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heinoko

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Veröffentlicht am 15.06.2020

Alle Chancen vertan

Das Dorf (Finsterzeit 1)
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Dystopien sind per definitionem Geschichten, die auf bedenkliche gesellschaftliche Entwicklungen in der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen sollen. So wäre der eigentlich diesem Buch ...


Dystopien sind per definitionem Geschichten, die auf bedenkliche gesellschaftliche Entwicklungen in der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen sollen. So wäre der eigentlich diesem Buch zugrunde liegende Plot die ideale Grundlage für eine aufrüttelnde Dystopie.

Durch eine exzessiv vorangetriebene Energiewende ohne vernünftige Ausgleichswirtschaft wurde die Gesellschaft gespalten. Als die Stromversorgung komplett zusammenbricht, herrschen unter den Menschen apokalyptische Zustände. Anstand und Moral sind verschwunden, Gewalt in jeglicher Form bestimmt das Leben der Übriggebliebenen. In einer von einem wahnsinnigen Despoten geschaffenen Festung herrscht zwar Sicherheit vor Übergriffen von außen, innerhalb der Mauern bestimmen allerdings strengste Regeln und Ausbeutung das Leben. Lara und Thomas, beide jung und einander zugetan, sind auf der Flucht. Überall lauern Gefahren, und sie erleben tatsächlich Schreckliches.

Was hätte man alles aus diesem Thema machen können. Doch leider, leider wurden alle Chancen vertan. Das große Thema der Energiewende geht völlig unter, wird nur mit wenigen Sätzen zu Buchbeginn erwähnt, dient also lediglich als „Aufhänger“ für die nachfolgende völlig abstruse Geschichte. Zwar wird sie in einigen Sequenzen durchaus spannend erzählt, aber leider darf man weder mit Wissen noch mit Logik die Geschichte erfassen wollen. Auch schaut die allwissende Autorin zuviel in die Köpfe der Protagonisten hinein und berichtet langatmig davon, statt dieses Wissen in Handlung zu „übersetzen“ und damit den Leser zu „packen“. Am schlimmsten war für mich die Ausgestaltung der beiden Hauptpersonen zu lesen. Hier gab es im gesamten Buch für den Lesenden weder die Möglichkeit der Identifikation noch eine ehrliche Chance, aufgezeigtes Verhalten in irgendeiner ernsthaften Form nachzuempfinden. Sowohl Lara als auch Thomas weisen ein solches Durcheinander an Persönlichkeitsstrukturen auf, das fast schon schizophren zu nennen ist. Die Berücksichtigung von wenigstens einfachstem psychologischem Grundwissen hätte den Protagonisten und damit der Geschichte gut getan. Schade.

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Veröffentlicht am 14.06.2020

Dahinplätschernd

Die Sonnenschwestern
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Wie nur kam der Verlag darauf, das Buch „Die Sonnenschwestern“ zu nennen anstelle des so viel passenderen Originaltitel „Das Stundenglas“? Wollte man eine falsche Fährte legen zu Lucinda Riley, „Die Sonnenschwester“?

Der ...


Wie nur kam der Verlag darauf, das Buch „Die Sonnenschwestern“ zu nennen anstelle des so viel passenderen Originaltitel „Das Stundenglas“? Wollte man eine falsche Fährte legen zu Lucinda Riley, „Die Sonnenschwester“?

Der Verlag beschreibt den Inhalt ungefähr so:
London 2006: Nora, 40, weiß so gut wie nichts über ihre Familiengeschichte. Sie kündigt Job und Wohnung und reist nach Tenby, Wales, auf der Suche nach den Spuren ihrer Familie.
Tenby, 1956: Llew und Chloe sind von Kindheit an enge Freunde. Ein dramatischer Vorfall bringt die beiden auseinander und sie sehen sich nie wieder, ohne einander zu vergessen.
50 Jahre später findet Nora in Tenby nicht nur ihren Frieden, sondern auch die Lösung eines alten Familiengeheimnisses.

