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Veröffentlicht am 23.06.2018

Das grausame Portrait eines Mörders, der in seiner Kindheit durch die Hölle gehen musste.

Ich wollte Liebe und lernte hassen!
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Bei diesem Buch habe ich mich dazu entschieden, euch den langen Klappentext voranzuschicken, damit ihr direkt alle Hintergrund-Informationen zur Verfügung habt. Dieses Buch, zuerst 1984 erschienen, kurz ...

Bei diesem Buch habe ich mich dazu entschieden, euch den langen Klappentext voranzuschicken, damit ihr direkt alle Hintergrund-Informationen zur Verfügung habt. Dieses Buch, zuerst 1984 erschienen, kurz nachdem die Tat verübt wurde, hat mich mit diesem Klappentext direkt gefesselt. Ich wollte unbedingt lesen, wie es zu einer solch ungeheuerlichen Tat kommen kann, welche Motive dahinterstecken und wie das oben erwähnte „grausame Elternhaus“ wohl ausgesehen haben mochte. Makaber, aber irgendwie war ich fasziniert. Fritz Mertens‘ „Ich wollte Liebe und lernte hassen!“ beginnt bei seinen jüngsten Erinnerungen und erzählt, wie er aufwuchs, wie sein Verhältnis zu seinen Eltern war — kurz, dieses Buch ist eine Autobiographie. Da das Lektorat möglichst wenig an diesem Rohtext verändern wollte, wurde tatsächlich nichts bis auf die Orthographie geändert, Fehler ausgebessert — das gesamte, grausame Material ist also fast komplett so geblieben, wie Fritz Mertens es damals verfasst hat. Es verschlägt einem oft die Sprache, man will gar nicht glauben, dass Dinge wie dort beschrieben überhaupt irgendwo geschehen können, wie Kinder dermaßen misshandelt werden können, doch die Neugier, ob Fritz oder seine Geschwister sich jemals zu Wehr setzen würden, trieb mich an, weiterzulesen.

"Ich glaube, ich habe nie etwas richtig gemacht in meinem Leben, immer war etwas dabei, was falsch war."

„Ich wollte Liebe und lernte hassen!“ ist definitiv kein Buch für zarte Gemüter. Nüchtern und gerade heraus erzählt Fritz Mertens über seine Kindheit und Jugend, über seinen Alkoholiker-Vater und seine allem Anschein nach sehr überforderte Mutter. Und das ist wirklich noch vorsichtig ausgedrückt. Seine Geschwister erfahren leider dieselben „Erziehungsmaßnahmen“ wie er und mehr als einmal spielt er sogar in Kindheitstagen(!) mit dem Gedanken, sich umzubringen. Während die Mutter ihn also wegen unfassbaren Kleinigkeiten blau und grün prügelt, schwärzt sie ihn auch bei seinem Vater an, der mal bei der Familie, mal getrennt wohnt. Hinterrücks arbeitet Fritz Mutter also gegen ihn, den „Liebling“ seines Vaters, der nichtsdestotrotz auch von ihm verprügelt wird. Fritz‘ Kindheit ist geprägt von Krankheit und Krankenhausaufenthalten, denn als er in jungen Jahren über Hüftschmerzen klagt und nicht mal mehr richtig gehen kann, wird er von seinen Eltern nur verlacht, er solle nicht so „gehen wie eine Schwuchtel“ und sich „nicht so anstellen“. Doch die Schmerzen werden schlimmer und als Fritz endlich zu einem Arzt kommt, stellt man einen schweren Bruch der Hüfte fest und er verbringt das nächste Jahr fast komplett abwechselnd in Gips, im Rollstuhl, mit Krücken oder im Krankenhaus — wo er am Ende seines Aufenthalts auch gar nicht mehr weg will, da sich dort alle so liebevoll um ihn kümmern. Kaum ist Fritz genesen, ist die „Schonzeit“ der elterlichen Gewalt vorbei und teilweise schwärzen ihn sogar seine Geschwister bei der Mutter an, wobei die geschwisterlichen Bande auch ins Wanken geraten. Fritz muss sich seit seinen jungen Jahren auch um den Haushalt kümmern, hat keine Zeit mehr für seine Hausaufgaben, zur Schule zu gehen fällt ihm nach und nach schwerer, da er nie vorbereitet ist. Zum Geburtstag bekommen die Kinder keine wirklichen Geschenke; Fritz erzählt in seinem Bericht vom Geburtstag seines Bruders, der ein Papier geschenkt bekommt, auf dem in der Mitte ein Pfennig aufgeklebt war, mit den Worten: »Für mehr hat es nicht gelangt, du warst ja auch dieses Jahr nicht brav.«

