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Veröffentlicht am 22.10.2018

Ein großartiges Kompendium für alle, die sich für das wohl größte Mysterium des Lebens interessieren.

Alles, was bleibt
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In der Herbstvorschau des Dumont Verlags lachte mich dieses Buch sofort an. Dies ist nun eine Weile her, denn ich habe „Alles was bleibt“ von Sue Black eine ganze Weile mit mir herumgetragen und alles ...

In der Herbstvorschau des Dumont Verlags lachte mich dieses Buch sofort an. Dies ist nun eine Weile her, denn ich habe „Alles was bleibt“ von Sue Black eine ganze Weile mit mir herumgetragen und alles in allem ungefähr einen Monat lang daran gelesen. Sue Black ist forensische Anthropologin und befasst sich seit ihrer Jugend mit dem Thema „Tod“. Ausgelöst wird das Ganze durch einen Ferienjob in der Metzgerei. Klingt makaber, hat ihr aber den Weg geebnet zu ihrem Job und ihrer Forschungsarbeit. Denn Sue Black ermittelt nicht nur in kniffligen Fällen, bei denen die Identität der Toten nicht so einfach erfasst werden kann, sondern beschäftigt sich neben ihrem Beruf noch mit allen anderen Aspekten des Todes – sie begegnet ihm auf kultureller, spiritueller, biologischer und allen anderen denkbaren Ebenen und hat dieses wunderbare Buch geschrieben. In „Alles was bleibt“ finden sich jedoch nicht nur Einblicke in die verschiedenen Religionen, Brauchtümer und Kulturen und wie diese mit dem Tod und ihren Toten umgehen, sondern auch mit dem „körperlichen“ Tod: Was passiert mit dem Körper, wenn er stirbt? Wie geht der Verwesungsprozess vonstatten? (Keine Sorge, dieser Abschnitt ist relativ kurz – zum Glück!) Was geschieht mit den Leichnamen? Und wie können Leichen der Wissenschaft dienen? Sue Black sieht dem Tod ins Auge, schafft es, ihre Angst vor ihm abzulegen.

Von diesem Buch sind so unfassbar viele Dinge hängen geblieben und haben einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen, dass es mir wahnsinnig schwer fällt, meine Gedanken zu diesem Buch in Worte zu pressen. Sue Black behandelt in ihrem Lebenswerk alle möglichen Perspektiven und Sichtweisen, außer der einen: Wie kann man dem Tod ein Schnippchen schlagen? Doch da die Autorin den Tod akzeptiert und ihn als gegeben ansieht, würde dieses Kapitel wohl kaum in ihr Buch passen. Sie erzählt in verschiedenen Kapiteln von Todesfällen innerhalb ihrer Familie, wie sie damit umgeht und wie sie es geschafft hat, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Sue Black ist da eher pragmatisch, schafft es, all die Dinge zu organisieren, die nach einem Tod so anfallen: Bestattungsfeier, Habseligkeiten, Erbangelegenheiten… Immer, wenn diese Seite von ihr durchgeschienen ist, fühlte ich einen tiefen Respekt, denn zu diesen Dingen wäre (und war) ich kaum in der Lage.

"Lebenserwartungstabellen sind interessant und nützlich, doch sind sie auch gefährlich, denn sie schaffen Vergleichswerte und erzeugen Erwartungen, die möglicherweise nicht erfüllt werden."