Irgendwie konnte ich mit dem Buch nicht warm werden. Vielleicht weil die Zeitsprünge nur jeweils so kurz sind und man als Leser dadurch nicht wirklich die Chance bekommt, sich wirklich in die jeweiligen Situationen einzufühlen. Kaum weiß man, wer wo wann und warum, schon springt die Geschichte wieder um in die andere Zeitebene und die Orientierungsphase beginnt von vorne. Zwar ist der Schreibstil gut lesbar, aber das reicht einfach nicht. Das Erzählte plätschert irgendwie nur so dahin, was auch daran liegen mag, dass die Protagonisten recht farbloss und blass beschrieben werden. Bildlich und atmosphärisch besser werden dagegen die jeweiligen Schauplätze geschildert. Doch insgesamt bleibe ich während der gesamten Lektüre leicht gelangweilt. Wirklich gepackt hat mich das Buch an keiner einzigen Stelle.

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Veröffentlicht am 10.06.2020

Triviale "Weisheiten"

Ich hoffe, ich versau das!
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Es ist stets größtes Misstrauen angebracht, wenn ein Mensch – meistens auch noch ein Prominenter oder einer, der sich dafür hält – aus seinen persönlichen Entwicklungsschritten eine Heilslehre zimmert ...



Es ist stets größtes Misstrauen angebracht, wenn ein Mensch – meistens auch noch ein Prominenter oder einer, der sich dafür hält – aus seinen persönlichen Entwicklungsschritten eine Heilslehre zimmert und sich darin gefällt, diese seine Erkenntnisse unter all die Menschen zu bringen, die diese Entwicklung nur mit seiner Hilfe machen können. Und wenn es sich bei diesem Menschen auch noch um einen Comedian handelt, kann sein Selbsthilfebuch im Grunde gar nichts anderes sein als eine besondere Form des Lacher und Applaus heischenden Auftritts.

Der Autor betreibt Nabelschau, lässt seine Leser daran teilhaben, und erklärt uns, dass uns dieses „offen aussprechen, was man wirklich denkt“ frei und unabhängig, vielleicht sogar glücklich macht. So einfach funktionieren Welt und menschliche Psyche bei Kyle Cease. Nicht nur die an Schlichtheit kaum mehr zu überbietende Sammlung an lächerlich-simplen To-do-Beispielen, sondern auch die unterirdisch schlechte Sprache stoßen ab. Die Summe an Plattitüden zwischen zwei Buchdeckeln ist das Lesen nicht wert. Jedenfalls nicht für denk- und reflexionsfähige Menschen. Punkt.

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Veröffentlicht am 09.06.2020

Urlaubsfeeling und Gänsehaut

Dunkles Lavandou
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Und wieder kann ich nur sagen: Auf diesen Autor ist Verlass. Ein Buch ums andere liefert er uns Urlaubsfeeling in Kombination mit Gänsehaut, routiniert gekonnt in Szene gesetzt. Fast fühle ich mich mit ...


Und wieder kann ich nur sagen: Auf diesen Autor ist Verlass. Ein Buch ums andere liefert er uns Urlaubsfeeling in Kombination mit Gänsehaut, routiniert gekonnt in Szene gesetzt. Fast fühle ich mich mit Leon Ritter, dem deutsch-französischen Rechtsmediziner, verwandt, so vertraut ist er mir über die Bücher hinweg geworden.

Frühsommer in Le Lavandou. Der Geruch von blühendem Ginster liegt in der Luft. Viel Sonnenschein, viele Touristen. Doch das Auffinden einer Frauenleiche unter einer Brücke unterbricht jäh das Urlaubsfeeling. Schnell wird klar, dass es sich nicht um Selbstmord handelt, denn vor dem Sturz von der Brücke war die Frau gefoltert worden. Eine weitere Frauenleiche wird entdeckt, diesmal getötet durch eine Schiffsschraube. Und auch diese Frau war vor ihrem Tod gefoltert worden. Ein Serienmörder? Leon Ritter beginnt eigenständig zu ermitteln, weil sich die Polizei nicht sonderlich intensiv um Aufklärung bemüht.

