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Veröffentlicht am 15.05.2020

"Wer allein bleibt, den frisst der Wolf" - Cihan Acars bedrückender Streifzug durch Heilbronn und sein Problemviertel "Hawaii"

Hawaii
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"Hawaii" ist sprachlich wie inhaltlich für mich ein sehr tolles Buch. Ich habe es mitten in einer Zeit gelesen, in der ich mich kaum auf etwas konzentrieren konnte und recht wenig Lust auf Bücher hatte ...

"Hawaii" ist sprachlich wie inhaltlich für mich ein sehr tolles Buch. Ich habe es mitten in einer Zeit gelesen, in der ich mich kaum auf etwas konzentrieren konnte und recht wenig Lust auf Bücher hatte und doch hat dieser Roman gleich mit den ersten Abschnitten bei mir eingeschlagen.

"Meine Eltern wollten eigentlich auch nicht hierher. Davor lebten wir in einem der vielen Dörfer, die es um Heilbronn herum gibt. Im ganzen Ort gab es außer uns nur zwei andere türkische Familien, aber wir kamen gut zurecht. Dann meldete der Vermieter Eigenbedarf an und wir mussten raus. Auf die Schnelle fand mein Vater nur im Hawaii was Neues."

Cihan Acar erzählt die Geschichte eines türkischen Fußballprofis, der aufgrund eines blöden Unfalls seine ganze Zukunft versaut und seinen linken Fuß demoliert hat. Dieser Roman spielt allerdings nicht in der Türkei sondern in Heilbronn oder besser gesagt in Hawaii, dem Problembezirk der Stadt. Wir begleiten den einundzwanzigjährigen Kemal Arslan zwei Tage und drei Nächte lang, besuchen mit ihm eine Hochzeit, ein Striplokal, eine Kneipe, ein Wettbüro ... und treffen auf Freunde, ihm gegenüber positiv gestimmte Menschen, aber auch Rassisten. Nachdem ihm alles weggebrochen scheint, versucht Kemal erneut Halt zu finden. Seine Familie lebt in Heilbronn und auch er ist zurückgekehrt. Vom einstigen Star ist beinahe nichts mehr geblieben, einige Menschen erkennen ihn noch und sein ramponierter Jaguar wartet in der Tiefgarage auf seine Reparatur, aber sonst? Nichts. Er ist pleite und beinahe schon verzweifelt versucht er nun irgendwie wieder aus diesem Loch herauszukommen. Kemal bemüht sich um Arbeit, möchte seine einstige Liebe, die er für den Fußball aufgegeben hat, erneut für sich gewinnen und lässt sich treiben. Doch es ist nichts mehr wie es mal war. In der Stadt braut sich was zusammen, die Stimmung wird rauer und dann ist er auch schon mittendrin...

"Ich starrte lange in den fleckigen Spiegel, doch da war niemand. Ein Niemand ohne Geld, ohne Job, ohne Aufgabe. Ohne Sina, ohne Sinn."

Dieser Roman hat bei mir einiges an Gedanken losgetreten. Normalerweise liest man ja immer von Geflüchteten, die zu Migranten werden oder von Integrationsproblemen, doch was ist, wenn man die Stadt für etwas 'besseres' verlässt, fällt und dann nach Jahren zurückkehrt? Kemal sucht erneut Halt, eine Zukunft, ein Ziel und das in einer Stadt, in der er sich eigentlich gut auskennt, doch das scheint schwieriger als erwartet und die allgemeine Situation macht es nicht gerade einfacher sich willkommen/angekommen zu fühlen. Es ist ein Buch voller Sehnsucht, Illusion und Einsamkeit, aber auch der großen Hoffnung die Zeit zurückdrehen zu können. Cihan Acar beschreibt für mich Deutschland noch einmal von einer anderen Seite und zeigt Probleme auf, ohne verurteilend, angreifend oder überzogen zu sein. Es treffen verschiedene Menschen bzw. Mentalitäten und Gesellschaftsschichten aufeinander und gerade das macht dieses Buch für mich so faszinierend. Natürlich gibt "Hawaii" keine konkreten Wegweiser aus dieser Situation hinaus. Und selbst, wenn es sich hier um einen fiktionalen Roman handelt, so zeigt er doch diesen schwierigen Punkt, an dem sich die Gesellschaft momentan befindet und wie alles ausarten kann. Gedanklich wird mich dieses Buch sicherlich noch eine Weile begleiten und ich hoffe tatsächlich, dass dies nicht der einzige Roman von Cihan Acar bleiben wird. Sehr toll!.

