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Veröffentlicht am 18.09.2024

Wie werde ich Psychopatin in fünf Stunden

Mein Mann
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Wenn man mal so richtig schlechte Laune haben möchte, sollte man zu diesem Buch greifen. Hier hält eine Frau einen langen Monolog und erzählt von ihrem Leben.

Eigentlich hat sie alles, einen Mann, zwei ...

Wenn man mal so richtig schlechte Laune haben möchte, sollte man zu diesem Buch greifen. Hier hält eine Frau einen langen Monolog und erzählt von ihrem Leben.

Eigentlich hat sie alles, einen Mann, zwei Kinder, Haus und Halbtagsjob, gutes Aussehen und den gepflegten Vorgarten, trotzdem ist sie unzufrieden und sucht das Haar in der Suppe.

Liebt er sie genug, ihr Mann? Achtet er sie ausreichend? Er hat ihre neue Frisur nicht gelobt, guckt er sie überhaupt noch an?

In kürzester Zeit steigert sie sich hinein in einen Wahn und führt uns vor, wie man zur Psychopatin wird, die ihr Fehlverhalten mit schlüssig kranker Logik begründet und meint, sie hatte gar keine andere Wahl.

Das alles erzählt sie uns engagiert und eindringlich und natürlich ist es satirisch überspitzt gemeint, nur ein Lesevergnügen ist es ganz und gar nicht. Diese Frau nervt unendlich und nach etwa fünf Minuten denkt man: Gut, verstanden, aber was willst du mir sagen? Dass man so nicht sein soll? Das ist offensichtlich, also, was ist die Botschaft dieses Buches?

Im Grunde bekommt man hier stundenlanges hysterisches Gejammer und Gehetze ohne größeren Mehrwert. Der Schlussgag ist ganz hübsch, aber das ist schon alles, was ich dem Werk abgewinnen konnte. Zum Glück ist es kurz.

Lob gebührt der Hörbuchsprecherin. Stefanie Wittgenstein präsentiert souverän und glaubwürdig jede Gehässigkeit dieser Frau 5 Stunden und 37 Minuten lang. Das war ein harter Job.

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Veröffentlicht am 09.09.2024

Unterhaltsam mit einigen Längen

Die Abschaffung des Todes
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Es kann sein, dass man dieses Buch gerne liest, wenn man ganz ohne Erwartungen herangeht. Ich habe mit visionärer Science Fiction voller Überraschungen und Hochspannung gerechnet und das findet man hier ...

Es kann sein, dass man dieses Buch gerne liest, wenn man ganz ohne Erwartungen herangeht. Ich habe mit visionärer Science Fiction voller Überraschungen und Hochspannung gerechnet und das findet man hier noch nicht einmal im Ansatz.

Der Science Fiction Teil ist im Grunde nur der Anlass für ein paar kluge Gedanken zum Sinn des Lebens und eher ein Gedankenexperiment als wirklich futuristische Handlung. Da suchen ein paar Visionäre Investoren für ein Forschungsprojekt. Sie behaupten, den Schüssel für ewiges Leben gefunden zu haben, theoretisch.

Praktisch ist ihre Idee nicht ganz so neu, wie sie möchten (ich habe Ähnliches schon mehrfach gelesen). Zwei Science Fiction Autoren haben mit der gleichen Idee gespielt und mussten sie aufgeben. Einer ist tot, der andere verschwunden. James Windover, Herausgeber einer elitären Zeitung, wird beauftragt herauszufinden, was da los ist und damit beginnt eine gefahrvolle Suche und eine Verfolgungsjagd, die den Hauptteil des Buches bestimmen.

Gut gefallen hat mir die Idee dieser Zeitung. Die Windover View in Amsterdam möchte neutral berichten, recherchiert akribisch und verfasst dann ihre Berichte so knapp und unvoreingenommen wie möglich. Nur ganz Reiche können sich diesen Service leisten, da kann man nur neidisch sein. Das Team ist eine eingespielte Gruppe von Nerds und Spezialisten und wenn nichts mehr geht, geht Fine telefonieren, die wickelt jeden ein.

Dieser Teil des Buches hat mir großen Spaß gemacht, alles andere kam mir etwas zäh vor. Es gibt ewig lange technische oder philosophische Betrachtungen zum Wesen und Sinn des Lebens, zur Funktion des Gehirns und eine unendliche Verfolgungsjagd im James-Bond-Stil (es fließt Blut, aber sie haben immer Glück, wundersame Technik und Fluchtfahrzeuge am Start).

