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Veröffentlicht am 08.08.2019

Worte sind Erinnerungen an seelisches Leid

Auf Erden sind wir kurz grandios
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"Die Vergangenheit war niemals eine festgelegte und ruhige Landschaft, sondern man betrachtete sie stets neu. Ob wir wollen oder nicht, wir bewegen uns in einer Spirale fort und erschaffen Neues ...

"Die Vergangenheit war niemals eine festgelegte und ruhige Landschaft, sondern man betrachtete sie stets neu. Ob wir wollen oder nicht, wir bewegen uns in einer Spirale fort und erschaffen Neues aus dem, was vergangen ist."


Inhalt


Little Dog, ein junger Mann, der zusammen mit seiner Mutter und Großmutter in die USA immigriert ist, vertraut sich und seine Gedanken einem Brief an, den er an seine Mutter richtet, obwohl diese überhaupt nicht lesen kann. Deshalb wirkt der Text vielmehr wie ein Tagebuch, in dem sich der vietnamesische Mann mit seiner Kindheit, seinen Erfahrungen mit körperlicher Gewalt und den gelebten homosexuellen Empfindungen zu seinem drogenabhängigen Freund Trevor auseinandersetzt. Sehr viel schwermütiger Inhalt, gepaart mit einer poetischen aber schnörkellosen Sprache ergibt eine Art intellektuellen Kunstroman, der sich intensiv und philosophisch mit der Frage nach der Zumutbarkeit des Lebens beschäftigt.


Meinung


„Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist ein ungewöhnlicher, bemerkenswerter Debütroman des vietnamesischen Autors Ocean Vuong. Weniger eine zusammenhängende Geschichte, die sich chronologisch offenbart, als vielmehr „ein Schiffswrack – die Teile dahintreibend, endlich lesbar.“ Für meinen Geschmack existieren zu viele, zu unstrukturierte Gedankengänge in diesem Buch, so dass die Handlung immer fortschreitet, ohne tatsächlich vorwärts zu kommen. Dadurch erscheinen mir auch die dramatischen Lebensumstände von Little Dog weniger krass, egal ob es sich dabei um den Zwiespalt zwischen einer liebevollen oder gewalttätigen Mutter-Sohn-Beziehung handelt oder der Aussichtslosigkeit auf Lebensglück in Anbetracht von Armut und Außenseitertum.


Dennoch halt der Text nach, vor allem wegen der Melancholie, der philosophischen Betrachtungen und der unbeschreiblichen Last eines Lebens komprimiert auf einen Brieftext, der weder bittet noch anklagt, der nicht trauert und zögert aber auch keine Ansprüche stellt.


Fazit


Ich vergebe 3 Lesesterne für diesen ungewöhnlichen Roman, der für die gesamte menschliche Gefühlspalette ein mächtiges, erdrückendes Bild entwirft, obwohl er mir stets zu distanziert blieb. Inhaltlich empfand ich ihn mühsam und bitter, während er sprachlich überzeugen konnte. Ganz klar erfüllt er nicht meinen Anspruch an ein bewegendes Leseerlebnis, weil er mir innerlich so fremd blieb und keine konkrete Form annimmt. Es fiel mir schwer, mich auf die Gedankenspiele einzulassen und das Gewicht der markanten Worte nachzuempfinden – wem das allerdings gelingt, der hält einen kleinen Schatz in den Händen.

Veröffentlicht am 07.07.2019

Ein Gefangener, der es bleiben wird

Am Tag davor
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„Die Verantwortlichen für dieses Verbrechen, die Überlebenden, die Zeugen waren der Reihe nach gestorben. Nur die zerstörten Familien waren noch übrig, Witwen und Waisen, um die Frankreich nie getrauert ...

