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Veröffentlicht am 05.09.2024

Marie Aubert überzeugt mal wieder auf ganzer Linie

Eigentlich bin ich nicht so
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Die norwegische Autorin hat nach „Erwachsene Menschen“ ein weiteres Highlight geschrieben. Wieder einmal zeigt sie ihr Händchen für komplexe Familiengeschichten und facettenreiche, unperfekte Hauptfiguren.

In ...

Die norwegische Autorin hat nach „Erwachsene Menschen“ ein weiteres Highlight geschrieben. Wieder einmal zeigt sie ihr Händchen für komplexe Familiengeschichten und facettenreiche, unperfekte Hauptfiguren.

In wechselnden Perspektiven begleiten wir Hanne, Bård, Linnea und Nils über das Wochenende von Linneas Konfirmation. Hanne kehrt dafür erstmalig mit Partnerin und ohne ihr früheres Gewicht in ihre Heimat zurück. Dort gerät sie nicht nur an die Grenzen von (internalisierter) Fettfeindlichkeit, sondern muss auch feststellen, dass die OP viele grundlegende Probleme natürlich überhaupt nicht gelöst hat. Ihr Bruder Bård, der ein aus Hannes Perspektive erfolgreiches Leben führt, hat eine Affäre und plant seine Familie zu verlassen. Linnea macht die schmerzlichen Freundschaftserfahrungen eines Teenagers und Nils reflektiert über die Beziehungen zu seinen Kindern Hanne und Bård. In Rückblenden lernen wir zudem die komplexe Vergangenheit der erwachsenen Figuren kennen, sodass sich kein übereiltes Gut-Böse-Denken verfangen kann.

Auberts Romane leben von authentischen Figuren, die sie mit allen problematischen Gedanken zeichnet. Und ich liebe das Nahbare, das Komplizierte, das Zum-Haare-Raufende - eben das ganze „Eigentlich bin ich nicht so“! Dieses neue Buch wird besonders von allem Unausgesprochenen geprägt, das wahrscheinlich alle aus der eigenen Familie kennen. Im Zuge der Geschichte spitzt sich das natürlich zu, doch trotz aller Differenzen gibt es immer wieder von Verbundenheit geprägte Momente.

Dieses Buch ist kein Wohlfühlbuch, aber es ist auch nicht das Gegenteil davon. Es ist ehrlich, verzwickt und dabei so nahbar, dass ich es nicht aus der Hand legen konnte. Das Ende hätte ich mir ein bisschen weniger offen gewünscht, andererseits passt das auch völlig zur Komplexität der Geschichte (und des Lebens).

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Veröffentlicht am 05.09.2024

Sehr kurzweilige Geschichte für alle Bücherliebenden, die charakterlich hätte tiefer gehen können

Die Tage in der Buchhandlung Morisaki
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Das Cover ist einfach sooo schön, dass ich richtig Lust auf's Lesen hatte! 😍

Und der Roman ist wirklich perfekt, wenn mensch ein unterhaltsames Buch für einen entspannten (Sommer-)Tag sucht. Es lässt ...

Das Cover ist einfach sooo schön, dass ich richtig Lust auf's Lesen hatte! 😍

Und der Roman ist wirklich perfekt, wenn mensch ein unterhaltsames Buch für einen entspannten (Sommer-)Tag sucht. Es lässt sich ganz leicht lesen, der Schreibstil ist enorm zugänglich. Richtig gern mochte ich auch einige der Nebencharaktere, besonders natürlich Onkel Satoru, der mich mit seiner offenen Sanftheit erreichen konnte. Die Liebe zu Geschichten ist natürlich omnipräsent und es kommen auch viele klassische Werke vor (die ich allerdings alle nicht kannte 😅). Gefallen hat mir außerdem, dass hier romantische Storylines keine große Rolle spielen, das hätte der Geschichte meiner Meinung nach nicht gut getan.

Nicht so ganz greifen konnte ich allerdings die Protagonistin Takako, die im Zuge einer depressiven Phase in das Antiquariat ihres Onkels zieht. Dort entdeckt sie zwar ihre Leidenschaft für Bücher und findet endlich Freund*innen, ab da dreht es sich aber vor allem um den Onkel und dessen vermeintlich verschollene Frau. Die Geschichte fand ich an sich wirklich schön und mochte, dass die beiden eine angenehme Tiefe bekommen. Dadurch erscheint die Protagonistin aber zunehmend flach und austauschbar, da hätte ich deutlich mehr Potenzial gesehen, gerade in Bezug auf den Umgang mit Lebenskrisen - das war mir irgendwie zu einfach.

