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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.09.2018

Die furchtbaren Folgen einer Scheidung für das Kind

Loyalitäten
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Ein absolut lesenswerter Roman der Autorin, die ich bereits durch ihr ebenso lesenswertes Buch „Nach einer wahren Geschichte“ kannte.

Protagonist ist der zwölfjährige Théo. Er ist Scheidungskind und lebt ...

Ein absolut lesenswerter Roman der Autorin, die ich bereits durch ihr ebenso lesenswertes Buch „Nach einer wahren Geschichte“ kannte.

Protagonist ist der zwölfjährige Théo. Er ist Scheidungskind und lebt im wöchentlichen Wechsel bei seinem verarmten, depressiven Vater und seiner Mutter, die nur noch Hass für ihren Ex-Mann verspürt. Théo trinkt regelmäßig hochprozentigen Alkohol bis zur Besinnungslosigkeit. Im Wechsel mit drei weiteren Romanfiguren kommt er zu Wort. Sein einziger Freund Mathis trinkt zunächst aus Solidarität mit, bis ihm Bedenken kommen. Ihre Lehrerin Hélène hat in ihrer eigenen Kindheit Gewalt erfahren und hat nun eine feine Antenne dafür, dass mit Théo irgendetwas nicht stimmt. Sie vermutet Misshandlungen und ist schon fast besessen davon, die Sache aufzuklären. Cécile ist die Mutter von Mathis, Tochter eines Alkoholikers. Sie entdeckt ein Geheimnis ihres Mannes.

Der Buchtitel „Loyalitäten“ ist passend gewählt. Alle Romanfiguren wollen sich auf irgendeine Weise loyal gegenüber anderen verhalten. Théo will es beiden Elternteilen recht machen; Mathis will gegenüber seinem Freund loyal sein und geht sogar so weit, dass er noch schweigt, als Théo in eine lebensbedrohliche Situation gerät; Cécile will sich selbst und Hélène ihren Schülern gegenüber loyal sein. Das behandelte Thema eines an der Scheidung seiner Eltern zerbrechenden Kindes, das sich in den Alkohol flüchtet, macht betroffen und nachdenklich. Die Erzählsprache ist dem Thema entsprechend angemessen.

Veröffentlicht am 07.09.2018

Etwas ernster als die bisherigen Bücher der Autorin

Drei Frauen am See
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Bislang kenne ich von der Autorin ihre Bücher rund um Papa Heinz. Während diese einen oft schmunzeln lassen, ist der vorliegende Roman, den als Hörbuch die Schauspielerin Anneke Kim Sarnau vorliest, von ...

Bislang kenne ich von der Autorin ihre Bücher rund um Papa Heinz. Während diese einen oft schmunzeln lassen, ist der vorliegende Roman, den als Hörbuch die Schauspielerin Anneke Kim Sarnau vorliest, von eher ernsterem Grundton. Vier Frauen um die 50 verbindet seit ihrer Jugend eine besondere Freundschaft, die sie in Maries Ferienhaus am See bei regelmäßigen Treffen ausleben. Das hat 10 Jahre aufgrund eines Streits ein Ende. Als Marie stirbt (das weiß der Leser/Hörer von Anfang an), hinterlässt sie den anderen drei das Haus unter der Bedingung, dass sie das bevorstehende Pfingstfest dort gemeinsam verbringen, wozu es schließlich auch kommt und was für die Frauen zu einer Aufarbeitung ihrer Vergangenheit wird.
Anfänglich hatte ich erwartet, die vier Freundinnen nur schwer auseinanderhalten zu können, was schließlich doch nicht so war, da sie alle sehr unterschiedlich sind. Als einen Umstand, der das Zuhören dann aber doch erschwerte, erwies sich, dass immer wieder in die Vergangenheit zurück geblendet wird, und zwar auf verschiedene Jahre in nicht chronologischer Ordnung. Das geschieht in der Weise, dass aus Maries Tagebuchaufzeichnungen gelesen wird oder die Freundinnen eine gegenwärtige Begebenheit zum Anlass nehmen, sich an Vergangenes zu erinnern. Irgendwann fing ich an, zeitlich durcheinander zu geraten. Bei einer Druckversion hätte ich zurückblättern können, hier nicht.
Die Geschichte als solche ist ganz schön, wirkt besinnlich. Das Drumherum um den Streit erweist sich allerdings als etwas banal.
Die Sprecherin hat sehr gute Arbeit geleistet. Sie hat eine angenehme Stimme, der sich gut folgen lässt, und sie macht durch stimmliche Veränderungen und Betonungen deutlich, welche Romanfigur gerade spricht.