"Wie lange wollt ihr noch streiten da unten, wann seht ihr es endlich ein, dass ihr alle gleich seid? Ich schaue mir das nicht länger an, nein, ich heize euch jetzt mal so richtig ein, und zwar so lange, bis ihr entweder zur Vernunft kommt oder endlich in den Kampf zieht. Krieg oder Frieden..."

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Veröffentlicht am 15.05.2020

"Die Kartographie der Hölle" - Eine Höllenfahrt, im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Kartographie der Hölle
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"Die Kartographie der Hölle" von Knud Romer hat mich insgesamt mehr gefordert als erwartet. An sich weiß ich auch gar nicht was ich wirklich sagen soll, denn dieser autofiktionale Roman hat für mich sehr ...

"Die Kartographie der Hölle" von Knud Romer hat mich insgesamt mehr gefordert als erwartet. An sich weiß ich auch gar nicht was ich wirklich sagen soll, denn dieser autofiktionale Roman hat für mich sehr stark angefangen und sich dann doch recht schnell verloren, sich in den wirren Verstrickungen des Protagonisten Knud verfangen und mich schlussendlich auf die Palme gebracht. Ich würde nun gerne behaupten, die aktuellen Umstände seien schuld am Missfallen, aber viel mehr war es der nervige, depressive, drogenaffine Abstieg, das durchs Leben Wuseln und die Antipathie, die eine sehr große Rolle spielten.

Knud wächst eigentlich in einem gut situierten Hause auf und hat bereits in frühen Jahren das Ziel einen Roman beim Inselverlag zu veröffentlichen. Es treibt ihn von Nykobing zum Literaturstudium nach Kopenhagen, wo er dann auch eine lange Zeit verbringt. Am Ende werden es 17 Jahre in denen er Literaturwissenschaft studiert. Die Zeit wird geprägt von Drogen, Diebstählen, Unselbständigkeit und Familienhilfe. Durch Zufall schafft er am Ende den Absprung, ergattert einen Job und reißt sich dann doch wieder nur tiefer hinein. Knud beschreibt seinen Werdegang rückblickend und dabei ist das Ganze wie ein beschriebenes, schwarzes, tiefes Loch, das sich recht früh auftut und mit jedem von Knuds Schritten immer tiefer wird. Ihn begleitet dabei stets sein imaginärer amerikanischer Postkarten-Schachfreund M., der, wie sollte es auch anders möglich sein, als CIA-Agentensohn in Teheran lebt und von seinem aufwühlenden, bedrückenden und aufregenden Leben erzählt. Es gibt immer wieder Ausflüchte in verschiedenste Richtungen vom Kalten Krieg, über RAF, CIA, Sex, Party, Drogen, Politik, bis hin zu den Kloaken von Paris. Knud reflektiert sich und seine Situation häufig und kann zwischendurch auch sehr tiefgründig sein, doch am Ende verfällt er eher in Lethargie und steigt immer weiter ab. Und so kommt es dann auch sehr häufig zu Aussagen wie folgender:

"Die ersten dreißig Jahre meines Lebens hatte ich damit verbracht, mir ein Loch zu graben, das so tief war, dass ich mich daraus nicht mehr würde befreien können." oder "Es gab keine Zukunft. Mein Schatten war ein Grab, das man für mich ausgehoben hatte. Ein Schritt vorwärts und ich fiel hinein."

