Profilbild von schnaeppchenjaegerin

schnaeppchenjaegerin

Lesejury Star
offline

schnaeppchenjaegerin ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit schnaeppchenjaegerin über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.11.2018

Spannender, vielschichtiger und aktueller Roman - Mix aus Kriminalgeschichte, Erwachsenwerden und Umweltaspekten, die nachdenklich machen

Unter Wasser kann man nicht weinen
0

Emily war schon immer die Rebellin in der Familie Harper, die sich für Tier- und Umweltschutz stark gemacht hat und aufgrund ihres fast schon selbstzerstörerischen Ehrgeizes für ihr Engagement für Ärger ...

Emily war schon immer die Rebellin in der Familie Harper, die sich für Tier- und Umweltschutz stark gemacht hat und aufgrund ihres fast schon selbstzerstörerischen Ehrgeizes für ihr Engagement für Ärger gesorgt hat. Durch ihren Freund Citizen hat sie sich einer Umweltorganisation angeschlossen, die in den USA als terroristische Vereinigung gilt.
Ihr Bruder Stephen ist Meeresbiologe und ist bei seinen Forschungen zufällig auf Bakterien gestoßen, die den Müll in den Meeren auffressen und unschädlich machen können. Darüber hinaus haben die von ihm selbst bezeichneten "Trüffelschweine" noch eine weitere Fähigkeit, die für Wirtschaft und Industrie bahnbrechend sein könnten.
Der Polizeibeamte Jason Samuel fliegt anlässlich des Geburtstages seines Freundes Stephen von München nach San Diego, wird jedoch nicht wie vereinbart von ihm am Flughafen abgeholt. Auch seine jüngere Schwester Emily meldet sich nicht.
Es stellt sich heraus, dass Emily in ernsthaften Schwierigkeiten steckt und aufgrund ihres blinden Vertrauens gegenüber Citizen Gefahr läuft, inhaftiert zu werden.
Jason versucht seiner Freundin aus Kindheitstagen zu helfen und dabei merken beide, dass sie mehr für einander empfinden, als nur Freundschaft.

"Unter Wasser kann man nicht weinen" ist der zweite Band der "Schmetterlinge"-Reihe von Hanni Münzer, kann aber unabhängig von "Solange es Schmetterlinge gibt" gelesen werden.

Der Roman zieht von Anbeginn in den Bann. Es ist eine Geschichte über Selbstfindung und das Erwachsenwerden, die eine spannende Kriminalgeschichte integriert. Emily ist eine junge Frau, die eigentlich Gutes beabsichtigt, aber dabei auf den falschen Weg geraten ist. Sie macht sich für die Umwelt stark, geht aber dabei stets einen Schritt zu weit, weshalb sie sich ihr Leben selbst verbaut.
Profitgier und Umweltzerstörung sind weitere Themen, die durch die Diskussion um Mikroplastik brandaktuell sind und den Zeitgeist treffen. Dabei kommen auch wissenschaftliche Aspekte ins Spiel, die den Leser jedoch nicht überfordern.

Der Roman fesselt aber nicht nur durch die spannende Frage, ob Stephens Forschungsergebnisse in die falschen Hände geraten sind und ob Emily vor einem Gefängnisaufenthalt bewahrt werden kann, sondern auch durch die Liebesgeschichte, die sich zwischen Emily und dem neun Jahre älteren Jason abzeichnet.
Emilys Todessehnsucht, ihre Liebe zum Meer ist dabei sehr berührend geschildert, weshalb auch der Titel "Unter Wasser kann man nicht weinen" sehr treffend gewählt ist.
Es ist ein vielschichtiger Roman mit bis zu den Nebenfiguren interessanten Charakteren, bei dem die verschiedenen Handlungsstränge flüssig miteinander verbunden werden.
Dieses Buch, mit dem Jason Samuel seine eigene Geschichte bekommen hat, hat mich neugierig auf Band 1 der "Schmetterlinge"-Reihe gemacht, in dem man ihn bereits kennenlernen konnte.

