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Veröffentlicht am 30.04.2025

Lange Vorlaufzeit, dann aber gehts rasant zur Sache

Die Kollegin – Wer hat sie so sehr gehasst, dass sie sterben musste?
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Als Dawn nicht im Büro auftaucht, macht ihre Kollegin Natalie sich Sorgen, schließlich kam Dawn noch nie zu spät zur Arbeit, geschweige denn gar nicht. Ein verstörender Anruf bestätigt ihr schlechtes Gefühl, ...

Als Dawn nicht im Büro auftaucht, macht ihre Kollegin Natalie sich Sorgen, schließlich kam Dawn noch nie zu spät zur Arbeit, geschweige denn gar nicht. Ein verstörender Anruf bestätigt ihr schlechtes Gefühl, eine Frau bittet mit zitternder Stimme um Hilfe und klingt dabei wie die Vermisste. Natalie fährt zur Dawns Wohnung und was sie da vorfindet, lässt auf ein Verbrechen schließen.

»Ich weiß nicht wie, aber irgendjemand hat mir etwas angehängt und dabei richtig gute Arbeit geleistet. Mein Leben, wie ich es kannte, ist offiziell vorbei.« (Seite 272)

Vor über zwei Jahren landete die Autorin mit ihrem Buch »Wenn sie wüsste« einen riesigen Erfolg, die Geschichte hatte auch mich damals begeistert. Einige Bücher weiter erschien nun ihr neuestes Werk, nämlich das vorliegende Buch mit dem Titel »Die Kollegin«. Groß war meine Vorfreude, aber ebenso groß, wenn nicht noch ein bisschen größer, die Ernüchterung nach den ersten hundert Seiten. Die erste Hälfte über fragte ich mich, wann es endlich losgeht, suchte vergeblich nach den meisterhaften Twists. Plötzlich aber war er endlich da, der ersehnte Nervenkitzel, und dann ging es Schlag auf Schlag!

Nach einem eher gemächlichen Start, der für meine Begriffe definitiv zu lange gemächlich blieb, entfaltete die Geschichte ihren Charme, die Ereignisse überschlugen sich nicht nur, sie machten förmlich einen Purzelbaum nach dem anderen und das gefühlt ohne Pause, bis das Ende kam. Warum nicht gleich so, dachte ich, und klebte am Buch wie die Fliege am Spinnennetz, legte es nicht mehr aus der Hand. Welch ein Einfallsreichtum, wie perfide und böse und dazu äußerst raffiniert! Ein extra Sternchen gibts nicht und auch ein Highlight wurde nicht daraus, aber insgesamt eine lesenswerte, wendungsreiche und wirklich unerwartete Story, die mich großartig unterhalten hat.

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Veröffentlicht am 28.04.2025

Klug und herzlich erzählt

Drei Tage im Juni
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Zur Hochzeit der gemeinsamen Tochter Debbie treffen die geschiedenen Eheleute Gail und Max aufeinander und nicht nur das: Weil ihr Ex-Mann mit einer Katze anreist und der Bräutigam allergisch ist, quartiert ...

Zur Hochzeit der gemeinsamen Tochter Debbie treffen die geschiedenen Eheleute Gail und Max aufeinander und nicht nur das: Weil ihr Ex-Mann mit einer Katze anreist und der Bräutigam allergisch ist, quartiert sich Max für drei Tage bei Gail ein. Ein Problem kurz vor der Hochzeit lässt die kleine Familie zusammenkommen, aber nicht nur da zeigt sich immer wieder, dass die frühere Vertrautheit noch nicht ganz verschwunden ist.

»Man vergisst nämlich, wenn man einige Zeit allein war, dass es sie gibt - diese Gespräche zwischen Eheleuten, die sich mit Unterbrechungen wochenlang hinziehen können, die sich wie eine Häkelarbeit verästeln, Schlaufen legen und alte Gesprächsfäden wieder aufnehmen.« (Seite 190)

Das vorliegende Buch ist mein erstes Werk von Anne Taylor, das ich lesen durfte, und ich bin von der ersten Seite an bereits ein großer Fan der Autorin. Leise und unaufgeregt lässt sie ihre Protagonistin erzählen, lässt sie zurückgehen in der Zeit, sich erinnern, resümieren und Situationen erklären, die sie sich gegenüber ebenfalls in diesem Moment seziert und bewertet. Dabei ergeben sich intime Augenblicke, die ich einem Voyeur gleich mit den Akteuren miterlebe. In einer schönen Sprache legt sie mir ihre Gründe dar, die das Scheitern der Ehe herbeigeführt haben, reflektiert ihr Verhalten und kommt zu einem verblüffenden Ergebnis. Ihr dabei über die Schulter zu schauen, war faszinierend und spannend zugleich, obwohl im Buch gar nicht so viel passiert. Ich bin begeistert und möchte am liebsten sofort ein weiteres Buch der Autorin lesen. Große Leseempfehlung gibt es dafür von mir.

