart, es liegt gut in der Hand und blättert sich angenehm. Im Innencover findet sich eine Karte, die bei der geografischen Orientierung hilft.

In unseren Händen halten wir also wieder einen richtig guten Schmöker, der sich vorm Kamin ganz sicher genauso gut macht wie im Strandkorb – aber wer könnte schon bis zur Kaminzeit warten? Nachdem die junge Wikingerin Yrsa sich im ersten Band freigekämpft hat, ist sie nun bei ihrem Traum angekommen, als Kämpferin an der Seite ihres Love Interests Avidh die Meere zu bereisen und durch Überfälle ihren Lebensunterhalt zu gestalten. Ein ethisch fragwürdiger Traum, zugegeben, und vielleicht lässt Bröhm Yrsa auch deshalb schnell feststellen, dass Romantik auf dieser Reise keinen Platz hat. Was als Raubzug beginnt, wird zu einer ganz persönlichen Reise zu den eigenen Wurzeln, zum Kampf um Liebe und Verrat, zur Konfrontation mit Ängsten und Wünschen und letztlich auch zur Frage, um was es einem im Leben eigentlich geht, was ist einem das eigene Leben wert?

Bröhm trifft über weite Strecken genau die richtige Dosis an Spannung, gemeinen Verwicklungen und Intrigen, lang gehegten Geheimnissen, einem Hauch von Mystik und Magie, gut eingebetteter Historie und Plot-twists. Bröhm ist wieder ein Pageturner gelungen, sie schreibt atmosphärisch stark und erfindet lebendige Charaktere, sie webt viel gut recherchiertes Wissen um die Wikingerzeit ein, ohne dass das je aufträgt, und der Spannungsbogen trägt bis zum letzten Moment. Persönlich hätte ich auf die doch sehr groß geratene Prise Spice in der gewählten Ausführlichkeit gut verzichten können und zwischendurch gibt es schon auch einige Seiten, die nicht wirklich zur Handlung beitragen, so dass dem Roman 50 Seiten weniger noch etwas mehr Straffheit geschenkt hätten. Spannend sind dagegen die Andeutungen, dass Yrsa eventuell doch Seherkräfte von ihrer Mutter geerbt haben könnte, allerdings wird auch dieser Strang nicht wirklich verfolgt, schade, hier läge noch einiges an Potenzial, könnte sich dort Yrsas eigentliche Bestimmung verbergen? Extrem gut gelungen ist aber, wie Bröhm die dauerhafte Bedrohung von Frauen durch das männliche Geschlecht in die Geschichte einarbeitet und die vielen Formen, die diese annimmt. Wie auch die vielen Beobachtungen über die Gesellschaft der Zeit, fällt das gar nicht auf, es ist ganz selbstverständlich Teil der Geschichte.

Insgesamt wurde hier erneut ein sehr runder Roman geschaffen, den ich mit Freude und großer Spannung gelesen habe. Die Reihe ist als Dilogie angelegt und der Roman ist in sich abgeschlossen – für mich bietet das Ende jedoch durchaus Stoff für einen dritten Band. Ob Alexandra Bröhm sich von ihren Yrsa-Fans dazu bewegen lässt? Ich hoffe es doch sehr! Also alle schnell den zweiten Band kaufen und über den Sommer lesen.

Einen Bonusstern würde ich gerne für das Nachwort vergeben können – dieses ist wirklich ganz besonders gelungen. Bröhm gibt dort eine umfängliche Einordnung ihres Schreibens in den historischen Kontext, und das liest sich noch einmal genau so spannend wie das ganze Buch.

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Veröffentlicht am 24.06.2025

Titel und Inhalt synchron

Fast & Tasty
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„Fast & Tasty“ von Achim Oceal, auch bekannt als @kitchenachim ist ein Kochbuch, das hält, was sein Name verspricht. Die knallig gelbe Farbe macht gute Laune und guten Appetit – den braucht der kochende ...

„Fast & Tasty“ von Achim Oceal, auch bekannt als @kitchenachim ist ein Kochbuch, das hält, was sein Name verspricht. Die knallig gelbe Farbe macht gute Laune und guten Appetit – den braucht der kochende Mensch auch, denn die vielfältigen Rezepte sind wirklich schnell gekocht und vielfältig.