Das neue Buch von Andreas Eschbach liest sich leicht und bietet gute Unterhaltung, es ist allerdings nicht mein Lieblingsbuch des Autors.

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Veröffentlicht am 06.09.2024

Eine Wildwestgeschichte der anderen Art

Sing, wilder Vogel, sing
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Die Tragödie von Doolough 1849 ist ein trauriges Kapitel irischer Geschichte, das bei uns niemand kennt, das aber in Irland noch heute einen Gedenktag hat. Honora war dabei, hat schlimmsten Hunger erlitten ...

Die Tragödie von Doolough 1849 ist ein trauriges Kapitel irischer Geschichte, das bei uns niemand kennt, das aber in Irland noch heute einen Gedenktag hat. Honora war dabei, hat schlimmsten Hunger erlitten und überlebt und wir können es hier plastisch miterleben.

Honoras Leben war schon immer hart. Die Zustände im damaligen Irland bekommt man eindringlich vor Augen geführt, tiefes Leid, Armut, Hunger und schlimmer Aberglaube, der Honora zur Aussätzigen macht. Bei ihrer Geburt flog ein Rotkehlchen durchs Zimmer. Solche Menschen bringen Unglück und werden gemieden. Später flieht sie nach Amerika, aber ihr Leiden hört damit nicht auf.

Die Lektüre dieses Buches ist fesselnd und intensiv. Fängt man an, kann man es nur schwer weglegen. Allerdings erzählt es uns Honaras Geschichte mit einigem Mut zur Lücke. Wenn zum Beispiel ausführlich überlegt wird, wie sie sich denn unbemerkt auf das Schiff nach Amerika schleichen könnte, dann möchte ich auch erfahren, wie sie es geschafft hat. Wir bekommen einen Cut - sie ist einfach da und trifft direkt hilfreiche Mädchen, die sie heimlich versorgen. So etwas finde ich ärgerlich.

Auch die ganzen Rotkehlchen, die immer wieder durch das Buch fliegen, schaffen eine reichlich bemühte Symbolik, die das Buch gar nicht nötig hätte.

Trotzdem hat mir das Buch sehr gefallen. Es verknüpft geschickt ein Stückchen irische und amerikanische Historie und erzählt auch die spannende Geschichte einer Frau, die viel Pech im Leben hatte, die aber auch eine bewundernswerte Überlebenskünstlerin ist. Dieses Buch erzählt sehr originell eine Wildwestgeschichte der anderen Art.

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Veröffentlicht am 03.09.2024

Innovativer Geschichtsunterricht mit Herzblut

Das Geheimnis der Glasmacherin
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Es hat tatsächlich ein bisschen gedauert, bis wir Freunde wurden, dieses Buch und ich, aber jetzt habe ich es beendet und bin begeistert, gerührt und voller Bewunderung für eine Autorin, die mich immer ...

Es hat tatsächlich ein bisschen gedauert, bis wir Freunde wurden, dieses Buch und ich, aber jetzt habe ich es beendet und bin begeistert, gerührt und voller Bewunderung für eine Autorin, die mich immer wieder überrascht.

Tracy Chevalier ist hier ein Geniestreich gelungen, an den man sich gewöhnen muss. Sie erzählt die Geschichte einer Glasmacherfamilie aus Murano über 500 Jahre hinweg, nur leben die Mitglieder der Familie in einer Art Zeitblase. So ist das bei Künstlern, die in ihrer Arbeit versinken, im Flow sind, sie haben ihre eigene Zeit, merken nicht, wie sich die Welt um sie herum weiterbewegt. Die Familie Rosso lebt für das Glasmachen, schon immer.

1486 ist Orsola Rosso 9 Jahre alt und fällt bei ihrem ersten Venedigbesuch ins Wasser, 1574 ist sie 18 Jahre und lernt Glasperlen herzustellen. 1631 ist sie kaum älter und kann diese Perlen während der Pestepidemie als Zahlungsmittel benutzen.