Fritz Mertens erzählt schonungslos von allen Grausamkeiten, die ihm und seinen Geschwistern in Kindheit und Jugend bis hin ins junge Erwachsenenalter widerfahren sind, und ich habe mir stellenweise wirklich an den Kopf gefasst, wieso denn niemand das Jugendamt verständigt hat, der diese Zustände mitbekommen hat. So führt Fritz‘ Mutter später eine Gaststätte, und als es zu einem Missverständnis kommt, prügelt sein Vater ihm im Hinterzimmer die Seele aus dem Leib, sodass seine Augen geschwollen sind und seine Lippe bluten. In diesem Zustand soll er sich dann bei einem Gast entschuldigen. Spätestens da hätte ich mir für die Kinder gewünscht, dass irgendjemand endlich zur Polizei geht und die Kinder den Eltern weggenommen werden. Oder dass die Geschwister sich verbünden und gemeinsam weglaufen oder selbst zur Polizei gehen. Selbst Fritz‘ kleine Schwester wird, als sie noch keine zwei Jahre alt ist, von der Mutter halbtot geschlagen. Was die Kinder von einer Flucht aus dem Elternhaus abgehalten hat, weiß ich beim besten Willen nicht.

Die vollständige Rezension findet ihr auf dem Blog: https://killmonotony.de/rezension/fritz-mertens-ich-wollte-liebe-und-lernte-hassen

Veröffentlicht am 23.06.2018

Unsympathisch und einfach enttäuschend. Ich hatte mir mehr erwartet.

Big Pig, Little Pig
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Kurz gesagt: Leider gefiel mir dieses Buch überhaupt nicht. Ich hatte mich zwar auf ein erzählendes Sachbuch eingestellt, aber dass dieses Buch sich so dermaßen in die Länge zieht, hätte ich nicht gedacht. ...

Kurz gesagt: Leider gefiel mir dieses Buch überhaupt nicht. Ich hatte mich zwar auf ein erzählendes Sachbuch eingestellt, aber dass dieses Buch sich so dermaßen in die Länge zieht, hätte ich nicht gedacht. Der Grundgedanke, ob man Tiere schlachten kann, die man liebt, ist spannend, und ich bin der festen Überzeugung, dass ich es nicht könnte, doch Jaqueline Yallop und ihr Mann sind da anscheinend härter im Nehmen. Während zu Beginn des Buchs noch gestaunt wird, was für schöne Tiere Schweine doch sind und historische Gegebenheiten mit Forschung und Charakterstudien zusammentreffen, hätte ich mir doch mehr erhofft. Die „harten Fakten“ über Schweine füllen derweil auch den Großteil des Buches und der Leser bekommt stets vor Augen geführt, wie intelligent und treuherzig Schweine doch sind, um dann gegen Ende entsetzt und enttäuscht zu sein über die Wahl, die Yallop und ihr Mann treffen. Kurz vor der Schlachtung tanzt das zu tötende Schwein noch im Heu und freut sich seines Lebens, und man hofft auf einen humanen Moment der Einsicht, doch die Autorin zeigt kaum eine Regung und bleibt hart. Zur Veranschaulichung werden dann noch Fotos von einer strahlenden Yallop mit einer Würstchenkette in der Hand gezeigt. Den Schlachtungs- und Zerlegungsvorgang bekommt der Leser auch in seiner Ganzheit erläutert, Leser mit schwachem Magen sollten hier vielleicht einige Seiten überblättern.