„Die Verantwortlichen für dieses Verbrechen, die Überlebenden, die Zeugen waren der Reihe nach gestorben. Nur die zerstörten Familien waren noch übrig, Witwen und Waisen, um die Frankreich nie getrauert hatte. Und für diese Familien, diese Witwen und Waisen, diese vernichtende Erinnerung, für die Würde Joseph Flavents musste ich den letzten Schuldigen büßen lassen. Und selbst dafür bezahlen.“


Inhalt


Zeit seines Lebens beschäftigt sich Michel Flavent mit dem Grubenunglück von 1974, als 42 Männer auf der Zeche Saint-Amé in Liévin-Lens ums Leben gekommen sind. Sein eigener Bruder, ein Bergarbeiter in ebenjener Grube, ist nur 22 Tage nach dem Unglück an seinen schweren Verbrennungen gestorben, nicht wie seine Kumpel noch direkt unter der Erde erstickt und verschüttet, aber dennoch schonungslos mit gerade einmal 30 Jahren aus dem Leben gerissen. Michel selbst, damals ein Teenager, sehnt sich nach Rache, nach Vergeltung, nach einem Strafprozess, der die Schuldigen rächt, doch außer großer Landestrauer und wenigen markigen Worten der Politiker, reiht sich auch dieses nationale Unglück in ein einfaches Vergessen, weil man dem Schicksal nun einmal nichts entgegensetzen kann.

Nachdem ein halbes Leben später Michels geliebte Frau Cécile verstirbt, nimmt sich der mittlerweile 50-Jährige vor, den letzten Schuldigen auf eigene Faust zur Strecke zu bringen und kehrt nach so vielen Jahren in seinen Heimatort zurück. Tatsächlich gibt es den mittlerweile betagten Lucien Dravelle noch immer, er sitzt im Rollstuhl, hustet sich nach Jahren auf der Zeche die Seele aus dem Leib und wartet nur noch auf sein eigenes Ende. Michel freundet sich mit ihm an, gewinnt sein Vertrauen und stülpt ihm letztlich eine Plastiktüte über den Kopf, um mit aller Macht einen Strafprozess zu erzwingen. Denn wenn Lucien stirbt, wird Michel endlich jene Gerechtigkeit zu Teil, die er sich für seinen Bruder und dessen Kumpel sehnlichst wünscht. Doch Lucien überlebt und der beginnende Prozess bringt Wahrheiten ans Licht, die Michel nur schwer akzeptieren kann …


Meinung


Sorj Chalandon zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen französischen Schriftstellern und ist bereits mehrfach für dem Prix Goncourt nominiert wurden. Dies war mein erster Roman aus seiner Feder und es wird bestimmt nicht der letzte bleiben, denn selten erlebt man so ein vielschichtiges, tiefgründiges und emotionales Buch, welches ohne großes Tam-Tam ein dramatisches persönliches Schicksal in Worte kleidet und dabei weder auf Effekthascherei noch Mitleid abzielt. Es bleibt neutral, sachlich und doch voller Traurigkeit und Erinnerungsflut. Die wichtigen Fragen des Lebens bilden den Hintergrund zu einer Erzählung über Rache, Schuld und Angst, möglicherweise den falschen Weg gewählt zu haben.

Sehr ungewöhnlich aber im Verlauf immer besser fand ich den sachlich-neutralen Erzählton, der es mir möglich machte, für den Protagonisten Michel nicht nur Verachtung und Unverständnis zu empfinden, sondern die von Liebe durchtränkte Bruderbeziehung und ihr tragisches Ende in vollem Umfang wahrzunehmen. Inhaltlich gliedert sich das Buch in mehrere Teile, so das man zwei junge Männer kennenlernt und ihre auseinandergerissene Welt, einen durchs Leben gereiften Mann, der sich intensiv mit seinen Rachegelüsten beschäftigt und schließlich die Vollendung durch den erzwungenen Prozess, in dem Michel weder Mitleid noch Recht möchte, sondern letztlich eine gerechte Strafe. Besonderes Augenmerk legt der Autor auf die inneren Beweggründe, aber auch auf die Tat und den Verlauf des Strafverfahrens, welches viele Jahre später nochmals Medienpräsenz erzeugt. Und immer mehr verliert man sich in einer alles umfassenden Melancholie, einer Lebenstraurigkeit, die langsam und unaufhaltsam gewachsen ist, kämpft selbst gegen die haarsträubende Ungerechtigkeit und den bitteren Beigeschmack, den die Zeit nicht verwischen kann.


