Profilbild von uli123

uli123

Lesejury Star
offline

uli123 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit uli123 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.08.2021

Tragische Familiengeschichte zur Zeit des Nationalsozialismus und Zweiten Weltkriegs

Fanzi
0

Der zunächst merkwürdig klingende Buchtitel ist die Verballhornung des Vornamens Franz. Dieser ist einer der Protagonisten, der einst so von seiner geliebten kleinen Schwester genannt wurde. Aus der Perspektive ...

Der zunächst merkwürdig klingende Buchtitel ist die Verballhornung des Vornamens Franz. Dieser ist einer der Protagonisten, der einst so von seiner geliebten kleinen Schwester genannt wurde. Aus der Perspektive von Franz und seiner Enkelin Astrid erfahren wir abwechselnd nach und nach die Familiengeschichte, beginnend einige Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart hinein. Die Familie wohnt in einem Dorf in Österreich und betreibt Landwirtschaft. Der Vater regiert mit eiserner Hand über seine drei Jungen und die nachgeborene Schwester. Das Hoferbe ist für ihn geregelt. Die politischen Entwicklungen machen aber einen Strich durch die Rechnung. Die Familie treffen schwere Schicksalsschläge. Sie und das gesamte Dorf werden durch den Nationalsozialismus geprägt. Bis ins Alter schweigt Franz über seine (vermeintliche?) Schuld und Verantwortung, was sein Verhältnis zu seinen eigenen Kindern ebenso trübt wie ein erneutes Unglück.
Wer an der deutschen Geschichte rund um Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg ebenso wie an Familiengeschichten interessiert ist, sollte unbedingt dieses Buch lesen. Im Vordergrund steht thematisch die Verantwortung der damaligen Generation für die deutschen Gräueltaten. Im Fall von Franz treten noch Schuldgefühle an einem Geschehnis innerhalb der Familie hinzu. Das kleine Dorf und seine Bewohner sind ein getreues Abbild des Weltgeschehens und es finden sich dort so ziemlich alle Facetten, die typisch für Krieg und Nationalsozialismus waren. Während die Passagen betreffend Franz angenehm zu lesen waren, hatte ich mit denen von Astrid etwas Mühe. Sie – eine Biologin – ist sehr menschenscheu und nachdenklich. Ihr Denken dreht sich oft um Sein und Werden, um ursprüngliche Lebensformen in der Tierwelt. Der Bezug zur übrigen Geschichte erschloss sich mir nicht. Sehr schön fand ich, dass wörtliche Reden oft mundartlich wiedergegeben wurden, was authentisch wirkt.
Insgesamt vier Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.08.2021

Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte gegen Ende der DDR

Kairos
0

Buchtitel und Cover passen haargenau auf den neuesten Roman von Jenny Erpenbeck. Kairos ist der griechische Gott des richtigen Augenblicks. Als genau solch einen Augenblick empfinden die 19jährige Katharina ...

Buchtitel und Cover passen haargenau auf den neuesten Roman von Jenny Erpenbeck. Kairos ist der griechische Gott des richtigen Augenblicks. Als genau solch einen Augenblick empfinden die 19jährige Katharina und der 34 Jahre ältere, verheiratete Schriftsteller Hans den Moment, in dem sie sich im Jahr 1986 zufällig auf einer Straße Ostberlins kennenlernen. Sie werden zum Liebespaar und können nicht ohne den anderen sein. Hans mag an Katharina deren kindliche Unschuld und gibt sich mit ihr masochistischen Sexpraktiken hin, Katharina fasziniert das Wissen des ihr an so viel Lebenserfahrung reicheren Hans und ist diesem fast hörig. Doch kann eine solche Beziehung gut gehen angesichts Hans Eifersucht auf jüngere Männer und seinem Hang, die Geliebte dafür zu bestrafen sowie Katharinas Kinderwunsch und ihrer zunehmenden Ungeduld, dass Hans seine Ehefrau verlassen möge? Jedenfalls fängt das anfängliche Glück an zu bröckeln und Hans zeigt seine wahre Fratze. Der Pappkarton vom Cover ist einer von zwei Kartons mit gesammelten Erinnerungsstücken aus der Beziehung, die Katharina später zugespielt werden und die für sie Anlass zur Rückschau sind.
Doch nicht nur die ungewöhnliche Liebesgeschichte hat mich in ihren Bann gezogen, sondern auch das geschichtliche Umfeld, in dem sie angesiedelt ist. Es sind wenige Jahre rund um die Wendezeit in der DDR. Im persönlichen Umfeld von Hans und Katharina gehören die meisten Personen zur seinerzeitigen geistigen Elite, so dass Vieles zur Wende aus deren Perspektive zu lesen ist.
Das Buch setzt hohe Ansprüche beim Lesen. In formeller Hinsicht fällt auf, dass wörtliche Reden nicht als solche kenntlich gemacht sind und Schachtelsätze nicht ungewöhnlich sind. Inhaltlich kommen viele Passagen hinzu, die die griechische Mythologie, literarische Werke bedeutender deutscher Dramatiker oder wichtige Musikstücke betreffen. Aber es lohnt sich wirklich, dieses Buch zu lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.08.2021

Schöne Mischung zwischen Familiengeschichte und Politthriller

Heimatsterben
0

Wer Familiengeschichten mag und politisch interessiert ist, wird bei diesem Buch auf seine Kosten kommen.
Im Vordergrund steht die weit verzweigte Familien Ahrens, deren jedes einzelne Mitglied individuelle ...