Sue Black bringt dem Leser die vielen Gesichter des Todes näher, sie verrät uns aber auch, wie sie zu ihrem Beruf gefunden hat – und das ist ziemlich spannend! In ihrem Studium schneidet sie Leichen auf (wir lernen auch, wie diese am besten konserviert werden, damit sie geschmeidig bleiben) und stellt sich das Leben der Leichname vor ihrem Tod vor. Sie nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise zu den Ursprüngen der Anatomie und der Bestattung. Sue Black geht aber auch Mythen auf den Grund, wie etwa, dass wir durch die ständige Erneuerung der Zellen nach gut einem Jahrzehnt ein völlig neuer Mensch seien (Spoiler: dem ist nicht so). Mit einer Prise schottischen Humors nimmt sie uns auch in ihren Berufsalltag mit, zu den ungelösten Fällen, in denen die tote Person auch nach Jahren nicht identifiziert werden konnte. Wir lernen, welche Methoden es gibt, Leichen zu identifizieren. Sogar Sexualität und Gender spielen eine Rolle in Sue Blacks Beruf: Denn das (biologische, vom sozialen mal ganz abgesehen!) Geschlecht einer Leiche lässt sich unter Umständen nur sehr schwer bestimmen. Diesen Part über die Leichenidentifizierung fand ich persönlich am spannendsten – denn seid ehrlich: Wusstet ihr, dass man anhand eines Haars feststellen kann, in welchen Regionen sich eine Person aufgehalten hat? Oder dass es Suizid-Tourismus gibt? Oder dass es ein Rezept für Menschenblutmarmelade aus dem Jahr 1679 gibt? Oder, ganz skurril: Dass ein Harvard-Professor eine Einheit für sofortige oder kumulative Risiken erfunden hat, den Mikromort (= kleiner Tod)? So hat eine Motorradfahrt beispielsweise mehr Mikromort (10 km = 1 Mikromort), eine Zugfahrt allerdings weniger (10.000 km =Mikromort). Das finde ich äußerst spannend!

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/sue-black-alles-was-bleibt

Veröffentlicht am 05.10.2018

Erschreckend und unfassbar traurig: Garrard Conley berichtet von der Konversionstherapie in den Südstaaten.

Boy Erased
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Um Garrard Conleys autobiographische Erzählung „Boy Erased“ bin ich länger herumgeschlichen und war mir nicht ganz sicher, ob ich mir die Thematik zutraue. Vor einer Weile habe ich mich dann getraut und ...

Um Garrard Conleys autobiographische Erzählung „Boy Erased“ bin ich länger herumgeschlichen und war mir nicht ganz sicher, ob ich mir die Thematik zutraue. Vor einer Weile habe ich mich dann getraut und jetzt, einige Zeit nach der Lektüre, habe ich endlich Worte für diese unfassbaren Dinge, die Garrard Conley durchmachen musste. Als Sohn eines Predigers, der streng gläubig erzogen wurde, fällt es Garrard zunehmend schwer, seine homosexuellen Neigungen zu verstecken und sich vor seiner Familie (und vor Gott) zu verstellen. Tag für Tag durchlebt er Angst und Schuldgefühle, denn Gott war ihm bisher doch immer gnädig, wieso lässt er jetzt zu, dass Garrard »unrein« ist, dass seine Gedanken sich mehr und mehr auf Männer anstatt auf Frauen konzentrieren? Während er zu Schulzeiten im behüteten Elternhaus gewissen Situationen ausweichen kann, geht er bald aufs College und lernt dort natürlich einige Männer kennen. Nachdem Garrard Opfer einer Vergewaltigung wird, outet ihn sein Peiniger per Telefon bei seinen Eltern; Garrard wird sofort abgeholt, traut sich nicht, von dem Verbrechen zu sprechen, sieht nur die Schande, die er seiner Familie bringt. Er fühlt sich unrein und ist im Glauben, seine Eltern würden denken, er hätte seinen Vergewaltiger zur Tat angestiftet oder ihn sogar verführt. Doch das alleinige Wissen über seine Homosexualität bricht die Familie fast auseinander, bis der Vater Theapiesitzungen (um Garrards Testosteronwert zu überprüfen) und die Teilnahme bei Love in Action (LIA), einer Konversionstherapie für Homosexuelle, fordert. In „Boy Erased“ schreibt sich der Autor seine Erlebnisse während dieser Therapie von der Seele und arbeitet seine Vergangenheit auf.

"Es war unsere Angst vor der Scham, gefolgt von unserer Angst vor der Hölle, die uns wirklich vom Selbstmord abhielt."

