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Veröffentlicht am 17.06.2026

Ein spannungsreicher Urlaub mit Folgen

Ultramarin
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"Der leblose Körper ruht dicht vor dem Holzstapel, die Augen zur Decke gerichtet, leer. Der Mund steht leicht offen. Halb Lächeln, halb Verblüffung. Ein Arm ist in einem seltsamen Winkel abgespreizt [...] ...

"Der leblose Körper ruht dicht vor dem Holzstapel, die Augen zur Decke gerichtet, leer. Der Mund steht leicht offen. Halb Lächeln, halb Verblüffung. Ein Arm ist in einem seltsamen Winkel abgespreizt [...] Sie hätte nicht mitkommen dürfen. Ich hätte das nicht zulassen dürfen. Hinterher weiß man so etwas."

Vielleicht hat es sich auch schon vorher angebahnt und Lou wollte es einfach nicht wahrhaben? "Der leblose Körper..." so beginnt dieser toxisch aufgeladene Beziehungs-/Spannungsroman Ultramarin von Ann-Christin Kumm. Eigentlich war alles anders geplant, Lou und sein Freund Raf, dessen Schwester Sophie und Nora, eine Freundin von ihr, wollten gemeinsam Urlaub an der dänischen Küste machen. Doch Sophie ist kurzfristig abgesprungen und so fahren sie nun zu dritt, zum Ferienhaus von Rafs Familie. Zunächst ein sehr unbeschwertes Bild, die Wellen, die Idylle, das Kennenlernen... doch mit jeder weiteren Seite bekommt die Fassade Risse, in Rückblenden lernen wir Lous und Rafs Geschichte kennen, ihre Liebe und Schulzeit, erfahren von den früheren gemeinsamen Urlauben und von Jakob. Es entsteht eine toxische Dynamik oder war sie schon immer da? Und als Nora dann plötzlich eines Nachmittags verschwindet... bei dem Anfang?

Insgesamt ist es ein wohlkonstruierter, sehr aufgeladener Roman mit mehreren Spannungsbögen und ergänzenden Rückblenden. Eigentlich ein sehr geschickt gemachter Text, denn durch das vorweggenommene Unglück wird man als Leser*in sofort mitgerissen, stellt Vermutungen auf und versucht Entwicklungen zu deuten. Auch dass Lou, keine weibliche Protagonistin ist, habe ich erst recht spät verstanden, was mich irgendwie noch immer fasziniert. Und so habe ich dann auch lange über diesen Roman und seine Wendungen, wie Handlungen nachgedacht, was leider nicht immer positiv war... Die Dynamik zwischen den Figuren fand ich sehr spannend, teils hat mich dieses Buch an In blaukalter Tiefe von Kristina Hauff erinnert, nur eben mit einem Haus, statt einem Boot. Vergleichend fand ich diese Geschichte, dann deutlich besser, die Machtverhältnisse und Ungleichheiten interessanter beschrieben, das Austesten der Grenzen zwischen den einzelnen Figuren nicht ohne, aber inhaltlich harkte es für mich an so einigen Stellen. Schon zu Beginn wunderte ich mich über die Konstellation der Gruppe: Würde man als Frau mit zwei, beinahe fremden Typen in den Urlaub fahren? Auch im weiteren Verlauf (ich möchte nun nichts vorweg nehmen) fand ich es sehr fraglich, dass XY nichts von den beschriebenen, einschneidenden Erlebnissen mitbekommen hat oder eingeschritten ist, nichts näher hinterfragt hat, scheinbar nichts zu hören war oder oder. Das hat mich schon beim Lesen wahnsinnig genervt und zeitgleich fühlte ich mich so mitgerissen, dass ich unbedingt wissen wollte, wie dieser Roman ausgeht und auf welchen Höhepunkt diese toxische Beziehungsdynamik zusteuert. Und dann das Ende... naja.
Kurz gesagt: ich hab Ultramarin irgendwie gern gelesen, es ist ein toller, unterhaltsamer Spannungsroman mit so einigen Abzügen. Es ist kein Lieblingsbuch geworden, aber so als Strandlektüre oder zwischendurch kann man´s schon mal lesen.

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Veröffentlicht am 08.06.2026

Ein Mosaik der Grummeligkeit

Die Straße
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Ich weiß gar nicht warum ich jedes Mal so euphorisch bin, sobald es einen neuen Roman von Robert Seethaler gibt. Ich glaube, es liegt an dieser Vielschichtigkeit von Perspektiven, die mich bereits bei ...

