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Veröffentlicht am 24.01.2025

Von beiden Seiten

Apeirogon
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Es kann keinen Frieden geben. In Israel wird Ramis 14jährige Tochter Smadar bei einem Selbstmordanschlag getötet. Beinahe zehn Jahre später stirbt die 10jährige Abir, Tochter des Palästinensers Bassam. ...

Es kann keinen Frieden geben. In Israel wird Ramis 14jährige Tochter Smadar bei einem Selbstmordanschlag getötet. Beinahe zehn Jahre später stirbt die 10jährige Abir, Tochter des Palästinensers Bassam. Männer, die sich nie kennenlernen würden. Doch Rami lebt in einer Familie, die sich kritisch mit der Okkupation auseinandersetzt. Und er beginnt sich mit einer Gruppe von Eltern zu treffen, die ihre Kinder verloren haben. Bassam, der mit siebzehn als Terrorist verurteilt wurde, beginnt während der Haft, den Holocaust zu studieren. Auch er fängt an, die Treffen der Gruppe zu besuchen. Die beiden Männer wollen ihre Geschichte erzählen und darüber werden sie Freunde.

Der zum Teil auf wahren Begebenheiten beruhende Roman erschien noch vor Beginn der Pandemie, eine Zeit, in der das Massaker vom siebten Oktober noch nicht stattgefunden hatte. Eltern, die ein Kind verloren hatten, wollten nicht verstummen. Ihre Kinder waren für immer tot, einem Krieg geschuldet, aus dem es keinen Weg zum Frieden zu geben scheint. Und doch erzählen sie ihre Geschichten, um die Erinnerung an ihre Kinder am Leben zu halten, und um der Welt zu zeigen, dass vielleicht doch noch ein Funke Hoffnung existiert. Bassam und Rami zeigen, dass eigentlich geborene Feinde, einen Weg zueinander finden. Können.

Leider sind der Elterngruppe sind dem siebten Oktober weitere Mitglieder beigetreten. Und doch setzen sie ein Zeichen der Hoffnung, weil sie sich gegen Krieg und Besatzung wenden. Insofern ist das Werk von Colum McCann möglicherweise noch wichtiger geworden. Und es ist noch viel mehr. Aus einer neutralen Position heraus, kann sich der Autor beiden Positionen nähern. Die Eltern fühlen man kann sagen das gleiche, das selbe Leid. Es ist nur eine kleine Hoffnung der Vernunft, die im Großen eher untergeht, je schlimmer die Lage wird. Aber immerhin, die Hoffnung ist da, dass es doch ein Miteinander geben kann. Um die Geschichte ihrer Töchter, die Rami und Bassam erzählen, gibt McCann eine Vielzahl von Informationen, Geschichten, Anekdoten. Auch die besondere Komposition der Erzählung fällt auf und wird im Nachwort auch erläutert. Wenn man zunächst möglicherweise dachte, das Thema sei nichts für einen, sollte man diese Meinung doch noch einmal genauestens überdenken. Dieser berührende fast Tatsachenroman ist ausgesprochen lesenswert.

Veröffentlicht am 19.01.2025

Körperschau

Aua!
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Zu Beginn geht es um die Abgrenzung des ca. 68jährigen Körpers gegen seine Umwelt. Und je kleinteiliger die Gedanken werden, desto ungenauer wird die Grenze. Atome und ihre Elektronen haben eben Zwischenräume ...

Zu Beginn geht es um die Abgrenzung des ca. 68jährigen Körpers gegen seine Umwelt. Und je kleinteiliger die Gedanken werden, desto ungenauer wird die Grenze. Atome und ihre Elektronen haben eben Zwischenräume und in diese kann etwas hineingelangen, Oder vielleicht können Elektronen sich auch mit anderen Elektronen austauschen. Möglicherweise hat man selbst schon mal über etwas ähnliches nachgedacht und ist zu einer ähnlichen Unendlichkeit oder Ewigkeit gelangt. Dann freut man sich, dass man mit den Gedanken nicht alleine dasteht. Die verschwommene Körperlichkeit hat echt was.

Auch geht es um Mut, der aus dem Streß geboren wird. Es wirkt so. als habe der Autor Mut gebraucht, um seine nicht mehr geliebte aber sichere Arbeit zu kündigen und selbstständiger Autor zu werden. Doch manchmal ist es einfach so, dass der Körper Signale gibt, die irgendwann nicht mehr überhört werden können. Genauso wie der Tinnitus im Ohr, der hier jedoch sehr irdische Ursachen hat, die etwas mit dem Geburtsjahr des Autors zu tun haben. Überhaupt hat der Autor einen guten Draht zu seinen Ärzten, was ihm zum Glück des Öfteren vor Schlimmeren bewahrt hat. Gleichwohl wirkt er für sein Alter erfreulich gesund, fit und auf der Höhe der Zeit.