Veröffentlicht am 03.09.2018

Charmanter Roman über eine Lottomillionärin und eine Muslima

Zwei unter einem Schirm
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Diesen Roman würde man nicht unbedingt als aus der Feder eines männlichen Autors kommend vermuten. Denn seine beiden wichtigsten Romanfiguren sind Frauen - die lebenslustige, bislang nicht gerade vom Leben ...

Diesen Roman würde man nicht unbedingt als aus der Feder eines männlichen Autors kommend vermuten. Denn seine beiden wichtigsten Romanfiguren sind Frauen - die lebenslustige, bislang nicht gerade vom Leben verwöhnte Lottomillionärin Lotta und die gläubige Muslima Gülcan. Die eine versteht es, den plötzlichen Hauptgewinn unter die Leute zu bringen, zumal sie dabei von falschen Freunden tatkräftig „unterstützt“ und ausgenommen wird. Die andere begibt sich in eine überstürzte, arrangierte Ehe mit einem türkischen Landsmann, der sie zur Arbeit in seinem neuen Hähnchenimbiss verpflichtet und misshandelt. Sie läuft von ihm fort und trifft zufällig auf Lotta, die sie als Putzfrau und Butler anstellt.

Die Geschichte besticht vor allem durch zuvor skizzierte Protagonistinnen. Lotta bedient so manches Klischee, das man gemeinhin von einem bis dato Normalbürger hat, der unvermittelt zu Reichtum kommt. Vieles, was sie mit dem Geld anstellt, ist recht amüsant zu lesen. Die ernsthafte, tief in ihrer Religion verwurzelte Gülcan, steht dazu im Gegensatz. Beide Frauen lernen voneinander, aber auch der Leser von den Frauen, etwa durch Gülcans Einblicke in ihr Leben als muslimische Kopftuchträgerin und ihre türkischen Wurzeln. Allerdings würde ich das Verhältnis von Lotta und Gülcan nicht als eine „wunderbare Freundschaft“ bezeichnen, wie es auf dem Buchrücken heißt. Gülcan ist eben doch nur Lottas Angestellte und wird durchaus als solche behandelt; zudem steht zwischen ihnen ein Mann, der gebildete, nach einem Burnout psychisch lädierte Herr Konrad, eine weitere wichtige Romanfigur. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass mir die gelegentlichen Spitzen auf die Wiener (Möchtegern-)Schickeria gut gefallen haben. Überhaupt wohnt der Geschichte der typische Charme eines österreichischen Autors inne.

Ein durchweg lesenswertes Buch und ein beachtlicher Debütroman.

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Veröffentlicht am 02.09.2018

Aus dem Leben einer besonderen Patientin Freuds

Ida
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Die Autorin verarbeitet in diesem Roman ihre eigene Familiengeschichte, nämlich die ihrer Urgroßmutter und ihres Urgroßonkels. Sie ist die berühmte Patientin Ida Adler-Bauer des Psychoanalytikers Sigmund ...