Achim Oecal kommt nach einer kurzen Einleitung zu seiner Kochphilosophie direkt zur Sache. Aufgeteilt in verschiedene Unterkapitel wie Snacks und Fingerfood, Salate, vegetarische Gerichte, Fleischgerichte, Pasta und Süßspeisen, bleiben hier keine Wünsche offen. Die Rezepte sind gut und übersichtlich erläutert und präsentiert, die Fotos großformatig und ansprechend. Ganz besonders toll: Bei jedem Rezept sind Besonderheiten wie vegetarisch, glutenfrei usw. direkt verzeichnet. Und Oecal bietet immer direkt auch noch Varianten an für Toppings, andere Gewürze, Kombinationen, gibt Infos zu unbekannteren Lebensmitteln und Tipps für Beilagen und mögliche Ergänzungen. Ein zusätzliches Plus: Ein Verzeichnis nach Zutaten, so dass man schnell fündig wird, wenn man beispielsweise noch Feta im Kühlschrank hat, der verbraucht werden sollte – ein Blick ins Register und schon findet man alle Rezepte mit Feta, einfach genial.

Als Mensch mit oft sehr wenig Zeit zum Kochen habe ich hier viele neue Inspirationen gefunden. Ein kleines Manko: Ich hätte mir Nährwerte der Rezepte gewünscht, und ein Großteil der Rezepte ist relativ hochkalorisch, so dass hier noch ein paar schlankere Rezepte der Sammlung gutgetan hätten.

Insgesamt aber eine wirklich runde Sache mit vielen wirklich leckeren Gerichten, die auch tatsächlich in der versprochenen Zeit auf den Tisch gebracht werden können, was in vielen Kochbüchern dieser Art nicht der Fall ist. Eine absolute Empfehlung für Menschen, bei denen der Terminplan oft eng getaktet ist. Man sieht dem Buch die Begeisterung, mit der Achim Oecal kocht, auf jeder Seite an.

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Veröffentlicht am 01.06.2025

Asche zu Asche

Aschesommer
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Mit „Aschesommer“, erschienen 2025 bei dtv, legt Benjamin Cors erneut einen Thriller mit Pageturner-Qualität vor, der seinem Vorgänger „Krähentage“ in nichts nachsteht. Der Thriller funktioniert dabei ...

Mit „Aschesommer“, erschienen 2025 bei dtv, legt Benjamin Cors erneut einen Thriller mit Pageturner-Qualität vor, der seinem Vorgänger „Krähentage“ in nichts nachsteht. Der Thriller funktioniert dabei durchaus als Stand-Alone, wobei die Kenntnis von Krähentage einen einige Details besser verstehen lässt und hey, Krähentage ist ebenfalls eine Lesereise mehr als Wert, also warum nicht vorher lesen, wenn noch nicht geschehen.

Die Gruppe 4 um Jakob Krogh und Mila Weiss, die sich in „Krähentage“ neu gegründet und gefunden hat, wird mit einem neuen Serienmörder (oder -mörderin? Wer weiß das schon?) konfrontiert. Die Morde sind perfide mit Paläontologie und der Erdzeitgeschichte verknüpft, genauer gesagt, mit dem großen Massensterben, das immer wieder durch diese weht, ein Stichwort hier wäre Eiszeit. Schnell wird eine Verbindung hergestellt zu einem potenziellen Täter – der die Taten aber nicht begangen haben kann, ist diese Person doch in Sicherheitsverwahrung in einer geschlossenen Anstalt. Die Zeit läuft gegen die Gruppe 4 – und der Sommer und die in ihm wehenden Sonnenblumen treiben den Ermittelnden zunehmend den Schweiß ins Gesicht. Können sie das Ruder noch herumreißen oder sind sie der Geschichte der Erde ausgeliefert?

Cors schreibt enorm dicht und mit hohem Tempo, das Buch ist in Tagen organisiert und von diesen vergehen gerade mal fünf. Der Spannungsaufbau ist von Beginn an krass und der Spannungsbogen reißt bis zum Ende nie ab. Die Dramaturgie ist perfekt durchinszeniert, hier ist alles stimmig. Und je weiter der Fall voranschreitet, desto mehr verknüpft sich das Geschehen mit den privaten Geheimnissen von Mila und Jakob, die immer mehr ihre Masken voreinander fallen lassen müssen. Das geht an die Substanz und lesend leidet man mit. Schon Krähentage war persönlich – jetzt geht es ans Eingemachte. Die Atmosphäre ist so gut gegriffen, dass man lesend quasi die Sonne über den Feldern flirren sieht.