Die biografischen Essays und Gedanken über seinen Körper beziehungsweise einzelne Körperteile lassen den Autor sehr nahbar wirken. Auf unkomplizierte und intelligente Weise bekommt man Einblicke in ein normales und zugleich besonderes Leben. Wie bei anderen auch, denkt er manchmal erst dann über Körperteile oder Organe nach, wenn sie sich melden. Und so geht es uns wohl allen. Der Körper wird als selbstverständlich hingenommen. Er hat zu funktionieren. Doch wenn es zwickt und zwackt, sollte man hin und wieder schnell werden. Mitunter reicht es aber auch, mit seinem Körper liebevoll umzugehen und ihn pfleglich zu behandeln. Und sich zu erinnern, zu welchen Gelegenheiten sich der Körper gemeldet hat und welche Familienerinnerungen sich damit verbinden. Die Betrachtungen sind amüsant, humorvoll und haben Tiefe. Sie können gerne empfohlen werden, auch wenn üblicherweise eher dem Fiktiven zugeneigt ist, denn sie sind einfach nachvollziehbar und lebendig erzählt. Anhand der kleinen Illustrationen auf dem Cover kann man sich eine Vorstellung von den Organen machen, um die es wohl geht.

Veröffentlicht am 18.01.2025

Zuvor

Grenzfall – Ihre Spur in den Flammen
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Kommissarin Alexa Jahn und ihr Kollege Huber werden bei Bad Tölz zu einem Unfall gerufen. Eine Luxuslimousine ist von der Straße abgekommen, gegen ein Hindernis geprallt und in Flammen aufgegangen. Dabei ...

Kommissarin Alexa Jahn und ihr Kollege Huber werden bei Bad Tölz zu einem Unfall gerufen. Eine Luxuslimousine ist von der Straße abgekommen, gegen ein Hindernis geprallt und in Flammen aufgegangen. Dabei ist ein Mensch ums Leben gekommen. Es könnte eine ganz einfache Ermittlung sein. Doch an einer Zeugenaussage scheiden sich die Geister. Alexa glaubt der Zeugin, dass noch eine weitere Person im Auto gewesen sein könnte, während Huber das eher für eine Sinnestäuschung hält. Obwohl sich die Kollegen nicht einig sind, beschließen sie in alle Richtungen zu ermitteln. Auch Bernhard Krammer, Alexas Vater, ermittelt auf der.österreichischen Seite in einer Brandsache.

Bereits zum fünften Mal vereinen Alexa Jahn und Bernhard Krammer ihre Kräfte. Ihnen hängt der letzte sehr persönliche Fall noch etwas nach und sie hinterfragen sich, ob sie immer alles richtig gemacht haben. Und nun gibt es Meldungen von unterschiedlichen Brandereignissen, die sich innerhalb kurzer Zeit ereignen. Muss man an einen möglichen Zusammenhang denken? Zunächst wissen Alexa und Bernhard nichts von den parallelen Untersuchungen. Als Bernhard wegen einer anderen Sache in Deutschland ist, besucht er Alexa spontan. Und im Gespräch kommen sie darauf, dass es eventuell Überschneidungen gibt. Kollege Huber ist dagegen an einer großen Spur dran. Sollte sich diese als richtig erweisen, könnte dies wieder ein ganz besonderer Fall werden.

Diese Reihe von Kriminalromanen ist wirklich gelungen. Das langsame Zusammenwachsen von Alexa und Bernhard, die sich erst durch die Arbeit kennengelernt haben, gibt der Reihe einen großen Teil des Pfiffs. Auch Alexas Nachdenklichkeit über ihre Versetzung nach Bayern lässt den Roman sehr authentisch wirken. Ebenso wie der Fall, der sich zwar zu Beginn etwas langsam entwickelt, dann aber sehr spannend wird. Dennoch bleibt die Sache erdverbunden und gerade dieses nicht Überkandidelte, dieses Menschliche ist es, was die Reihe und ihre Protagonisten so sympathisch macht. Ebenfalls interessant sind die Ausführungen zu den Zugezogenen und den Sonnenwendfeiern, die einem Land und Leute zusammen mit weiteren kleinen Andeutungen näher bringen. Für diese gelungene Mischung gibt es eine uneingeschränkte Leseempfehlung, wenn man Interesse an Menschen und Lokalkolorit hat.

Durch das Cover wird der Bezug zu den Sonnenwendfeuern anschaulich dargestellt.

Veröffentlicht am 15.01.2025

Nie aufgeben

Fünf Winter
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Im Jahr 1941 Detective Joe McGrady ist von der Army ans Honolulu Police Department gewechselt. Als ein Mord gemeldet wird, will sein Chef ihm diesen Fall eigentlich nicht zuteilen. Doch nachdem McGrady ...