Veröffentlicht am 02.11.2018

Emotionale Liebesgeschichte, die demonstriert wie wichtig Vertrauen und Kommunikation in einer Beziehung sind

All die schönen Tage
0

Stella ist Unfallchirurgin und lebt seit ihrer Scheidung wieder in ihrer Heimatstadt Hamburg. Dort begegnet sie nach 15 Jahren ihrer ersten Liebe Max wieder. Die Beziehung ist in ihrer Jugend zerbrochen ...

Stella ist Unfallchirurgin und lebt seit ihrer Scheidung wieder in ihrer Heimatstadt Hamburg. Dort begegnet sie nach 15 Jahren ihrer ersten Liebe Max wieder. Die Beziehung ist in ihrer Jugend zerbrochen und Stella scheint den Schmerz der Trennung noch immer nicht überwunden zu haben, wollte sie Max doch nie wieder sehen. Umso erstaunlicher ist, dass sie sich ohne Vorbehalte erneut in eine Beziehung mit Max stürzt. Unterstützt wird sie dabei von ihrer "Schöne-Tage-Box", in der sie Erinnerungen schöner Erlebnisse gesammelt hat, die zeitlich in ihre unbeschwerte Kindheit und die Anfangszeit mit Max fallen.

Der Roman spielt in der Gegenwart im Jahr 2005 und ist überwiegend aus der Sicht der ungefähr 30-jährigen Stella geschrieben. Durch das unerwartete Aufeinandertreffen mit Max nimmt sieht ihre "Schöne-Tage-Box" wieder zur Hand und wird durch die damit verbundenen Erinnerungen in die Vergangenheit Ende der 80er-Jahre versetzt, als sich die beiden Schüler in einander verliebten.

Stella wurde von Max verletzt und man erfährt lange nicht, was zwischen den beiden tatsächlich vorgefallen ist. Auch ist unklar, warum nie eine Annäherung zwischen den beiden stattgefunden hat, aber nur zwei kleine Begegnungen in der Gegenwart ausreichen, dass sie ihre Beziehung scheinbar nahtlos fortsetzen. Mir kam dieses kopflose Wiederaufwärmen einer Jugendliebe deshalb wie ein Traum vor, in den sich Stella flüchtet. die Beziehung, in der das Problem der Vergangenheit (bewusst?) außen vor gelassen wird, wirkte unwirklich und auf einem wackligen Fundament gebaut. Stella verdrängt die Verletzung der Vergangenheit und bemüht sich nicht um eine Aussprache. Auf diese Weise hat sie keine Möglichkeit, ihre Enttäuschung aufzuarbeiten und Max zu verzeihen. Er selbst erklärt sich aber ach nicht oder bittet um Vergebung. Das Unausgesprochene steht zwischen ihnen, weshalb die Beziehung erneut zum Scheitern verurteilt scheint, auch wenn bislang ausschließlich Harmonie herrscht und nicht einmal Max familiäre Verpflichtungen zu einem Problem werden.
Doch als Max Stella wieder vor den Kopf stößt und sie beide den Fehler von damals wiederholen und nicht miteinander sprechen und Stella sich auch noch Sorgen um ihre Eltern machen muss, kommt es erneut zum Bruch.

Der lebendige Schreibstil der Autorin gefiel mir gut und auch der Wechsel von Vergangenheit und Gegenwart verwirrte nicht. Auf beiden Zeitebenen ist interessant, wie sich die Beziehung zwischen Stella und Max als unerfahrene Jugendliche bzw. als Erwachsene, die beide Erfahrungen mit anderen Partnern gemacht haben, entwickelt.
Anders als in anderen Romanen geht es in der Gegenwart nicht daran, dass um eine vergangene Liebe gekämpft wird und mit Spannung erwartet wird, wie zwei für einander bestimmte Menschen wieder zueinander finden. Hier finden sie einander und erst dann beginnt sich Stella mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich empfand dies zunächst als unlogisch, weshalb mir das Verhalten sowohl von Stella als auch von Max nicht schlüssig erschien. Ich konnte mir ihr Stillschweigen nur damit erklären, dass sie die Enttäuschung nicht aufarbeiteten, um sich vor erneutem Schmerz zu schützen. Gerade aufgrund dieses inneren Brodelns konnte mich der Roman aber dennoch fesseln, da ich mit jedem Kapitel darauf gewartet habe, dass es zwischen beiden wieder zu einer Katastrophe kommt und fraglich ist, ob sie diese als Erwachsene bewältigen können, was ihnen als unreife Jugendliche nicht gelungen war. Und auch wenn ich nicht mit jeder ihrer Entscheidungen einverstanden war, war zu spüren, dass die beiden zueinander gehören und Stella mit Max ein Gefühl der Geborgenheit und ein Nach-Hause-kommen verbindet.

