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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.09.2025

Fesselnd, vielschichtig, relevant

Monstergott
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Schon auf den ersten Blick hat mich das Cover von „Monstergott“ angesprochen: Die zurückhaltende, fast mysteriöse Gestaltung macht neugierig und spiegelt die Stimmung des Romans hervorragend wider. Es ...

Schon auf den ersten Blick hat mich das Cover von „Monstergott“ angesprochen: Die zurückhaltende, fast mysteriöse Gestaltung macht neugierig und spiegelt die Stimmung des Romans hervorragend wider. Es passt perfekt zum vieldeutigen Titel und gibt das ambivalente Setting der Geschichte sehr gelungen wieder. Ein echtes Highlight zum Einstieg!

Im Roman taucht man tief in die Welt einer Freikirche und ihrer Anhänger ein. Bereits der Prolog beeindruckt durch seine Intensität und zeigt eindrucksvoll, was auf dem Spiel steht, wenn religiöser Eifer zum Dreh- und Angelpunkt des Lebens wird. Die Handlung entfaltet sich ruhig, bleibt dabei aber durchgehend spannend und atmosphärisch dicht. Caroline Schmitt zeichnet die Freikirchengemeinschaft mit Feingefühl und differenziertem Blick: Sie zeigt die Geborgenheit, aber auch die dunklen Seiten fundamentalistischer Glaubenswelten. Im Zentrum stehen Ben und Esther, deren Alltag geprägt ist von Hingabe, Zweifeln und dem Ringen um Anerkennung. Besonders gelungen finde ich, dass die Autorin ihre Figuren nicht vorschnell beurteilt, sondern ihnen Raum für Ambivalenz und Widersprüche lässt.

Der Stil von Caroline Schmitt ist klar, stellenweise fast poetisch, dabei direkt und präzise. Sie setzt gezielt eindrucksvolle Bilder und lebensnahe Dialoge ein, die das Geschehen greifbar machen. So gewinnen Atmosphäre und Figuren an Glaubwürdigkeit. Ben und Esther sind differenziert gezeichnet; ihre Gläubigkeit, Unsicherheiten und Verletzlichkeiten werden spürbar, ohne sie zu idealisieren oder zu verurteilen.

Gerade die mutige und facettenreiche Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld zwischen Religiosität, Selbstzweifel und gesellschaftlichen Erwartungen macht „Monstergott“ so besonders. Schmitt gelingt eine kritische, aber nie polemische Reflexion von Glauben, familiärer Prägung und dem Streben nach Glück. Wer sich für psychologisch feinfühlige und gesellschaftlich relevante Literatur interessiert, findet hier eine klare Empfehlung.

„Monstergott“ ist für mich ein wichtiger, kluger Roman über Glauben, Zugehörigkeit und Selbstbehauptung. Caroline Schmitt öffnet mit viel Sensibilität einen atmosphärischen und modernen Blick auf ein Milieu, das sonst selten so differenziert erzählt wird. Ein bewegendes Leseerlebnis für alle, die vielschichtige Themen und glaubwürdige Charaktere schätzen.

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  • Cover
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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.09.2025

Feine Beobachtungen und große Gefühle

Schwanentage
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„Schwanentage“ von Zhang Yueran wird aus der Sicht von Yu Ling erzählt, die als Kindermädchen in einer privilegierten Familie der chinesischen Elite arbeitet. Zu Beginn entwickelt sich die Handlung in ...

„Schwanentage“ von Zhang Yueran wird aus der Sicht von Yu Ling erzählt, die als Kindermädchen in einer privilegierten Familie der chinesischen Elite arbeitet. Zu Beginn entwickelt sich die Handlung in einem ruhigen Tempo: Yu Ling, ihre Gedankenwelt und die leisen inneren Konflikte offenbaren sich dem Lesenden nur nach und nach. Ebenso wird das Verhältnis zwischen ihr und dem siebenjährigen Jungen, den sie betreut, vorsichtig und mit viel Feingefühl aufgebaut. Es dauert eine Weile, bis die besondere Verbindung, die die beiden teilen, wirklich greifbar wird, was den Einstieg in die Geschichte zunächst etwas verlangsamt.

Hat man aber erst einmal Zugang zu Yu Lings Innenleben gefunden, gewinnt der Roman spürbar an Intensität. Die Handlung nimmt Fahrt auf, als der Vater und Großvater des Jungen aufgrund von Korruptionsvorwürfen verhaftet werden und die Mutter plötzlich verschwindet. An dieser Stelle steigert sich die Spannung und emotionale Kraft der Geschichte merklich. Besonders beeindruckend ist, wie Zhang Yueran durch die Perspektive einer einzelnen Frau gesellschaftliche Machtverhältnisse, soziale Ungleichheit und Klassismus in China sichtbar macht. Die Autorin vermittelt anschaulich, wie traditionelle Erwartungen und unsichtbare Zwänge das Leben der Menschen bestimmen und gestaltet damit zugleich ein eindrückliches Sittenbild.

Insgesamt ist „Schwanentage“ ein Roman, der anfangs Geduld erfordert, später jedoch mit einer tiefgehenden, berührenden Geschichte überzeugt. Wer sich auf den gemächlichen Beginn einlässt, wird mit einem vielschichtigen Drama über Moral, Loyalität und gesellschaftliche Dynamik belohnt – und erhält dabei einen eindrucksvollen Einblick in die chinesische Gegenwart.

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