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Veröffentlicht am 04.10.2017

"die Kluft zwischen dem, was ich sein sollte, und dem, was ich bin, nie größer war." – Zwischen Glaube und Wissenschaft

Die Schlange von Essex
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"Die Schlange von Essex" – ein Roman, in dem Wissenschaft und Glaube aufeinandertreffen. Nach dem Tod ihres Mannes blüht Cora Seaborne förmlich auf. Sie ist eine wohlhabende Frau, die nun ihrer neu entfachten ...

"Die Schlange von Essex" – ein Roman, in dem Wissenschaft und Glaube aufeinandertreffen. Nach dem Tod ihres Mannes blüht Cora Seaborne förmlich auf. Sie ist eine wohlhabende Frau, die nun ihrer neu entfachten Leidenschaft für Geologie und Naturkunde nachgehen will. Normalerweise gehört sich solch ein Verhalten für eine Frau ihres Standes nicht und auch so stößt sie nicht gerade auf Begeisterung ihrer Kinderfrau Martha, die sich sehr um ihren Sohn Francis bemüht. Da kommen ihr die Neuigkeiten aus Essex gerade recht.<br /><br />"Stellen Sie sich nur vor, wir könnten an einem so langweiligen Ort wie Essex einem solchen Tier begegnen! Stellen Sie sich vor, was das bedeuten würde ... Es wäre ein weiterer Beweis dafür, wie alt unsere Erde ist, und dass wir unser Leben der natürlichen Entwicklung verdanken und nicht irgendeiner Gottheit ..."<br /><br />In Essex lernen sie Pfarrer William und seine Frau Stella kennen, ihre Ansichten könnten kaum unterschiedlicher sein. Während Cora und Stella sich für die Mythen begeistern können, möchte William, dass endlich wieder Ruhe in seiner Gemeinde einkehrt. Neben mehrerer Dispute kommen sich Will und Cora zusehend näher, was von seiner kranken Frau, so scheint es, noch zusätzlich unterstützt wird. Stella wird zur verständnisvollen Freundin für Francis und hofft gemeinsam mit ihm dem ganzen Spuk bald ein Ende setzen zu können. Doch wird ihr das gelingen? Was wird aus Cora und was hat der Wundarzt mit der ganzen Sache zutun? Und werden sie die Schlange jemals zu Gesicht bekommen? <br /><br />"Oh ja, es ist teuflisch zu wissen, dass das Jüngste Gericht bevorsteht und keiner sich verstecken kann; aber Sie hoffen darauf, nicht war, sie hoffen; Sie werden alles auf sich nehmen, Hauptsache, Sie bekommen es mit eigenen Augen zu sehen ..."<br /><br />Nicht nur die Sprache macht diesen Roman so einzigartig. Sarah Perry erschafft ein faszinierendes Gesamtbild aus Neid, Angst, Aberglaube, Mythen, Liebe und Krankheit. Wir tauchen ein in das viktorianische Zeitalter und lernen neben historischen Missständen in London viel über das damals vorherrschende Standbild und die Klassengesellschaft kennen. Schon recht früh meint man den Ausgang der Geschichte erahnen zu können, doch die weiterführende Handlung überrascht; meiner Erwartungshaltung hingegen kann sie nicht ganz Stand halten. <br /><br />"Wir glauben zu wissen, in welche Richtung wir zielen müssen, und vielleicht liegen wir gar nicht so falsch ... Aber dann am nächsten Morgen sehen wir alles in einem anderen Licht und merken, dass wir uns vielleicht doch in der Richtung geirrt haben."<br />

Veröffentlicht am 28.08.2017

Von Schregeln und Glücksziplinen

Lebe nach deinen eigenen Regeln
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"Lebe nach deinen eigenen Regeln" oder lerne Vishen Lakhianis Gesetze und Anregungen kennen. Von Ratgebern kann man ja immer halten, was man mag - entweder passt es zu einem und seiner Lebensansicht oder ...