"All die schönen Tage" ist ein Roman, der das Auf und Ab von Stellas Gefühlswelt eindringlich beschreibt und der durch Stellas und Max gemeinsame Geschichte aufzeigt, wie wichtig Kommunikation, Offenheit und Vertrauen in einer Beziehung sind.

Veröffentlicht am 31.10.2018

Dramatische Familiengeschichte auf zwei Zeitebenen während des Zweiten Weltkrieges und des Mauerfalls

Sophies Tagebuch
0

Am 2. Oktober 1989 wird Ulrich zur Linde tot von seiner Haushälterin aufgefunden. Die dazu gerufene Tochter Erika redet sich zunächst ein, dass sich beim Reinigen seiner Pistole versehentlich ein Schuss ...

Am 2. Oktober 1989 wird Ulrich zur Linde tot von seiner Haushälterin aufgefunden. Die dazu gerufene Tochter Erika redet sich zunächst ein, dass sich beim Reinigen seiner Pistole versehentlich ein Schuss gelöst haben muss, aber ein gezielter Schuss in die Schläfe kann nur als Selbstmord ausgelegt werden. Erika hatte wenig Kontakt zu ihrem Vater und kann sich einen Grund für eine solche Tat nicht vorstellen. Vor vier Tagen hatte ihr Vater nach Angaben der Haushälterin einen Brief erhalten, der ihn verstört hat. Beim Absender handelt es sich um Paul Singer aus Amerika, der auf der Suche nach seinem 1943 verschwundenen Onkel Felix Auerbach, einem Juden, ist, mit dem Ulrich zur Linde befreundet gewesen sein muss.

Parallel dazu findet Erika im Zimmer ihrer bereits vor dreißig Jahren verstorbenen Mutter Sophie Aufzeichnungen, die sie als Rezeptsammlung getarnt hatte. Ihre Tagebucheinträge beginnen am 20. April 1939, als sie bei einer Parade zu Ehren des Führers Felix Auerbach kennengelernt hat. Für Erika kann dies kein Zufall sein. Sie möchte Paul Singer, der für November einen Besuch in Deutschland angekündigt hat, treffen, um mehr über die Verbindung ihres Vaters bzw. ihrer Eltern zu einem Juden zu erfahren.

"Sophies Tagebuch" ist eine dramatische Familiengeschichte, die zur Zeit des Mauerfalls in Berlin handelt und dabei auf die Jahre während des Zweiten Weltkriegs zurückblickt. Die Ereignisse 1939 bis 1945 werden durch die Tagebucheinträge von Erikas Mutter erzählt, die diese mühevoll entziffert. Sophie ist eine junge Frau gewesen, die regimetreu von ihren Eltern erzogen wurde und mit neunzehn Jahren Ulrich zur Linde geheiratet hat, den sie allerdings im Vergleich zu seinem Schulfreund Felix Auerbach weniger attraktiv findet. Sophie macht mit ihren abfälligen Äußerungen über ihren Ehemann keinen sympathischen Eindruck. Auch ihre Ausführungen über die Kriegsereignisse und die Verfolgung der Juden wirken einfältig bis naiv. Der von ihr beschriebene Auerbach ist rätselhaft, bemüht er sich doch nur sehr halbherzig um eine Emigration aus Deutschland, während seine Schwester 1941 nach Shanghai geflohen ist.