"Wir waren gründlich und pragmatisch. Es wirkt alles überschaubar. Gefühle spielen dabei scheinbar überhaupt keine Rolle. Wie schwer kann es denn schon sein, ein Schwein zu töten?"

Kurz und knapp: Das Genre „erzählendes Sachbuch“ ist mir nicht fremd, fremd war jedoch diese komplette Abwesenheit von Einfühlvermögen. Jaqueline Yallop baut zwar ein Verhältnis zu ihren Schweinen auf und bemerkt auch ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten, dennoch führt auch ihre ausgiebige Recherche über Schweine, ihre Intelligenz und ihre Zutraulichkeit nicht dazu, dass sie sich von ihren Gefühlen mitreißen lässt. Zudem werden die Schweine zu vielen Gelegenheiten nur als „Schlachtkörper“ gesehen, was im starken Kontrast zu ausführlichen Beschreibung zu der Schönheit der Tiere und der Ähnlichkeit zum Menschen steht. „Big Pig, Little Pig“ (im Übrigen die Namen der Schweine) kann ich leider überhaupt nicht weiterempfehlen, da es mir zu kaltblütig, zu „unmenschlich“ war.

Veröffentlicht am 23.06.2018

Eine wunderbare Neuerzählung von Shakespeares‘ Othello — Rassismus und Drama in den 70er Jahren

Der Neue
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Tracy Chevaliers „Der Neue“ erschien im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projekts, das die Klassiker von beliebten Autoren in ein neues, modernes Gewand stecken soll. Auch hier kenne ich das Original nicht, ...

Tracy Chevaliers „Der Neue“ erschien im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projekts, das die Klassiker von beliebten Autoren in ein neues, modernes Gewand stecken soll. Auch hier kenne ich das Original nicht, deshalb werde ich nur die Geschichte, wie sie ist, und nicht, ob sie nah am Original ist etc. besprechen. Es geht um Osei, auch schlicht O genannt, der zum wiederholten Male an eine neue Schule kommt. Obwohl das Washington der 70er Jahre als „Chocolate City“ bekannt ist, hat Osei es als einziger Schwarzer schwer. Alle Kinder beäugen ihn kritisch, mögen ihn nicht berühren und halten sich von ihm fern. Dass sich nun eines der beliebtesten Mädchen der Schule mit Osei anzufreunden scheint, passt einigen der Jungs auf dem Schulhof überhaupt nicht, und Ian, vor dem alle Angst haben, plant ein Komplott, dass Osei und Dee schnell wieder auseinander bringen soll…

Weiße stellten immer Fragen, die mit der Haarpflege zu tun hatten. Und konnten Schwarze eigentlich auch einen Sonnenbrand bekommen? Oder braun werden? Waren sie von Natur aus besser im Sport und wenn ja, warum? […]

Chevaliers Geschichte rund um Dee und Osei hat mir sehr viel Spaß gemacht; der Erzählstil ist flüssig und die Abschnitte des Buchs sind in „Große Pause“ oder „Mittagessen“ gegliedert, so weiß man sofort, in welchem Zeitrahmen man sich die Geschehnisse denken muss. Die Ankunft Oseis in der Schule gestaltet sich trotz der eigentlich toleranten Zeiten und Gegend schwierig, alle anderen Schüler scheinen ihn anzustarren und die Lehrer, die es eigentlich besser wissen sollten, stempeln ihn als minderbemittelten, dummen Jungen ab. Nur Dee ist sofort Feuer und Flamme für den „Neuen“, auch wenn sie sich bewusst ist, dass sie dafür zahlreiche komische Blicke erntet. Die Beziehung zwischen den Beiden entwickelt sich auch gleich zu einer kleinen Liebelei und noch in der ersten Pause fragt Dee Osei, ob er „mit ihr gehen“ möchte; die Zwei kommen also von vornherein miteinander klar. Dass das Neider auf sich zieht, ist klar, ist Dee doch eines der beliebtesten Mädchen an der Schule. Zudem wirbelt Osei mit seinem „Anderssein“ und seiner Art die Dynamik des Pausenhofs gehörig auf und dies bleibt ebenso wenig frei von Neid und Argwohn.