Fazit


Ich vergebe begeisterte 5 Lesesterne und habe ein Jahreshighlight 2019 gefunden. Für mich einfach das perfekte Buch - es bietet eine spannende Handlung, glaubhafte Protagonisten, eine intensive Selbstreflexion, einen geschichtlichen Bezug und literarischen Anspruch. Aber der eigentliche Mehrwert liegt in dieser alles umfassenden Schwere, die das Schicksal, die eigenen Hoffnungen, die traurigen Wahrheiten und unveränderlichen Ereignisse der Vergangenheit in einer wunderbaren Komposition zusammensetzt, so das ich eine klare und ungemein bewegende Aussage daraus ziehen kann: „Das Leben nimmt und gibt, der Mensch ist nur ein kleines Rädchen im Getriebe und muss sich damit abfinden, das Wahrheiten das Gewissen einholen und geliebte Menschen dennoch immer im Herzen bleiben, egal wie ungerecht das Schicksal auch zuschlagen mag, unabhängig davon, ob man in der Vergangenheit richtige oder falsche Entscheidungen getroffen hat.“ Einfach ein wahnsinnig gutes, stimmiges Buch!

Veröffentlicht am 05.07.2019

So ein läppischer Windpark

Unterleuten
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„Unterleuten ist ein Gefängnis.“


Inhalt


In Unterleuten, einer kleinen beschaulichen Ortschaft in Brandenburg bricht die Hölle los, nachdem es um die Etablierung eines ökologisch sinnvollen Windparks ...

„Unterleuten ist ein Gefängnis.“


Inhalt


In Unterleuten, einer kleinen beschaulichen Ortschaft in Brandenburg bricht die Hölle los, nachdem es um die Etablierung eines ökologisch sinnvollen Windparks geht, zu dem es mehr als geteilte Meinungen gibt. Für die Effizienz dieser erneuerbaren Energiequelle hat die Firma Vento Direct, die dort bauen möchte, ein Stück Land auserwählt, welches mehrgeteilt ist und insgesamt drei verschiedenen Eigentümern gehört. Und nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, ob sich der Bürgermeister oder die Vogelschützer oder der Chef der Agrargenossenschaft durchsetzen werden. Auf dem Weg dorthin jedoch, gerät die läppische Windpark-Frage fast in Vergessenheit, denn sie ist nichts weiter als der Aufhänger für jahrzehntelange Missstände zwischen den alteingesessenen Bewohnern, den Zugezogenen und all jenen, die aus ganz verschiedenen Gründen immer noch oder schon wieder in Unterleuten leben. Und so taucht man immer tiefer in ein weit verzweigtes Netz aus Gefälligkeiten und Feindschaften ein, bei dem deutlich wird, welch massive Probleme im Dunkeln schlummern. Die Parzelle Dorf agiert letztlich als ein Spiegel der Gesellschaft, in dem sich jeder selbst am nächsten steht und keiner bereit ist, ein offenes Gespräch zu führen …


Meinung


Prinzipiell lese ich die Romane der deutschen Autorin Juli Zeh ganz gerne, ihre Art zu erzählen und Geschichten zum Leben zu erwecken gefällt mir. Und so bin ich auch voller Vorfreude an die Lektüre von „Unterleuten“ gegangen. Tatsächlich hat mir der erste Teil des Buches auch wesentlich besser gefallen als der Rest. Zwar wird man zu Beginn mit allerlei Protagonisten konfrontiert, die eine bis dato unbekannte Vorgeschichte haben und deshalb auch nicht so leicht auseinanderzuhalten sind, doch diese Verwirrung gibt sich ziemlich schnell. Der Grund dafür sind die klaren Charakterzeichnungen, die Frau Zeh ihren Personen gibt. Auch die diversen Fallen und Nischen, die eine Dorfgemeinschaft ausmachen trifft sie ungemein gut, so dass ich mich gut unterhalten fühlte.


Ab gut der Hälfte des Buches wird es dann zunehmend uninteressant und leider viel zu langatmig. Die brisante Thematik einer geplanten Windkraftanlage rückt immer weiter in den Hintergrund, dafür geht die Reise in Richtung zwischenmenschliche Unzulänglichkeiten. Nach und nach offenbaren sich die wahren Charaktere, die unschönen Seiten der Dorfgemeinde, ihre nie enden wollenden Zwistigkeiten, die sowohl persönlicher als auch gesellschaftlicher Natur sind. Ab diesem Zeitpunkt verschenkt die im Ansatz gute Geschichte ihr Potential. Es kommen immer neue Zweckverbindungen zwischen den langjährigen Gemeindemitgliedern und den Neuzugängen zu Stande, wer zunächst unvoreingenommen war, bezieht nun Stellung, wer nichts zu sagen hat, spielt sich auf und bei mir verstärkt sich der unschöne Eindruck, dass die Unterleutener wirklich jedes Klischee erfüllen sollen, um der Geschichte die entsprechende Note zu verleihen.