Erika tippt die Tagebucheinträge ihrer Mutter ab und versinkt gerade zu in deren Geschichte. So wird auch in der Gegenwart Spannung erzeugt, was das eigenartige Verhalten Auerbachs auf sich haben und was letztlich mit ihm geschehen sein mag. Es ist offensichtlich, dass die vergangenen Ereignisse im Zusammenhang mit Ulrich zur Lindes Freitod stehen müssen. Erika zeigt kaum Regungen, liest das Tagebuch emotionslos, trauert weder um ihre Eltern, noch macht sie sich wirklich Gedanken um die Ereignisse um sie herum, verfolgt nur am Rande die Proteste im Oktober 1989 in der DDR. Stattdessen macht sich die geschiedene Lehrerin, die scheinbar keinerlei Freunde hat, Gedanken um ihre Frisur und ihren Kleidungsstil, den sie ändert, in dem sie die abgelegten Kostümjacken ihrer Mutter trägt. Sie kopiert unterbewusst ihre hübsche Mutter und setzt darauf, dass Paul Singer dem gut aussehenden Felix Auerbach ähnlich ist, um auf diese Weise zur Wahrheit über die Geschichte ihrer Familie zu gelangen.

Auch wenn kaum einer der Protagonisten ein Sympathieträger ist, fesselt die Geschichte hinter den schwer einschätzbaren Charakteren. Durch die Tagebucheinträge, mit denen Erika aufgrund der Sütterlinschrift nur schwer vorankommt, werden die Ereignisse der Kriegsjahre erst nach und nach offenbart und immer wieder durch die Vorgänge in der Gegenwart in der DDR unterbrochen.
Die Geschichte überrascht durch zahlreiche Wendungen und ist bis zum Schluss nicht vorhersehbar. Als Leser zweifelt man wie die Charaktere der Gegenwart, die Zeitzeugen treffen, an deren Erzählungen, an den Tagebucheinträgen und was in den letzten Kriegsjahren passiert ist. Insbesondere Felix Auerbach, aber auch Ulrich zur Linde bleiben lange undurchschaubar und so muss die Wahrheit für die nachfolgenden Generationen auch im Kontext des Regimes der Nationalsozialisten interpretiert werden, das das Verhalten der Menschen damals beeinflusste.

Veröffentlicht am 29.10.2018

Romantische Liebesgeschichte mit der Botschaft für mehr Menschlichkeit und Nächstenliebe in unserer Gesellschaft

Schmetterlinge im Winter
0

Kailey steht kurz vor ihrer Hochzeit mit ihrem Verlobten Ryan, als sie nach einem romantischen Dinner ihren Exfreund Cade sieht, der als Obdachloser vor dem Restaurant sitzt. Cade war Kaileys große Liebe, ...

Kailey steht kurz vor ihrer Hochzeit mit ihrem Verlobten Ryan, als sie nach einem romantischen Dinner ihren Exfreund Cade sieht, der als Obdachloser vor dem Restaurant sitzt. Cade war Kaileys große Liebe, der sie vor Jahren verlassen hat und anschließend verschwunden ist. Kailey ist schockiert und verwirrt. Sie möchte Cade helfen und wissen, wie der ehemalige Mitinhaber einer Plattenfirma in diese Situation geraden konnte. Ryan erzählt sie zunächst nichts von Cade und gerät durch Notlügen und Schweigen zunehmend in einen Gewissenskonflikt.

"Schmetterlinge im Winter ist ein emotionaler Roman, der in der Gegenwart im Jahr 2008 handelt, als Kailey ihre große Liebe wieder trifft und damit Erinnerungen an ihr Kennenlernen 1996 und die Anfänge ihrer Beziehung wach werden und sie in die Vergangenheit katapultieren. Kailey hat Cade sehr geliebt, ist aber von ihm enttäuscht worden. In Ryan hat sie einen Mann gefunden, der ganz anders als Cade ist: ein zuverlässiger, aufrichtiger Mann, der mit ihr eine Familie gründen möchte. Mit Cade verbindet sie die gemeinsame Vergangenheit und ein ähnliches Schicksal: beide sind ohne Eltern aufgewachsen. Darüber hinaus teilen sie die gleichen Wertvorstellungen, haben ein Herz für diejenigen, denen es schlechter geht. Ryan ist dagegen nüchterner und im Umgang mit fremden Menschen skrupelloser.