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Veröffentlicht am 24.04.2025

Kommt leider nicht an „Das Leuchten der Rentiere“ dran

Die Zeit im Sommerlicht
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In den 1950er Jahren in Schweden muss die erst siebenjährige Sámi Else-Maj ihr Zuhause sowie Familie und Freunde verlassen und wird in ein Nomadeninternat geschickt. Dort wird sie mit anderen Kindern von ...

In den 1950er Jahren in Schweden muss die erst siebenjährige Sámi Else-Maj ihr Zuhause sowie Familie und Freunde verlassen und wird in ein Nomadeninternat geschickt. Dort wird sie mit anderen Kindern von Rentierhirten unterrichtet, bekommt einen schwedischen Vornamen und darf ihre Muttersprache nicht mehr sprechen. Die furchteinflössende Hausmutter Rita Olsson führt das Internat mit eisernen Hand, Verfehlungen oder andere Ungehorsamkeiten werden strengstens bestraft. Einzig die Erzieherin Anna versucht, die Kinder zu beschützen, verschwindet jedoch eines Tages spurlos. Dreißig Jahre später taucht Anna wieder auf, bringt die Leben ihrer früheren Schützlinge durcheinander, aber auch die Chance auf Heilung der Wunden mit.

Bereits im Jahr 1909 hatte Bischof Olof Bergkvist die Idee zu einer »Lappenschule«, die dazu gegründet wurde, um die samischen Rentierhalter an die schwedische Leitkultur anzupassen. Diese grausame Vorgehensweise wurde fast fünf Jahrzehnte lang praktiziert, Kinder im Alter von sieben Jahren ihren Eltern förmlich entrissen, ihrer Muttersprache beraubt und zur Umerziehung gezwungen. Lange Zeit haben die betroffenen Familien geschwiegen, sich oft geschämt, geschuldet dem Stolz, kein Opfer gewesen zu sein. Die Mutter der Autorin war selbst auf einer Nomadenschule gewesen, dies nahm Ann-Helén Laestadius zum Anlass, darüber ihr zweites Buch für Erwachsene zu schreiben. Vieles habe sie eigener Aussage nach jedoch ausgelassen, weil manche Vorkommnisse schlicht und ergreifend zu grausam gewesen seien, um diese aufzunehmen.

Mehrere Perspektiven bemüht die Autorin, springt zwischen den Zeiten zusätzlich hin und her. Dabei sind die Erlebnisse der Kinder gleich, das Ergebnis jedoch unterschiedlich. Da wäre Marge, die sich ein Kind wünscht, und als das adoptierte Kind endlich da ist, nicht in der Lage ist, sich vernünftig um das kleine Mädchen zu kümmern. Oder Jon-Ante, am liebsten Jonne genannt, der darauf förmlich beleidigt reagiert, wenn man ihn aus Spaß mit dem verächtlichen Begriff „Lappe“ betitelt, und der nicht in der Lage war und ist, eine Beziehung mit einer Frau einzugehen. Da ist aber auch Anne-Risten, die sich Anne nennt und einen Schweden geheiratet hat, die ihre Herkunft gänzlich verleugnet, um anerkannt zu werden und damit fast ihre Identität verliert. Sie, Else-Maj und weitere Erwachsene verbinden ihre Erlebnisse in der Kindheit, gleichzeitig aber geht jeder von ihnen unterschiedlich mit den erlittenen Traumata um.

Der zweite Roman von Ann-Helén Laestadius berührte mich, auch wenn er leider an den großartigen Vorgänger »Das Leuchten der Rentiere« nicht ganz heranreicht. Das Buch ist ruhig, stellenweise zu ruhig, im Leben der beteiligten Menschen passiert einfach nicht viel. Die zurückliegenden Geschehnisse sind grausam, aber auch diese Grausamkeit nutzt sich ein wenig ab, wenn sie sich wiederholt. Die samischen Wörter und Sätze hätte ich mir dabei sofort übersetzt gewünscht, das Glossar hinten zu platzieren, hat meinem Lesefluss eher geschadet als genutzt. Letztlich hielt mich der Umstand bei der Stange, dass es um wahre Schicksale geht und dies erschütterte mich wirklich sehr. Insgesamt ein guter Roman, der durch die nüchterne Sprache ein bisschen an Authentizität einbüßt.

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Veröffentlicht am 22.04.2025

Wahnsinnig spannend

Leb wohl, Schwester
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In den Hügeln von Toskana verbringt ein frischverliebtes Paar aus Deutschland seinen Urlaub, bis die jungen Menschen eines Nachts von einer unbekannten Person in ihrem Zelt erschossen werden. Commissario ...