Während der Lektüre konnte ich es beinahe nicht fassen, dass derartige Praktiken zur „Umkehrung“ der „falschen“ Sexualität heutzutage noch existieren. Aber Garrard lebte damals im Bible Belt Amerikas, da kann einen nichts mehr überraschen. In einem relativ nüchternen Ton beschreibt er, wie er mit der Religion an seiner Seite aufgezogen wurde, wie Gott ihn stets begleitete – bis er ihn scheinbar verließ. Garrards Leben nimmt nach der Vergewaltigung eine 180°-Wendung und durch die Teilnahme am LIA-Programm ist nichts mehr wie vorher. Zu Beginn der Therapie muss er beispielsweise ein Genogramm seiner Familie erstellen, in dem er „sündiges Verhalten“, Süchte und Abweichungen von der Norm festhält. Anhand diesem Stammbaum soll dann abgelesen werden können, woher seine Neigung stammt. Jeden Tag wird die absurde Therapie fortgesetzt, Homosexualität als „Sucht“ identifiziert, und Garrard ist damals wirklich noch der Überzeugung, dass das, was er fühlt, vielleicht falsch sein kann, dass seine Homosexualität um der Familie willen aus ihm herausgeschnitten werden muss. Doch nach und nach merkt er, dass er sich selbst, seine Persönlichkeit, mehr und mehr zu verlieren scheint, dass er sich auflöst, wenn er bleibt. Ist es das wert, sein Innerstes auszulöschen, damit sein Äußeres zu seinem Glauben, zu seiner Familie passt?

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/garrard-conley-boy-erased

Veröffentlicht am 05.10.2018

Spannend und doch ein wenig schauderhaft erzählt Andreas Eschbach davon, wie der zweite Weltkrieg verlaufen wäre, wenn es den Computer und das Internet bereits damals gegeben hätte.

NSA - Nationales Sicherheits-Amt
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Nachdem ich den Klappentext zu Andreas Eschbachs „NSA“ gelesen hatte, war ich neugierig. Als ich dann ein wenig weiterscrollte und sah, dass das Buch knapp 800 Seiten dick ist, bin ich erst einmal zurückgeschreckt. ...

Nachdem ich den Klappentext zu Andreas Eschbachs „NSA“ gelesen hatte, war ich neugierig. Als ich dann ein wenig weiterscrollte und sah, dass das Buch knapp 800 Seiten dick ist, bin ich erst einmal zurückgeschreckt. Glücklicherweise habe ich mich trotz der Seitenzahl dazu entschlossen, „NSA“ zu lesen, denn es war spannend bis zur letzten Seite! Es geht um Helene und Eugen, die nach dem ersten Weltkrieg aufwachsen und bereits in der Schule zu spüren bekommen, wie sich Hitler mit seinem Regime langsam an die Macht gelangt. Es beginnt damit, dass die jüdischen Kinder im Unterricht alle hinten sitzen und Rassenkunde Einzug in den Stundenplan hält — und nach und nach alle Juden aus der Umgebung verschwinden. Lettke (Eugen wird stets mit seinem Nachnamen angesprochen) arbeitet mittlerweile beim NSA, dem Nationalen Sicherheits-Amt, und findet Freude daran, Frauen zu vergewaltigen. Durch seine Arbeit mit den Datensätzen des ganzen Reichs durchsucht er die Foren nach regimefeindlichen Äußerungen, sucht diese Frauen dann auf und bietet die Löschung der Daten im Austausch gegen eine „kleine Gefälligkeit“. Währenddessen beginnt Helene sich, für das Programmstricken zu interessieren, eine richtige „Frauenarbeit“, die das Bedienen der Komputer Deutschlands vereinfacht. Da sie ein richtiges Talent hat, wird sie nach ihrer Matura kurzerhand vom NSA eingestellt und hilft nun dabei, Programme zu „stricken“, die versteckte Juden auffinden können. Das kommt ihr ein wenig ungelegen, da sie selbst ihren Geliebten, einen Kriegsflüchtling, im Bauernhof ihrer besten Freundin versteckt. Und so setzt sie alles daran, die Programme so anzupassen, dass der Bauernhof bloß nicht in den Ergebnissen auftaucht. Doch als ihr Lettke an die Seite gestellt wird und die beiden eine furchtbare Entdeckung in den Datenbanken der Amerikaner machen, verkomplizieren sich die Dinge…

"Das deutsche Volk ist krank an der Seele und muss gesunden […]."