Unabhängig von den Gefühlen, die in Kailey wieder für Cade aufkeimen könnten, beschließt sie unmittelbar nach ihrer Wiederbegegnung, Cade zu helfen. Doch Cade scheint sie kaum zu erkennen, traumatisiert zu sein oder zumindest unter einem Gedächtnisverlust zu leiden.

Neben dem emotionalen Konflikt, in dem sich Kailey bald befindet, ist es spannend zu lesen, was Cade widerfahren sein mag und ob Kailey nach all den Jahren einen Zugang zu ihrem Exfreund findet. Wie sehr darf sie sich in sein Schicksal involvieren ohne Ryan zu verletzen?

Die Idee für die Geschichte fand ich unheimlich interessant, weshalb ich den Roman unbedingt lesen wollte. Es ist eine dramatische Liebesgeschichte mit einer liebenswürdigen Protagonisten und einem etwas mysteriösen Exfreund. Die Umsetzung des Romans empfand ich mitunter jedoch sehr plump. Gerade die Tatsache, dass Cade in der Vergangenheit bereitwillig und großzügig Geld an Obdachlose spendete und dann selbst zu einem wird und ausgerechnet Ryan beruflich gegen ein Obdachlosenheim vorgeht, fand ich übertrieben plakativ dargestellt.
Kaileys Umgang mit Cade war mir wiederum zu reibungslos. Dass er sich bereitwillig in ein Restaurant zum Essen einladen und im Krankenhaus behandeln lässt, ging mir zu schnell und war mit zu wenig konfliktbehaftet. Darüber hinaus war Kaileys übertrieben nah am Wasser gebaut, in verschiedensten Situationen standen ihr wiederholt Tränen in den Augen.

Der Roman liest sich recht schnell und ist zu keinem Zeitpunkt langweilig. Mir hat das Setting in Seattle und der Bezug zur Musikindustrie in der Vergangenheit gut gefallen. Die Geschichte rührt, auch wenn sie etwas vereinfacht dargestellt ist und Klischees bedient. Ich hätte gern mehr über die zehn Jahre zwischen Cades Verschwinden und seiner Wiederbegegnung mit Kailey erfahren. Sein Bruch mit seinem bisherigen Leben, sein "Leben auf der Straße", ein für mich entscheidender Aspekt der ganzen Geschichte, rückte zu sehr in den Hintergrund blieb bis zum Schluss rätselhaft.

"Schmetterlinge im Winter" ist ein Roman, der zeigt, wie tief man fallen kann und ist gleichzeitig ein Appell an mehr Menschlichkeit, Nächstenliebe und gegenseitige Unterstützung in unserer Gesellschaft. Der Roman ist aber dennoch etwas für Romantikerinnen, da die Liebesgeschichte im Vordergrund steht und weniger eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit Gründen für die Obdachlosigkeit und Wegen aus der Obdachlosigkeit. Auch das klassische, erwartungsgemäße Ende spricht eher die Romantikerin in uns an und hätte ich mir anders gewünscht.

Veröffentlicht am 27.10.2018

Neid, Missgunst und das Streben nach Größerem im Vordergrund statt der Zauber eines Spielzeugladens

Die kleinen Wunder von Mayfair
0

Als die 16-jährige Cathy im Jahr 1906 schwanger ist, ist sie gezwungen, ihr Elternhaus zu verlassen. Sie liest eine Zeitungsannonce und findet eine Anstellung in Papa Jacks Emporium, einem Spielzeugladen ...