In den Hügeln von Toskana verbringt ein frischverliebtes Paar aus Deutschland seinen Urlaub, bis die jungen Menschen eines Nachts von einer unbekannten Person in ihrem Zelt erschossen werden. Commissario Donato Neri, der kurz vor seiner Pensionierung steht, und seine neue Kollegin Romina Roselli stehen vor einem Rätsel, da es keinerlei Spuren und auch kein erkennbares Motiv gibt. Als der Täter kurze Zeit später erneut zuschlägt, kommt Hektik auf, denn anscheinend hat es jemand auf Liebespaare abgesehen, was unschöne Erinnerungen weckt.

Mit »Leb wohl, Schwester« legt Sabine Thiesler einen weiteren Band mit ihrem unvergleichlichen Commissario Neri und seiner Frau Gabriela vor, der für mich persönlich den absoluten Höhepunkt der großartigen Reihe darstellt. Der Titel ist dabei so gut gewählt wie herrlich zweideutig, was ich an dieser Stelle unbedingt beglückwünschen möchte. Obwohl die Person, die die Taten begeht, von vornherein bekannt ist, schafft es die Autorin trotzdem, eine gewisse Spannung aufzubauen, die sich durch das ganze Buch zieht. Hierbei entsteht ein riesiger Nervenkitzel, der zum Ende hin so unerträglich wird, dass ich mehrfach kurz davor war, vorzublättern, um festzustellen, ob die mörderische Person bestraft wird, oder doch noch ein Schlupfloch findet, um ungestraft davonzukommen. Dies habe ich nicht getan und rate, es wie ich auf dem üblichen Wege herauszufinden. Erstklassig und absolut lesenswert!

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Veröffentlicht am 16.04.2025

Verlorene Jugend

Mauthausen
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»Mindestens 90.000 Menschen verloren in Mauthausen ihr Leben. Von den über 7.000 republikanischen spanischen Häftlingen wurden mehr als 4.200 ermordet. Francisco Aura Boronat war der letzte noch lebende ...

»Mindestens 90.000 Menschen verloren in Mauthausen ihr Leben. Von den über 7.000 republikanischen spanischen Häftlingen wurden mehr als 4.200 ermordet. Francisco Aura Boronat war der letzte noch lebende der etwa 2.800 aus Mauthausen befreiten Spaniern. Er verstarb am 27. November 2018, kurz vor seinem 100. Geburtstag.« (Seite 187)

Wenn ich an Konzentrationslager denke, fallen mir in erster Linie Auschwitz und Dachau ein, die Stadt Mauthausen war mir tatsächlich bislang noch nie untergekommen, was ich nach dem Lesen der großartigen Graphic Novel von Jordi Peidro erstaunlich finde angesichts der Gräuel, die dort passiert sind, und der Zahl der getöteten Menschen. Wahrscheinlich liegt dies daran, dass Mauthausen sich in Österreich befindet, gelegen an der Donau. Errichtet wurde das Lager, um politische Gegner, Kriminelle oder als asozial bezeichnete Personen zu inhaftieren, wo sie zu Schwerstarbeit in Granitsteinbrüchen gezwungen werden sollten. Die ersten Gefangenen wurden durch die SS am 08. August 1938 überstellt, dabei handelte es sich anfangs um deutsche und österreichische Häftlinge, was sich nach Kriegsbeginn änderte, als Menschen aus ganz Europa ins KZ Mauthausen verschleppt wurden. Einer von ihnen war der spanische Widerstandskämpfer Francisco Aura Boronat, dessen Geschichte die vorliegende Graphic Novel erzählt.

»Die Erfahrung meines Vaters schwebte immer über unserer Familie. Es ist nicht möglich, ein Erlebnis von solcher Eindringlichkeit abzulegen. Man überlebt eine Deportation, aber sie begleitet einen für den Rest seines Lebens. Doch obwohl wir das so erlebten, weigerte ich mich lange, mich dem Schicksal meines Vaters zu stellen. Ich wollte nichts von seinem Leiden wissen…« (Javier Aura, Seite 191)

Die großartig gezeichneten Bilder und die Geschichte von Francisco Aura Boronat lassen mich tief bewegt zurück. Wieder einmal bin ich entsetzt darüber, was Menschen anderen Menschen antun und wie vielfältig das Böse seine Fratze zeigen kann. Besonders berührend fand ich dabei die Beiträge der Kinder von Francisco Aura Boronat zum Schluss des Buches; diese Worte haben mich buchstäblich zu Tränen gerührt. Hinzukommt der Umstand, dass ich historische Ereignisse und Fakten erfahren habe, die neu für mich waren. Eine bildliche Reise in die Vergangenheit, die großen Eindruck bei mir hinterlässt. Gegen das Vergessen.

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