Von Andreas Eschbach habe ich zwar einige Titel im Schrank stehen, aber noch keines gelesen – bis auf „NSA“ jetzt. Und trotz der 800 Seiten, die mich sonst auf Sicherheitsabstand gehalten hätten, bin ich wirklich froh, dass die alternative Geschichte des zweiten Weltkriegs mit ihren „Komputern“, dem Deutschen Forum und den Programmstrickerinnen in meine Welt gelassen habe. Durch die 800 Seiten hat der Autor hier die Möglichkeit, die Geschichte um Lettke und Helene weit zu spinnen und hält so nicht nur einen kurzen Lebensabschnitt beider Charaktere fest, sondern direkt einige Jahre. Als Leser ist man quasi live dabei, wie das Dritte Reich seine schaurige Macht entfaltet und das Leben der Protagonisten und ihrem Umfeld direkt tangiert. Doch obwohl der Krieg wütet, war ich erstaunt, wie wenig direkten Kontakt Helene und Lettke damit hatten – sie erledigen Einkäufe und besuchen ihre Freunde, wobei letzteres bei Lettke durch die „Besuche“ bei seinen Opfern ersetzt wird, denn wirkliche Freunde hat er nicht. Als er schließlich an Daten zu gelangen versucht, zu denen er eigentlich keinen Zugriff hat, sieht er sich gezwungen, das Programmstricken zu erlernen. Doch das rosane, blümchenbesetzte (Achtung Klischee!) Lehrbuch dazu widert ihn an und so bittet er seine Kollegin Helene, ihm heimlich diese „Frauenarbeit“ beizubringen. (Nicht ohne sie vorher erpressbar zu machen.)

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/eschbachs-nsa-nazi-spy-agency

Veröffentlicht am 05.10.2018

Exotisch und verwirrend — Rita Indiana lässt mit „Tentakel“ den Vodoo-Kult der konservativen Karibik aufleben.

Tentakel
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Dieses Buch habe ich mehrfach bei Instagram gesehen und die andersartig klingende Story (und das hübsche Cover, geben wir’s doch zu) haben mich magisch angezogen. Dass Rita Indianas „Tentakel“ keine leichte ...

Dieses Buch habe ich mehrfach bei Instagram gesehen und die andersartig klingende Story (und das hübsche Cover, geben wir’s doch zu) haben mich magisch angezogen. Dass Rita Indianas „Tentakel“ keine leichte Kost werden würde, durfte ich dann wenig später beim Aufschlagen des Buchs erfahren. Es geht nämlich nicht nur um einen Protagonisten, sondern gleich um drei, und alle sind auf eine sehr skurrile Weise miteinander verbunden. An sich klingt das nicht allzu komplex, doch da ich erst auf den letzten zwei Seiten gemerkt habe, dass und wie diese Personen verbunden sind, sind die 150 Seiten davor an mir vorbeigezogen wie in einer Trance. Natürlich gab es Hinweise, doch da auch der Aufbau dieser Geschichte allen bekannten stilistischen Mitteln trotzt, war ich mit allem etwas überfordert. Nichtsdestotrotz hat mich Rita Indiana mit „Tentakel“ so in ihren Bann gezogen, dass ich nicht mit dem Lesen aufhören konnte, auch wenn mir vieles verworren erschien.

Bereits der Anfang von „Tentakel“ ist vielversprechend: Wir schreiben das Jahr 2027. Acilde wünscht sich nichts sehnlicher, als dem weiblichen Körper zu entfliehen. Mithilfe einer Kontaktperson wird er als Haushaltshilfe bei der Vodoo-Priesterin Esther angestellt, die nicht nur über eine äußerst wertvolle Seeanemone verfügt, sondern mit deren finanzieller Unterstützung sich Acilde später einmal vielleicht das Mittel zur Geschlechtsumwandlung besorgen kann: Rainbow Bright. Nur eine Injektion, und nach 24 schmerzerfüllter Stunden würde sich das körperliche Geschlecht Acildes seiner Identität anpassen. Ein Traum würde in Erfüllung gehen. Doch Esther wird ermordet und der Plan ändert sich. Acilde bekommt auf anderem Wege an Rainbow Bright und nach seiner Umwandlung (die sehr detailliert beschrieben wird, sensible Gemüter blättern lieber eine Seite vor) beginnt die Handlung erst richtig. Denn die Seeanemone Esthers ist nicht nur aus sentimentalen Gründen unfassbar wertvoll, sondern auch, weil die blaue Karibik durch die Anspülung von Giftstoffen vor einigen Jahren einem Sumpf gleicht — eine Umweltkatastrophe unermesslichem Ausmaßes. Acilde wurde von Esther auf den Weg des Kultismus und des Vodoo gebracht und wurde bereits als „Auserwählter“ gefeiert. Seine Aufgabe besteht aus nicht weniger als der Rettung des karibischen Meeres.

