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Veröffentlicht am 29.06.2017

Ein bitterböses Buch über Mord, Schuld und Rache.

Geständnisse
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Dieses Buch habe ich an einem Tag verschlungen! Es war anfangs noch etwas schwierig zu lesen, weil die Erzählweise ungewohnt war, aber wenn man (nach 20 Seiten?) einmal drin ist, dann zieht einen dieses ...

Dieses Buch habe ich an einem Tag verschlungen! Es war anfangs noch etwas schwierig zu lesen, weil die Erzählweise ungewohnt war, aber wenn man (nach 20 Seiten?) einmal drin ist, dann zieht einen dieses Buch mit so einem Sog immer weiter, immer tiefer in die Geschichte hinein: in eine Geschichte über Mord, über Rache und darüber, wie man sich doch in einem Menschen täuschen kann…

Alles beginnt mit dem Tod der kleinen Manami, der laut ihrer Mutter, Klassenlehrerin der Klasse B, Yuri Moriguchi, kein Unfall war. Sie hat auch schon die Täter identifiziert, Schüler aus ihrer Klasse. Da sie den Jugendstrafanstalten aber nicht zutraut, diese angemessen zu bestrafen, nimmt sie die Sache in ihre eigene Hand und übt sich in Selbstjustiz. Hier fängt das Drama an. Zwischen Mobbing und wilden Theorien wird der Leser hin und her geworfen, von einer Perspektive zur nächsten, um aus der Sichtweise der einzelnen Personen mehr über den Hergang des vermeintlichen Mordes zu erfahren. Ist es wirklich so einfach, wie Moriguchi es in ihrem Geständnis schildert, oder steckt doch mehr hinter der Sache?

Vermutlich hätte unsere Familie, so wie sie in Wirklichkeit war, nie an das Ideal heranrücken können, das Mutter sich ausmalte. Im Rückblick aber wird mir bewusst, dass wir eigentlich eine ganz normale, glückliche Familie waren… bis all dies passierte.

Ich kann gar nicht viel von der Geschichte verraten, ohne euch zu spoilern – deshalb lasse ich’s! Dieses Buch ist spannend bis zur letzten Seite, auch wenn sich durch die wechselnden Perspektiven einige Geschehnisse überschneiden. Der Erzählstil ist wahnsinnig toll, er hat mich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase sofort gefesselt. Die Geschichte wird glaubhaft erzählt und an mehreren Stellen stand mir die Kinnlade offen. Dass es sich bei „Geständnisse“ nicht nur um einen Roman (Roman? Eher Thriller, oder?) über einen Mord handelt, sondern auch über die Hintergründe der Täter, über die Auswirkungen der Tat auf ihr weiteres Leben und über die Konsequenzen für die gesamte Klasse, erfährt man vom Klappentext erst mal nicht. Was man jedoch als Leser sieht, sind Aspekte von Moral und Schuld, und ihre Auswirkungen auf das Leben der erst 13-jährigen Schüler von Moriguchis Klasse. Die Jugendlichen werden mit einem Geständnis konfrontiert, das sie nicht nur schockiert, sondern auch zu Taten anstiftet, die man ihnen nicht zutraut.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: http://killmonotony.wordpress.com

Veröffentlicht am 25.06.2017

Voller Herz erzählt Bi Feiyu nicht nur die Geschichte vieler liebenswürdiger Charaktere, sondern auch über das Leben und die Sitten in China.

Sehende Hände
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„Sehende Hände“ von Bi Feiyu hat mich zuerst mit seinem tollen Cover angesprochen, dann hat mir noch der Klappentext zugesagt und schwupp, wanderte es auf meinen SUB. Als ich zu lesen angefangen habe, ...

„Sehende Hände“ von Bi Feiyu hat mich zuerst mit seinem tollen Cover angesprochen, dann hat mir noch der Klappentext zugesagt und schwupp, wanderte es auf meinen SUB. Als ich zu lesen angefangen habe, war ich direkt begeistert von der Schreibweise – und auch von der sich entspinnenden Handlung! Ich konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen, so sehr habe ich die Lebensgeschichten der blinden Tuina-Masseure genossen und so hat mich das Buch schließlich über drei Wochen begleitet, weil ich mich zur Langsamkeit gezwungen habe und das Leseerlebnis so länger angehalten hat. Und selbst jetzt, nachdem ich es vor einigen Tagen beendet habe, schwirrt es und die Geschichten der einzelnen (zahlreichen) Personen mir noch im Kopf herum. Noch eine kurze Erklärung: Tuina ist eine spezielle Art der Massage, bei der besonders die Akupressurpunkte des Rückens stimuliert werden sollen und die auch schmerzhaft sein kann.