Das Original von Shakespeare, das dieser Geschichte zugrunde liegt, Othello, kannte ich auch dieses Mal nicht (Schande über mein Haupt), dennoch finde ich, dass die Dramatik, mit der Beziehungen geschlossen und Feindschaften besiegelt werden, direkt an Shakespeare erinnert. Für 11-Jährige vielleicht ein wenig unpassend, doch denkt man sich Tracy Chevaliers „Der Neue“ an eine Highschool mit Teenagern, erscheint die Geschichte schon viel realistischer.

Der Schreibstil von Chevalier gefällt mir wirklich wunderbar, er war flüssig zu lesen und erschien mir sehr authentisch, sodass ich das Buch direkt in einem Rutsch ausgelesen habe. Durch mehrere Rückblenden in die Zeit vor Oseis Umzug nach Washington erfahren wir zudem auch noch mehr über seine Schwester, die der Black Power Bewegung angehört, und auch über seine Eltern — spannend! Sehr gern hätte ich mehr über seine Familie gelesen. Während Osei und auch Dee so etwas mehr Hintergrund erhalten, bleiben die anderen Personen des Schulhofs etwas blass, besonders für Ian hätte ich mir etwas mehr Informationen gewünscht, warum er so ist, wie er ist, und warum er nach dem Unglück der anderen trachtet.

Die vollständige Rezension findet ihr auf dem Blog: https://killmonotony.de/rezension/tracy-chevalier-der-neue

Veröffentlicht am 08.06.2018

Mit dem wunderbaren Portrait ihres Lebens zeigt Maggie O’Farrell ein ums andere Mal auf, was es bedeutet, dem Tod die Hand zu schütteln und trotzdem nach vorn zu sehen.

Ich bin, ich bin, ich bin
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Maggie O’Farrells autobiographisches Buch „Ich bin, ich bin, ich bin“ hat mich bereits in der Verlagsvorschau angesprochen. Da ich ausgesprochen gerne über das Thema Todlese, war schon bald klar, dass ...

Maggie O’Farrells autobiographisches Buch „Ich bin, ich bin, ich bin“ hat mich bereits in der Verlagsvorschau angesprochen. Da ich ausgesprochen gerne über das Thema Todlese, war schon bald klar, dass ich dieses Buch verschlingen werde. Die Autorin erzählt in ihrem Werk von 17 Begegnungen mit dem Tod, die sich im Laufe ihres Lebens zugetragen haben. Fast vergewaltigt, fast ermordet, fast ertrunken, die Liste scheint sich endlos fortzusetzen. In den einzelnen Kapiteln erzählt sie von ihrem Leben, was sie zu der Zeit, als es passiert ist, bewegt hat, welche Reisen sie unternommen hat, lässt uns teilhaben an ihrem Leben, bevor sie beim Unvermeidbaren angelangt: dem jeweiligen Unfall, der prekären Situation, und wie sie den Kopf bei jeder dieser Gelegenheiten immer wieder aus der Schlinge gezogen hat. Wir erfahren, dass Maggie O’Farrell trotz einer schweren Erkrankung in ihrer Kindheit (die sie bis ganz zum Schluss aufspart) eine zielstrebige, mutige Persönlichkeit ist, die vor nichts zurückschreckt, aber als sie Mutter wird, alles tut, damit ihren Kindern keine ähnlichen Situationen widerfahren.