Es ist eine Berichterstattung. Autofiktional, sofern dies wirklich möglich ist, denn das Leben des Autors spielt in seinen Wesenszügen mit hinein. Knud Romer studierte Literaturwissenschaft, lebt in Kopenhagen und ist als Werbefachmann, Kolumnist und Schriftsteller tätig. Er hatte mit "Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod" einen mehrfach ausgezeichneten und kontrovers diskutierten Roman beim Insel Verlag und "die Kartographie der Hölle" soll nun eine Art Fortsetzung darstellen. Knud Romer springt dabei zwischen verschiedenen Gedanken, Schauplätzen und Fakten, aber auch zwischen sich selbst und seinem fiktiven Freund hin und her. An sich könnte man sagen, dass er sein Handwerk versteht und sehr ausdrucksstark schreiben kann, aber in dieser Form war es mir irgendwann einfach zu viel des Guten. Man hatte ständig das Gefühl zwischen zwei verschiedenen Romanen zu springen und ich wollte zunächst eigentlich nur etwas über Knuds Geschichte wissen, wurde dann allerdings durch die immer häufigeren Erzählungen M.s abgelenkt. Knud wurde mir mit beinahe jeder Seite unsympathischer und als es dann um seine eher zufällige Zeit in einer Werbeagentur ging, bin ich gänzlich ausgestiegen. Diese abwertende und generell recht banale bis unwürdige Art hat gerade in dieser Lebenssituationsbeschreibung seinen Höhepunkt erreicht und irgendwie wurde alles nur noch nervig und anstrengend, bis mir dann gänzlich die Lust daran verging. Es hätte ein großartiger Roman über das Leben des Knud Romer sein können, doch diese Höllenfahrt in Buchform machte mich persönlich nur noch aggressiv und je länger ich darüber nachdenke, umso schlimmer wird es.

Ich gebe diesem Buch nun gut gemeinte zwei Sterne, da ich Teil einer Leserunde war, bei der mich die Faszination der anderen Mitleser ein Stück weit angesteckt hat und der erste Abschnitt mir noch sehr zusagte, aber für eine wirkliche Empfehlung meinerseits reicht es in keinster Form.

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Veröffentlicht am 01.05.2020

Pandatage - wie ein Kostüm nahezu alles verändern kann

Pandatage
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"Ein Panda steht für Frieden und Feundschaft" heißt es im Allgemeinen, doch in James Gould-Bourns neuem Roman "Pandatage" erhält dieser normalerweise eher niedliche Gefährte noch eine ganz andere Bedeutung.

Danny ...

"Ein Panda steht für Frieden und Feundschaft" heißt es im Allgemeinen, doch in James Gould-Bourns neuem Roman "Pandatage" erhält dieser normalerweise eher niedliche Gefährte noch eine ganz andere Bedeutung.

Danny Maloony ist absolut kein Glückspilz, alles scheint im Moment den Bach runterzugehen. Seine Frau Liz starb vor einem Jahr bei einem tragischen Autounfall und hinterließ damit eine fürchterlich große Lücke in seinem, aber auch in Williams Leben. Will hatte eine ganz besondere Beziehung zu seiner Mutter. Während Danny hauptsächlich arbeiten ging und kaum Zeit mit ihm verbrachte, war seine Mutter für ihn wie eine gute Freundin, die bessere Hälfte, Unterstützung und Ausflugsorganisatorin. Sie teilten alles miteinander und Danny war für ihn mehr so Vater und Fremder zugleich.
Seit dem Unfall ist plötzlich alles anders. Will weigert sich zu sprechen, er will so wenig wie möglich auffallen, unsichtbar werden, mit der Situation klar zu kommen. Er frisst alles immer mehr in sich hinein und so als wäre das noch nicht schlimm genug, häufen sich bei Danny weitere Probleme und Sorgen. Er hat Schulden, kann die Miete nicht mehr bezahlen, sein Job steht auf der Kippe und durch den bedrohlichen Besuch seines Vermieters Reg kommt er erneut zu spät und wird gefeuert. Er versucht nun händeringend einen neuen Job zu finden, was als Bauarbeitsgehilfe nicht gerade einfach wird und gibt sein letztes Geld für ein dusseliges Pandakostüm aus. Er fasst fix den Entschluss im Park als Straßenkünstler zu arbeiten, doch dabei macht er sich vor allem eins: Lächerlich. Als sich dann die Pole-Tänzerin Krystal sich seiner erbarmt und ihm Nachhilfe im Tanzen gibt, schafft Danny endlich die Aufmerksamkeit der Parkbesucher zu gewinnen und die Kasse klingen zu lassen, doch für seine Schulden reicht dies noch lange nicht.
Währenddessen sorgt sich auch der neue Lehrer um William. Der Kleine wird von einigen Schülern gemobbt und verkriecht sich immer mehr...

