Das raue Leben einer jungen Grönländerin
Das Tal der Blumen„Das Tal der Blumen“ von Niviaq Korneliussen ist ein rauer und bedrückender Roman, der einen tiefen Einblick in die grönländische Gesellschaft gibt. Im Mittelpunkt steht eine junge Grönländerin, die sich ...
„Das Tal der Blumen“ von Niviaq Korneliussen ist ein rauer und bedrückender Roman, der einen tiefen Einblick in die grönländische Gesellschaft gibt. Im Mittelpunkt steht eine junge Grönländerin, die sich so weit wie möglich von ihrer Familie entfernen möchte. Sie geht nach Dänemark, um dort zu studieren, doch auch dort findet sie keinen Halt. Statt eines Neuanfangs wird sie mit Vorurteilen und dem Rassismus vieler Dänen gegenüber Grönländern konfrontiert. Sie kommt mit den neuen Strukturen und Erwartungen nicht zurecht, findet keinen Anschluss und bleibt genauso verloren wie zuvor.
Der Roman schildert die Lebensumstände vieler junger Grönländer eindringlich. Hoffnungslosigkeit, Identitätsprobleme, psychische Erkrankungen und tiefe Einsamkeit bestimmen das Leben der Figuren. Besonders erschütternd ist die Thematisierung der hohen Suizidrate unter jungen Grönländern. Der Roman ist sogar strukturell durch die Erwähnung von Suiziden geprägt, was die bedrückende Grundstimmung zusätzlich verstärkt. Gleichzeitig zeigt das Buch, wie schwer es ist, Hilfe zu bekommen. Trotz Hilferufen gibt es kaum therapeutische Angebote, und viele Betroffene bleiben mit ihren Problemen allein.
Was mich besonders beeindruckt hat, war die beklemmende Grundstimmung des Romans. Man spürt regelrecht die Kälte unter den Figuren. Sie gehen kaum herzlich miteinander um, viele wirken emotional abgestumpft, plump, derb und kalt. Diese Verrohung zieht sich durch das gesamte Buch.
Auch sprachlich ist der Roman sehr direkt. Die vulgäre und derbe Sprache passt zwar zur Härte der dargestellten Lebensrealität, war mir stellenweise aber fast zu viel. Gleiches gilt für die teilweise sehr ausführlich beschriebenen sexuellen Handlungen. Hier hatte ich oft den Eindruck, dass die Autorin bewusst provozieren möchte, was mich beim Lesen eher genervt hat als einen Mehrwert für die Handlung zu bieten.
Trotz dieser Kritikpunkte halte ich „Das Tal der Blumen“ für ein wichtiges und eindrucksvolles Buch. Es zeigt ein zerrissenes Land und eine Generation junger Menschen, die zwischen kultureller Identität, Perspektivlosigkeit und gesellschaftlicher Kälte verloren geht. Kein leichter Roman, aber einer, der lange nachhallt.