"Der Schmerz glich nichts, was ich bis dahin kannte oder seither kennengelernt habe. Er war randlos, er war vollkommen, wie ein Ei in seiner Schale vollkommen ist. Und er war raumgreifend, ein Usurpator; ich wusste, er wollte das Ruder übernehmen, mich aus mir verdrängen wie ein böser Geist, ein Dämon."

Maggie O’Farrell widmet jedes Kapitel einem anderen Körperteil (wobei einige auch mehrmals auftauchen), nämlich dem, der in diesem Abschnitt einer ernsten Gefahr ausgesetzt ist. Während einige Kapitel „gut zu lesen“ sind (wenn man das so sagen kann), stellen sich bei wieder anderen die Haare auf: als Maggie mit zarten 18 Jahren einen Waldspaziergang macht und auf dem Rückweg bemerkt, dass der Mann, den sie auf dem Hinweg bereits gesehen hat, wohl an einer nicht einsehbaren Stelle fernab des Dorfes, auf sie gewartet haben muss. Er legt ihr seine Fernglas-Schnur um den Hals, um ihr Vögel am See zu zeigen, sie windet sich mit einem lockeren Gespräch auf dem Weg ins Dorf zurück aus der Situation und erfährt später von der Polizei, dass dieser Mann bereits ein junges Mädchen mit der Schnur seines Fernglases ermordet hat. Fortan fragt sich O’Farrell, warum sie überleben durfte, während dieses Mädchen nicht so viel Glück hatte.

Während andere Memoiren oder Autobiographien oft langatmig sind oder einfach nicht spannend zu lesen sind (im Vergleich zu einem Roman), und ich deshalb auch Fiktion eigentlich bevorzuge, las sich „Ich bin, ich bin, ich bin“ einfach wunderbar. Aktuell habe ich noch nichts anderes von Maggie O’Farrell gelesen, bin aber ob des Schreibstils sehr versucht. Trotz des schwierigen Themas kommt in ihrem Werk niemals eine richtige Depression auf, was wohl an ihrem Schreibstil liegt. O’Farrell erscheint auch trotz ihrer vielen „Fast-Schicksalsschläge“ niemals hoffnungslos, sondern blickt zu jedem Zeitpunkt nach vorn und fährt mit der Devise, dass sie unendliches Glück gehabt hat, mit Vollgas fort, ihr Leben zu führen.

Die vollständige Rezension findet ihr auf dem Blog: https://killmonotony.de/rezension/maggie-ofarrell-ich-bin-ich-bin-ich-bin

Veröffentlicht am 08.06.2018

Schwermütig, rastlos und mit einer nicht zu verachtenden politischen Nuance — ein Einblick in die reiche Oberschicht Ägyptens in den 1950er Jahren.

Snooker in Kairo
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Neugierig durch das ungewöhnliche Cover musste ich mir Waguih Ghalis 1964 erstmals erschienenen und Roman „Snooker in Kairo“, der jetzt zum allerersten Mal in Deutschland erschienen ist, einmal genauer ...