"Ich glaube, was ich zu sagen versuche, ist Folgendes, Will. Wenn etwas Schreckliches, Unbegreifliches geschieht, dann braucht es manchmal etwas ebenso Unerwartetes, damit wir begreifen können."

Und dieses Unerwartete stellt dann die Begegnung mit einem Menschen im Pandakostüm dar. Als er erneut nach der Schule schikaniert wird, schreitet dieser ein und es entwickelt sich zwischen den beiden eine Art Freundschaft. Will vertraut sich diesem ulkigen Wesen an und setzt damit ungeahnt sehr viel mehr in Bewegung.

"Pandatage" ist für mich ein recht besonderes Buch. Gerade für die aktuelle Zeit ist es eine perfekte, leichtere Unterhaltungslektüre mit ernsterem Hintergrund. Die Trauerverarbeitung, deren Auswirkungen und eine sich erneut entwickelnde, innige Vater-Sohn-Beziehung und die Herausforderungen des Lebens sowie kuriose Zufälle und Begegnungen prägen diesen Roman. Sehr empathisch und fein nähert sich James Gould-Bourn den Gefühlen und Empfindungen des kleinen Will an und entwickelt dabei so eine abstruse, lustige, aber auch berührende, traurige Geschichte. Zwar finde ich es so ein bisschen schade, dass viele Handlungen vorhersehbar sind und bis zum Ende hin keine wirklichen Überraschungen stattfinden und doch fühlte ich mich bis zur letzten Seite sehr gut unterhalten. Es ist ein Buch, dass ich eher als etwas leichtere Kost einordnen würde, bei dem man sich nicht so sehr konzentrieren muss und irgendwie könnte das alles auch so eine witzige Fernsehkomödie sein. Zumindest habe ich viele Situationen vor meinen inneren Auge gesehen, fand es irgendwie rührend, reizend und schön zugleich. Ich empfehle dieses Buch jedem, der etwas Ablenkung benötigt, vielleicht sogar eine schwierigere Zeit durchmacht oder durchgemacht hat, denn was dieser Roman zeigt, ist dass es zwar immer schlimmer werden kann, aber Unerwartetes und verrückte Ideen sich manchmal als Lebensretter entpuppen können und der Zusammenhalt zwischen der Familie, Freunden und den Menschen selbst nahezu alles überwinden und helfen kann.

An vielen Stellen hat mich dieser Roman übrigens an "Die wundersame Mission des Harry Crane" von John Cohen erinnert, ein Buch, dass ich ebenso gerne gelesen habe und auch so eine kuriose Entwicklung des Protagonisten nach dem Tod seiner Ehefrau beinhaltet. Alles natürlich mit einem HappyEnd. Und manchmal sind es gerade diese Bücher, die einem eine große Freude bereiten können und alles Fragliche da draußen etwas abfangen. Also ich mochte es sehr gerne und kann dieses Buch für seichtere Gemüter oder blödere Zeiten eigentlich nur empfehlen.

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Veröffentlicht am 29.04.2020

Bist du Opfer oder Beute? Die grausame Geschichte und "Das wirkliche Leben"

Das wirkliche Leben
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Bist du Opfer oder Beute? Die grausame Geschichte und "Das wirkliche Leben"

Das wirkliche Leben von Adeline Dieudonné ist ein Buch, auf das ich mich schon lange gefreut habe. In Frankreich wurde dieser ...

Bist du Opfer oder Beute? Die grausame Geschichte und "Das wirkliche Leben"

Das wirkliche Leben von Adeline Dieudonné ist ein Buch, auf das ich mich schon lange gefreut habe. In Frankreich wurde dieser Roman zum Liebling der Buchhändler*innen und mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Nun erscheint diese bedrückende Coming-of-Age-Geschichte auch auf deutsch und was soll ich sagen? Ich habe das Buch eher mit gemischten Gefühlen beendet, aber eins nach dem anderen.

