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jules_jude

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.10.2023

Schwierig Mutter-Tochter-Beziehung, schwieriges Buch

Die Wahrheiten meiner Mutter
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Die 60-jährige Johanna kehrt nach dreißig Jahren nach Norwegen zurück, wo sie als Malerin inzwischen so erfolgreich ist, dass ihr in ihrem Heimatland eine Retrospektive gewidmet wird. In jungen Jahren ...

Die 60-jährige Johanna kehrt nach dreißig Jahren nach Norwegen zurück, wo sie als Malerin inzwischen so erfolgreich ist, dass ihr in ihrem Heimatland eine Retrospektive gewidmet wird. In jungen Jahren entfloh sie einem Leben, das bereits von ihren Eltern, insbesondere ihrem Vater, vorgezeichnet war, um mit ihrem Kunstlehrer Mark, mit dem sie ihren Sohn John bekam, nach Utah zu ziehen. Das Verhältnis zu ihren Eltern und ihrer Schwester, das nicht gerade idyllisch ist, kühlt sich nach ihrem ersten Werken ab, da sie der Meinung sind, dass es die Familie verunglimpft. Ganz bricht es schließlich dann zusammen, als sie zur Beerdigung ihres Vaters nicht nach Hause zurückkehrt.
Zurück in Norwegen versucht sie, ihre Mutter anzurufen, aber sie reagiert nicht auf ihre Anrufe. Also macht sie sich auf die Suche nach ihrem Wohnort, spioniert sie aus, verfolgt sie, um ihre neuen Gewohnheiten zu ergründen. Nach und nach tauchen Erinnerungen an ihre Kindheit auf, vor allem im Zusammenhang mit ihrer Mutter, die sich als scheinbar sorglose Frau dem Familienleben verschrieben hat, aber in Wirklichkeit unglücklich ist. Das Bedürfnis nach einer klärenden Konfrontation zwischen Johanna und ihrer Mutter wird immer dringender, aber die alte Frau will nichts mehr mit ihrer Tochter zu tun haben.

Obwohl mir bestimmte Elemente des Romans sowie das Gesamtkonzept gefielen, fiel der Roman insgesamt ein wenig flach aus, besonders das Ende konnte mich nicht überzeugen.
Anfangs passiert zunächst nicht viel und der Beginn der Erzählung lässt, für mich an Tempo missen, nach und nach nimmt die Handlung dann aber an Fahrt auf.
Johanna, die Ich-Erzählerin, ist als Erzählerin unzuverlässig, was jedoch den Reiz der Geschichte ausmacht. Etwa die Hälfte der Handlung besteht darin, dass die Ich-Erzählerin Hypothesen über ihre entfremdete Beziehung zu ihrer Mutter und ihrer Schwester heraufbeschwört. Die Protagonistin ist einerseits blind gegenüber sich selbst, andererseits intelligent, einfühlsam, aber insgesamt unsympathisch und etwas nervig. Genau diese ambivalenten Gefühle gegenüber Johanna hielten mein Interesse an der Geschichte wach. Johanna ist regelrecht besessen in Bezug auf ihre entfremdete Mutter, was auf eine beklemmende und bedrückende Art und Weise erzählt wird. Kurze Kapitel und Naturschilderungen, die den Gedanken- und Erinnerungsstrom der Erzählerin über ihre Mutter gelegentlich unterbrechen, tragen zu diesem klaustrophobischen Gefühl bei.

Bis kurz vor Ende des Romanes, war die Entwicklung des Handlungsverlaufs noch vielversprechend, doch dann kam das antiklimatische Ende. Der Roman zeigt bis dahin auf, dass die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern viel komplexer sind, als es den Anschein hat, und dann löst sich das Ende eines Jahrzehnte alten Konfliktes in einem einzigen Ereignis auf. Der lang ersehnte Höhepunkt verpufft regelrecht und beantwortet keine Frage so richtig, was einen unbefriedigt zurücklässt.

Alles in allem ist "Die Wahrheit meiner Mutter" sprachlich und stilistisch ein gut erzählter Roman über eine schwierige Beziehung zwischen Tochter und Mutter, tempomäßig und inhaltlich kann er aber nicht komplett überzeugen, vor allem das Ende ist enttäuschend.