Aber mal zurück auf Anfang: Wang Daifu und seine Partnerin Xiao Kong ziehen gemeinsam nach Nanjing, eigentlich, um ein eigenes Tuina-Zentrum zu errichten, doch da Wang Daifu sich an der Börse verzockt hat, kehren die beiden dorthin zurück, um in dem Tuina-Zentrum eines alten Schulfreundes Wang Daifus, Sha Fuming, zu arbeiten. Die beiden sind blind, genau wie alle anderen Tuina-Masseure in China; für die Blinden ist es der einzige Job, bei dem sie ihren Stolz aufrecht erhalten und trotzdem Geld verdienen können. Denn in China gelten Blinde als Menschen zweiter Klasse: sie erhalten vom Staat monatlich 100 Yuan, damit dieser sich von seinem schlechten Gewissen freikaufen kann; sie erhalten keine Arbeitsverträge, da man als blinder Mensch quasi nicht existiert; Blinden-Hochzeiten werden grundsätzlich nicht abgehalten, da sich durch die Heirat zweier Blinder nicht die Qualität, sondern ausschließlich die Quantität der Menschen verändert und man so auch nicht an Ehre gewinnen kann. Beiyu hat für dieses Buch 25 Jahre lang recherchiert, um das Leben der Blinden in China detailreich wiedergeben zu können, und heraus kam dieses wahnsinnig gefühlvolle, herzzerbrechende und teilweise auch poetische Werk, das nicht zu Unrecht schon jetzt zu meinen Jahres-Highlights zählt.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: http://killmonotony.wordpress.com

Veröffentlicht am 18.06.2017

Gegen den Kapitalismus und für mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein – subtil und wunderschön geschrieben platziert Kenneweg ihre Botschaft.

Haus für eine Person
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Als ich auf „Haus für eine Person“ gestoßen bin, hat mich zunächst der Klappentext angesprochen. Die innere Zerissenheit der Rosa Lux hat mich direkt fasziniert. In Barbara Kennewegs Roman passiert Story-technisch ...

Als ich auf „Haus für eine Person“ gestoßen bin, hat mich zunächst der Klappentext angesprochen. Die innere Zerissenheit der Rosa Lux hat mich direkt fasziniert. In Barbara Kennewegs Roman passiert Story-technisch nicht sehr viel: Frau will sich dem Datenchaos und der permanenten Erreichbarkeit der heutigen Zeit entziehen, Frau trennt sich von ihrem Freund und zieht in ein abgelegenes, ruhiges Viertel der lauten Großstadt. So weit, so gut. Klingt ja eigentlich nicht sehr spannend, ist aber eine große Geschichte: über die innere Zerwürfnis, die stetigen Zweifel und das Erwachsenwerden heutzutage. Was, wenn die Angst dich lähmt und du dich in ihr verlierst? Was, wenn du auf dich allein gestellt bist und versuchst, es selbst mit der ganzen Welt aufzunehmen? Was, wenn dich das alltägliche Leben überfordert?

Barbara Kenneweg hat mit „Haus für eine Person“ ein kleines Meisterwerk geschaffen. Bereits auf den ersten Seiten war ich komplett vom grandiosen Schreibstil begeistert, und die sympathische Protagonistin hat ihr weiteres getan. Rosa ist Anfang dreißig und hat das Leben, wie wir es kennen, satt: Ständige Erreichbarkeit, die Tiefen des Internets, der Lärm der Großstadt – von alldem hat sie die Nase voll und kauft sich von ihrem Erbe ein kleines Häuschen in einem abgelegenen Stadtteil. Es ist unklar, ob der Tod ihrer Mutter vor nicht allzu langer Zeit der Auslöser für diesen Schritt ist, die beendete Beziehung zu ihrem Freund Olaf, oder eine allgemeine Unzufriedenheit. Jedenfalls stellt Rosa ihr gesamtes Leben auf Ruhe und Abgeschiedenheit um, ihr Job als Fotografin erschien ihr sowieso mehr und mehr sinnlos, und nun versucht sie sich in all der Stille mit sich selbst zu befassen und sich einig zu werden, was sie im Leben will – und vor allem, wie sie zunächst einmal den Alltag bewältigen will. Denn Rosa hat den Kapitalismus, die ständige Beschallung und Bewerbung, die künstlich hervorgerufenen Wünsche, satt, sie hat sich allerdings so in ihrem Gedankenchaos verloren, dass es ihr schwer fällt, noch zu leben, oder zumindest zu „funktionieren“.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: http://killmonotony.wordpress.com