"Lebe nach deinen eigenen Regeln" oder lerne Vishen Lakhianis Gesetze und Anregungen kennen. Von Ratgebern kann man ja immer halten, was man mag - entweder passt es zu einem und seiner Lebensansicht oder eben nicht. Dieses Buch war für mich allerdings eine große Herausforderung. Den Autor würde ich schon als eine Art Guru betrachten, der weiß, worüber er spricht und was er vermitteln möchte. Allerdings eckt er mit seiner Einstellung häufig bei mir an, sodass es zunächst eher eine Art Hassliebe wird. So ist auch seine Einstellung gegenüber Religion für mich etwas kontrovers zu sehen. So werden in Kapiteln wie "Die Lügen, die wir glauben wollen", "Die Merkwürdigkeiten der Kultur" oder "Wie sich unsere Überzeugungen auf Aussehen und Gesundheit auswirken" Behauptungen und Zusammenhänge aufgestellt, denen ich überhaupt nicht folgen kann und auch nich als richtig erachte. Vieles kann man in verschiedenen Richtungen deuten und hier versucht der Autor ganz klar uns von seiner, doch etwas fraglichen, zu überzeugen.<br /><br /><br />Das Buch ist in 4 grobe Abschnitte geteilt, von denen für mich gerade mal zwei entscheidend sind und mit denen man auch arbeiten kann. Es ist großteils leider ein 'in den nächsten Kapiteln werden wir folgendes betrachten'-Verweis oder eine Art Selbstdarstellung mit Eigenwerbung für das, was Lakhiani in seinem Leben bisher aufgebaut hat. Teilweise schildert er sehr überspitzt seine Ansichten, welches zum Denken und Aufregen einlädt. Es ist dadurch auch kein klassischer 'ich erarbeite mit Dir etwas'-Ratgeber wie man ihn hier erwarten würde. <br /><br /><br />Ich bin ein großer Freund seines Glücksziplinsystems, welches den Ursprung in Dankbarkeit, Vergebung und Geben sieht. Seine Unterscheidung zwischen Zweckzielen und Bestimmungszielen sowie sein 3-teiliger Bauplan der Seele sind durchaus gut durchdacht und greifbar. Das Wesentliche dieses Buch bildet für mich jedoch erst der Anhang mit seinen "Tools für die Reise" - Zusammenfassung und Anwendungen.<br /><br /><br />Insgesamt komme ich so zu dem Schluss, dass man dieses recht mächtige Werk sehr stark auf nur einzelne Kapitel reduzieren kann, die dann auch recht hilfreich daherkommen. Was man daraus macht und wie man damit umgeht und ob man bestehende Regeln durch seine vorgeschlagenen Gesetze und Worterfindungen ersetzt, ist dann wiederum jedem selbst überlassen.

Veröffentlicht am 26.08.2017

mehr als nur ein Krimi

Ein angesehener Mann
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"I sat back on the bed and, not for the first time, questioned what I was doing out here, in this country where the natives despised you and climate drove you mad and the water could kill you. And not ...

"I sat back on the bed and, not for the first time, questioned what I was doing out here, in this country where the natives despised you and climate drove you mad and the water could kill you. And not just the water, pretty much everything out here seemed designed to kill an Englishman..." <br /><br />A RISING MAN - ein Buch, welches mich ab der ersten Seite nicht mehr losgelassen hat. Diese Geschichte spielt im alten Calcutta, Indien in der Zeit um 1919, als der frisch versetzte Sam Wyndham dort auf seinen ersten Fall stößt.<br /><br />Der Krimi als solches hat einen recht standardmäßigen Ablauf - ein mysteriöser Mord, die Ermittlungen folgen, Zeugenbefragungen, eine Festnahme, es war der Falsche und am Ende ist es dann doch jemand aus dem näheren Umfeld, mit dem man nicht unbedingt gerechnet hatte. Abir Mukherjee schafft es jedoch den Leser mit dieser Geschichte vollkommen zu fesseln und in die damalige Zeit eintauchen zu lassen. Hinzu kommen die verschiedenen Charaktere, die diese Geschichte so emotional aufgeladen und greifbar machen. Es ist nicht nur ein einfacher Krimi, es ist die Mischung aus historischen Fakten, gesellschaftlichen Konflikten, faszinierenden Charakteren, Verstrickungen, Spannung und Humor, die dieses Buch für mich zu einem absolut großartigen Kriminalroman und Auftakt einer Serie machen. Im englischen Original ein absoluter Lesetipp - auch für Nicht-Krimifans (wie mich) geeignet.

Veröffentlicht am 26.08.2017

Du solltest mehr Welt hineinlassen

Was man von hier aus sehen kann
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Ich hatte ja bereits - dank zahlreicher begeisterter Rezensionen - meine Erwartungen an dieses Buch recht hoch angeschraubt, aber Mariana Leky hat mit ihrem Roman diese eindeutig mehr als übertroffen. ...