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Veröffentlicht am 08.10.2023

Sprachlich ansprechend, aber inhaltlich zu oberflächlich

Meine Männer
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Der in abstrakter und leicht verträumter Prosa erzählter Roman "Meine Männer", der auf der wahren Geschichte einer der ersten weiblichen Serienmörderin Amerikas basiert, handelt eigentlich nicht wirklich ...

Der in abstrakter und leicht verträumter Prosa erzählter Roman "Meine Männer", der auf der wahren Geschichte einer der ersten weiblichen Serienmörderin Amerikas basiert, handelt eigentlich nicht wirklich von der Serienmörderin Belle Gunness, sondern ist eine Meditation über Leidenschaft, Einsamkeit und geistige Instabilität.

1876 verlässt Brynhild Størset im Alter von 17 Jahren Norwegen in Ungnade und geht in die USA, nachdem sie schwanger war und eine Fehlgeburt erlitten hatte. Im Mittleren Westen zieht sie zu ihrer Schwester, die sie noch mehr missbilligt, und nimmt einen neuen Namen an: Belle. Um sich zu arrangieren und nicht aufzufallen, konzentriert sie sich auf ihre Arbeit als Näherin und die Kirche. Sie sehnt sich nach einer Beziehung und einem Kind und lernt Mads Sørensen kennen, der sie zu lieben beginnt. Doch in Belle wächst die Paranoia, sie kann sich nicht niederlassen und rechnet mit Verrat. Trotzdem heiraten sie und bekommen drei kleine Kinder, bevor Mads plötzlich stirbt.

"Meine Männer" ist in einem dichten literarischen Prosa-Stil geschrieben, düster-poetisch, gelegentlich chaotisch und manchmal fast in Form eines Bewusstseinsstroms. Der unscharfe Stil passt zu der Darstellung einer verwirrten Protagonistin, die zunehmend in den Wahnsinn abgleitet. Es ist eine fiktive Wiedergabe einiger Lebensabschnitte von Belle, keine umfassende Biografie von ihr.
Die meiste Zeit befindet man sich in der Gedankenwelt von Belle, der kein schöner Ort ist. Der Eindruck, den man beim Lesen von Belle bekommt, ist der, dass es sich bei ihr um eine kalte und unnahbare Person handelt, die geistig instabil ist, was auf Dauer sich etwas monoton liest. Zwar befindet man sich sehr viel im Kopf der Protagonistin, doch so richtig greifbar wurde beim Lesen Belle für mich nicht. Verstärkt wird dies dadurch, dass die Geschichte ziemliche Zeitsprünge vor und zurück macht und es nicht immer einfach ist, den Überblick zu behalten.

Einen Blick in den Kopf einer Mörderin zu bekommen ist sicherlich, was den Reiz an "Meine Männer" ausmacht, die literarische Umsetzung jedoch konnte mich nicht ganz abholen. Der poetisch angehauchte Schreibstil schafft es zwar gut eine düstere und beklemmende Atmosphäre zu erzeugen, doch verbleibt er inhaltlich und emotional nur an der Oberfläche. Die zeitlichen und inhaltlichen Sprünge lassen die Handlung zu fragmentiert erscheinen, sodass ich am Ende des Romanes, das Gefühl hatte, es würde etwas fehlen.

Interessant und sprachlich ansprechend, aber nicht von der emotionalen Wucht, die ich mir erhofft habe.

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Veröffentlicht am 08.10.2023

Virtuos erzählter Roman über G. W. Pabst

Lichtspiel
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Daniel Kehlmanns neuer Roman stellt den einst gefeierten und heute weniger bekannten deutschen Regisseur Georg Wilhelm Pabst ins Rampenlicht, um ihn dann wieder in den Schatten zu stellen, entsprechend ...