Ich weiß gar nicht warum ich jedes Mal so euphorisch bin, sobald es einen neuen Roman von Robert Seethaler gibt. Ich glaube, es liegt an dieser Vielschichtigkeit von Perspektiven, die mich bereits bei Das Feld oder Das Café ohne Namen fasziniert hat, die mich immer wieder aufhorchen und hoffen lässt, dass der neue Roman und dessen Setting mich mal wieder so richtig abholt. Doch wenn ich ehrlich bin, geschah das bei den letzten Romanen immer seltener. Der Trafikant und Ein ganzes Leben habe ich noch immer gern im Regal stehen, alle anderen sind bereits ausgezogen. Und auch Die Straße wird es ihnen gleich tun, zu sprunghaft, teils zu griesgrämig, mürrisch wirkte dieser Text auf mich. Es geht in diesem Buch, wie der Titel es bereits verrät; um eine Straße und ihre Bewohner, um die Veränderungen und die Feste in der Heidestraße.

"Mit diesem heutigen Tage knüpfen wir an eine schöne Tradition an und feiern die dreißigste Ausgabe unseres Heidestraßenfestes. Wie immer haben das Komitee und ich ein buntes Potpourri bestehend aus Spaß, Leibesgenüssen, Musik und Kinderunterhaltung zusammengestellt, und ich darf wohl die Freude aller Beteiligten darüber ausdrücken, dass sich die wochenlangen Vorbereitungen gelohnt haben und es nun endlich ans Feiern geht, Das Motto in diesem Jahr lautet >Unsere Straße blüht<..."

Und ja, irgendwie hätte ich mich wirklich über so ein buntes, bereicherndes und blühendes Potpourri des Aufbruchs gefreut, hätte gern alle Bewohner und Geschäfte kennengelernt, neue Eindrücke über diese Gemeinschaft verschiedenster Menschen mit unterschiedlichsten Träumen, Hoffnungen und Zielen gewonnen, den Wandel erlebt, aber irgendwie sprang der Funke einfach nicht über. Was zu Anfang noch ganz nett wirkte, nervte mich bereits ab der 40. Seite und mit jeder weiteren Passage machte sich nur noch mehr Grummeligkeit breit, sodass ich recht schnell nur noch gelangweilt quergelesen und dann das Buch abgebrochen habe. Irgendwie schade, aber... ach, ne.

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Veröffentlicht am 08.06.2026

Trial and error

Es war nicht anders möglich
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Das Debüt von Svenja Lisau „Es war nicht anders möglich“ hätte so toll sein können. Ich bin nicht nur ein großer Fan dieses Covers, sondern auch von der Idee eines Kneipenromans, in dem die Protagonistin ...



Das Debüt von Svenja Lisau „Es war nicht anders möglich“ hätte so toll sein können. Ich bin nicht nur ein großer Fan dieses Covers, sondern auch von der Idee eines Kneipenromans, in dem die Protagonistin nicht nur auf andere Menschen trifft und deren Geschichten erzählt, sondern auch selbst struggelt und nach einem Ausweg sucht - zwischen Schmerz, Düsternis, Sehnsucht und Hoffnung.



„Ich schreibe über dich, um dich loszuwerden. Dich aus meiner Biografie rauszuschreiben. Oder dich für immer an mich zu pressen. Mich endlich in dich reinzutippen. Reinzuhacken. Mir ist erst mal beides recht, wenn ich nur diese Unruhe nicht mehr verspüren muss. Es ist ein Versuch. Trial and error.“



Martinas Vater, den sie gar nicht mal so gut kennt, ist gestorben. Sie blättert durch Bilder, zurückgebliebene Fotos aus dem Leben eines Mannes, in dem kein Platz für sie war. Früh hat er die Familie verlassen und doch wünscht sie’s sich bis heute, dass sie ihn trifft, dass er sie rettet. 
Trotz oder gerade wegen ihrer Arbeits- und Spurlosigkeit versucht die Mitte dreißigjährige Frau in langen, Berliner Nächten wieder Trost und Halt zu finden. Eine neue Familie. Ein Glas nach dem anderen, zwischen Gesprächen, Schlager und wirren Gedanken.