Im Jahr 1941 Detective Joe McGrady ist von der Army ans Honolulu Police Department gewechselt. Als ein Mord gemeldet wird, will sein Chef ihm diesen Fall eigentlich nicht zuteilen. Doch nachdem McGrady bei der ersten Ansicht des Tatorts von einem der vermeintlichen Täter überrascht wird und diesen erschießt, sieht sich Chief Beamer genötigt, mit McGrady der Obduktion beizuwohnen.. Der Fall entwickelt eine außerordentliche Brisanz als sich die Identität eines der Opfer herausstellt und McGrady von höherer Stelle aufgefordert wird, den Fall zu übernehmen. Beamer ist davon nicht begeistert. Dafür teilt er McGrady Officer Ball als Partner zu. Dessen Methoden werden von McGrady nicht gut geheißen.

Bei diesem historischen Kriminalroman handelt es sich wohl um einen Einzelband. Joe McGrady ist ein gewissenhafter Ermittler, womit er bei seinen Kollegen nicht immer gut ankommt. Doch die Morde machen das ganze Dezernat sehr betroffen, so grausam wurden die Opfer misshandelt. Es gestaltet sich schwierig, etwas über die Hintergründe der Tat herauszufinden. Zwar hatte einer der Toten gewisse Verbindungen, aber keine, die ein Motiv erklären würden. Bei dem anderen Opfer ist eine Identifikation schwierig. Schließlich führt eine Spur nach Hong Kong. McGrady hätte es sich nicht träumen lassen, dass er sich mal auf dem Weg nach Asien befinden würde.

Dieser Kriminalroman hat eine wirklich spannende Geschichte im Gepäck. Er beginnt vor dem Eintritt der USA in den zweiten Weltkrieg. Und weil der Ermittler trotz aller Probleme nicht locker lässt erstreckt sich die Handlung über fünf Jahre. Der Klappentext ist dabei recht irreführend, da er eher die zweite Hälfte des Romans umschreibt. Doch gerade der Beginn als ganz normaler Mord, die dräuende Kriegsgefahr und das Stranden McGradys in Asien geben dem Buch seinen Reiz. McGrady hält seine Versprechen und er ist bereit, etwas dafür einzusetzen. In dem historischen Rahmen ist das fesselnd zu lesen oder zu hören. Wenn man Thomas Dehler beim Lesen zuhört, meint man fast Joe McGrady würde einem seine Geschichte erzählen.

Veröffentlicht am 11.01.2025

Tristesse

Als wir Schwäne waren
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Die Eltern sind aus dem Iran ausgereist und irgendwie sind sie in Deutschland gelandet. Es hätte auch irgendein anderes Land sein können. Die Mutter war Soziologin und der Vater Schriftsteller. Ihre Abschlüsse ...

Die Eltern sind aus dem Iran ausgereist und irgendwie sind sie in Deutschland gelandet. Es hätte auch irgendein anderes Land sein können. Die Mutter war Soziologin und der Vater Schriftsteller. Ihre Abschlüsse werden in Deutschland nicht anerkannt, das Abitur wenigstens schon. Etwas eigenartig finden sie, dass fremde Kinder an der Tür für eine Mark nach etwas zu essen fragen. Der Junge sorgt dafür, dass das nicht mehr vorkommt. Es ist das erste Mal, dass er einen anderen verprügelt. Wie es mit Kindern manchmal so ist, gründen sie eine Art Bande, die sich aber schnell wieder auflöst.

Wahrscheinlich haben die Eltern es sich nicht leicht gemacht mit ihrem Entschluss, die Heimat zu verlassen. Doch was hatten sie in der Fremde erwartet? Möglicherweise nicht, dass der Vater Taxi fahren muss, damit die Mutter wieder ein Studium aufnehmen kann. Ob sie es abschließt? Sie werden nicht richtig heimisch. Und der Junge bleibt ein Fremder unter Fremden. Immerhin ist geht er aufs Gymnasium. Allerdings ist er auch mit denen aus der Siedlung der Ruhrgebietsstadt in Kontakt, die auf die schiefe Bahn geraten. Auch er gerät in Gefahr, nur etwas Glück und eine Bewährungsstrafe verhindern den gänzlichen Absturz.

Angetan von den guten Rezensionen begibt man sich an das Buch, vielleicht um ein Verständnis dafür zu bekommen, wieso andere sich hier nicht willkommen fühlen. Möglicherweise ist es unausweichlich, dass man da enttäuscht wird. Man erfährt weder von den Erwartungen, noch zum Beispiel, ob etwas getan wurde, um anzukommen. Man erfährt nicht, ob der Junge die Schule abschließt. Man erfährt, dass er als Erwachsener in irgendeiner Art zu sich selbst findet. Er hat mehrfach den Mut zu gehen, aber irgendwie nicht den Mut anzukommen. Doch das ist sein Ziel, zu gehen und anzukommen. Man hofft, dass er es schafft. Man ist selbst aber genauso schlau wie vorher. Immerhin ist der Roman in geschliffener Sprache geschrieben und spannend zu lesen.