Daniel Kehlmanns neuer Roman stellt den einst gefeierten und heute weniger bekannten deutschen Regisseur Georg Wilhelm Pabst ins Rampenlicht, um ihn dann wieder in den Schatten zu stellen, entsprechend seiner Rolle als Regisseur hinter der Kamera.
Erzählt aus verschiedenen Perspektiven, darunter z.B. die von Pabsts Frau Trude, seinem Sohn Jakob und die seines Assistenten, wird nicht nur ein interessantes Porträt von G. W. Pabst, sondern auch von der damaligen Zeit gezeichnet.

Am Anfang des gewohnt virtuos erzählten Romans steht jedoch der fiktive Franz Wilzek, der mit Pabst zusammen gearbeitet hat und eine bedeutende Rolle im Falle des verschollenen Pabst Film "Der Fall Molander" gespielt hat.
Danach taucht man in die 30er- und 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts ein. Zunächst emigriert Pabst nach Hollywood und versucht dort sein Glück, jedoch sein Film "A Modern Hero" scheitert krachend. Er kehrt nach Österreich zurück, um dort sich um seine kranke Mutter auf Schloss Dreiturm zu kümmern. Währenddessen versucht Goebbels Pabst für sich gewinnen, damit er Filme für Nazideutschland dreht. Zunächst versucht Pabst nicht dem Werben von Goebbels nachzugeben, doch mit Kriegsbeginn ändert sich seine Einstellung diesbezüglich.

Ähnlich rasant geschrieben wie ein spannendes Drehbuch, zieht die Handlung, in der geschickt tatsächliche Ereignisse zu einer fiktiven Geschichte verwoben werden, den Lesenden in ihren Bann.
Anfangs noch leicht verwirrend setzen sich nach und nach die einzelnen Erzählperspektiven zu einer Geschichte zusammen, in der es um Kunst, Macht und auch um die Frage nach Verantwortung geht.
Darf man im Namen der Kunst auch für ein menschenverachtendes Regime arbeiten oder wird dadurch das eigene künstlerische Werk unwiderruflich beschmutzt? Beim Lesen stellt man sich diese Fragen, ohne dabei so richtig eine Antwort darauf zu bekommen, wie G. W. Pabst darüber gedacht hat, denn der Roman lässt die Gedanken und Gefühle von Pabst seltsam außen vor. Allen anderen Charaktere sind greifbarer als die Hauptfigur des Romans selbst.

Hätte Kehlmann es geschafft, Pabst noch mehr hervortreten zu lassen, hätte "Lichtspiel" ein großartiges Werk werden können, so ist es besonders sprachlich und stilistisch immer noch großartig, aber inhaltlich hat es nicht die Wucht, die ich mir erwartet habe.
Dennoch hat mir "Lichtspiel" ein tolles Lesevergnügen bereitet und ist nicht nur für Fans von Kehlmann lesenswert.

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Veröffentlicht am 08.10.2023

Einem Mordclub, dem es an Schwung und Charme fehlt

Mrs Potts’ Mordclub und der tote Bräutigam
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Mrs. Potts Mordclub ermittelt wieder und die 78-jährige Rentnerin Judith, die 40-jährige Becks, Frau des örtlichen Pfarrers und Suzie, jetzt Moderatorin bei Marlow FM, kommen zusammen, um den Mord an Sir ...

Mrs. Potts Mordclub ermittelt wieder und die 78-jährige Rentnerin Judith, die 40-jährige Becks, Frau des örtlichen Pfarrers und Suzie, jetzt Moderatorin bei Marlow FM, kommen zusammen, um den Mord an Sir Peter Bailey aufzuklären. Sir Peter hatte Judith zu seiner Feier einen Tag vor seiner Hochzeit eingeladen, weil er befürchtete von seinem Sohn umgebracht zu werden. Neben Judith sind auch Suzie und Becks auf der Feier, die durch Sir Peters Tod ein jähes Ende findet. Sir Peters Leiche wurde in einem verschlossenen Raum aufgefunden, auch gab es keine Zeugen. Die Polizei glaubt nicht an einen Mord und so ermitteln die drei und sammeln Hinweise auf den Täter.

