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Veröffentlicht am 03.03.2026

Jetzt wirklich?!

Lázár
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Ich bin ehrlich gesagt etwas überrascht von den vielen positiven Rezensionen und den sich fast schon überschlagenden Berichten zu Nelio Biedermanns Roman „Lazár“ in den Medien. Worte wie „Ausnahmetalent“ ...

Ich bin ehrlich gesagt etwas überrascht von den vielen positiven Rezensionen und den sich fast schon überschlagenden Berichten zu Nelio Biedermanns Roman „Lazár“ in den Medien. Worte wie „Ausnahmetalent“ oder „Donnerschlag“ sind gefallen und dann schaue ich mir die ersten Seiten dieses Romans wieder an und frage mich, was ich nicht verstanden habe. An sich klingt dieser Roman nach einer interessanten Geschichte. Wir begleiten eine ungarische Adelsfamilie über mehrere Generationen hinweg durch die Wirrungen und Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Lügen und Geheimnisse, ein auffälliges Kind mit durchscheinender Haut, eine düstere Atmosphäre… eigentlich Dinge, die ich in Romanen gerne mag, aber in dieser Form fand ich’s leider eher verstörend. Lazár, der sich ohne Geschlechtsverkehr nicht männlich genug fühlt, der „gewaltige Hintern“ der Köchin der nicht durch die Tür passt, die (Sex)Fantasien a la „Márias Körper war zu einem Symbol, zur Tempelruine einer längst erloschenen Religion geworden, während Frau Virágs Körper Stätte eines blühenden Glaubens war, dem Sándor regelmäßig huldigte, indem er in ihren feuchten Schoß stieß, mit seiner Zunge den Schmutz von ihren Fußsohlen leckte, seine Nase in ihre Achselhöhlen grub und ihren Hintern auf seinem Gesicht platzierte. Unter diesem konnte er alles vergessen…“, reihen sich an emotionslose, langweilige Beschreibungen oder selbstverletzende Szenen wie „Mária […] stand […] auf und ging ins Bad, um sich die Arme aufzuschneiden. Der brennende Schmerz und der Anblick der dünnen roten Rinnsale auf dem weißen Porzellan des Waschbeckens gaben ihr Kraft. Anschließend wusch sie unter fließendem Wasser ihr Blut von der Klinge und legte sie exakt so zurück, wie ihr Mann sie hinterlassen hatte.“
Erstaunlich wie viel nackte Haut in so einer Familiengeschichte stecken kann und wenn man das gern als „poetische Bilder“ deuten möchte oder hier einen Roman mit Wucht (haha) sehen möchte… okay. Mir wars tatsächlich zu blöd und ich habe dieses Buch nach knapp 70 Seiten gelangweilt und etwas verstört wieder weggelegt, vielleicht verpasse ich nun die große Handlung und hätte am Ende dann auch gesagt, dass dieser Roman ein großer Wurf ist, aber ich habe echt keine Lust mehr auf solch unerwartete Penisgeschichten.
Und eine Triggerwarnung hätte ich irgendwie auch schön gefunden, wenn sich Protagonistinnen schon ritzen und dann gleich wieder zur Tagesordnung übergehen und da hab ich die mögliche Vergewaltigung noch gar nicht erwähnt.

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Veröffentlicht am 03.03.2026

Ein sehr komplexes, großartig durchdachtes Schauspiel

Die Probe
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„Die Probe“ von Katie Kitamura [aus dem Englischen von Henning Ahrens] war für mich im letzten Jahr ein ganz großes Lesehighlight und ich habe noch sehr lange nach der Lektüre über die beschriebenen Dinge ...