Zwei kleine Mankos weist der Thriller auf, in Teilen ist das Geschehen dann doch vorhersehbar, und das Team der Gruppe 4 verkommt streckenweise etwas zu Statist:innen, so sehr ist die Handlung auf Jakob und Mila fokussiert. Das tut dem Lesegenuss aber wenig Abbruch, und so wurde dieser Thriller in nur zwei Tagen durchgesuchtet, mehr als die fünf der Handlung wird sicher kein:e Leser:in brauchen.

Einmal mehr also ein brennend guter Thriller aus der Hand von Benjamin Cors mit einem diesmal deutlich mehr geschlossenen Ende als es in Krähentage der Fall war – was aber hoffentlich nicht gegen eine Fortsetzung der Reihe spricht? Ich votiere klar für einen Band 3!

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Veröffentlicht am 29.05.2025

Alles rausholen

Der Kaiser der Freude
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„Der Kaiser der Freude“ von Ocean Vuong, lang erwartet und jetzt 2025 endlich erschienen im Carl Hanser Verlag, ist ein schon vorab gehypter Roman, was einem Roman ja das Leben schwer machen kann – doch ...

„Der Kaiser der Freude“ von Ocean Vuong, lang erwartet und jetzt 2025 endlich erschienen im Carl Hanser Verlag, ist ein schon vorab gehypter Roman, was einem Roman ja das Leben schwer machen kann – doch hier: Keine Sorge. Dieser Roman wird den Lesenden das Herz zerreißen.

Vuong erzählt die Geschichte von dem jungen Hai und der alten Grazina, die eine schicksalhafte Nacht als Notgemeinschaft zusammenwürfelt. Und wer jetzt schreit, diese Idee ist doch uralt! Der hat Recht und das Geniale an Vuongs Buch ist, dass die Idee völlig nebensächlich ist. Dieses Buch strahlt durch die Tiefe, in der Vuong Beziehungen auslotet und Leben beschreibt.

Wir befinden uns in einem furchtbar öden amerikanischen Ort, wo genau, ist vollkommen egal, nicht egal ist, wie perfekt und atmosphärisch der Autor die Trostlosigkeit und Ausweglosigkeit, das ewige Grau und den Beton, die Ballung von Diner und Imbiss in einer absoluten Tristesse beschreibt, sogar die Natur ist hier ständig nass und matschig. Und dennoch gelingt es Vuong, durchweg auch ein Gefühl von Lieben und Zugehörigkeit, von Heimat und merkwürdiger Geborgenheit einzufangen, so dass nicht umsonst irgendwann der Satz fällt: East Gladness ist der beste Ort der Welt.

Hai hat ein erstes Studium abgebrochen, weil er einen Freund verloren hat, seiner enttäuschten Mutter gaukelt er vor, nun zum Medizinstudium in Boston aufzubrechen, und als er sich zugedrogt auf einer Brücke befindet, die über einen Fluss geht und überlegt, allem ein Ende zu setzen, wird er von Grazina davon abgehalten und zieht bei ihr ein. Grazina ist alt, dement und voller wilder Gedanken und Erinnerungen. Allein können beide nicht weiter. Miteinander eigentlich auch nicht, wie soll der Blinde dem Tauben den Weg zeigen und andersherum, aber andererseits: Wenn zwei Experten des Chaos aufeinandertreffen, dann kann halt doch ein Schuh draus werden. Hai findet Arbeit in einem Schnellrestaurant, wo auch sein sehr spezieller Cousin Sony arbeitet (ja, wie die Firma) und natürlich auch noch eine große Handvoll weiterer gescheiterter Existenzen.

Wie sich diese Menschen in ihrem täglichen Versagen Halt geben, wie sie miteinander Dinge erleben, die vollkommen abwegig sind, wie sie eigentlich nie über Gefühle sprechen, weil sie die tief unten abgekapselt haben, aber beim Lesen so unendlich viel Gefühl erzeugen, wie Vuong zeigt, dass die wahren Außenseiter die Herrschenden, die Funktionierenden, die Reichen sind, die alle auch das Leben verlernt haben, es ist einfach unglaublich berührend. Getragen wird das alles von einer wahnsinnig schönen Sprache und einem subtilen, zärtlichen Humor, von einzigartigen Bildern und Gedanken. Vuong greift in seiner Erzählung Amerika perfekt, er spielt souverän auf der Klaviatur des Alltagsrassismus, macht transgenerationelles Trauma spürbar und zeigt, dass es Wunden gibt, die nie heilen werden, zeigt aber auch: „Okay“ wird gemeinhin unterschätzt. In East Gladness ist das Glück vielleicht nur in Fragmenten zu finden. Dafür wohnt hier eine Ehrlichkeit, die selten ist.

