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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.02.2026

Eine bewegende Familiengeschichte

Immergrün
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„Immergrün“ von Ruth Olshan ist kein klassischer Roman mit stringenter Handlung und Spannungsbogen. Vielmehr wirkt das Buch wie eine lose Aneinanderreihung von Erinnerungen, Episoden und Gedanken aus dem ...

„Immergrün“ von Ruth Olshan ist kein klassischer Roman mit stringenter Handlung und Spannungsbogen. Vielmehr wirkt das Buch wie eine lose Aneinanderreihung von Erinnerungen, Episoden und Gedanken aus dem Leben der Ich-Erzählerin. Wer eine durchkomponierte Erzählstruktur erwartet, könnte enttäuscht werden.

Im Mittelpunkt steht eine Familie aus Litauen, die in Deutschland offenbar nie wirklich angekommen ist. Zwischen Anpassung und innerer Distanz entsteht eine spürbare Schwermut, die sich durch das gesamte Buch zieht. Statt neue Wege einzuschlagen oder aktiv nach Veränderung zu suchen, verharren die Figuren in einer Art resignativer Haltung gegenüber ihren Lebensumständen. Besonders deutlich wird das bei der Mutter. In Litauen schlug sie eine Laufbahn als Sängerin ein. Ihr innerer Konflikt, nun in Deutschland nicht gesehen zu werden und den Verlust ihrer früheren Identität als Sängerin in der Sowjetunion verkraften zu müssen, prägt die Atmosphäre des Romans stark. Die psychische Erkrankung der Mutter erscheint als Folge dieser Entwurzelung und des Gefühls, ihre künstlerische Stimme verloren zu haben. Diese Passagen gehören zu den emotional stärksten Momenten des Buches.

Allerdings erschweren wiederkehrende Gedankensprünge und ein teils fragmentarischer Stil die Lektüre. Übergänge wirken mitunter abrupt, manchmal erschließen sich Zusammenhänge nicht immer sofort. Dies verstärkt den Eindruck eines Erinnerungsstroms statt einer ausgearbeiteten Romanhandlung.

Insgesamt ist „Immergrün“ ein melancholischer Roman, der weniger durch äußere Handlung wirkt. Die innere Handlung der Ich-Erzählerin steht im Vordergrund. Wer eine dichte, psychologisch geprägte Familiengeschichte schätzt und sich auf eine eher lose Struktur einlassen kann, wird in diesem Buch berührende Momente finden. Leserinnen und Leser, die eine klare Dramaturgie bevorzugen, könnten es jedoch als zu sprunghaft empfinden.

Ich persönlich bin nicht richtig warm geworden mit den Figuren. Sie wirkten distanziert und ich hatte manchmal den Eindruck, dass sich die Figuren als Opfer ihrer Umstände sahen.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Ein Bilderbuch über Achtsamkeit und Entschleunigung

Eilig, so unglaublich eilig!
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Das Bilderbuch „Eilig, so unglaublich eilig!“ von Christian Merveille erzählt eine Geschichte, die nicht nur Kinder anspricht, sondern auch Erwachsene.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein kleiner ...

Das Bilderbuch „Eilig, so unglaublich eilig!“ von Christian Merveille erzählt eine Geschichte, die nicht nur Kinder anspricht, sondern auch Erwachsene.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein kleiner Hase, der es schrecklich eilig hat. Er rennt unaufhörlich, stolpert, verliert seinen Hut und zieht mit seiner ungestümen Art sofort in die Geschichte hinein. Alles scheint dringend und alles scheint sofort erledigt werden zu müssen. Dabei übersieht der Hase so viel Schönes: die kleinen Begegnungen, die freundlichen Gesichter und die schöne Natur um ihn herum. Der kleine Hase verpasst quasi alles, was den Tag besonders macht.

Mit sanfter Leichtigkeit zeigt die Geschichte, wie anstrengend dieses ständige Rennen sein kann und wie wohltuend es ist, einfach einmal stehen zu bleiben und innezuhalten. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit viel Feingefühl lädt das Buch dazu ein, über das eigene Tempo nachzudenken. Müssen wir wirklich immer schneller sein? Oder liegt das Glück vielleicht im bewussten Wahrnehmen?

Die farbenfrohen, detailreichen Bilder von Lorenzo Sangiò unterstreichen diese Botschaft auf liebevolle Weise. Sie erzählen oft noch ein wenig mehr als der Text und laden dazu ein, viel zu entdecken.

Gelungen finde ich das Ende. Es lädt dazu ein, das Buch noch einmal von vorn zu lesen und genauer hinzuschauen. Beim erneuten Anschauen des Bilderbuches entdeckt man in den Bildern viele kleine Details, die zuvor vielleicht übersehen wurden. So wird die Geschichte selbst zu einer Übung in Achtsamkeit. Ich schaue genauer hin und nehme dadurch mehr wahr.