Wir bekommen eine Familiengeschichte erzählt, die sich über 500 Jahre erstreckt, ohne dabei massenhaft Kinder, Enkel und Urenkel verdauen zu müssen. Die Familie Rosso wird langsam älter, während sich die Welt viel schneller bewegt und das passiert viel organischer als es jetzt klingen mag. Man erlebt fast nebenbei die Geschichte der Glasmacher in Murano mit, sogar die Geschichte Venedigs im Wandel der Zeit, 500 Jahre Kulturgeschichte, trifft dabei Giacomo Casanova und Kaiserin Josephine höchst persönlich. Tracy Chevallier schmückt diese Geschichte mit unglaublich vielen historischen Details. Sogar die Dienstkleidung der Gondoliere im Wandel der Zeit wird beobachtet und dokumentiert.

Man hat bislang vielleicht schon mal gehört, dass in Murano Glas hergestellt wird, nach dem Lesen dieses Buches weiß man, was das heißt und ist beeindruckt. Es schafft eine fast selbstverständliche Symbiose von schicksalhafter Familiengeschichte und Historie, ist ein toller Schmöker zum Mitfiebern und vermittelt nebenher ganz viel Wissenswertes, nicht zuletzt eine Passion für künstlerische Glasperlen, aus Murano natürlich, nicht das billige Zeug aus China!

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Veröffentlicht am 21.08.2024

Nicht ganz so stark wie der Vorgänger

Verlorene Sterne
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Im Grunde ist dieses Buch die Fortsetzung von „Dort dort“ . Es rahmt den Vorgänger ein, erzählt die ganze Geschichte der Familien Bear Shield und Red Feather und gleichzeitig die Geschichte der Ausrottung ...

Im Grunde ist dieses Buch die Fortsetzung von „Dort dort“ . Es rahmt den Vorgänger ein, erzählt die ganze Geschichte der Familien Bear Shield und Red Feather und gleichzeitig die Geschichte der Ausrottung der Indianer.

Ich musste erst einmal googeln, ob man den Begriff „Indianer“ noch benutzen darf. Er wird in diesem Buch anfangs sehr selbstverständlich benutzt. Tommy Orange passt seine Sprache der Zeit an, in der die Handlung spielt und 1870 waren Indianer noch Indianer, ihr Leben allerdings sehr leidvoll.

Es kommen verschiedene Familienmitglieder zu Wort, die mit tiefer Resignation und auch triefendem Sarkasmus von Vertreibungen, Umerziehungsmaßnahmen, Pogromen und Diskriminierungen erzählen, eine Geschichte von Rassismus im Schnelldurchlauf, finster und erschütternd. Und all diese Geschichten beinhalten auch eine Art Geschichte des Drogenmissbrauchs. Alkohol, Opium oder andere Betäubungsmittel gehören zur indianischen Tradition, werden zu allen Zeiten benutzt, entweder als Trost oder zur Verdrängung aktueller Probleme, aber auch zur Heilung oder zu rituellen Zwecken.

2018 sind wir dann bei Orvil, der nach seinem großen Tanz in „Dort dort“ angeschossen und schwer verletzt im Krankenhaus aufwacht. Tabletten helfen ihm zurück ins Leben und schaffen neue Probleme. Ab da dreht sich alles um Orvils Familie und Freunde, von denen niemand wirklich glücklich ist. Alle haben eine Art Drogenvergangenheit und fühlen sich entwurzelt. Selbst wenn moderne native Americans längst nicht mehr indianische Traditionen leben, scheint etwas an ihnen zu zerren.

Diesen Teil des Buches fand ich schwer zu lesen und etwas zäh. Das Geschehen springt ständig hin und her, es wechseln die Erzähler und die Zeiten. Manchmal erzählt sogar jemand, der im Kapitel davor gerade gestorben ist. Und in Summe passiert nicht wirklich viel. Da ist die Zeit vor dem Tanz und die danach, problematisch ist alles.

Tommi Orange scheibt toll, mit ganz eigener Poesie, viel Atmosphäre aber auch Trauer, durchzogen von finsterem Humor. Er hat ein echtes Anliegen und lenkt Aufmerksamkeit auf die Probleme der native Americans, die heute noch bestehen und nur wenig Beachtung finden. In „Dort dort“ hatte er auch eine originelle Storyline, die hier leider komplett fehlt. „Verlorene Sterne“ ist noch immer ein eindrucksvolles Buch, wirkt neben seinem starken Vorgänger aber ein wenig planlos. Gerne gelesen habe ich es trotzdem.

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