Veröffentlicht am 09.06.2017

Moderate Spannung, interessantes Konzept – für einen faulen Nachmittag ideal!

Die Stadt im Nichts
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„Die Stadt im Nichts“ erzählt die Geschichte um Werbetexter Tim, der für einen Werbespot, den er getextet hat, nach Dubai reisen soll. Dort lernt er sein Team kennen und ebenso die schöne Stadt der Emirate. ...

„Die Stadt im Nichts“ erzählt die Geschichte um Werbetexter Tim, der für einen Werbespot, den er getextet hat, nach Dubai reisen soll. Dort lernt er sein Team kennen und ebenso die schöne Stadt der Emirate. Tims Erwartungen an Dubai werden nicht enttäuscht, Dubai ist tatsächlich genauso dekadent, wie er gehört hat. Alles läuft in geregelten Bahnen, der erste Drehtag ist geschafft (ohne etwas auf Band zu bekommen), und die After-Work Party in Tims Domizil ufert ein bisschen aus. Morgens dann die Ernüchterung: Der Produktionsleiter Raf wird tot aufgefunden. Die Stimmung kippt, wilde Vermutungen und Rätselraten, was genau passiert ist, sind an der Tagesordnung. Doch nach Tims Geschmack kehrt man viel zu schnell zur Normalität zurück, und während er sich noch über Verschwörungstheorien und verschleierte Morde, die als Missbrauch von Alkohol und Drogen dargestellt werden, lässt das nächste Unheil nicht lange auf sich warten. So geraten nicht nur Marks Kollegen und er selber in Verdacht, sondern auch die Organisation WorldWise, für die der Spot gedreht werden soll…

Mark Watson hat hier einen Roman vorgelegt, der teils Gesellschaftskritik, teils Krimi und teils Portrait Dubais ist. Mit seiner klaren, flüssigen Schreibe beschreibt er aus der Sicht Tims die Geschehnisse in der luxuriösen Stadt. Was anfangs noch sehr an „Ein Hologramm für den König“ von Dave Eggers erinnert, wird bald zum Verfolgungswahn-Trip: Tim fühlt sich nach den Ereignissen in Dubai nicht mehr willkommen, will abreisen, doch seine Karte ist gesperrt, das Internet wird ihm verweigert, und dadurch, dass er Schlafwandler ist, verdächtigt er sich selbst, Raf ermordet zu haben – er konnte ihn sowieso nicht leiden. In diesem Zwiespalt bewegt sich Tim, als ihm eine Frau des Teams unerwartet näher kommt.

In dieser Nacht konnte er lange nicht einschlafen. Das Bild des [Obdachlosen] in dem Türeingang ließ ihn nicht los. In gewisser Weise stand er für die vielen Notleidenden […] und hielt Tim vor Augen, wie wenig er das Leid dieser Menschen an sich heranließ. […] Die Welt war voller Katastrophen, die der Einzelne zumeist überhaupt nicht beeinflussen konnte. Politische Gefangene, Flüchtlinge, Hungernde. Da es unmöglich war, alles zu verändern, beschloss man irgendwann, gar nichts zu tun.