Das Buch ist eine zarte Erinnerung daran, dass Zeit nicht nur etwas ist, das uns antreibt, sondern auch ein Geschenk, das wir genießen dürfen. Ein Buch, das Kinder behutsam begleitet und Erwachsene vielleicht ebenfalls einen Moment lang innehalten lässt.

Lesenswert!

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Kraft gebend, lebensbejahend, inspirierend!

Love and be loved
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Kraft gebend, lebensbejahend, inspirierend
„Love and be loved“ von Cleo Wade ist ein wundervolles und zärtliches Bilderbuch. Es ist kraftgebend, inspirierend und lebensbejahend. Cleo Wade richtet ihre ...

Kraft gebend, lebensbejahend, inspirierend
„Love and be loved“ von Cleo Wade ist ein wundervolles und zärtliches Bilderbuch. Es ist kraftgebend, inspirierend und lebensbejahend. Cleo Wade richtet ihre Worte nicht nur an Kinder, sondern genauso an die Erwachsenen, die sie begleiten. Und vielleicht sogar noch mehr an das innere Kind in uns selbst.

„Gestolpert“ bin ich vor allem über den Satz: „Mögest du jemand sein, den du liebst.“ Er hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht. Nicht nur unseren Kindern sollten wir diesen Glaubenssatz immer wieder nahebringen. Wir sollten vor allem uns auch selbst dies immer wieder vor Augen führen. Oft gehen wir mit uns selbst so hart ins Gericht, dabei sollten wir viel öfter liebevoller mit uns umgehen. Selbstliebe ist schließlich kein Luxus, sondern das Fundament für alles.

Auch folgende Affirmation fand ich besonders schön und inspirierend:

„Möge dein Geist immer aufgeschlossen sein und mögest du immer ein wenig merkwürdig sein. Oder auch sehr, sehr merkwürdig. Möge deine Merkwürdigkeit deine Superkraft sein. Möge sie dich ermuntern, dich in nahe und ferne Abenteuer zu stürzen.“

Das ist geradezu eine Einladung, so zu sein, wie man ist. Eine liebevolle Erlaubnis zur Eigenheit. Ich bin genau richtig, wie ich bin.

Aber auch tiefgründige und berührende Affirmationen zum Beispiel zum Thema Angst sind in dem Bilderbuch zu finden. Sie verdeutlichen, dass Angst und negative Gefühle normal und auch zum Leben dazugehören. Sie dürfen da sein, entscheidend ist nur, dass sie uns nicht beherrschen.

Es sind so viele weitere wundervolle Affirmationen in dem Buch. Ihr müsst sie einfach selbst entdecken!

Die Illustrationen im Inneren sind zart und zauberhaft. Positiv hervorzuheben ist, dass das Buch nicht mit Bildern überladen ist. Jedes einzelne Bild darf mit der jeweiligen Affirmation für sich wirken. Die Illustrationen unterstützen die Worte, drängen sich aber nicht in den Vordergrund.

„Love and be loved“ ist ein Buch, das man nicht nur einmal liest, sondern immer wieder zur Hand nimmt. Es eignet sich wunderbar als Geschenk, für Kinder, für Jugendliche, aber ebenso für Erwachsene.

Ein Buch voller liebevoller Erinnerungen daran, wer wir im Kern sind: wertvoll, einzigartig und liebenswert.

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Veröffentlicht am 10.02.2026

Eine scheinbar perfekte Familie

Alle glücklich
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Was bedeutet es, wirklich glücklich zu sein?

Kira Mohn erzählt in ihrem Roman "Alle glücklich" von Familie, Liebe und den Herausforderungen des Lebens.

Im Fokus des Romans steht die Familie Holtstein: ...

Was bedeutet es, wirklich glücklich zu sein?

Kira Mohn erzählt in ihrem Roman "Alle glücklich" von Familie, Liebe und den Herausforderungen des Lebens.

Im Fokus des Romans steht die Familie Holtstein: Mutter Nina, Vater Alexander, Sohn Ben (19) und Tochter Emilia (16). Die Geschichte wird aus allen vier Perspektiven erzählt, wodurch ich als Leser tief in die Gedanken, Gefühle und Konflikte jeder Figur eintauche und die familiären Dynamiken aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln erlebe. Die Holtsteins sind nach außen hin eine scheinbar perfekte Familie. Hinter der Fassade verbergen sich aber innere Konflikte, persönliche Sorgen und zerbrechliche Beziehungen, die jede Figur auf ihre eigene Weise prägen. Unausgesprochene Erwartungen und alte Wunden kommen zum Vorschein, Zerreißproben, die Beziehungen mit sich bringen.