Neugierig durch das ungewöhnliche Cover musste ich mir Waguih Ghalis 1964 erstmals erschienenen und Roman „Snooker in Kairo“, der jetzt zum allerersten Mal in Deutschland erschienen ist, einmal genauer ansehen. Der Klappentext klang zwar etwas zu „hochgestochen“ und politisch für mich, aber ganz im Sinne meiner „Lesen außerhalb der Komfortzone“-Aktion habe ich ihn mir dann doch zur Brust genommen. Es geht um Ram und seinen Freund Font, die beide aus gutem Hause kommen, ohne selbst nur einen Cent am Leib zu tragen. Inmitten der gehobenen Gesellschaft sind sie arm und versuchen durch Glücksspiel, ihr Konto aufzubessern. Denn die Verwandtschaft nach Geld fragen, das geht nun wirklich nicht. Während die anderen Mitglieder ihres sozialen Umfelds ihren Weg gefunden zu haben scheinen, irren Ram und Font ziellos durch die ägyptische Stadt, unsicher, wie sie sich fühlen oder verhalten sollen. Obwohl beide einen Uni-Abschluss aus Großbritannien mitbringen, schlagen sie sich ohne größere Beschäftigung durch den Alltag und versuchen ihre Tage irgendwie herumzubekommen, ob nun beim Polo oder Bridge im Club. Denn die Oberschicht, der die beiden angehören, ist nicht „typisch ägyptisch“, sondern durch und durch angepasst an Europa; man spricht Französisch oder Oxford-Englisch, spricht abfällig von dem „Fellachen“, der ägyptischen Unterschicht, und irgendwie scheint ein jeder seine Natürlichkeit abgelegt zu haben, um die „europäische Kultiviertheit“ zu erreichen. Und von dieser Kultiviertheit profitieren Ram und Font schlussendlich auch, denn nur durch diesen britischen „Way of Life“ ihrer Familien ist es ihnen möglich, so zu leben, wie sie es tun.

»Wenn ich kein Ägypter bin, was bin ich dann?« — »Du bist, was du bist. Ein Mensch, der in Ägypten geboren wurde, auf eine englische Schule gegangen ist, viele Bücher gelesen hat und Phantasie besitzt. Aber zu sagen, dass du dies oder Ägypter bist, ist Unsinn.«

Auch Ram bemerkt im Laufe seines Lebens, während seinem ersten Aufenthalt in England, dass er sich merklich verändert, dass er seinen ägyptischen Humor und seine Leichtigkeit abstreift und dafür die Blasiertheit und leichte Arroganz derer annimmt, die ihn umgeben. Doch nicht nur der Tapetenwechsel mag Grund für diese Veränderung sein, sondern vermutlich auch seine Liebe zu Edna, einer reichen Jüdin, die ihm gehörig den Kopf verdreht hat und seine Liebe offensichtlich nur erwidert, wenn er seiner Arroganz freien Lauf lässt. Die Liebe und Beziehung zu Edna durchzieht das Buch wie ein roter Faden; in jeder freien Minute seines Lebens scheint Ram sehnsüchtig an sie zu denken — bis er letzten Endes „wegen des Geldes“ doch eine Andere heiratet. Er brüstet sich mit seiner Armut, während ihm Butler des Clubs schon Fünf-Pfund-Noten zustecken. In London werden Ram und Font auch erstmalig mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus konfrontiert, etwas, das ihm bisher völlig fremd war. Der Gang zur Ausländerbehörde wurde zur Qual, und dabei wollten die Beiden doch lediglich ihr Visum verlängern.

Über die politische Lage im Ägypten der 50er Jahre hatte (und habe) ich leider keinen Überblick, deshalb habe ich während der Lektüre einiges nachschlagen müssen. Dennoch hat sich mir der Einblick verwehrt, den ich gehabt hätte, hätte ich ausführliche Kenntnisse über diese Zeiten mitgebracht. Zahlreiche Kleinigkeiten habe ich nicht verstanden und so blieb mir nur noch die Essenz des Romans, die Handlung an sich und ihre Charaktere. Während die Handlung leise vor sich hin plätschert und durchaus träge ist, stechen die Charaktere umso mehr heraus. Der aufbrausende Font, die geheimnisvolle Edna, und natürlich unser Protagonist Ram sind allesamt schillernde Charaktere, die vom Autor wunderbar gezeichnet wurden. Die Erzählung, die aus der Ich-Perspektive erfolgt, ist geprägt von Rams Grübeleien und einer Schwere, die den Eindruck erweckt, der Leser befände sich in einer Wüste und müsste sich durch die Dürre zum Ende des Buches ziehen.

Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/waguih-ghali-snooker-in-kairo