Kurzweilige und humorvolle Unterhaltung habe ich mir vom zweiten Buch der Reihe erhofft, doch leider konnte mich der neue Fall für Mrs. Potts Mordclub nicht so richtig überzeugen.
Anfangs geht es noch hoch her, denn der Mord an Sir Peter Bailey lässt nicht lange auf sich warten. Doch als es dann an die Ermittlungsarbeit der drei Damen geht, verliert der Kriminalroman zunehmend an Schwung und verliert sich unnötigen Nebensächlichkeiten und Gesprächen. Mit einem verschlossenen Mordzimmer und einer angespannten Familiendynamik, die die ganze Zeit über brodelt und ein paar überraschenden Wendungen, weiß der Kriminalfall durchaus für spannende Momente zu sorgen, auch wenn die Struktur des Verbrechens schon zu Beginn des Buches ziemlich offensichtlich ist. Enttäuschenderweise können die drei Damen diesmal jedoch nicht so richtig überzeugen, besonders Judith fand ich mit zunehmender Buchlänge leicht nervig und irritierend. Sie waren alle drei nicht so charmant wie im ersten Band und mischten sich meiner Meinung nach auch zu sehr in das Leben anderer ein.

Ein Mordfall, der alle Zutaten für einen spannenden und unterhaltsamen Krimi hatte, aber zu viele Seiten brauchte, um von dem diesmal weniger charmanten Mrs. Pott Mordclub aufgelöst zu werden, so präsentierte sich "Mrs Potts' Mordclub und der tote Bräutigam" für mich.

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Veröffentlicht am 30.09.2023

Bedrückend und fesselnd zugleich

Ich, Sperling
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In dem überraschend fesselnden Roman "Ich, Sperling" begleitet man einen Sklavenjungen unbekannten Alters, unbekannter Herkunft und unbekannten Namens von seiner frühen bis mittleren Kindheit, wie er zunächst ...

In dem überraschend fesselnden Roman "Ich, Sperling" begleitet man einen Sklavenjungen unbekannten Alters, unbekannter Herkunft und unbekannten Namens von seiner frühen bis mittleren Kindheit, wie er zunächst als Haushaltssklave und dann als Kinderprostituierte im heutigen Cartagena in einer Taverne lebt. Als er Jahrzehnte später aus Großbritannien schreibt, erinnert sich Sperling an sein damaliges Leben.

Dank der ausführlichen bildlichen Beschreibung bekommt man ein Gefühl für den Ort und die Zeit, in der das Buch spielt. Der begrenzte Lebens- und Handlungsraum von Sperling erwacht zum Leben, wenn er sich in den Straßen von Karthago Nova bewegt oder in den engen und bedrückenden Wänden des Bordells, in dem er lebt. Manchmal hindert jedoch der bildhafte Erzählstil die Handlung am Vorankommen, besonders am Anfang dauerte es etwas, bis die Geschichte wirklich in Gang kommt.

"Ich, Sperling" ist eine gut geschriebene, atmosphärische und teils auch deprimierende Lektüre.
Sperling durchbricht an einer Stelle die vierte Wand und sinniert darüber, dass wahrscheinlich niemand jemals seine Gedanken lesen wird, was meiner Meinung nach das Thema dieses Romans, die völlige Hoffnungslosigkeit, auf den Punkt bringt. Es gibt kein Happy End, keine Antworten auf die offenen Fragen, wodurch der Schluss des Buches im Vergleich zum Rest des Buches etwas abfällt.
Die verschiedenen Charaktere sind mehr oder weniger komplex, was aber auch an der gewählten Erzählperspektive aus der Sicht von Sperling liegen könnte. Bedingt dadurch, dass man das Alter von Sperling nicht weiß, fällt es oft schwer, die Geschehnisse zeitlich einzuordnen, was teils für Verwirrung sorgt.
Es ist kein leichter Roman, er schreckt nicht davor zurück, das harte Leben eines Sklavenjungen in einem antiken römischen Bordell darzustellen. Doch so schrecklich manche Szenen auch sind, so fliegt man ähnlich wie ein Sperling über die Dächer von Rom fliegt durch die Seiten des Romanes.

Fazit: Ein toller historischer Roman aus der Sicht eines Sklavenjungen im alten römischen Reich, der trotz kleiner Schwächen im Erzähltempo und der Charakterdarstellung, zu überzeugen und zu berühren weiß.

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