Wie in seinen früheren Büchern besticht der Schreibstil von Remy Eyssen. Detailreich beobachtend, präzise beschreibend, atmosphärisch dicht erzählend gelingt es dem Autor, den Leser in die Welt des Leon Ritter voll und ganz hineinzuziehen. Wobei die privaten Turbulenzen niemals dem eigentlichen Fall die Schau stehlen. Im Vordergrund bleibt die Schilderung des Falls, der spannend, mitunter sogar fast brutal, seinen Fortgang nimmt, wobei die intensive Spannung durch die zwischengeschalteten Sequenzen aus Opfersicht noch erheblich verdichtet wird.

Fazit: Auch in diesem sechsten Band ist die Kombination von französischer Lebensart und detaillierter, kluger Puzzlearbeit wiederum perfekt gelungen.

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Veröffentlicht am 08.06.2020

Von allem zu viel und damit zu wenig satirische Durchschlagkraft

SoKo Heidefieber
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Doch, ich mag Regionalkrimis, das muss ich gestehen. Allerdings nur aus den Regionen, die mir vertraut sind, deren Dialekte ich verstehe, deren Denk- und Verhaltensweisen mich nicht verwundern. Und vor ...

Doch, ich mag Regionalkrimis, das muss ich gestehen. Allerdings nur aus den Regionen, die mir vertraut sind, deren Dialekte ich verstehe, deren Denk- und Verhaltensweisen mich nicht verwundern. Und vor allen Dingen auch nur dann, wenn sie wirklich gut geschrieben sind. Was leider nicht ganz so oft der Fall ist. Insofern war es durchaus an der Zeit, dass sich Gerhard Henschel, der durch und durch Satiriker ist, mit seinem „ersten und einzigen Überregionalkrimi“ dem Thema widmet.

Die reichlich obstruse Handlung hat der Verlag optimal zusammengefasst: „Kurz nach einer Lesung aus seinem neuen Kriminalroman Heidefieber wird der Schriftsteller Armin Breddeloh in einem Teich bei Bad Bevensen gefunden. Tot und mit zwei Glasaugen – genau wie ein Opfer in seinem Roman! Hauptkommissar Gerold und Oberkommissarin Schubert aus Uelzen nehmen die Ermittlungen auf und haben einen ersten Verdacht: Missgönnte ein anderer Krimiautor dem Kollegen den Erfolg? Schon wenig später trifft es die Verfasser der Romane Spiel mir das Lied vom Westerwald und Showdown auf Juist, und auch am Tegernsee, im Fläming und in der Steiermark gibt es bald Opfer. Die SoKo Heidefieber tappt jedoch im Dunkeln und der vom Verband deutschsprachiger Krimiautoren engagierte Privatdetektiv erweist sich als Niete. Erst als der Täter ein Bekennerschreiben hinterlässt, kommt plötzlich Bewegung in die Sache ..“

Auf Satire war ich gefasst, und so hatte ich zunächst beim Lesen viel Spaß an den ziemlich komisch-witzigen Ideen, an den skurrilen Protagonisten, an der verrückten Persiflage insgesamt. Wenn „zwei Würmer einen herumliegenden Augenapfel belutschen“, braucht es schon ein „Nervenkostüm aus korrosionsfreiem Stahl“. So mäandert der Autor durch die deutschen Lande und vor sich hin, lässt sich immer wieder neu inspirieren von der kleingeistigen Miefigkeit des Durchschnittsbürgers. Das zu lesen war eine Weile sehr unterhaltsam. Aber dann wurde es mir zuviel. Zu viele Orte. Zu viele Dialekte. Zu viele Morde. Zu viele Klischees. Von allem zuviel und dadurch insgesamt zu wenig. Zu wenig Spannung, zu wenig satirische Durchschlagkraft. Übrig blieb Langeweile.

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