Zugegeben, die letzten 100 Seiten habe ich mehr quergelesen, da ich mir fast sicher war, welches Ende es mit den Menschen und Ereignissen dort haben wird. Auch der anfängliche Humor hat für mich in der Folge sehr eingebüßt, weil er nicht mehr spontan wirkte, sondern aufgesetzt witzig. Vielleicht wäre der Roman besser gewesen, wenn man die Handlung auf die Hälfte der Seitenzahl gekürzt hätte, sich weniger auf die detaillierte Zersetzung einer kleinen Gemeinschaft konzentriert hätte und wenigstens einen Sympathieträger eingebaut hätte. Es fällt mir schwer, eine weitreichende Aussage aus der Thematik zu ziehen. Einerseits habe ich das Gefühl einen Unterhaltungsroman gelesen zu haben, andererseits hätte ich mir eine ganz andere Art von Geschichte gewünscht – keine entführten Kinder, keine Rauchschwaden auf dem Nachbargrundstück, keine internen Absprachen, die es angeblich jedem ermöglichen sollen, seine Ziele zu erreichen sondern einfach Menschen, die vorbehaltlos die Kommunikation suchen und sich weniger um ihr eigenes Miniterritorium kümmern.


Fazit


Ich vergebe 3 Lesesterne für diesen Dorfroman mit gesellschaftskritischer Note, der in seinem Verlauf leider viel Potential eingebüßt hat. Natürlich liest sich auch dieser Text sehr flüssig und gut. Die schriftstellerische Feinarbeit ist durchaus spürbar, die Gedankengänge greifbar. Nur die sich immer weiter zuspitzende Gesamtsituation lässt mich ratlos zurück. Ganz klar, dieses Buch hätte für mich einen höheren Wert gehabt, wenn der Schwenk in eine andere Richtung verlaufen wäre. So empfand ich die Auswahl an Menschen, ihre gutgemeinten oder rigorosen Vorhaben und deren Umsetzung einfach nur bitter und stellenweise so egozentrisch, wie dumm. Und zu allem Überfluss tritt man dadurch auf der Stelle und selbst die positiven Seiten des Romans verblassen hinter all den bunt gestreuten Klischees.

Veröffentlicht am 27.06.2019

Ein nicht verschmerzbarer Verlust

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
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„Toby hatte recht. Finn war meine erste Liebe. Aber Toby – Toby war meine zweite. Und die Traurigkeit, die in dieser Erkenntnis lag, ergoss sich wie ein schmaler kalter Fluss durch mein ganzes Leben.“


Inhalt


Für ...

„Toby hatte recht. Finn war meine erste Liebe. Aber Toby – Toby war meine zweite. Und die Traurigkeit, die in dieser Erkenntnis lag, ergoss sich wie ein schmaler kalter Fluss durch mein ganzes Leben.“


Inhalt


Für June Elbus bricht eine Welt zusammen, als ihr geliebter Onkel Finn stirbt, an einer Krankheit, die förmlich durch ein Fremdverschulden ausgelöst wurde. Er hatte Aids und sein langjähriger Lebensgefährte Toby soll der Schuldige sein, wenn es nach der Meinung von Junes Familie geht. Doch June ist unvoreingenommen, sie kennt diesen Toby nicht, wusste überhaupt nichts von seiner Existenz – all das haben ihr sowohl Finn als auch ihre Familie vorenthalten. Heimlich beginnt sie sich mit dem Freund ihres Onkels zu treffen und fühlt sich erstmals in ihrer Liebe zu Finn bestätigt, sie erkennt aber auch, das Dinge, die sie für selbstverständlich hielt, ganz andere Ursachen haben. Schon bald merkt sie, dass Toby nicht derjenige ist, den man zum Schuldigen degradieren kann, vielmehr bestärkt sie die neue Freundschaft darin, ihren eigenen Weg zu gehen. Doch während June sich bemüht über den nicht verschmerzbaren Verlust ihres Onkels hinwegzukommen, gestaltet sich ihr familiäres Umfeld immer schwieriger und sie muss einsehen, dass auch die Gegenwart ihre Aufmerksamkeit fordert.