„Die Probe“ von Katie Kitamura [aus dem Englischen von Henning Ahrens] war für mich im letzten Jahr ein ganz großes Lesehighlight und ich habe noch sehr lange nach der Lektüre über die beschriebenen Dinge nachgedacht. Zunächst beginnt dieser Roman eher harmlos mit einem Treffen zwischen der Protagonistin und bekannten Schauspielerin, die am Theater für die Premiere eines Stücks probt, und einem jungen Mann. Sie sitzen zu Mittag in einem Restaurant - er muss ihr unbedingt etwas sagen. Sie hält es für einen Annäherungsversuch und möchte ihn möglichst auf Abstand halten, doch das was er dann sagt, hat eine deutlich größere Bedeutung. Xavier behauptet ihr Sohn zu sein. Er hätte nach seiner Mutter gesucht, alles genauestens recherchiert und sei sich bei ihr 100%ig sicher. Doch sie hatte nie ein Kind, sie könnte es aufklären, aber irgendwas hält sie zurück. Ihr erstes Treffen endet ruckartig, als Tomas, der Mann der Protagonistin das Restaurant durchschritt und wieder hinausging. Xavier bleibt da noch am Tisch sitzen, aber nach und nach nimmt er immer größere Räume im Theater und später auch in ihrem Leben ein. Oder doch nur in diesem Stück?

„Wir hatten Rollen gespielt, und eine Zeitlang - solange wir unsere jeweilige Rolle im Griff gehabt und in dem trügerischen Konstrukt mitgespielt hatten, das man Familie nennt, anders gesagt in der Geschichte, die einer dem anderen erzählt -, hatte alles reibungslos funktioniert. Doch je tiefer die Komplizenschaft geht, je länger sie währt, desto enger die Spielräume, desto strikter und bindender die Vereinbarung, und am Ende bedurfte es wenig, um alles zusammenbrechen zu lassen. Es war, als wäre eine Pause ausgerufen worden, als wäre uns beiden schlagartig aufgegangen, dass sein Text mangelhaft, meine Charakterisierung ungenügend, der gesamte Plot fehlerhaft und unplausibel war.“


Ich habe aufgrund dieses Romans sehr viel über die Wirkung, die Diskrepanz zwischen eigener und äußerer Wahrnehmung, über zwischenmenschliche Beziehungen und die Literatur an sich nachgedacht. Für mich ist dieser Roman mit diesen ganzen feinen, geschilderten Beobachtungen und Gedanken, sowie dem Plot sehr große Kunst, denn nicht nur durch die Aufteilung in zwei Teile, wird man plötzlich in eine ganz andere Realität geworfen, in der man sich als Lesende*r neu zurechtfinden muss, auch die Interpretationsmöglichkeiten und Perspektiven (ohne nun zu viel verraten zu wollen) innerhalb einzelner Szenen sind sehr vielfältig. Bereits die Anfangsszene fasziniert mich, denn von außen betrachtet, könnte es fast wie ein Date aussehen, während ihr selbst dieses Treffen eher unangenehm ist. Und als der Mann der Protagonistin zufällig auch in dieses Restaurant tritt und sie gar nicht wahrnimmt… so als würden ihre Leben scheinbar aneinander vorbei laufen… hatte es bildlich schon sehr viel von einem inszenierten Theaterstück. Auch während des Lesens fragte ich mich häufig, ob es dieses Stück, dieses Buch ist, für das die Figuren die ganze Zeit proben oder es einfach so ein geniales Abdriften ins Chaos ist, mit dessen Ende auch der Vorhang fällt und das Stück endet. Wer besetzt eigentlich welche Rollen, nimmt plötzlich neue Rollen ein und ist das ganze Leben vielleicht ein komplexes Rollenspiel? Wir nehmen wir andere? Welche Funktionen erfüllen wir? Dieses Buch hat so etwas sehr philosophisches, man könnte ewig darüber reden, rätseln, deuten… und das… woah. Ich war schon von „Intimitäten“ sehr begeistert, aber hiermit legt Kitamura noch einmal so eine Schippe drauf. Sehr, sehr toll!

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Veröffentlicht am 26.08.2025

„Das Meer ist ein gefährliches Wesen“

Das Geschenk des Meeres
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Dieser Roman zeigt sehr eindrucksvoll, wie viel Einfluss Erziehung und Erlebtes auf das weitere Leben haben können und wie man sich dabei oft selbst im Wege steht. Wir Leser*innen lernen Dorothys Geschichte ...