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/rita-indiana-tentakel

Veröffentlicht am 05.10.2018

Unglaublich schöne Geschichte von einem, der in den Wald zog, um das Vatersein zu lernen.

Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes
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Finn-Ole Heinrich und Illustratorin Rán Flygenring nehmen sich mit „Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes“ ein durchaus knackiges Thema zur Brust: Vaterschaft. Was, wenn der kleine Spross schon unterwegs ...

Finn-Ole Heinrich und Illustratorin Rán Flygenring nehmen sich mit „Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes“ ein durchaus knackiges Thema zur Brust: Vaterschaft. Was, wenn der kleine Spross schon unterwegs ist und du, ein Schriftsteller mit zwei linken Händen und einer Vorliebe für Gummibärchen, es so richtig mit der Angst zu tun bekommt? Wenn nichts, was du in deinem bisherigen Leben gelernt hast, dir geeignet zu sein scheint, für deinen Nachwuchs zu sorgen? Unser namenloser Protagonist packt ein paar Sachen (unter anderem mehrere Tüten Gummizeug) zusammen und macht sich, von blanker Panik getrieben, auf den Weg zum Wald. Und zwar nicht nur irgendein Wald, sondern der Wald, in dem der Reuber leben soll. Viele Touristen sind nie wieder aufgetaucht, nachdem sie diesen Wald betreten haben und man hört nur gruselige Lagerfeuergeschichten über den Reuber. Dennoch ist unser Protagonist tief entschlossen, nur beim Besten zu lernen, wie man lebt und überlebt. Und so betritt der Vater in spe den Wald und macht sich auf die Suche nach seinem Yoda, seinem Muten-Roshi, seinem Meister. Als er nach seiner ersten Nacht im Wald schließlich vom Reuber aufgegabelt wird, spürt unser Protagonist keine Furcht, sondern nur wilde Entschlossenheit, diese Gelegenheit beim Schopfe zu packen und Unterweisung in die Künste des Survivals zu erbitten.

»Ich bins Reuber. Hatterschon als Kind jeen Tag ein Mensch gefress. Unheute isser größer noch, stärker noch, unhat mehr Hungernoch. Bewegsu dich, schlachter dich. Kommsu auffes Feuer rauf, aufgespieß. Reuber dreh dich, würz dich, friss dich auf. Jetz gibsu, wassu has und machs keinton, sons stirbsu hierundjetz. Machsu, was Reuber sag, kommsu mit dein Leben von. Vielleicht. Wenn Reuber will.«

Mit diesen Worten begrüßt der Reuber den Eindringling. Ein nettes Hallo gibt’s nicht, denn unser Protagonist wollte immerhin gerade an den Lieblingsbaum des Reubers pinkeln und hätte sich es so beinah verscherzt. Doch jetzt ist nicht die Zeit für Angst, und unser Protagonist überzeugt den Reuber, ihn zu unterrichten, und so lernt er schließlich alles, was er zum Überleben braucht: Wie man einen Unterschlupf errichtet, was man im Wald essen kann und was nicht, wie man Feuer macht und letztendlich auch, wie man Kaninchen erlegt. Doch die Lehren des Reubers hören nicht bei Dingen, die durchaus Standard im Survival-Gebiet sind, auf, sondern fängt da erst an: Durch die Ausbildung beim Reuber lernt der Vater in spe, wie man richtig atmet, wie man „luffuddert“ (Luft futtert) und so zu einer meditativen Ruhe findet, und auch, wie man über seinen eigenen Schatten springt. Und so gut es unserem Protagonisten auch nachher beim Reuber gefällt, umso wichtiger ist es, dass er stark genug ist, den Wald mit seinem neu gewonnenen Wissen wieder zu verlassen und sich seinem Leben zu stellen.

Weiterlesen: https://killmonotony.de/rezension/wo-die-wilden-reuber-wohnen