Meinung


Mit ihrem Debütroman konnte die New Yorkerin große Erfolge erzielen und schaffte es auf die Liste der „besten Bücher des Jahres“. Ihre Auseinandersetzung mit der Thematik Verlust, Freundschaft und Familienzusammenhalt konnte eine große Leserschaft erreichen, die sich mit ihr auf die Reise macht, wie man trotz einer großen Traurigkeit, neue Menschen für sich gewinnt und das Leben von einer hoffnungsvollen Seite anpackt. Aber für mich steht leider fest: Dieser Roman erfüllt keinen der Ansprüche, die ich an ihn gestellt habe und nur mit Mühe habe ich ihn beendet.


Dabei ist es nicht einmal die Thematik selbst, die mir so missfallen hat, nein es ist die Ausarbeitung der gesamten Handlung, die dermaßen viele Baustellen hat, dass man das Gefühl bekommt, nichts klärt sich wirklich, nirgends erzielt man Ergebnisse und eine klare Ausrichtung sucht man vergebens. Für einen anspruchsvollen Roman ist das Buch viel zu seicht, zu unbedeutend und wenig emotional, auch die Sprache besticht durch keinerlei Finessen. Für einen Jugendroman wiederrum fehlt der Handlung die Dynamik, die Spannung, die vorwärtstreibende Kraft, die das Leben manchmal erzeugt, wenn die Protagonisten stark und jung sind. Was bleibt ist ein fragwürdiger Mix aus Familiengeschichte, Trauerverarbeitung und Geschwisterrivalität, an dessen Ende sich nicht einmal ein abschließendes Wort finden lässt, außer vielleicht der Tatsache, das Verstorbene so lange weiterleben, wie man sie in Erinnerung behält.


Fazit


Hier werden es mit Mühe und Augen zudrücken nur zwei Sternchen, die ich ausschließlich deswegen vergebe, weil man die Bemühungen der Autorin erkennt, eine erzählenswerte Geschichte in Worte zu fassen. Das sie so gar nicht meine Kriterien erfüllt, steht auf einem anderen Blatt. Normalerweise hätte ich nicht zu diesem Roman gegriffen, wenn ich mich allein auf den Klappentext und die prognostizierte Geschichte verlassen hätte, doch die vielen begeisterten Lesermeinungen haben mich dazu verleitet, es doch zu tun. Ganz klar ein Fehlgriff, denn aus den gut 400 Seiten konnte ich keine wichtige Aussage entnehmen und habe mich streckenweise sehr gelangweilt. Empfehlen möchte ich dieses Buch jedenfalls nicht, denn es gibt keinen Punkt, auf der Positivskala, den ich nennenswert finde.

Veröffentlicht am 25.06.2019

Die Maschinerie des permanenten Elends

Die Nickel Boys
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„Und wenn die Welt ein einziger Mob wäre – Elwood würde sie durchmessen. Er würde auf die andere Seite gelangen, selbst wenn man ihn beschimpfte und anspuckte und verprügelte. Er wäre erschöpft und würde ...

„Und wenn die Welt ein einziger Mob wäre – Elwood würde sie durchmessen. Er würde auf die andere Seite gelangen, selbst wenn man ihn beschimpfte und anspuckte und verprügelte. Er wäre erschöpft und würde bluten wie ein Schwein, doch er würde es schaffen.“