Dieser Roman zeigt sehr eindrucksvoll, wie viel Einfluss Erziehung und Erlebtes auf das weitere Leben haben können und wie man sich dabei oft selbst im Wege steht. Wir Leser*innen lernen Dorothys Geschichte kennen. Anhand unterschiedlicher Figuren blicken wir auf ihre Ankunft im Dorf, ihre Arbeit in Skerry, ihre Verliebtheit und Ängste, sowie den Neid der Anderen. Dorothy verliebt sich sehr schnell in den Fischer Joseph, der ihr Haus repariert und sich auch sonst gern um sie kümmert, doch die Blicke und Tratscherei der anderen verschrecken sie viel zu schnell. Die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter hat so einige Spuren hinterlassen. Und die Geschichte, sowie der Verlust ihren Sohnes, taten ihr übriges. Trotz vollstem Verständnis für die Entwicklungen und ihr Verhalten, hat die Protagonistin dieses Romans mich wahnsinnig gemacht. Wie gern hätte ich sie mal (in dem sehr langen Mittelteil) geschüttelt oder ein „Sprich, doch endlich“ zugerufen, sie reimt sich viel zu viel zusammen, hält von allen Abstand, wirkt viel zu stolz und lebt mehr in ihrer eigenen Welt. Und doch wünscht sich nur Wärme und Geborgenheit. Und eben Joseph. Den Einstieg und diese leicht mystisch, verwunschene Gegend, die Atmosphäre und das raue Meer habe ich an diesem Buch sehr geliebt. Auch die Hintergründe fand ich toll, doch die Tragik, Verletztheit und die ‚zufälligen Entwicklungen‘ fand ich dafür an einigen Stellen etwas zu drüber oder sehr hinziehend, vorhersehbar… dennoch ist es ein toller, leicht psychologischer Roman, gerade für Menschen, die gerne Bücher mit dramatischen Liebesbeziehungen lesen oder so einigen Geheimnissen auf die Spur kommen wollen. Woher kommt der Junge? Welche Verbindung gibt es zu ihrem Sohn? Was ist damals geschehen? Warum zieht Dorothy sich so zurück? Und welche Rolle spielt Joseph in dem Ganzen?

„Die Erinnerungen kommen zurück wie Träume, die sich auflösen, wenn sie versucht, sie festzuhalten.“

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Veröffentlicht am 29.07.2025

Vom Träumen, dem harten Alltag und dem rauen Meer

Der Krabbenfischer
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„Das Meer ist so weit draußen, dass es nicht mehr als ein Versprechen ist, auf das nur Verrückte vertrauen. Das alte Versprechen von Ebbe und Flut…“

In Benjamin Woods Roman „Der Krabbenfischer“ [Ü: Werner ...

„Das Meer ist so weit draußen, dass es nicht mehr als ein Versprechen ist, auf das nur Verrückte vertrauen. Das alte Versprechen von Ebbe und Flut…“

In Benjamin Woods Roman „Der Krabbenfischer“ [Ü: Werner Löcher-Lawrence] tauchen wir ein den Alltag des titelgebenden Protagonisten. Jeden Tag fährt Thomas Flett hinaus, dorthin wohin sich das Meer zurückzieht. Während alle anderen bereits auf Motorschlepper setzen, ist er der letzte, der noch mit Pferd und Kutsche hinaus fährt um bei Niedrigwasser Krabben zu fangen um damit den Lebensunterhalt für sich und seine Mutter zu bestreiten. Mehr können sie sich momentan eh nicht leisten. Die beiden leben in eher ärmlichen Verhältnissen, kämpfen sich von Schulden zu Schulden und wohnen in einem kleinen, reparaturbedürftigen Haus etwas abgeschieden in Longferry. Der gerade mal zwanzigjährige hat seinen Vater nie kennengelernt. Die Schule musste er abbrechen um seinen Großvater bei seiner Arbeit zu unterstützen. Von ihm lernte er alles über das Meer, die Gezeiten und Senklöcher, die Krabben und das Handwerk - das ist auch das einzige, was ihm geblieben ist.

Und das wäre vermutlich auch alles so weitergegangen, hätte der amerikanische Regisseur Edgar Acheson auf der Suche nach einer passenden Kulisse für eine Buchverfilmung, ihn nicht am Strand gesehen. Er heuert Thomas an ihn zu begleiten und ihm das Meer bei Nebel zu zeigen. Die Bezahlung ist mehr als gut und lässt Thomas für einen kurzen Moment atmen. Schon am Abend fahren sie hinaus.