„>Ich möchte mich nicht aufdrängen, aber…< - Ring frei für Klaus’ Lebens-Problem-Monolog (den ich hier ungefiltert wiedergeben werde, da wir alle da mit dranhängen, es hätte jeden von uns treffen können, nur weil ihr zufällig nicht da wart, soll euch nicht vorenthalten werden, welches Leben ganz nah neben euch durch Zeit und Raum torkelt. Ich war nur durch Zufall näher dran als ihr. Aber Klaus lebt neben euch, hört seine Stimme)...“



Was sehr rotzig, frech, Berlinerisch und mal anderes begann, nervte mich mit der Zeit wahnsinnig, ähnlich wie diese sprunghaften Wechsel zwischen Gedanken, Einschüben, Vorstellung und Realität. Ich wünschte, ich könnte zu diesem Buch und dem Plot deutlich mehr sagen, aber nach gerade einmal 68 Seiten habe ich diesen Roman genervt und teils verwirrt wieder zur Seite gelegt.

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Veröffentlicht am 03.03.2026

Jetzt wirklich?!

Lázár
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Ich bin ehrlich gesagt etwas überrascht von den vielen positiven Rezensionen und den sich fast schon überschlagenden Berichten zu Nelio Biedermanns Roman „Lazár“ in den Medien. Worte wie „Ausnahmetalent“ ...

Ich bin ehrlich gesagt etwas überrascht von den vielen positiven Rezensionen und den sich fast schon überschlagenden Berichten zu Nelio Biedermanns Roman „Lazár“ in den Medien. Worte wie „Ausnahmetalent“ oder „Donnerschlag“ sind gefallen und dann schaue ich mir die ersten Seiten dieses Romans wieder an und frage mich, was ich nicht verstanden habe. An sich klingt dieser Roman nach einer interessanten Geschichte. Wir begleiten eine ungarische Adelsfamilie über mehrere Generationen hinweg durch die Wirrungen und Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Lügen und Geheimnisse, ein auffälliges Kind mit durchscheinender Haut, eine düstere Atmosphäre… eigentlich Dinge, die ich in Romanen gerne mag, aber in dieser Form fand ich’s leider eher verstörend. Lazár, der sich ohne Geschlechtsverkehr nicht männlich genug fühlt, der „gewaltige Hintern“ der Köchin der nicht durch die Tür passt, die (Sex)Fantasien a la „Márias Körper war zu einem Symbol, zur Tempelruine einer längst erloschenen Religion geworden, während Frau Virágs Körper Stätte eines blühenden Glaubens war, dem Sándor regelmäßig huldigte, indem er in ihren feuchten Schoß stieß, mit seiner Zunge den Schmutz von ihren Fußsohlen leckte, seine Nase in ihre Achselhöhlen grub und ihren Hintern auf seinem Gesicht platzierte. Unter diesem konnte er alles vergessen…“, reihen sich an emotionslose, langweilige Beschreibungen oder selbstverletzende Szenen wie „Mária […] stand […] auf und ging ins Bad, um sich die Arme aufzuschneiden. Der brennende Schmerz und der Anblick der dünnen roten Rinnsale auf dem weißen Porzellan des Waschbeckens gaben ihr Kraft. Anschließend wusch sie unter fließendem Wasser ihr Blut von der Klinge und legte sie exakt so zurück, wie ihr Mann sie hinterlassen hatte.“
Erstaunlich wie viel nackte Haut in so einer Familiengeschichte stecken kann und wenn man das gern als „poetische Bilder“ deuten möchte oder hier einen Roman mit Wucht (haha) sehen möchte… okay. Mir wars tatsächlich zu blöd und ich habe dieses Buch nach knapp 70 Seiten gelangweilt und etwas verstört wieder weggelegt, vielleicht verpasse ich nun die große Handlung und hätte am Ende dann auch gesagt, dass dieser Roman ein großer Wurf ist, aber ich habe echt keine Lust mehr auf solch unerwartete Penisgeschichten.
Und eine Triggerwarnung hätte ich irgendwie auch schön gefunden, wenn sich Protagonistinnen schon ritzen und dann gleich wieder zur Tagesordnung übergehen und da hab ich die mögliche Vergewaltigung noch gar nicht erwähnt.

