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Veröffentlicht am 26.07.2018

Die Madonna

Schattenbach
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Museumsdirektor mag er sich nicht nennen, schließlich betreut er die kleine Kunstsammlung des Ortes Schattenbach alleine. Mit der Belebung des Museums, bei dessen Schmuckstück es sich eine Madonnenfigur ...

Museumsdirektor mag er sich nicht nennen, schließlich betreut er die kleine Kunstsammlung des Ortes Schattenbach alleine. Mit der Belebung des Museums, bei dessen Schmuckstück es sich eine Madonnenfigur handelt, kommt der Archäologe Mario Carozzi nicht so recht voran. Da ist es im beschaulichen Schattenbach fast schon eine Sensation als die Figur verschwindet. So wertvoll ist die Madonna doch auch wieder nicht. Aber wieso war sie nicht in der Kirche untergebracht. Eine Anzeige bei Bürgermeister und Dorfpolizisten bringt nicht viel, außer dass Carozzi selbst unter Verdacht gerät und nun selbst beginnen muss, nach der Heiligenfigur zu fahnden.

Gerade erst frisch angestellt wird aus dem Archäologen eine Art Privatermittler. Der Dorfsheriff macht sich seine Welt so wie sie ihm gefällt, was mit ordentlicher Polizeiarbeit nichts zu tun hat. Als Täter kommen nur der Zugereiste oder die neue Putzfrau in Betracht. Die Lage verschlimmert sich als eine Leiche gefunden wird. Nun wird es wirklich Zeit, den dörflichen Sumpf und Stumpfsinn zu durchdringen. Vielleicht wird die Madonna schon am internationalen Kunstmarkt angeboten. Wo kann es weitere Informationen über eine Heiligenfigur geben, wenn nicht in der Kirche des Ortes. Dort entdeckt Carozzi zwar weitere Figuren, aber keine Spuren.

Man merkt, dass der Autor auch Kochbücher geschrieben hat, denn sein Ermittler schwelgt des öfteren in kulinarischen Genüssen. Interessant, wenn die Mahlzeiten je nach Gemütszustand schärfer werden. Auch seine Unbefangenheit um Umgang mit den Bewohnern des Asylantenheims nimmt einen für Carozzi ein. Auch wenn es vielen am liebsten wäre, den Täter dort zu sehen, Carozzi bohrt weiter nach. Was er bei seinen Forschungen findet, bietet ein Abbild des dörflichen Lebens, das an der Oberfläche idyllisch scheint und bei dem, schaut man näher hin, zutage tritt, dass auch auf dem Dorf unter einem Deckmäntelchen so manches Unheil verborgen ist.

Dieser eher ruhige Krimi bietet stimmige Unterhaltung von einem, der sein Handwerk versteht.

Veröffentlicht am 25.07.2018

Spielzeug

Perfect Girlfriend - Du weißt, du liebst mich.
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Juliette, deren Freund sich von ihr getrennt hat, kommt darüber nicht hinweg. Nate ist Pilot und um ihm wieder näher zu kommen, macht Juliette sogar eine Ausbildung zur Flugbegleiterin. Bei ihrer neuen ...

Juliette, deren Freund sich von ihr getrennt hat, kommt darüber nicht hinweg. Nate ist Pilot und um ihm wieder näher zu kommen, macht Juliette sogar eine Ausbildung zur Flugbegleiterin. Bei ihrer neuen Tätigkeit hat sie mehr Erfolg als erwartet. Doch das interessiert Juliette nicht, sie will Nate zurückgewinnen. Sie sind wie füreinander geschaffen, nur will Nate weder etwas davon wissen noch will er dabei mitmachen. Mit äußerst findigen Mitteln macht sich Juliette daran, Nate zurückzugewinnen. Sie hat den neuen Job, sie hat neue Freunde, sie hat eine neue Frisur und bald wird es soweit sein, dass sie Nate wieder gegenübertritt.

Juliette hatte keine leichte Kindheit und Jugend, vielleicht hätte es ihr gutgetan, damals Hilfe und Behandlung zu bekommen. Doch Juliette musste alles alleine überstehen und sie ist damit nicht zu einer reifen Persönlichkeit geworden, sondern sie ist irgendwie ein Kind geblieben, für das es nur Schwarz oder Weiß gibt. Und so schwankt sie zwischen extremer Zuneigung oder Abneigung. Wie kann sie also eine erwachsene Beziehung aufbauen, die auf Liebe und gegenseitigem Einvernehmen gründet?

Genau das ist die Frage, kann Juliette eine erwachsene Beziehung führen oder wird sie immer in ihrer Fixierung verharren. Ausgefuchst ist jedenfalls ihr Plan, wieder in Nates Leben zu treten. Mit Witz, Hartnäckigkeit, Phantasie und Ausdauer gelingt ihr dies besser als erhofft. Doch ist Nate wirklich an einem Wiederaufleben der Beziehung interessiert? Und was, wenn nicht? Wird Juliette ihn loslassen können?