Inhalt


Eigentlich hat Elwood Curtis das Glück, eine Großmutter zu haben, die ihn unterstützt und nur das Beste für ihn möchte. Sein angestrebter Studienbeginn steht bevor und er ist ein intelligenter, rechtschaffener junger Mann, der große Zukunftspläne hegt. Gerade weil er aus einem bildungsarmen Umfeld stammt und immer nur dafür belächelt wird, wie strebsam er durchs Leben geht, sieht er nun seine Chance gekommen, dem vorgezeichneten Weg zu entkommen. Doch als er ohne sein Verschulden in einem gestohlenen Auto aufgegriffen wird, bestätigt sich das Vorurteil, dem nicht nur er, sondern fast jeder schwarze Junge der Gegend ausgesetzt ist – er gehört zu den Kriminellen und muss in eine Besserungsanstalt für Jugendliche. Im Nickel spielt Bildung keine Rolle, dort zählt nur das Überleben, jede Prügelstrafe muss erduldet werden, jede Isolationshaft überstanden und bei guter Führung gelangt man vielleicht eines Tages wieder an die Freiheit. Elwood nimmt sich vor das Nickel zu überstehen und gibt insgeheim nie seine Pläne für eine Zeit danach auf. Gemeinsam mit Turner, seinem Freund plant er von langer Hand eine mögliche Flucht, während er sich ganz normal in den Alltag einbringt, vielleicht bekommt er eines Tages die Möglichkeit dazu, seine Hoffnungen zu verwirklichen …


Meinung


Dies ist bereits mein zweiter Roman aus der Feder des amerikanischen Autors Colson Whitehead, der mich bereits mit seinem Werk „Underground Railroad“, für welches er den National Book Award erhielt, überzeugen konnte. Erneut widmet er seine Erzählstimme den dunkelhäutigen Menschen, die von den Weißen als Menschen zweiter Klasse behandelt werden und sich tagtäglich mit Gewalt, Vorurteilen und Schuldzuweisungen konfrontiert sehen. Das allein ist nur nichts Neues und ich habe schon zu viel und zu ausführlich davon gelesen, als das mich die Thematik ohne eine dramatische Geschichte drumherum ausreichend fesseln könnte. Und genau diese Story möchte der Autor hier liefern, nur konnte mich die Ausführung über die Maschinerie des permanenten Elends in einer amerikanischen Besserungsanstalt für jugendliche Straftäter nicht wirklich erreichen.

Er bemüht sich um eine objektive Erzählung, in Anlehnung an Tatsachenberichte, er beschönigt nichts, geht aber auch nicht ins Detail. Er berichtet über Dinge, die man nicht bis ins Letzte durchdringen möchte, aber er reißt sie nur an, wechselt dann abrupt die Zeitform von der Vergangenheit in die Gegenwart und schafft Charaktere, die nicht griffig sind, die leider blass bleiben und deren Namen schnell in Vergessenheit geraten. Selbst sein Hauptprotagonist Elwood scheint nur einer von vielen armen Seelen zu sein, die vollkommen unverschuldet im Sumpf gelandet sind, weil es Menschen gibt, die sie dort gerne sehen möchten und ihnen jedwede Selbstbestimmung absprechen.

Eigentlich habe ich mir von diesem zeitgenössischen Roman etwas anderes versprochen, ich habe sehr auf die psychologische Komponente gehofft, doch der widmet sich der Autor nicht. Er hinterfragt nicht, er zeigt weder Verzweiflung noch Hass noch Rachsucht oder irgendeine andere emotionale Seite des Ganzen, nein er beschränkt sich aufs Wesentliche und fordert den Leser auf, sich selbst in diese Vorgänge hineinzuversetzen. Leider ist dieses Konzept bei mir nicht aufgegangen, denn ich empfand die Erzählung zwar literarisch ansprechend aber ansonsten ungemein zäh und langatmig.


Fazit


Ich vergebe 3 Lesesterne für diese Auseinandersetzung des nicht enden wollenden Traumas der amerikanischen Geschichte, deren tief verwurzelter Rassismus den Stoff für derartige Geschichten liefert. Whitehead nutzt sein schriftstellerisches Werk, um Erinnerungen wach zu rufen, um vergangenes Leid greifbar zu machen und sich auch in der heutigen Zeit mit Verbrechen zu beschäftigen, die andernfalls immer mehr in Vergessenheit geraten würden. Demnach hat diese Geschichte sehr wohl gesellschaftspolitisches Potential, nur schafft sie es einfach nicht in mein Herz und das finde ich gerade bei solch menschlichen Themen immer wieder schade, denn wenn ich zu einem Roman greife erhoffe ich mir keinen sachlichen Bericht, sondern ein anderes Format.