„Er hat das Gefühl, etwas an seinem Schicksal könnte sich zum Besseren wenden. All die trostlosen Schichten am Meer, die unbelohnt geblieben sind. Die unermüdlichen Gebete seiner Ma vorm Schlafengehen. Nun, endlich fällt etwas für sie ab, ein paar Glücksreste, von denen sie das Fleisch abnagen können. Es ist ewig her, dass er ohne ein grummelndes Grauen im Magen diesen Weg entlanggefahren ist und sich auf den Abend und die Nacht gefreut hat.“

Doch ganz so einfach, wie gedacht wird es nicht. Edgar möchte immer weiter hinaus, das Meer aus der Nähe sehen, die dortige Atmosphäre einfangen. Der Nebel wird immer dichter; die Anspannung auch.

„At first light we wake/ to gulls in the shallows/ tack up our horses/ pack up the cart
The pier is bright/ with lamps still burning/ once weve arrived/ were so nearly departed
Lord, give me life enough to do this again/ to rise with the tide in the morning at Longferry/ Let me go home with the whiskets full of the shrimp/ bury me here in these waters/ so I can be a seascraper/ a seascraper forever“

Dieser Roman hat so eine ganz besondere Atmosphäre. Man taucht sehr schnell in die ‚ländlichen’ Sechzigerjahre ein, spürt förmlich das raue, herbe Wetter an der See, die Kraftanstrengungen, das Überwasserhalten. Woods erzählt in seinem Roman vom Leben eines einfachen Krabbenfischers, dem das Schicksal bislang nie etwas Gutes wollte… bis zu eben jenem Treffen, das für ihn alles verändern soll und ihm ein Stück weit die Welt öffnet; ihn erneut träumen lässt. (Lebens-)Träume wäre vielleicht das übergeordnete Motiv dieses Romans. Während den Regisseur die bestmögliche Verfilmung eines Buches antreibt, für das er alles hergeben würde, so ist es bei Thomas etwas, das ihm durch seinen Alltag viel zu sehr entgleitet - die Liebe zur Musik und Joan, der Schwester eines Freundes. Beim Lesen musste ich häufig an Myers „offene See“ denken, das ähnlich ruhig und besonnen von einer sich entwickelnden Freundschaft und die sich damit öffnende Welt erzählt… auch zwischen Thomas und Edgar erspinnt sich trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe ein Band und eine Verbindung, die vielleicht sogar weit über diesen Roman hinausgeht. Gern wäre ich den beiden noch weiter gefolgt und wünsche mir nun einen zweiten Teil, sowie ein bisschen Hoffnung und Mut für die beiden.

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Veröffentlicht am 23.06.2025

Wenn aus Freundschaft Liebe wird?!- Geordnete Verhältnisse von Lana Lux

Geordnete Verhältnisse
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Die Autorin Lana Lux verbinde ich generell mit großen, schweren und intensiven Themen. Bereits ihr Debüt "Kukolka" hat mich sehr verstört und lange nicht mehr losgelassen und irgendwie erwartete ich nun ...

Die Autorin Lana Lux verbinde ich generell mit großen, schweren und intensiven Themen. Bereits ihr Debüt "Kukolka" hat mich sehr verstört und lange nicht mehr losgelassen und irgendwie erwartete ich nun auch bei "Geordnete Verhältnisse", ein Roman über eine toxische Beziehung, Wut und Obsession, etwas ähnlich krasses, schmerzhaftes und gewaltiges.