Als die 16-jährige Cathy im Jahr 1906 schwanger ist, ist sie gezwungen, ihr Elternhaus zu verlassen. Sie liest eine Zeitungsannonce und findet eine Anstellung in Papa Jacks Emporium, einem Spielzeugladen in London. Papa Jack ist ein älterer Herr, den Cathy kaum zu Gesicht bekommt, der eine magische Begabung für die Herstellung von Spielzeugen hat. Er hat in seinem Emporium eine eigene kleine Welt erschaffen, in welchem das Spielzeug zum Leben erwacht.
Seine Söhne Kaspar und Emil konkurrieren darum, wer den Laden später übernehmen wird. Saison für Saison, denn das Geschäft ist nur im Winter geöffnet, eifern sie um neue Ideen und entwickeln über die Sommermonate neue Spielzeuge. Es herrscht ein regelrechter Kampf zwischen den beiden, bei denen der ältere Kaspar stets eine Nasenlänge voraus ist. Das Konkurrenzdenken dehnt sich dann auch auf Cathy aus, denn beide möchten ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Cathy nimmt dies in Kauf, um mit dem Emporium einen Unterschlupf zu haben, auch wenn kein Winter herrscht. Sie findet dort ein Zuhause, aber die heimelige Atmosphäre wird jäh durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen.

Der Roman handelt von 1906 bis 1953 und erzählt Cathys Geschichte, wobei sich der Großteil der Geschichte in Papa Jacks Emporium abspielt, in dem Cathy eine Heimat gefunden hat. Das Spielzeugwarengeschäft nimmt Heimatlose und Flüchtende auf, die dort in den Wintermonaten von der Magie des Ladens erfasst werden. Der Laden lebt von den kreativen Ideen von Jacks Söhnen und wie dieser die Spielzeuge noch weiter optimiert. Plüschtiere und Soldaten werden lebendig, Spielhäuser sind innen viel größer als sie von außen scheinen, aus Papierbäumen werden verwurzelte Wälder und Patchworkhund Sirius begleitet Kaspar und Emil schon ihr ganzes Leben. Kurz gefasst: Jacks Emporium ist der Traum eines jeden Kindes.

"Ein Spielzeug kann kein Leben retten, aber eine Seele."

Auch für Erwachsener ist der Laden eine Alltagsflucht, in dem sich Schmerzen und Leid ausblenden lassen. Man versinkt geradezu in einer ganz anderen Welt.
Mich überraschte, dass in dem Spielzeugladen Kriegsszenarien vorherrschend waren, die durch die konkurrierenden Brüder und ihre Soldaten ausgetragen wurden. Die erwachsenen Männer verhielten sich zu Beginn unreif, was später in einer ernsthaften Auseinandersetzung gipfelte.
Die Magie des Ladens ist durch die anschaulichen Beschreibungen und immer wieder neuen, kreativen Ideen verblüffend und traumhaft dargestellt, allerdings verliert der Roman mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs seine Leichtigkeit. Im Vordergrund stehen die Kriegsereignisse, aber vor allem auch die traumatischen Auswirkungen. Der Krieg auf dem Spielzeugteppich wird in die Realität mit all seinen Konsequenzen verlegt und hält dann auch Einzug in den Laden selbst.

Mit diesem Verlauf der Geschichte hatte ich aufgrund des nostalgischen Covers und der zauberhaften Atmosphäre zu Beginn des Romans nicht gerechnet.
Letztlich hatte ich den Eindruck, dass in dem Buch durch den Konkurrenzkampf der Brüder und den Ersten Weltkrieg mehr Kampf und Leid im Vordergrund standen, als die Magie von Jacks Emporium, das ich mir als friedliche Zuflucht für alle einsamen Menschen vorgestellt hatte. Ich hätte mir einen stärkeren Kontrast zwischen der heimeligen Atmosphäre eines Spielzeugladens und der Grausamkeit der Welt gewünscht.

So konnte "Die kleinen Wunder von Mayfair" meine Erwartungen an einen fantasievollen und warmherzigen Roman um einen Spielzeugladen für alle im Herzen Junggebliebenen nicht erfüllen. Es ist vielmehr ein Roman über Neid, Missgunst, das Streben nach Größerem und den ewigen Konkurrenzkampf zweier rivalisierender Brüder, die scheinbar nie erwachsen werden. Die Geschichte ist tiefgründiger und vielschichtiger als angenommen, war für mich im Hinblick auf die wiederholten Schlachten der Spielzeugsoldaten phasenweise aber sehr ermüdend zu lesen.