“Bei uns zu Hause gab es vier Schlafzimmer. Meines. Das meines Bruders Gilles. Das meiner Eltern. Und das der Kadaver.”

Doch das ist nicht alles, was dieses kleine Haus am Waldrand einer Reihenhaussiedlung so anders macht. Man erahnt vielleicht… der Vater hat eine blutrünstige Leidenschaft. Er ist begeisterter Jäger und so tummeln sich die kuriosesten Tierpräparate in seinem Sammlungszimmer. Eine ausgestopfte Hyäne, ein Stoßzahn eines Elefanten, zahlreiche ausgestopfte Köpfe und ein Bärenfell auf dem Sofa, auf dem er allabendlich die Nachrichten über sich ergehen lässt und zu seinem Whisky greift. Zum Leidwesen der bereits verängstigten Mutter und der beiden Kinder hat er zuhause das Sagen. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, so passiert dann eines Tages vor dem Haus eine Tragödie. Eine Explosion, die das elf Jahre alte Mädchen und ihren kleineren Bruder traumatisieren und in verschiedene Richtungen treibt. Während Gille sich in sich zurückzieht und Gefallen am Leiden der Tiere findet, möchte seine Schwester einfach alles tun, um sein Lächeln zu bewahren. Sie will eine Zeitmaschine erfinden, das Geschehene ungeschehen machen und ihren Bruder wieder zu dem aufgeweckten, liebenswürdigen Jungen zu machen, der er einmal war. Aus ihrem utopischen Plan wird schnell ein grausiges Spiel. Sie muss sich nicht nur um ihren Bruder bemühen, sondern sich auch den grausamen Ideen des Vaters unterziehen. Sie muss kämpfen, für sich, für ihren Bruder, für ihre Familie… doch was wird sie am Ende sein? Welche Rolle wird sie am Ende einnehmen? Opfer, Beute oder doch die Heldin des Romans?

“Mein Vater schlug meine Mutter zusammen – und den Vögeln war das egal. Ich fand das tröstlich. Ich fand es tröstlich, dass sie einfach weiter zwitscherten, dass die Bäume knarrten und der Wind in den Blättern der Kastanie rauschte. Ich war nur eine unbedeutende Zuschauerin bei dem Stück, das ununterbrochen aufgeführt wurde.”

Dieses Buch hat in Hinblick auf die erhaltenen Auszeichnungen sicherlich seine Berechtigung. Dennoch ist es für mich etwas fraglich, zumal ich es häufig mit den Romanen “Harz” von Ane Riel und “Was man sät” von Marieke Lucas Rijneveld verglichen habe und dieses Buch konnte den Vergleichen einfach nicht Stand halten. Die Geschichte zieht sich zu Anfang sehr in die Länge. Und ich habe mich so ein bisschen gelangweilt bzw. mir kam sehr vieles bekannt vor. Es passieren dann zwar hier und da etwas gewalttätige Schnitzer, aber so wirklich fordernd und überrumpelnd wird dieser Roman erst im letzten Viertel. Und das fand ich dann irgendwie schade. Ich hätte mir auch gewünscht, dass Dieudonné sich mehr auf diese angekündigte Tragödie fokussiert bzw. diese ausarbeitet und diese Hatz- und Waldszene und alles was in der Familie passiert und zu Grunde geht viel, viel umfassender darstellt. Diese Ausflüge in Richtung sexuelle Anziehungskraft oder Drang des Mädchens eine Zeitmaschine zu bauen, Physikstunden zu nehmen und und und waren für mich dann eher so Randgeschichten, die zum Ende hin irgendwie ihre Bedeutung verloren. Es ist eine faszinierende Geschichte, keine Frage, und für viele ist es bestimmt auch genau das richtige Maß an aufwühlenden Erlebnissen, Einblicken in das Gedankenleben der Protagonistin und Spannung, aber für mich war es insgesamt nicht ganz rund und ich fürchte dieser Roman hat durch die Übersetzung auch so einiges an der “funkelnden Sprache” eingebüßt. Die Geschichte ist gut, liest sich sehr schnell und man kann sicherlich tolle Szenen und Elemente finden, aber für große Begeisterungsstürme reicht es bei mir dann leider nicht.

