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Veröffentlicht am 22.02.2020

Welche Folgen hat der Tod eines Menschen für die Zurückbleibenden?

Nach Mattias
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Dem im Anhang des Buches abgedruckten Interview mit dem Autor ist zu entnehmen, dass er als typisch für seinen Schreibstil ansieht, Wörter zu streichen, die nicht zwingend nötig sind, um mit wenigen Worten ...

Dem im Anhang des Buches abgedruckten Interview mit dem Autor ist zu entnehmen, dass er als typisch für seinen Schreibstil ansieht, Wörter zu streichen, die nicht zwingend nötig sind, um mit wenigen Worten möglichst effektiv zu sein. So ist er auch vorliegend verfahren und hat die endgültige Version um 25000 Worte auf 50000 Worte (234 Seiten) gekürzt. Genau diese Kürze ist es, die mich ein wenig an der Geschichte stört, weil sie auf diese Weise puzzleartig wirkt und letztlich kein wirkliches Bild des Toten wiedergibt. Selbst das Ausgangsthema wird in aller Kürze umrissen – nämlich der Tod des buchtitelgebenden Mattias, von dem wir erst ganz allmählich und auch nie ausdrücklich erfahren, was es mit ihm auf sich hat. Die einzelnen Kapitel sind dann acht Personen gewidmet, deren Leben aufgrund von Mattias Tod eine andere Richtung einschlagen. Von ihnen standen einige dem Verstorbenen sehr nahe (Mutter, Lebensgefährtin), andere kannten ihn kaum. Bei letzteren fragt man sich sogar, warum sie überhaupt in die Geschichte eingeführt werden (z.B. der alkoholkranke airnb-Vermieter). Genau das war das Anliegen des Autors – darzustellen, welche Konsequenzen das plötzliche Verschwinden eines Menschen auf das Leben der Zurückbleibenden haben kann. Das gleichfalls verarbeitete Thema der Trauer ist nur sekundär. Das Buch ist aber ein besonderes mit vielen schönen Sätzen und eingewobenen Musiktiteln.

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Veröffentlicht am 22.02.2020

Aus dem Alltag ganz gewöhnlicher Menschen

Die langen Abende
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In diesem Roman taucht Olive Kitteridge auf, die schon in früheren Büchern (die man aber nicht zwingend zuvor gelesen haben muss) der Autorin („Mit Blick aufs Meer“) eine wichtige Romanfigur war. Olive ...

In diesem Roman taucht Olive Kitteridge auf, die schon in früheren Büchern (die man aber nicht zwingend zuvor gelesen haben muss) der Autorin („Mit Blick aufs Meer“) eine wichtige Romanfigur war. Olive wohnt in der amerikanischen Kleinstadt Crosby in Maine und ist pensionierte Mathelehrerin. In Crosby ist nicht viel los. Es spielen sich dort aber wahre Lebensdramen ab, die die Autorin uns recht beschaulich erzählt. Wir erhalten kurze Einblicke in das Leben anderer Bewohner, die in Interaktion zu Olive treten, die so zum durchlaufenden roten Faden wird. Das Faszinierende an der Geschichte ist gerade die Person von Olive. Sie ist sehr merkwürdig, spricht wie es ihr gerade in den Sinn kommt, kann oft verletzend und brutal ehrlich sein. Aber sie hat auch ein goldenes Herz. Es werden vielfältige Themen angesprochen wie Altwerden, Alkoholismus, Untreue, Einsamkeit und Isolation. Vieles ist sehr traurig und in melancholischem Tonfall geschrieben. Doch schwebt über allem Hoffnung, weil es Olive wachsen und sich positiv entwickeln lässt. Ganz gewöhnliche Vorkommnisse, die den Alltag gewöhnlicher Menschen ausmachen, gestaltet die Autorin durch ihre besondere Erzählweise interessant. Am meisten haben mir die Passagen gefallen, in denen es um Olive selbst geht. Auf einige hätte vielleicht auch verzichtet werden können.
Wer Familiengeschichten mag, sollte unbedingt zu diesem Buch greifen.

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Veröffentlicht am 21.02.2020

Spannend mit unerwarteten Wendungen

Das Gerücht
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Weder Krimi noch Thriller, aber ein äußerst spannender Roman.

Die Geschichte ist angesiedelt in einer kleinen englischen Küstenstadt. Dort, wo auch ihre Mutter lebt, hat sich vor kurzem die allein erziehende ...

Weder Krimi noch Thriller, aber ein äußerst spannender Roman.

Die Geschichte ist angesiedelt in einer kleinen englischen Küstenstadt. Dort, wo auch ihre Mutter lebt, hat sich vor kurzem die allein erziehende Joanna mit ihrem kleinen Sohn niedergelassen. Um Anschluss in der kleinstädtischen Gemeinschaft zu finden, beteiligt sie sich an dem allgemeinen Tratsch ohne Rücksicht, ob was dran ist. Joanna hat von einem Gerücht gehört, wonach eine Kindermörderin mit einer neuen Identität in dem Ort leben soll. Ohne an die Folgen zu denken, befeuert sie das Gehörte mit Fakten, die ihr befreundeter Journalist ihr mitgeteilt hat. Das Gerücht beginnt sich zu verselbständigen und rasch stehen einige Frauen aus dem Ort in dem Verdacht, die Mörderin von einst zu sein. Für Joanna kommt es aber noch schlimmer, da sie sich selbst und ihren Sohn bald Drohungen aus den sozialen Medien ausgesetzt sieht. Am Ende klären sich die Umstände um das Tötungsdelikt von vor über 50 Jahren und die seinerzeitige Täterin völlig unvermutet auf. Bis dahin ist viel Gelegenheit, selbst Vermutungen zu entwickeln, die dann irgendwann wieder zu revidieren sind. Auf jeden Fall bleibt es spannend bis zum Schluss. Die Autorin stellt in gelungener Weise dar, welche Kraft Gerüchte haben können und welchen Schaden sie anrichten können, besonders im kleinstädtischen Bereich. Nur ihr Grundansatz ist vielleicht etwas wirklichkeitsfern – ein zehnjähriges Mädchen, das unter dem Verdacht eines Tötungsdelikts steht, ist schlichtweg strafunmündig und ihre Tat dürfte wohl nicht über Jahrzehnte hinweg in der Bevölkerung präsent sein.

Ein beachtlicher Debütroman.

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Veröffentlicht am 19.02.2020

Hommage an die Leiterin der Heilsarmee in Frankreich

Das Haus der Frauen
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Wie schon in ihrem sehr zu empfehlenden ersten Roman „Der Zopf“, der durch den vorliegenden zweiten fast noch getoppt wird, stellt die Autorin Frauen in den Vordergrund ihrer Geschichte. Die Französin ...

Wie schon in ihrem sehr zu empfehlenden ersten Roman „Der Zopf“, der durch den vorliegenden zweiten fast noch getoppt wird, stellt die Autorin Frauen in den Vordergrund ihrer Geschichte. Die Französin Blanche Peyron widmete ihr Leben Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts als Mitglied der Heilsarmee dem Kampf um die Unterstützung obdachloser Frauen in Paris. Unter schwierigsten Bedingungen eröffnete sie den sog. Palais de la Femme, einem Frauenhaus für am Rande der Gesellschaft stehende Frauen, das noch heute betrieben wird. Rückblicke auf die Vergangenheit wechseln sich ab mit Schilderungen aus dem Leben der fiktiven Pariser Staranwältin Solène, die nach dem Suizid eines Mandanten einen burn-out erleidet. Auf den Rat ihres Psychiaters hin nimmt sie eine ehrenamtliche Beschäftigung als öffentlicher Schreiber im Haus der Frauen auf. Die Arbeit für Frauen am Rande der Gesellschaft - obdachlos, rituell verstümmelt, in der Ehe misshandelt, vergewaltigt - lässt Solène trotz mancher Rückschläge ins Leben zurückfinden und erkennen, dass ihr ganzes bisheriges Leben fremdbestimmt war. Endlich macht sie das, was sie schon als Jugendliche gerne tat – schreiben.
Dieses Buch lässt einen die eigene Komfortzone verlassen und konfrontiert einen mit dem ganzen Elend, dem Frauen seit Jahrhunderten bis in die heutige Zeit hinein ausgesetzt sind. Die Autorin schildert mit großer Genauigkeit die Gefühle und Befindlichkeiten der Frauen, nicht ohne auch einmal durch kleine Anekdoten einen gewissen Humor einzuarbeiten, wodurch dem ernsten Thema etwas an Schärfe genommen wird. Wer dieses Buch gelesen hat, wird hoffentlich nicht mehr den Blick abwenden von gesellschaftlich ausgegrenzten Frauen, die am Straßenrand betteln oder sich prostituieren, und ihnen mit mehr Empathie begegnen. Sehr lehrhaft sind die Passagen bzgl. Blanche Peyron und der Geschichte der Heilsarmee, die mir bis dato gar nicht bzw. nur vage geläufig waren.
Ein wirklich lesenswertes Buch, auch für Männer.



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Veröffentlicht am 13.02.2020

Das Problem des Gesundbetens

Ein wenig Glaube
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In diesem Roman nimmt sich der Autor in Anlehnung an einen wirklichen Vorfall aus dem Jahr 2008 eines Themas an, das in den USA offensichtlich tatsächlich praktiziert wird – dem Gesundbeten. Nach seinen ...

In diesem Roman nimmt sich der Autor in Anlehnung an einen wirklichen Vorfall aus dem Jahr 2008 eines Themas an, das in den USA offensichtlich tatsächlich praktiziert wird – dem Gesundbeten. Nach seinen Recherchen sterben jährlich Hunderte oder sogar Tausende kranke Kinder, weil ihre Eltern um ihre Gesundung beten, statt Hilfe durch Ärzte zu holen.
Das Ehepaar Lyle und Peg lebt zurückgezogen in einer Kleinstadt in Wisconsin. Ihr leiblicher Sohn starb vor vielen Jahren im Kleinkindalter und sie adoptierten später ihre Tochter Shiloh, die allein erziehende Mutter des fünfjährigen Isaac ist, den seine Großeltern über alles lieben. Shiloh verliebt sich in den Priester einer Sekte, die sehr extreme Ansichten vertritt. Er meint, Isaac habe die Gabe, Kranke durch Handauflegen zu heilen. Lyle, der selbst seinen Glauben nach dem Tode seines Sohnes verloren hat, sorgt sich sehr um das Wohl seines Enkels, umso mehr, nachdem er an Diabetes erkrankt.
Sie ist sehr berührend geschrieben. Die liebevolle Beziehung zwischen Großvater und Enkelsohn ist sehr intensiv geschildert. Der Autor wirft ernste Fragen auf wie „Gibt es einen Gott?“, „Was ist Glaube“?, die zum Nachdenken anregen. Aber irgendwie war mir persönlich das alles zu viel des Guten. Das Thema Kirche und Glaube spielt vermutlich in den USA eine sehr viel größere Rolle als bei uns. Darüber hinaus habe ich mich bei manchen Szenen gefragt, warum sie überhaupt eingearbeitet werden mussten – etwa die ausführlich geschilderte Entladung eines Apfellasters beim Supermarkt oder wie Lyles Versuch, die Apfelplantage vor der Vernichtung durch Eisregen zu retten. Das Ende hätte ich mir weniger abrupt und vor allem kompletter gewünscht.
Leser der Bücher von Kent Haruf werden dieses Buch mögen, an die es ein wenig erinnert, weil es auch in ihnen jeweils um ältere Leute aus amerikanischen Kleinstädten geht, die Herausforderungen im Leben mit Geduld und stoischer Liebe begegnen.

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