Eher selten werden Bücher aus der Sicht des Antagonisten geschrieben und manchmal sind sie auch schwer verdaulich. Sicher ist es hilfreich, wenn man solche Romane grundsätzlich ansprechend findet. Doch auch wenn man eher von der Seite der Helden oder Ermittler aus in die Welt blickt, bietet die perfekte Freundin einiges. Man kann sie nicht wirklich mögen, doch einiges an ihr ist so herzzerreißend, dass man fast schon wünscht, ihr Plan möge gelingen. Verzweifelt wünscht sie sich ein erfülltes Leben, doch irgendwie versteht sie nicht, dass man es nicht erzwingen kann. In ihren Aktionen und Reaktionen erscheint sie sehr wechselhaft und fällt von einem Extrem ins andere, doch manche ihrer Winkelzüge sind fast schon genial. Das Happyend würde man ihr gönnen und sieht doch das Damoklesschwert ihrer eigenen Persönlichkeit, dass über allen ihren Handlungen hängt und möglicherweise irgendwann in die Katastrophe führen wird.

Eine spannende Lektüre mit einer schrägen Hauptperson, deren Kampf um eine schöne neue Welt wie ein solcher gegen Windmühlen wirkt.

Veröffentlicht am 24.07.2018

Brücke

Leere Herzen
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Zusammen mit ihrem Geschäftspartner Babak erbringt Britta erfolgreich ganz besondere Dienstleistungen. In einer Art Praxis führen sie einen 12-Stufen-Plan mit Menschen durch, die selbstmordgefährdet sind. ...

Zusammen mit ihrem Geschäftspartner Babak erbringt Britta erfolgreich ganz besondere Dienstleistungen. In einer Art Praxis führen sie einen 12-Stufen-Plan mit Menschen durch, die selbstmordgefährdet sind. Da Britta und Babak mit ihrer Tätigkeit sehr erfolgreich sind, hat Brittas Mann die Möglichkeit sein Start-up zu lancieren. Gemeinsam mit ihrer Tochter leben sie in ihrem Familienidyll in Braunschweig. Der Politik haben sie schon längst abgeschworen. Ganz anders ist da der Lebensplan von Brittas Freundin Janine und ihrer Familie. Ihr größter Wunsch ist ein Haus auf dem Land, wo sie sich wenigstens teilweise selbst versorgen können.

In einer nahen Zukunft angesiedelt ist der aktuelle Roman von Juli Zeh. Eine Zukunft, die erschreckend realistisch wirkt, in der die Menschen lieber eine Waschmaschine haben wollen als wählen zu gehen. Eigentlich eine blöde Umfrage, aber mit was für einem katastrophalen Ergebnis. Man hat die Freiheit zu wählen, wer einen regieren soll, und man nutzt sie nicht. Kein Wunder, dass das Land in dieser Zukunft von recht seltsamen Gestalten regiert wird. Es scheint als wolle das Volk einen sicheren Rahmen und ansonsten von der Politik nicht behelligt werden. Die Auswüchse in politischen Zielen, zu denen das führt, sind der Menge egal. Noch nicht einmal ein kleiner Anschlag vermag die Leute aufzurütteln. Britta und Babak sind allerdings alarmiert.

Eine schauderhafte Zukunftsversion, die hier vorgestellt wird, ausgehend von den heutigen Tagen, könnte man den Eindruck gewinnen, wir stünden tatsächlich vor einem Wechsel in die Richtung, die eigentlich nur der Phantasie der Autorin entspringen sollte. Allerdings hat sich diese anscheinend eingehend mit der Lage beschäftigt und sich tiefgreifende Gedanken gemacht, wohin das führen könnte. Die schweigende Mehrheit hat geschwiegen und die anderen sind wählen gegangen. Vielleicht aber haben auch die arrivierten Politiker sich unwählbar gemacht, sich zu weit von den wirklichen Problemen des Volkes entfernt. Kann dann eine Britta, mit ihrem Hintergrund, etwas zur Änderung beitragen? Und wäre es eine Änderung zum Besseren? Wird sie alles glauben, was ihr dargelegt wird? Welche Entscheidung wird sie treffen. Was man von diesem Roman mitnehmen kann, muss jeder für sich entscheiden. Doch sollte es sich jeder normal denkende Mensch zur Aufgabe machen, sich über das Mindeste in der Welt zu informieren und sich zu überlegen, ob er die freie Wahl wirklich aufs Spiel setzen möchte.

Veröffentlicht am 22.07.2018

Das Portrait

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
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Was bliebt ist ein Portrait, dass Finn von seiner Patentochter June und ihrer Schwester Greta gemalt hat. Finn ist tot. Er hat eine große Lücke in die Familie gerissen, obwohl nicht alles über ihn gesagt ...