Die Autorin verarbeitet in diesem Roman ihre eigene Familiengeschichte, nämlich die ihrer Urgroßmutter und ihres Urgroßonkels. Sie ist die berühmte Patientin Ida Adler-Bauer des Psychoanalytikers Sigmund Freud und er der bekannte österreichische Sozialdemokrat Otto Bauer.
Der für mich interessanteste Teil der Geschichte sind Idas Sitzungen bei Freud. Zu ihm wird sie von ihrem Vater im Jahr 1900 wegen diverser körperlicher Zipperlein zur Behandlung geschickt. Freud behandelt sie mit einer neuen Methode – sechsmal pro Woche lässt er sie auf der Couch von sich erzählen, bis Ida die Behandlung schließlich nach drei Monaten eigenmächtig abbricht. Hier gibt es schöne verbale Schlagabtausche zwischen Freud und Ida. Er interpretiert in ihre Beschwerden einen sexuellen Hintergrund, dem sie sich partout widersetzt und dem sie mit dem ihr eigenen Selbstbewusstsein entgegenhält. Überhaupt ist Ida eine starke Frau ihrer Zeit.
Sehr viel breiteren Raum nehmen dann aber doch die Schilderungen aus Idas weiterem Leben ein – ihre Jugend als Tochter eines wohlhabenden, fremd gehenden jüdischen Textilfabrikanten, ihre Ehe mit einem erfolglosen Komponisten, ihre Flucht aus Wien in die USA vor den Nationalsozialisten. Leider geht die Autorin dabei nicht chronologisch vor, sondern springt in der Zeit, was das Lesen etwas erschwert. Die schließlich auch immer wieder thematisierte aufkeimende österreichische Sozialdemokratie ist mir als aus Deutschland stammender Leserin schwer verständlich, weil mir die namentlich benannten vielen Funktionsträger nicht geläufig sind. Insofern hat mich gerade der Mittelteil des Buchs nicht fesseln können.
Amüsiert hat mich der antiquiert wirkende Sprachstil, der der Epoche des ausgehenden 19. Und des beginnenden 20. Jahrhunderts angepasst ist.

Ein lesenswerter, gut recherchierter historischer Roman.

Veröffentlicht am 30.08.2018

Schöner Südstaatenroman

Alligatoren
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Der auf mich eher negativ wirkende Buchtitel sollte nicht von der Lektüre dieses Buches abhalten. Denn es ist wirklich ein schöner Südstaatenroman, wenngleich auch ohne die Romantik, die ähnlichen Büchern ...

Der auf mich eher negativ wirkende Buchtitel sollte nicht von der Lektüre dieses Buches abhalten. Denn es ist wirklich ein schöner Südstaatenroman, wenngleich auch ohne die Romantik, die ähnlichen Büchern oft innewohnt, und ohne die sonst typische Thematik der Unterdrückung der Farbigen zu behandeln.
Angesiedelt ist die Geschichte in den 1920er Jahren in Alabama. Die Region leidet unter den Folgen der Baumwollkäferplage, die die Wirtschaft stark beeinträchtigt hat. Drei Frauen werden in den Fokus gerückt und sie erzählen abwechselnd von ihren individuellen schweren Schicksalen. Gertrude, eine Weiße aus ärmlichen Verhältnissen, mit vier Töchtern leidet Hunger sowie unter den Misshandlungen ihres trunksüchtigen Ehemannes. Die Schwarze Retta, deren Mutter noch eine Sklavin war, arbeitet immer noch für die frühere Besitzerfamilie, die Plantageneigentümer Coles. Über den frühen Tod ihrer einzigen Tochter kommt sie bis ins Alter nicht weg. Auch Annie Coles hat den Selbstmord ihres Sohnes im Kindesalter nie verwunden und findet im Alter den Grund heraus. Die Geschichte jeder einzelnen Frau könnte auch alleine gelesen werden. Die drei treffen zusammen. Sie erweisen sich als starke, unkonventionelle Frauen, die sich gegen erlittene Ungerechtigkeiten zur Wehr setzen. Der Leser nimmt teil an ihren Ängsten und Verletzungen .Der Text liest sich einfach, insbesondere weil ja Gertrude und Retta aus schlichten Verhältnissen kommen und sie Umgangssprache einfließen lassen.

Ein beeindruckender Roman.