„Sag mir, was willst du anfangen / Mit deinem einzigen wilden und kostbaren Leben?“, fragt Ocean Vuong in „Der Kaiser der Freude“. Ich empfehle auf jeden Fall als Teil der Antwort dieses Buch zu lesen. Und auf Brötchen im Matsch herumzuhüpfen. Und Karotten zu essen. Und vielleicht den ein oder anderen Traum anzugehen und dabei zu scheitern. Aber dabei die beste Schicksalsgemeinschaft der Welt zu finden. Ein großartiges Buch, das mich zutiefst berührt hat. Das braucht keinen Hype. Das ist einfach: Gladness.

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Veröffentlicht am 29.05.2025

Die Abgründe der Gynäkopsychiatrie

Der Schlächter
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In hohem Alter widmet sich die Erfolgsautorin Joyce Carol Oates mit ihrem neuen Roman „Der Schlächter“ einer schlimmen Phase der Medizingeschichte, einer Zeit, in der meist nur widerständige Frauen in ...

In hohem Alter widmet sich die Erfolgsautorin Joyce Carol Oates mit ihrem neuen Roman „Der Schlächter“ einer schlimmen Phase der Medizingeschichte, einer Zeit, in der meist nur widerständige Frauen in Psychiatrien als geisteskrank weggeschlossen und an ihnen operativ herumexperimentiert wurde, um sie von ihrer angeblichen Geisteskrankheit aka Eigensinn zu befreien – oft mit tödlichen Folgen.

Oates Roman kreist um den psychiatrischen Arzt Dr. Silas Weir und seine Patientin Brigit – sowie deren komplex verflochtene Beziehung. Vorweg sei gesagt: Dieses Buch ist starker Tobak und macht vor vielen expliziten Szenen nicht halt – dessen sollte mensch sich bewusst sein, bevor die Lesereise beginnt. Genau diese Schonungslosigkeit macht auch die Stärke von Oates Roman aus, der damit den vielen geschundenen Frauen der Medizingeschichte eine laute, fast schon schreiende Stimme verleiht, so dass man sie nicht vergisst. Basierend auf vielen wahren Geschichten erzählt die Autorin von einer Nervenheilanstalt im Pennsylvania des 19. Jahrhunderts und einem narzisstischen Arzt, der an einem Vaterkomplex leidende stümperhaft arbeitend auf eine große Karriere zielt – und dabei über Leichen geht.

Oates schreibt gut, das Buch hat zunächst einen tollen Lesefluss, die Beschreibungen sind sehr bildhaft und griffig, die Atmosphäre wird gut gegriffen, ohne überausführlich zu sein und vor allem scheut sie sich wahrlich gar nicht, in die misogynen Männerseelen hineinzuschauen. Ein perfektes Buch, um aufzuzeigen, warum Feminismus auch für Männer die Lebensqualität deutlich erhöhen würde, es ist ja auszuhalten, wie sehr diese hier in Tabuisierungen festklemmen. Wobei die Folgen natürlich für die Frauen deutlich schlimmer sind, weshalb ich dann doch kein Mitleid empfinde.

Strukturell gefällt die Idee von wechselnden Erzählperson sehr gut, das macht das Buch abwechslungsreich und öffnet unterschiedliche Perspektiven. Im weiteren Verlauf reduziert sich diese Multiperspektive leider stark und eigentlich sind alle Erzählenden unzuverlässige Erzähler:innen, was es mitunter schwierig macht, eine klare Handlung zu sehen. Auch werden die Beschreibungen immer redundanter und dann doch überausführlich, so dass sich bei mir immer mehr Langeweile breitmachte. Das Buch auf eine fiktive Autobiographie bei ansonsten schlechter Datenlage zu basieren, ist eine kluge Entscheidung, denn natürlich vergisst die lesende Person diese Fiktion immer wieder.