"Alle glücklich" ist aber mehr als nur eine Familiengeschichte. Es geht um persönliche Entwicklung, Selbstreflexion und den Mut, eigene Wünsche und Bedürfnisse nicht hintenanzustellen.

Meiner Meinung nach ist es Kira Mohn gelungen, die Dynamiken innerhalb einer Familie realistisch darzustellen. Der Roman überzeugt durch seine emotionale Tiefe und die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema "Familie" und dem oft trügerischen Ideal nach außen, dass doch alle glücklich sein müssten. Kira Mohn zeigt in dem Roman, wie komplex familiäre Beziehungen sein können, die geprägt sind von Verantwortung, Erwartungen und dem Wunsch, gesehen zu werden.

Besonders spannend und realistisch ist die Beziehung zwischen Emilia und ihrer Freundin Alina, die den Kontakt abbricht. Dieser Moment zeigt, wie verletzlich Beziehungen sein können.

Berührend finde ich vor allem Bens Schicksal. Seine große Einsamkeit und sein Kampf, seinen Platz im Leben zu finden, machen ihn zu einer besonders nahbaren und mitfühlenswerten Figur.

Ein kleiner Kritikpunkt von meiner Seite ist, dass an einigen Stellen die Handlung etwas vorhersehbar ist. Das Ende jedoch hat mich wiederum überrascht.

"Alle glücklich" ist ein Roman, der zum Nachdenken über Familie und eigenes Glück anregt.

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Veröffentlicht am 31.01.2026

Viel Hollywooddrama, wenig Tiefe

Hazel sagt Nein
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"Hazel sagt nein" zielt auf eine wesentliche thematische Brisanz ("MeToo") und eine emotionale Stärke, landet schlussendlich aber bei einer überinszenierten Geschichte, die konstruiert und unglaubwürdig ...

"Hazel sagt nein" zielt auf eine wesentliche thematische Brisanz ("MeToo") und eine emotionale Stärke, landet schlussendlich aber bei einer überinszenierten Geschichte, die konstruiert und unglaubwürdig erscheint.

Kernthema des Romans ist die sexuelle Belästigung des Schulleiters gegenüber der 18-jährigen Schülerin Hazel. Ihr "Nein" ihm gegenüber stellt ihr Leben und das ihrer Familie auf den Kopf. Was privat beginnt, wird plötzlich öffentlich verhandelt.

Der Roman will Haltung zeigen, Mut feiern und eine klare Botschaft vermitteln, schafft es aber durch die hollywoodreife Inszenierung nicht. Die Geschichte setzt auf Empörung und klare Schuldzuweisungen. Das gelingt der Autorin mit der Handlung auch gut, dabei bleibt aber alles nur oberflächlich.

Generell finde ich problematisch, wie mit wichtigen Themen umgegangen wird. Auch die Cancel Culture gegenüber Hazels Vater, der nach einem größeren Faux-Pax um seinen Job fürchten muss, wird einfach nur emotional hochgekocht. Seine öffentliche Ächtung wird als schnelle, fast mechanische Reaktion gezeigt. Die Autorin nutzt das Thema vor allem für Spannung, nicht für eine echte Auseinandersetzung. Es gibt hier klare Rollen. Grauzonen fehlen völlig.

Die Handlung des Romans beginnt eigentlich mit einer Wucht. Als Leser ist man erst einmal sprachlos von der direkt und ohne Umschweife erzählten sexuellen Belästigung des Schulleiters. Man ist gespannt und will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Dann rückt das Kernthema aber immer mehr in den Hintergrund. Plötzlich verschiebt sich der Fokus und Hazel steht als gefragte angehende Schriftstellerin mit eigener Lektorin und Agentin im Vordergrund.

"Hazel konnte kaum glauben, dass sie da war, im The Edge Hotel in Koreatown (...). In letzter Zeit war viel passiert, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Der Artikel in der "New York Times", das "Talk of the Town"-Porträt im "New Yorker". Und jetzt das? L.A. war eine ziemliche Steigerung. Denn Hazel musste zu Meetings. Hollywood-Meetings." (S.313)

Die plötzliche Wendung wirkt einfach nur unrealistisch und übertrieben inszeniert.

Um auch etwas Positives zu sagen: Hazel gefällt mir als Figur. Sie hat meine volle Sympathie. Ich mag, dass sie ehrgeizig ist, Ziele hat und sich dem widerlichen Direktor widersetzt. Außerdem ist der Roman leicht zugänglich und flüssig zu lesen.

Als Fazit ist zu sagen, dass der Roman wie ein Hollywoodfilm wirkt: emotional, zugespitzt, an vielen Stellen unglaubwürdig und nicht wirklich durchdacht.

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