Wer Familiengeschichten mag und politisch interessiert ist, wird bei diesem Buch auf seine Kosten kommen.
Im Vordergrund steht die weit verzweigte Familien Ahrens, deren jedes einzelne Mitglied individuelle Besonderheiten aufweist (konservativ, linksgerichtet, homosexuell, adlig, u.a.). Der im vorderen Klappeneinband enthaltene Stammbaum hilft rasch bei der Orientierung. Die eher links ausgerichtete Hanna unterstützt auf seinen ausdrücklichen Wunsch ihren Schwager Felix, der extrem konservativ ist und gestützt von seiner sehr erfolgreichen rechten Partei Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2023 wird, von deren Zuständen betreffend Innen- und Außenpolitik zu diesem künftigen Zeitpunkt ein wirkliches Schreckensszenario gezeichnet wird. Dieses ist natürlich völlig fiktiv, aber angesichts des einen oder anderen aktuellen Bezugs auch nicht gänzlich an den Haaren herbeigezogen. Auf jeden Fall regen die politischen Abschnitte zum Nachdenken an, an dessen Ende hoffentlich das Ergebnis steht, dass jeder einzelne nach gerade der deutschen Geschichte die geschilderte negative Entwicklung verhindern muss. Von der Familie ist mir keiner als Sympathieträger in Erscheinung getreten. Viele wurden eher klischeehaft dargestellt. Ihre Verbindungen zueinander wurden nur angerissen. Hier hätte mich eine etwas bessere Darstellung mehr befriedigt.
Auf jeden Fall eine beachtliche Leistung für einen Debütroman.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.08.2021

Eine ihrem Titel nicht gerecht werdende Familiengeschichte

Die letzten Romantiker
0

Bei dem Buch handelt es sich um eine Familiengeschichte, die ungefähr 100 Jahre umfasst. Im Fokus stehen Fiona und ihre drei älteren Geschwister. Fiona ist eine berühmte Dichterin geworden und im Jahr ...

Bei dem Buch handelt es sich um eine Familiengeschichte, die ungefähr 100 Jahre umfasst. Im Fokus stehen Fiona und ihre drei älteren Geschwister. Fiona ist eine berühmte Dichterin geworden und im Jahr 2079 hält sie eine Lesung vor einem Publikum (offensichtlich ist eine Umweltkatastrophe eingetreten, Einzelheiten hierzu bleiben aber offen). Unter den Zuhörern sitzt ein Mädchen namens Luna, die den gleichen Namen trägt wie die Figur in Fionas berühmtestem Gedicht. Das ist für Fiona der Anlass, ihre Familiengeschichte zu erzählen.
Das erste Viertel des Buchs hat mich positiv überrascht. Hier wird von einem Ereignis erzählt, das die Geschwister die „Große Pause“ nannten. Sie selbst waren erst im Alter von vier bis elf Jahren und ihre Mutter dreißig, als der Vater und Ehemann plötzlich verstarb. Die Mutter flüchtete sich für drei Jahre in eine Depression, die Kinder waren komplett auf sich gestellt und verwilderten. Diese Zeit beeinflusste ihr weiteres Leben. Dieser Abschnitt ist sehr lebendig geschrieben, fast wie aus Kinderhand aus der Perspektive der damals kleinen Fiona. Dann erfolgt für mich eine Entwicklung der Geschichte zum Negativen. Die Geschwister führen als Erwachsene ein Leben, das sie nicht gerade zu Sympathieträgern macht. Es sollen nur die Stichworte Drogen, Alkohol und Fionas Sexblog und exzessiver Männerverschleiß genannt werden. Das Band unter den Geschwistern ist mal enger, mal lockerer. Völlig unerklärlich und unrealistisch ist für mich, warum die Schwestern jahrzehntelang nach dem Tod ihres Bruders deren Freundin suchen, die sie für die einzig wahre Liebe ihres Bruders halten. Auf mich wirkt das Buch typisch amerikanisch, nämlich oberflächlich.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.08.2021

Sammlung von Erzählungen

Daddy
0

Das Buch beinhaltet eine Sammlung von zehn kurzen Erzählungen. Diese geben Einblick in das Leben verschiedener Menschen, wobei der Fokus in jeder Geschichte auf einem Menschen liegt. Sie resümieren zumeist, ...

Das Buch beinhaltet eine Sammlung von zehn kurzen Erzählungen. Diese geben Einblick in das Leben verschiedener Menschen, wobei der Fokus in jeder Geschichte auf einem Menschen liegt. Sie resümieren zumeist, warum sie bis zu diesem Punkt in ihrem Leben gekommen sind und was vielleicht anders hätte laufen können. Alle sind desillusioniert und der Ansicht, dass es eine bessere Wendung in ihrem Leben hätte geben können. Es geht um Beziehungen zu Freunden, der Familie, zu Liebhabern. Die Charaktere empfinde ich als zumeist unsympathisch. Wie es eigentlich die Regel ist bei Erzählsammlungen, spricht einen nicht jede in gleicher Weise an. Auf jeden Fall lassen sie einen über das eigene Leben nachdenken. Manche Geschichte endete zu abrupt.
Auf jeden Fall hat mich das Buch neugierig gemacht, mehr von der Autorin zu lesen, z.B. „Girls“.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere