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Veröffentlicht am 06.06.2019

Vater-Sohn-Beziehungen

Die rothaarige Frau
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Dieser Roman vermischt realen Alltag und Märchenhaftes.
Die Geschichte spielt zwischen etwa 1980 und 2015. Der 16jährige Cem, dessen Vater die Familie verlassen hat, verdingt sich, um sein Studium bezahlen ...

Dieser Roman vermischt realen Alltag und Märchenhaftes.
Die Geschichte spielt zwischen etwa 1980 und 2015. Der 16jährige Cem, dessen Vater die Familie verlassen hat, verdingt sich, um sein Studium bezahlen zu können, bei dem Brunnenbaumeister Mahmut. Dieser wird für Cem zu einem strengen, aber gerechten Ersatzvater. In dem Dorf, in dem sie einen Auftrag ausführen, verliebt sich Cem in eine doppelt so alte rothaarige Schauspielerin, aus deren einziger gemeinsamer Nacht ein Sohn hervorgeht, wie Cem aber erst 30 Jahre später erfährt. Während der Arbeit am Brunnen kommt es zu einem mysteriösen Unglück. Cem geht vom Tode des Meisters aus und flüchtet Hals über Kopf mit zurückbleibenden starken Schuldgefühlen. Während der Folgejahre bringt er es zum erfolgreichen Bauingenieur und Immobilienspekulanten. Erst 30 Jahre nach seiner Tätigkeit als Brunnenbaulehrling erfährt er, dass aus seiner einzigen Nacht mit der Schauspielerin ein Sohn hervorgegangen ist. Es kommt zu einer folgenreichen Begegnung der beiden.
Die Geschichte ist reich an Symbolik. Wie ein roter Faden ziehen sich durch sie die Ödipus-Sage und ihre Umkehrung, die persische Sage von Rostam und Sohrab mit Vater- bzw. Sohnes-Mord. Sie lassen natürlich Deutungen zu auf die Beziehung Cems zu seinem eigenen Vater und zu seinem Sohn. Ein bisschen Interesse an Mythologie sollte man daher beim Lesen mitbringen. Es empfiehlt sich vielleicht auch, sich mit dem politischen System der Türkei im fraglichen Zeitraum vertraut zu machen. Mir persönlich erscheint Vieles etwas umständlich erzählt und es hätte gut auf einige Wiederholungen verzichtet werden können. Ein völlig überraschender Schachzug, der mir gut gefallen hat, befindet sich ziemlich am Ende und betrifft die Erzählperspektive.

Veröffentlicht am 02.06.2019

Über den Rassismus in Amerika

Die Nickel Boys
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Der Roman ist fiktiv, hat aber einen wahren skandalösen Hintergrund, der erst nach Jahrzehnten aufgedeckt wurde.

Florida, 1960er Jahre. Der junge, farbige Elwood ist ehrgeizig, intelligent und kommt ...

Der Roman ist fiktiv, hat aber einen wahren skandalösen Hintergrund, der erst nach Jahrzehnten aufgedeckt wurde.

Florida, 1960er Jahre. Der junge, farbige Elwood ist ehrgeizig, intelligent und kommt auch in der Welt der Weißen voran. Er glaubt an Bürgerrechte und hat Martin Luther King zum Idol, nach dessen großartigen Worten er lebt. Völlig zu Unrecht wird er der berüchtigten, vermeintlich gemeinnützigen Besserungsanstalt Nickel Academy – benannt nach einem früheren Direktor - zugeführt, wo schwarze und weiße Jungen schon für geringste Vergehen eingesperrt werden. Schlimmste körperliche Züchtigungen, Gewalt, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, selbst Mord durch die sadistischen Anstaltsmitarbeiter sind an der Tagesordnung. Rassentrennung ist hier selbstverständlich. Elwood versucht, seine Würde als Mensch zu behalten, wenngleich sein neuer Freund Turner sein Bestes gibt, ihm seine Naivität und seinen Glauben an das Gute im Menschen auszutreiben.
Das Buch führt uns das Böse im Menschen vor Augen. Es zu lesen, ist deshalb nicht angenehm. Es trägt dazu bei, das dunkle, heute noch fortwirkende Kapitel des Rassismus in der amerikanischen Geschichte aufzuarbeiten. Gelungen ist, wie der Autor gleich zum Punkt kommt, ohne den Leser erst langwierig mit Informationen über den geschichtlichen Hintergrund zu überhäufen. Ohne jegliche Sensationslust stellt er das Thema Gewalt recht nüchtern dar. Am Ende gibt es eine völlig überraschende Wendung. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass es sehr viele Romanfiguren gibt, die ich nicht immer gut einordnen konnte.

Veröffentlicht am 30.05.2019

Stadt- und Landmenschen

Bell und Harry
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Nach „Weit weg von Verona“ ist dies nun das zweite Buch der Autorin, das ich gelesen habe. Der bedächtige, ruhige Schreibstil ist beiden Romanen gemeinsam, wobei der vorliegende eher als eine Ansammlung ...

Nach „Weit weg von Verona“ ist dies nun das zweite Buch der Autorin, das ich gelesen habe. Der bedächtige, ruhige Schreibstil ist beiden Romanen gemeinsam, wobei der vorliegende eher als eine Ansammlung von Anekdoten ist als eine zusammenhängende Geschichte.
Eine Londoner Familie verbringt viele Jahre ihre freie Zeit auf dem Land in Yorkshire und übernimmt zusehends die ländlichen Ansichten und Gewohnheiten. Insbesondere die beiden Söhne freunden sich an und erleben einige gemeinsame Abenteuer. Die Vorzüge des Landlebens und die Unterschiede der Bewohner werden thematisiert. Alles in allem fehlen mir eine fesselnde, verbindende Handlung und der rote Faden. Kenntnisse der speziellen Geschichte der Gegend um Yorkshire wären hilfreich, denn es werden regionale Sagen eingeflochten. Etwas verwirrend fand ich die zeitliche Einordnung. Die Geschichte dürfte im Wesentlichen in den 1970er Jahren spielen, während sie am Ende in den 1990ern angesiedelt ist, obwohl die englische Originalausgabe schon 1981 erschien.

Veröffentlicht am 25.05.2019

Eine Liebe im geteilten Berlin

Wir sehen uns unter den Linden
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Wieder einmal erzählt die Autorin eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund wichtiger Ereignisse in der deutschen Geschichte.
Noch vor dem Zweiten Weltkrieg verlieben sich in Berlin der kommunistische ...

Wieder einmal erzählt die Autorin eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund wichtiger Ereignisse in der deutschen Geschichte.
Noch vor dem Zweiten Weltkrieg verlieben sich in Berlin der kommunistische Lehrer Volker und der Revuestar Ilona. Kurz vor Kriegsende wird Volker vor den Augen seiner Tochter Susanne wegen des vermeintlichen Verteilens von Flugblättern erschossen. Susanne wird in der jungen DDR eine überzeugte Sozialistin. Sie verliebt sich wie schon ihre eigenen Eltern „Unter den Linden“ in den in Westberlin lebenden Koch Kelmi, der als Westdeutscher in der DDR als Faschist gilt. Die politischen Verhältnisse belasten ihre Beziehung. Und dann wird die Mauer gebaut.

Thematisch hat mich das Buch sehr interessiert. Der geschichtliche Hintergrund wird gut aufgearbeitet. Es berührt schon sehr zu lesen, wie der Nationalsozialismus das Verhältnis der Ost- und Westdeutschen noch viele Jahre nach Kriegsende beeinflusst hat. Hilfreich bei der Einordnung der Geschehnisse ist auch das Glossar am Ende des Buches. Allerdings habe ich mich mit dem Lesen entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten etwas schwer getan. Das liegt weniger daran, dass nicht chronologische erzählt wird, als an den Romanfiguren, zu denen ich keine Nähe aufbauen konnte, und einer manchmal merkwürdig anmutenden Ausdrucksweise. Deshalb bewerte ich das Buch nicht als wirklich gut gelungen.

Veröffentlicht am 18.05.2019

Verdammt zu einem Leben in der DDR

Über alle Grenzen
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Jetzt ist es schon rund 30 Jahre her, dass die Mauer fiel. Wer allerdings dieses Hörbuch hört, wird meinen, die Geschehnisse hätten sich erst gestern zugetragen. Besonders an der DDR-Geschichte Interessierten, ...

Jetzt ist es schon rund 30 Jahre her, dass die Mauer fiel. Wer allerdings dieses Hörbuch hört, wird meinen, die Geschehnisse hätten sich erst gestern zugetragen. Besonders an der DDR-Geschichte Interessierten, die außerdem Familiengeschichten mögen, möchte ich das Hörbuch empfehlen.
Im Mittelpunkt steht die siebenköpfige Familie Alexander, die Ende der 1950er Jahre aus Bayern nach Erfurt zieht und nach dem bald folgenden Mauerbau so schnell nicht mehr aus der DDR gelangen soll. Schon bald geraten sie mit der allgegenwärtigen Obrigkeit in Konflikt und unter Beobachtung, weil der Vater seinem Chef einen Gefallen macht. Richtig kritisch wird es, als der einzige Sohn in den Westen flieht, später seine Frau und Kinder durch Fluchthilfe nachkommen lässt, was zur Inhaftierung des Vaters führt. Auf dem Weg zurück in die DDR, um seine sterbenskranke Mutter noch einmal zu sehen, wird auch er inhaftiert. Der Rest der Familie ist zunehmenden Repressalien ausgesetzt, so dass es nicht wundert, als die Tochter Lotti Mitte der 80er Jahre mit Mann und Kindern Ausreiseanträge stellt.

Chronologische Schilderungen aus dem Werdegang der Familie zwischen den späten 50er Jahren und Mitte der 80er Jahre wechseln sich ab mit Bruchstücken aus der Gegenwart (2010/11), als Lotti ihren todkranken Bruder Bruno erstmals wiedertrifft und ihn pflegt.

Was bin ich froh, nicht in der DDR aufgewachsen zu sein. Der eine Erzählstrang bringt uns so viele bedrückende Details nahe und lässt gut nachempfinden, warum die DDR-Bürger letztlich einen so großen Freiheitsdrang hatten. Irgendwie hat man das eine oder andere ja schon einmal gehört. Wenn alles aber so geballt erzählt wird, lässt es einen betroffen und mit mehr Verständnis für die Ostdeutschen zurück. Der zweite Erzählstrang prangert wohl die Pflegezustände in deutschen Altersheimen an. Hier habe ich mich etwas daran gestoßen, dass Lotti, die doch völlige Laiin in der Pflege ist, zu bestimmend und zu besserwisserisch auftritt und ihre völlige Aufopferung für den Bruder zu unrealistisch wirkt. Alles in allem waren es für mich aber 655 Minuten interessante Hörminuten, zumal Beate Rysopp gut gelesen hat.