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Veröffentlicht am 03.03.2026

Ein sehr komplexes, großartig durchdachtes Schauspiel

Die Probe
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„Die Probe“ von Katie Kitamura [aus dem Englischen von Henning Ahrens] war für mich im letzten Jahr ein ganz großes Lesehighlight und ich habe noch sehr lange nach der Lektüre über die beschriebenen Dinge ...


„Die Probe“ von Katie Kitamura [aus dem Englischen von Henning Ahrens] war für mich im letzten Jahr ein ganz großes Lesehighlight und ich habe noch sehr lange nach der Lektüre über die beschriebenen Dinge nachgedacht. Zunächst beginnt dieser Roman eher harmlos mit einem Treffen zwischen der Protagonistin und bekannten Schauspielerin, die am Theater für die Premiere eines Stücks probt, und einem jungen Mann. Sie sitzen zu Mittag in einem Restaurant - er muss ihr unbedingt etwas sagen. Sie hält es für einen Annäherungsversuch und möchte ihn möglichst auf Abstand halten, doch das was er dann sagt, hat eine deutlich größere Bedeutung. Xavier behauptet ihr Sohn zu sein. Er hätte nach seiner Mutter gesucht, alles genauestens recherchiert und sei sich bei ihr 100%ig sicher. Doch sie hatte nie ein Kind, sie könnte es aufklären, aber irgendwas hält sie zurück. Ihr erstes Treffen endet ruckartig, als Tomas, der Mann der Protagonistin das Restaurant durchschritt und wieder hinausging. Xavier bleibt da noch am Tisch sitzen, aber nach und nach nimmt er immer größere Räume im Theater und später auch in ihrem Leben ein. Oder doch nur in diesem Stück?

„Wir hatten Rollen gespielt, und eine Zeitlang - solange wir unsere jeweilige Rolle im Griff gehabt und in dem trügerischen Konstrukt mitgespielt hatten, das man Familie nennt, anders gesagt in der Geschichte, die einer dem anderen erzählt -, hatte alles reibungslos funktioniert. Doch je tiefer die Komplizenschaft geht, je länger sie währt, desto enger die Spielräume, desto strikter und bindender die Vereinbarung, und am Ende bedurfte es wenig, um alles zusammenbrechen zu lassen. Es war, als wäre eine Pause ausgerufen worden, als wäre uns beiden schlagartig aufgegangen, dass sein Text mangelhaft, meine Charakterisierung ungenügend, der gesamte Plot fehlerhaft und unplausibel war.“


Ich habe aufgrund dieses Romans sehr viel über die Wirkung, die Diskrepanz zwischen eigener und äußerer Wahrnehmung, über zwischenmenschliche Beziehungen und die Literatur an sich nachgedacht. Für mich ist dieser Roman mit diesen ganzen feinen, geschilderten Beobachtungen und Gedanken, sowie dem Plot sehr große Kunst, denn nicht nur durch die Aufteilung in zwei Teile, wird man plötzlich in eine ganz andere Realität geworfen, in der man sich als Lesende*r neu zurechtfinden muss, auch die Interpretationsmöglichkeiten und Perspektiven (ohne nun zu viel verraten zu wollen) innerhalb einzelner Szenen sind sehr vielfältig. Bereits die Anfangsszene fasziniert mich, denn von außen betrachtet, könnte es fast wie ein Date aussehen, während ihr selbst dieses Treffen eher unangenehm ist. Und als der Mann der Protagonistin zufällig auch in dieses Restaurant tritt und sie gar nicht wahrnimmt… so als würden ihre Leben scheinbar aneinander vorbei laufen… hatte es bildlich schon sehr viel von einem inszenierten Theaterstück. Auch während des Lesens fragte ich mich häufig, ob es dieses Stück, dieses Buch ist, für das die Figuren die ganze Zeit proben oder es einfach so ein geniales Abdriften ins Chaos ist, mit dessen Ende auch der Vorhang fällt und das Stück endet. Wer besetzt eigentlich welche Rollen, nimmt plötzlich neue Rollen ein und ist das ganze Leben vielleicht ein komplexes Rollenspiel? Wir nehmen wir andere? Welche Funktionen erfüllen wir? Dieses Buch hat so etwas sehr philosophisches, man könnte ewig darüber reden, rätseln, deuten… und das… woah. Ich war schon von „Intimitäten“ sehr begeistert, aber hiermit legt Kitamura noch einmal so eine Schippe drauf. Sehr, sehr toll!

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