Was bliebt ist ein Portrait, dass Finn von seiner Patentochter June und ihrer Schwester Greta gemalt hat. Finn ist tot. Er hat eine große Lücke in die Familie gerissen, obwohl nicht alles über ihn gesagt werden durfte. Die Mutter der Kinder, deren Bruder er war, hatte strenge Regeln aufgestellt, wenn es um den Umgang innerhalb der Familie ging. June, ist gerade erst 14 geworden, sie ist schier untröstlich. Finn war nicht nur der beste Patenonkel, er war auch ihr bester Freund. Die zwei Jahre ältere Greta, die immer toll ist und alles schafft, kann seine Stelle nicht einnehmen. Da erhält June eine Nachricht, von dem, über den nicht gesprochen werden durfte.

Äußerlich scheint June eher unscheinbar, doch sie hat ein großes Herz. Natürlich ist auch sie nicht frei von Neid und Missgunst, auch Eifersucht kennt sie gut. Die alles überstrahlende Greta hat nur wenig Zugang zu ihrem Leben. Doch auch June will mal die sein, die zuerst kommt. Vielleicht ist ihre Beziehung zu Finn deshalb so besonders. Ihr besonderer Onkel ist eben ihr Patenonkel und nicht der beider Schwestern. Manchmal denkt June mit Wehmut an die Zeit zurück als sie und Greta noch die besten Schwestern und engsten Freundinnen waren, sie eine Einheit bildeten.

In der Zeit angesiedelt als AIDS den Erkrankten nicht viel Zeit zum Überleben ließ bietet dieser Entwicklungsroman nicht nur eine Erinnerung an die grausamen Auswirkungen der Krankheit, er reißt einen auch hinein in eine Familie, die trauert, weil sie vor der Zeit einen lieben Menschen verloren hat. Ein Mensch, der fehlbar schien wie jeder eigentlich, den man ungern gehen ließ und doch gehen lassen musste. Mit der Trauer geht jeder anders um. Doch irgendwie hat jeder einen sehr lieben Freund, Bruder oder Onkel verloren. Niemand kann Finn ersetzen, doch vielleicht kann jemand in der Trauer helfen, der selbst den größten Verlust erlitten hat. June erfährt vieles von Finn, das sie vor seinem Tod nicht erfahren hat. Finn-Geschichten, die ihr helfen mit der Leere klarzukommen. Und es bleibt das Portrait, das erstaunliche Veränderungen durchmacht, je nachdem aus welchem Blickwinkel man es betrachtet.

Ein berührendes Werk über Verlust und Trauer, aber auch Hoffnung, denn in jedem Ende wohnt auch ein Anfang inne.

4,5 Sterne

Veröffentlicht am 19.07.2018

Weiter Blick

Acht Berge
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Bereits als er noch ein Kind war nahm sein Vater ihn mit in die Berge. Er konnte nie schnell genug nach oben kommen. Pietro meint, jeder habe seine eigene Höhe. Sein Vater wollte immer ganz nach oben, ...

Bereits als er noch ein Kind war nahm sein Vater ihn mit in die Berge. Er konnte nie schnell genug nach oben kommen. Pietro meint, jeder habe seine eigene Höhe. Sein Vater wollte immer ganz nach oben, während seine Mutter sich eher auf den Almwiesen wohl fühlte. Die ersten Urlaube aus Mailand heraus führten die Familie in einen halb verlassenes Bergdorf. Dort lernt Pietro den nur ein paar Monate älteren Bruno kennen. Der Bergbauernbub zeigt Pietro eine andere Welt. Und gemeinsam mit dem Vater besteigen sie so manchen Berg. Doch die Zeit macht vor den Kindern nicht halt und ihre Wege entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen.

Will der Vater durch die gemeinsamen Wanderungen mit seinem Sohn die Wanderungen ersetzen, die er mit dem früh verstorbenen Bruder seiner Frau unternommen hat? Ist er deshalb so rastlos? Pietro bleibt den Bergen immer verbunden, wenn auch auf andere Art und Weise. Zur Enttäuschung des Vaters bricht er sein Studium ab und wird Dokumentarfilmer. Sein Weg führt ihn dabei in die Bergwelten Nepals. Müsste sein Vater nicht so etwas wie Stolz empfinden. Sein Jugendfreund Bruno bleibt sehr heimatverbunden, neben seiner Arbeit als Maurer wird es sein Traum einen Bauernhof zu führen.

Kann der weite Blick von einem Bergwipfel verbinden oder auch entzweien? Es scheint als wolle der Autor dieser oder einer ähnlichen Frage nachgehen. Soll Pietro einen verwaisten Platz einnehmen? Will der dem Vater entfliehen, indem er sich verweigert? Und kommt er doch nicht von den Bergen los? Und welcher Platz kommt Bruno zu, der doch so erdverbunden scheint. Ist er vielleicht der wahre Träumer? Manchmal ist eher der Weg das Ziel. Und so bleiben etliche Schwingungen zwischen den handelnden Personen der Interpretation des Lesers vorbehalten. Diese offene Schreibweise regt die Phantasie an und gibt dem Roman einen gewissen Nachhall. Die einfühlsamen Beschreibungen des kargen Lebens in den Bergen geben dem Buch jedoch seinen eigentlichen Gehalt.