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Veröffentlicht am 08.04.2020

Was Glaube bewirken kann ...

Ein wenig Glaube
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"Ein wenig Glaube" von Nickolas Butler ist für mich ein sehr besonderes Buch. Im Großen und Ganzen geht es um die familiäre Liebe, die Abhängigkeit, den Glauben und irgendwie auch um die Angst und den ...

"Ein wenig Glaube" von Nickolas Butler ist für mich ein sehr besonderes Buch. Im Großen und Ganzen geht es um die familiäre Liebe, die Abhängigkeit, den Glauben und irgendwie auch um die Angst und den Verlust. Lyle und Peg Hovde leben im ländlicheren Wisconsin. Ihr erstes Glück blieb ihnen verwehrt, denn ihr Sohn Peter starb bereits nach einigen Monaten. Durch einen Zufall erfuhren sie von einem Mädchen, das ein Kind gebar und dieses einfach nicht behalten könne. Sie setzen alles daran, das Kind zu adoptieren und ihm ein behütetes Leben zu schenken. Jahre sind seit dem vergangen, Lyle und Peg sind bereits Großeltern und ihre Tochter Shiloh kehrt mit ihrem Enkelsohn Isaac wieder nach Hause zurück. Während Shiloh arbeiten fährt, kümmert sich Peg um den 5 Jährigen und zwischen ihnen scheint eine ganz besondere Bindung zu bestehen. Doch dann tritt ihre Tochter einer neuen Glaubensgemeinschaft bei. Sie verliebt sich in den Pfarrer und dem Kind werden plötzlich heilende, göttliche Kräfte nachgesagt. Während Shiloh sich nun komplett im neuen Glauben verliert, erahnen die Großeltern bereits Schlimmstes. Ereignisse und Beschuldigungen folgen und die ganze Familienbeziehung wird auf eine harte Probe gestellt. Die Tochter verliert den Glauben an ihre Eltern, sie behauptet Lyle sei ein schlechter Einfluss für Isaac, sei mit dem Teufel verbandelt. Er darf Isaac nicht mehr sehen, soll Abstand halten. Und doch will er am Ende nur eins: seinen Enkel vor dem Einfluss dieser ominösen Sekte retten und das bevor alles zu spät ist.

Nickolas Butler hat mich mit diesem Roman sehr an Kent Harufs Geschichten aus Holt, Colorado erinnert. Es ist ein eher ruhigeres, unaufgeregtes Buch, in dem der äußere Einfluss eine Familie entzwei bringt. Aber es geht wie der Titel schon verrät um den Glauben. Einmal durch diese neue Glaubensgemeinschaft, die alles durcheinander bringt, und Isaac heilende Kräfte nachsagt und auch trotz der staatlichen Verbote Heilungsgebete/-prozessionen abhält, aber es handelt eben auch vom Glauben an bessere Zeiten und an die stärkere emotionale Bindung zwischen den einzelnen Familienmitgliedern und Freunden. Der Glaube wirkt hier wie ein rettender Anker, der letzte Strohhalm, der alle möglichen Kräfte noch einmal mobilisiert. Und so ist es dann auch eine ganz besondere Freundschaftsgeschichte. Ich kann da nun gar nicht so genau ins Detail gehen, denn ruhigere Romane haben ja immer den 'Nachteil', dass da nicht ganz so viel passiert, aber genau das ist die Stärke dieses Buchs. Butler fokussiert sich auf seine Protagonisten, mit jeder weiteren Seite entwickelt sich so eine traute Verbundenheit mit den Großeltern. Man spürt Lyles Verzweiflung, aber auch seine immer wiederkehrende Freude, den Glauben, seinen Optimismus und seine Einsatzbereitschaft. Dieser besondere, feinfühlige Roman basiert auf einer realen Begebenheit, bei der 2008 ein 11 jähriges Mädchen aufgrund so einer fanatischen Glaubensgeschichte ums Leben kam. Es bleibt zu hoffen, dass sich so etwas nicht noch einmal wiederholt. Glaube kann Berge versetzen/mobilisieren; Fanatismus zum frühzeitigen Ende führen. Eine sehr berührende Geschichte.

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