"Als ich am 3.März 1996 zehn Kerzen auf meiner halb gefrorenen Coppenrath & Wiese-Geburtstagstorte auspustete, wünschte ich mir einen besten Freund. Ich hatte diesen Wunsch schon das letzte und vorletzte Jahr gehabt. Ja im Grunde, seit ich denken kann." sind die ersten Zeilen dieses Romans, die mich binnen Sekunden in diese Geschichte hineinsogen und emotional packten. Philipp ist mit seinen roten Haaren und unzähligen Sommersprossen mehr oder minder einzigartig an der katholischen Grundschule; ein auffälliger, kleiner Außenseiter zwischen all den gläubigen, türkischen und arabischen, wie juguslawischen Flüchtlingskindern. "... rote Haare, Sommersprossen sind des Teufels Volksgenossen", wie Tante Martha es schon sagte. "Feuerwanze, Streichholz, Karotte, Pumuckl und sogar Pipi Langstrumpf" wären dann die weiteren gemeinen Spitznamen, die die anderen Kinder sich ausdachten, ihn damit aufzogen und sich damit noch zusätzlich zu seinem Problem mit dem Einnässen, das er nie so ganz los wird, lustig machten.
Und ja, es hätte schon an diesem Punkt ein sehr intensives Leseerlebnis werden können, schließlich gäbe es da noch die alkoholkranke Mutter, aber mit Faina soll sich nun alles zum Besseren wenden. Das zehnjährige, rothaarige Mädchen aus der Ukraine, taucht eines Tages in der Schule auf, wird erst Philipps Banknachbarin, später gar "Seelenverwandte", der er allesmögliche beibringen kann und die ihn auffängt, ihn im Laufe der Zeit mit all seinen Ecken und Kanten, Macken und Wutausbrüchen wirklich kennenlernt. Bis sich dann aus dieser Freundschaft eine Beziehung entwickelt, die weitreichende Folgen hat. Denn natürlich geht es nicht ohne weitere Streitigkeiten, nähere, wie entferntere Phasen, die mehr und mehr in dunkle Abgründe abrutschen, von Stalking begleitet werden und in einem steten Kampf um Eigenständigkeit, sowie finanzielle Selbständigkeit enden. Und gerade wenn man dann, wie Faina, keinen Bilderbuchlebensweg nachzuweisen hat und plötzlich verschuldet, obdachlos und schwanger ist... nun ja, mehr dann im Roman.

"Wer unsere Beziehung nicht kennt, könnte den Eindruck bekommen, ich würde sie stalken. Es ist aber kein Stalking, weil ihr nämlich sehr bewusst ist, dass ich mir ihr Profil ansehe. Faina ist nicht dumm. Falls sie nicht wollen würde, dass ich ihre Bilder und Statusmeldungen lese, hätte sie mich entfreundet oder blockiert. Hat sie aber nicht gemacht, sondern lediglich ihre ganzen Passwörter geändert. Und warum hat sie mich nicht blockiert? Richtig, damit sie mir ihre tollen Reisen, Partys, Freunde, ja ihr ganzes tolles Leben unter die Nase reiben kann. Siehst du, Philipp, wie gut es mir ohne dich geht?"

Ich bin ehrlich, so richtig euphorisch gepackt hat mich "Geordnete Verhältnisse" leider nicht. War der Anfang noch recht intensiv und traurig-schön, wie bewegend so wurde Philipps Werdegang und seine Ansichten mit der Zeit bzw. nach ca. 60 Seiten doch eher anstrengend und nervig. Der nächste Abschnitt und damit Fainas Erzählstimme, ließen mich zunächst wieder etwas aufatmen, aber irgendwie hatte mich dieses Buch bereits da verloren. An vielen Stellen habe ich tiefgründigere Auseinandersetzungen und Einblicke in die Gedankenwelt der beiden vermisst oder ich konnte einzelne Entscheidungen einfach nicht richtig greifen. Diese Abhängigkeit und Nähe zwischen Faina und Philipp, sind wie im echten Leben bei Betroffenen häuslicher, wie psychischer Gewalt und Druck nicht immer erklärlich und doch gab es im weiteren Verlauf eine gewisse Distanz zwischen mir und den beiden Protagonisten. Das Fortschreiten und die Entwicklung dieses Romans waren dann auch eher eine logische Konsequenz, die trotz aller Härte kaum etwas in mir auslöste, noch schockierte. Vielleicht liegt es daran, dass gerade in der letzten Zeit immer häufiger über toxische Beziehungen und Gewalt geschrieben, wie gesprochen wird, vielleicht habe ich auch einfach sehr intensive, andere Auseinandersetzungen mit diesem/über dieses Thema gelesen oder ich bin in diesem Punkt gerade etwas 'müde'. Jedenfalls irgendwo hat es gehakt... Das macht dieses Buch nun ganz gewiss nicht schlecht, um Gottes Willen, denn Lana Lux zeigt doch sehr eindrucksvoll die Entwicklung von Traumata, Schieflagen in der Kindheit und deren Folgen, wie Auswirkungen im späteren Leben bis hin zu Abhängigkeiten, Unterdrückung und Obsessionen, nur so eine nachdrückliche Leseempfehlung kann ich hier einfach nicht aussprechen.

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