Ich empfehle das Buch trotzdem gern als Easy-Read mit der total atmosphärischen Umgebung des Buchladenviertels in Tokio und werde wohl auch den bald erscheinenden zweiten Teil lesen. Vielleicht legt der Autor hier ja in Bezug auf Charaktertiefe noch einmal nach.

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Veröffentlicht am 03.09.2024

Keine Wohlfühllektüre und teilweise sehr herausfordernd, aber trotzdem scharf beobachtet

Das Leben keiner Frau
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"Das Leben keiner Frau" ist wirklich absolut kein Wohlfühlbuch. Mit einer ziemlich unsympathischen Protagonistin sowie einer sehr direkten, zynischen und manchmal vulgären Sprache ist es ein Werk, das ...

"Das Leben keiner Frau" ist wirklich absolut kein Wohlfühlbuch. Mit einer ziemlich unsympathischen Protagonistin sowie einer sehr direkten, zynischen und manchmal vulgären Sprache ist es ein Werk, das polarisiert. Nichts von alledem finde ich zwangsläufig schlecht, bin in meiner Besprechung aber hin- und hergerissen.

Ich fand das Buch phasenweise bei aller Frustration von Mel wirklich auf den Punkt. Es wird immer wieder beschrieben, wie die patriarchale Gesellschaft und der strukturelle Sexismus Frauen nicht nur benachteiligt, sondern sie auch gegeneinander ausspielt. Mehrfach habe ich beim Lesen geschwankt zwischen Verständnis und Wut über das, was Mel so von sich gibt. Während sie manchmal messerscharf beobachtet und mir damit Impulse in Bezug auf Ageismus/Abhängigkeiten mitgibt, fand ich einige ihrer Gedanken in Bezug auf jüngere Frauen/Mädchen einfach nur schrecklich.

Die komplette Handlung ist eher frustrierend, macht wütend und zieht irgendwie runter. Aber trotzdem habe ich es richtig schnell durchgelesen. Manche Monologe fand ich zwar etwas langatmig, aber insgesamt hat mich das Buch erstaunlich gut unterhalten. Es wurden doch recht viele Themen angeschnitten (u. a. auch Gewalt von Eltern gegenüber ihren Kindern, Alkoholismus, Pflegekrise), sodass manche für mein Empfinden etwas untergegangen sind. Ein wenig mehr Fokus hätte der Geschichte vielleicht gut getan, andererseits ist die Realität natürlich auch genau so komplex.

Eine Empfehlung für Menschen, die weder Zynismus noch eine Sex-offene Handlung scheuen und unsympathische Hauptfiguren bevorzugen.

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Veröffentlicht am 30.08.2024

Ein emotional extrem starker Familienroman mit authentischen und vielschichtigen Figuren

Blue Sisters
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[TW: Alkohol- und Drogenmissbrauch, häusliche Gewalt, Überdosis, Tod, problematisches Essverhalten]

Ich verneige mich vor Coco Mellors, die mir nach langer Zeit endlich mal wieder ein Jahreshighlight ...

[TW: Alkohol- und Drogenmissbrauch, häusliche Gewalt, Überdosis, Tod, problematisches Essverhalten]

Ich verneige mich vor Coco Mellors, die mir nach langer Zeit endlich mal wieder ein Jahreshighlight beschert hat. Eine klare Empfehlung für alle, die komplexe Familienromane, Perspektivwechsel und ambivalente Figuren mögen.

Die Schwestern Avery, Bonnie und Lucky versuchen nach dem Tod der vierten Schwester Nicky eine neue Dynamik zu finden. Doch nicht nur die gestaltet sich reibungsintensiv, die drei kämpfen auch jeweils mit ihren ganz eigenen Problemen. Dadurch passiert unglaublich viel, ohne dass die Handlung überladen wirkt.