Weitab vom egozentrischen Gefühlstrip meiner aktuell gelesenen Bücher wollte ich mal wieder etwas mit einer spannenden Handlung lesen. Krimis sind absolut nicht meins, dennoch las sich der Klappentext von „Die Stadt im Nichts“ sehr gut und auch das Buch hat einen soliden Eindruck hinterlassen. Allerdings habe ich mich daran gestört, das trotz des abrupten Wechsels der Erzählperspektive im dritten Teil (der mich zugegebenermaßen sehr überrascht hat), nie wirklich aufgelöst wird, wie es zu einigen Gegebenheiten gekommen ist. Diese Tatsache und auch die, dass ich mich permanent an „Ein Hologramm für den König“ erinnert fühlte, nicht wegen der Handlung, sondern wegen der vorherrschenden Stimmung und auch aufgrund der Charakterisierung Dubais. Wobei in Eggers Roman die in Dubai geltenden Regeln noch als strenger beschrieben wurden, beispielsweise war Alkohol und dessen Konsum streng verboten, es gab keine Minibars und das Personal hätte es mit Sicherheit nicht geduldet, wenn dort getrunken worden wäre. In Watsons Dubai hingegen war es öffentlich bekannt, dass die Westler viel und gerne trinken und auch Drogen konsumieren, und das einfach so in ihren Suiten und Hotelzimmern. Ich weiß nicht, wie es in der Realität aussieht, aber das hat mich doch teilweise etwas verwirrt.




Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: http://killmonotony.wordpress.com

Veröffentlicht am 07.06.2017

Unaufgeregt, sanft und leise wird hier nach einem Schicksalsschlag ein Abschluss gesucht.

Moshi Moshi
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„Moshi Moshi“ ist mein erster (und definitiv nicht letzter!) Roman von der beliebten Autorin Banana Yoshimoto, deren Werke mir auf Social Media Kanälen immer wieder ins Blickfeld gerutscht sind. „Gefühlvoll“, ...

„Moshi Moshi“ ist mein erster (und definitiv nicht letzter!) Roman von der beliebten Autorin Banana Yoshimoto, deren Werke mir auf Social Media Kanälen immer wieder ins Blickfeld gerutscht sind. „Gefühlvoll“, „sanft“, „unaufgeregt“ waren die Verben, die im Zusammenhang mit ihren Büchern immer wieder genannt wurden. Das hat meine Neugier geweckt und so zog dieses Büchlein bei mir ein. „Moshi Moshi“ erzählt die Geschichte der jungen Yotchan und ihrer Mutter, die nach dem Tod ihres Vaters bzw. Mannes versuchen, mit der Welt klar zu kommen, sich langsam wieder ins Leben herantasten und vor allem auf der Suche nach „closure“ sind, einem Abschluss, der sie den schweren Schicksalsschlag überwinden lässt. Doch nicht nur um Tod und Trauer geht es hier, sondern auch kulinarische Abenteuer spielen eine Rolle, genauso wie das Erwachsenwerden Yotchans. Um die Liebe, um das Leben selbst, um den Sinn und die Bedeutung der Handlungen jedes einzelnen Menschens.

"Trotzdem ging der Alltag irgendwie weiter. Ich fand es seltsam, wie äußerlich normal ich beim Spaziergehen wirken musste, ich unterschied mich in nichts von den anderen Menschen, die mir unterwegs begegneten. Obwohl es in meinem Inneren brodelte, sah mein Spiegelbild in den Schaufensterscheiben aus wie immer."

Banana Yoshimoto schafft mit „Moshi Moshi“ einen wunderschönen und unaufgeregten Roman über das Leben nach einem Schicksalsschlag. In einer leisen, fast schon poetischen Sprache erzählt sie, wie die 20-jährigem Yotchan trotz ihres Kummers beginnt, sich ein neues Leben aufzubauen – weg von daheim in einer kleinen Wohnung beginnt sie, in einem Restaurant zu arbeiten. Eines Tages steht jedoch ihre Mutter vor der Tür und beschließt, eine Zeit lang bei ihr zu wohnen, da sie es in dem alten Haus voller Erinnerungen nicht mehr aushält. Die beiden raufen sich trotz der Enge zusammen, unterstützen sich gegenseitig beim Trauern und gewinnen durch kulinarische Köstlichkeiten langsam die Lust am Leben wieder.

"Wie Efeu waren Lust und Hässlichkeit, Erbärmlichkeit und Liebe, Schönheit, Lachen und Überfluss miteinander verflochten. Auch wenn man es mit einem Beil zerschlüge oder verbrennen würde: Man konnte den Menschen die Landschaft in ihrem Innern und ihre gelebte, im Herzen aufbewahrte Zeit nicht nehmen. Niemand konnte das antasten. Auch mein Vater war durch mich ein Teil des Ganzen."

Die vollstöndige Rezension findet ihr auf meinem Blog: http://killmonotony.wordpress.com