Ich hatte ja bereits - dank zahlreicher begeisterter Rezensionen - meine Erwartungen an dieses Buch recht hoch angeschraubt, aber Mariana Leky hat mit ihrem Roman diese eindeutig mehr als übertroffen. Bereits der Prolog zeigt, dass es sich hierbei um ein literarisches Highlight dieses Jahres handelt. Es ist ein nahezu perfektes Konglomerat aus Überraschungen, Unterhaltung, Weisheiten, Witz, Liebe und Trauer gepaart mit reichlichen Situationen, die man auch in seinem eigenen Leben wiederfindet - sei es der rasende Buschfunk innerhalb des Dorfes, die Eigenarten und schrulligen Macken einzelner Hauptfiguren, die Begeisterung für den Buddhismus oder andere Länder und Ängste über seine eigenen Schatten zu springen. Diese Geschichte zeigt uns, dass man sich die Abenteuer für die man gemacht ist nicht immer aussuchen kann und Veränderungen manchmal auch ganz plötzlich und ohne Worte geschehen, doch alles am Ende irgendwie auch gut läuft, sofern man es sich auch eingesteht. Ohne zu viel vorweg zu nehmen ist Was man von hier aus sehen kann einfach eine Bereicherung für jedes Bücherregal und ein Buch welches auch noch langfristig beschäftigen wird - zumindest ist mein Kopf auch noch nach Stunden voller Gedanken und irgendwie doch ganz leer.

Veröffentlicht am 26.08.2017

Vergangenheit kann eine Stütze sein, aber auch alles gefährden

Das Glück meines Bruders
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<br />Für das Buch "Das Glück meines Bruders" bewundere ich Stefan Ferdinand Etgeton sehr. Er schafft es aus der Darstellung einer Familiengeschichte ein tragisches, philosophisches, gesellschaftskritisches, ...

<br />Für das Buch "Das Glück meines Bruders" bewundere ich Stefan Ferdinand Etgeton sehr. Er schafft es aus der Darstellung einer Familiengeschichte ein tragisches, philosophisches, gesellschaftskritisches, poetisches und mitreißendes Gesamtwerk zu machen. Eigentlich geht es um die Geschichte zweier Brüder. Zweier Brüder, die mit einem Ausflug in das Dorf ihrer Großeltern ihre Vergangenheit und nicht einfache Kindheit endgültig abschließen wollen, bevor das ganze Dorf dem Erdboden gleichgemacht wird. Zum einen handelt es von Arno, dem älteren Bruder, der aufgrund traumatischer Ereignisse und darauf folgende Abstürze etwas zurückgeblieben ist, seine Vergangenheit einfach nur auslöschen will und Halt in seinem Leben sucht. Zum anderen von Betho, der immer irgendwie der Reifere war und sich an seine Vergangenheit klammert. Niemand hätte gedacht, dass nach dieser Reise , Bethos Welt komplett zusammenbricht und in einer Art Sinnfrage des Lebens endet und Arno gar der Glücklichere von beiden wird.<br /><br /><br />Hierzu möchte ich gerne ein Zitat des Buches wiedergeben, welches das Gesamtbild dann doch sehr gut umfasst:<br />"Da war die Schaukel. Die Schaukel, die Kindern eine Idee von Grenzenlosiigkeit geben kann, auf der man versuchen kann, zu entkommen und wegzufliegen in einer andere Galaxie, in eine neue Freiheit: Ein bisschen mehr Schwung, noch ein bisschen mehr Schwung, dann schafft man es. Man muss versuchen, sich mit Armen und Beinen, dem ganzen Leib kräftiger reinzulegen in die fallende Schaukel und dann hochzuschwingen und alles aus der Verankerung zu reißen und raus in den Himmel! Bewegung, Kraft, Kraft! Aber am Ende fliegt doch niemand mitsamt der Schaukel hinaus ins Irgendwo. Alle sinken immer wieder zur Erde zurück, werden auf den Grund zurückgeholt, und selbst der nächste Versuch und der übbernächste, sie alle bleiben erfolglos. Man kann diese Welt nicht hinter sich lassen, zumindest nicht auf einer Schaukel sitzend."<br /><br /><br />Obwohl es sich um ein, wie ich finde, großartiges Buch handelt, gibt es meinerseits auch ein paar kritische Anmerkungen. Die sehr verschachtelten und langen Sätze machen es an einigen Stellen recht schwer dem nicht enden wollendem Gedankenstrang zu folgen, sodass man sich teilweise recht intensiv mit dem Gelesenem auseinandersetzen muss. Der Spannungsbogen konzentriert sich hauptsächlich auf die mittleren Kapitel. Nach der eigentlichen Wendung ebbt die Spannung rasant ab und wir befinden uns einzig und allein in der Sinnfrage.