Coco Mellors fängt unfassbar stark jede einzelne Beziehung und Figur ein. Avery, die als älteste Schwester die Rolle der Mutter übernehmen musste, weil diese mit dem Alkoholismus ihres Mannes beschäftigt ist, und die nicht so recht weiß, wie sie mit dem Kinderwunsch ihrer Frau umgehen soll. Bonnie, die ihre erfolgreiche Boxerinnenkarriere nach Nickys Tod auf brutale Art beendete und sich seitdem komplett abschottet. Und schließlich Lucky, ein Model mit zu hohem Alkohol- und Drogenkonsum, die sich als Jüngste alleingelassen fühlt.

Was die Schwestern bei aller Verschiedenheit eint: Schuldgefühle und die Einstellung, lieber nicht über die eigenen Probleme zu sprechen. Damit baut Mellors einen Spannungsbogen aus tickenden Zeitbomben auf, der mich regelrecht süchtig gemacht hat. So konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen und habe am Ende auf jeden Fall ein paar Tränchen verdrückt. 🥺

Positiv herausheben möchte ich noch, dass der Verlag sich hier für eine entgenderte Schreibweise entschieden hat und dass Coco Mellors ungeschönt auf das Thema Endometriose blickt.

Ein Roman mit viel Schwere, die die Autorin aber durch ganz viel Wärme im Schreiben ausgleicht. Für mich durch die Vielfalt der Themen, die Tiefe der unperfekten Figuren und die messerscharfe Beobachtung von Familiendynamiken definitiv eines der besten Bücher des Jahres. 💙

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Veröffentlicht am 29.08.2024

Ein anspruchsvoll-ambivalenter Beziehungsroman mit historisch interessantem Setting

Samtene Scheidung
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[TW: Alkoholismus, Fehlgeburt, Unfalltod]

In „Samtene Scheidung“ bin ich erstmalig mit der Slowakei und ihrer Geschichte besonders nach dem Ende der Tschechoslowakei in Berührung gekommen. Das vermittelte ...

[TW: Alkoholismus, Fehlgeburt, Unfalltod]

In „Samtene Scheidung“ bin ich erstmalig mit der Slowakei und ihrer Geschichte besonders nach dem Ende der Tschechoslowakei in Berührung gekommen. Das vermittelte Wissen über die Erfahrungen und gefühlten Ambivalenzen der Slowak:innen besonders mit Blick auf Tschechien fand ich hervorragend und organisch in die Handlung eingearbeitet.

Der Titel bezieht sich jedoch nicht nur auf die Trennung der beiden Länder, sondern auch auf die Beziehungen der Protagonistin Katarína, deren Ehemann sie (vorübergehend?) verlassen hat und die deshalb für das Weihnachtsfest alleine von Prag zu den Eltern nach Bratislava fährt. Sie reflektiert dort unter anderem über ihre frühe Heirat, Erlebnisse mit ihren Eltern und die veränderte Beziehung zu ihrer Schwester Dora.
In kurzen Sequenzen begleiten wir zudem Katarínas Kindheitsfreundin Viera, die eine Beziehung mit ihrer Dozentin Barbara eingeht und innerhalb dieser mit eigenen Problemen konfrontiert ist.

Ich mag die Bücher des Nonsolo-Verlags vor allem für ihre ganz besonderen und anspruchsvollen Beziehungsgeschichten. Solche finden wir auch in diesem Roman - Jana Karšaiová hat ein Händchen für Ambivalenz sowie das Zerbrechen und Neuzusammenfügen von Beziehungen jeglicher Art. Aufgrund der sehr fragmentarischen Erzählweise sowie der nicht klar abgegrenzten Zeitsprünge und Perspektivwechsel war ich für ein echtes Einfühlen aber leider etwas zu oft im Lesefluss irritiert. Das machte die Geschichte an einigen Stellen langatmig, an denen es nicht hätte sein müssen.

Die vermittelten Gefühle der Slowak:innen sowie die Abwertung derer durch Tschech:innen fand ich wiederum hervorragend dargestellt und hatte direkt den Impuls, mich mit der Geschichte der Tschechoslowakei zu beschäftigen.

Insgesamt habe ich die Geschichte in ihrer Vielschichtigkeit gerne gelesen und besonders das Ende fand ich auf Protagonistinnenebene stark, ich hätte mir aber ein wenig mehr Stringenz gewünscht. „Für uns gibt es keinen Namen“ hat mir aus dem Verlagsprogramm ein wenig besser gefallen, daher vergebe ich hier 3,5 Sterne.

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