Obwohl mit bekannt war, wie Frauen „psychiatrisch“ behandelt wurden, hatte ich tatsächlich den Begriff Gynäkopsychiatrie noch nie gehört. Dr. Silas Weir, dessen Leben wir folgen, ist letztlich eine ziemlich armselige Figur und die Einbettung in einen überhöhten Glaubenskontext (Kirche, sorry, immer ein Problem) und einen fetten Vaterkomplex macht ihn, das kleine Männlein, leider brandgefährlich, wie auch wieder deutlich wird, dass Tabus und Unwissen Frauen immer wieder zu Opfern machen. Die psychische Konstellation von Dr. Weir wird am Anfang des Buches sehr gut herausgearbeitet, sein großes Ego, seine Komplexe, die ihn in eine vollkommen irrwegige Selbstwahrnehmung treiben. Gänzlich von seiner Familie isoliert, fehlt es auch an einem Korrektiv. Immer wieder überhöht er sich selbst.

Die Tabuisierung des Frauenkörpers, die bis heute stattfindet und immer noch zu einer Geschlechterungerechtigkeit in der Medizin mit teils fatalen Folgen führt, wird gut herausgearbeitet. Die Folgen für Frauen im 19. Jahrhundert: Einfach schlimm. Alles „Symptome“, die hier beschrieben wird, sind einfach nur ganz normale Emotionen und Langeweile, Lust, Lebenshunger. Schlimmstenfalls mal Depression, was nicht verwundert angesichts der Eintönigkeit, in die Frauen als Gebärmaschinen in der Zeit gezwungen wurden. Auch massiv deutlich, wie sehr Frauen, die als Arbeitskräfte genutzt wurden, nur wieder in die Funktionsfähigkeit gebracht werden. Und dann natürlich die dauerhafte Sedierung der Frauen und der bedenkenlose Einsatz von Suchtmitteln. Die Behandlung, neben der Dauerdroge Laudanum, mit Nikotin und Kokain, einfach krass!
Der Ton, den Oates wählt, beschreibt wirklich gut das patriarchale, chauvinistische Denken. Teilweise kaum auszuhalten, wie tief sie in das Denken des Schlächters eintaucht und uns daran lesend teilhaben lässt. Mit der Zeit kommt es aber auch hier zu Abnutzungserscheinungen, weil nichts Neues mehr hinzukommt.

Wichtig und richtig die Geschichte der „Hysterie“ zu beschreiben und hoffentlich auch vielen Menschen dann endlich Grund genug, dieses Wort nicht mehr in Verbindung mit Frauen zu verwenden. Wie Männer je auf die absolut absurde Idee kommen konnten, Frauen Organe zu entnehmen, um Emotionen zu unterbinden – ein weiteres Beispiel für die einfach krasse Misogynie, die auf unserer Welt herrscht und an die ich mich nie gewöhnen werde und will. Pure Folter, mensch kann es nicht anders nennen, wie hier mit Frauen umgegangen wurde.
Die Art, wie Oates in Nebensätzen die härtesten Infos dropped, ist ausnehmend geschickt, zeigt sie damit doch auch formal, was Frauen der Welt damals galten: nichts. Auch sehr gut, wie so viel schlimmer Alltag eingebettet wird aus der Zeit, die Sklaverei, die Gebundenheit von Dienstkräften, die Erbschulden, der Missbrauch an schon ganz jungen Frauen, der Platz, der Frauen generell in der Gesellschaft zugewiesen wird, einfach gruselig, das alles so gebündelt noch einmal zu lesen.

Dies könnte also ein großartiges Buch sein, wäre da nicht die große Weitschweifigkeit, die mich immer mehr ermüdet hat, die sich wiederholenden Topoi und Situationen, die merkwürdige Überhöhung von Personen und Handlungen, die immer wieder auftauchenden kleinen Fehler und Unlogiken in der Geschichte, die Monothematik auf sehr vielen Seiten, die gleichbleibende Sprache auch bei Perspektivwechseln, die medizinischen Fehler und unsachgemäßen Beschreibungen, die zunächst eingeführte Multiperspektive, die sich dann aber leider ganz schnell verliert, so wie der Fokus des Romans. 200 Seiten weniger hätten wahrscheinlich ein aufrüttelndes Buch ergeben. So wusste ich nach der Hälfte eigentlich alles und wollte das Buch ab dann nur noch beenden, weil sich nichts Neues mehr ergab. Diesem Buch hätte ich ein energischeres Lektorat gewünscht. So reicht es leider nur für drei Sterne bei einem sehr wichtigen Thema.

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