Dark Fantasy, die unter die Haut geht
"Anathema" trägt seinen Titel nicht zufällig. Das altgriechische Wort steht für "Kirchenbann" oder "Verfluchung" und passt perfekt zu der düsteren, bedrückenden Atmosphäre, die Keri Lake von der ersten ...
"Anathema" trägt seinen Titel nicht zufällig. Das altgriechische Wort steht für "Kirchenbann" oder "Verfluchung" und passt perfekt zu der düsteren, bedrückenden Atmosphäre, die Keri Lake von der ersten Seite an entfaltet. Im Mittelpunkt steht Maevyth, die in Foxglove Parish als Verfluchte gilt, weil sie als Baby mit einer schwarzen Rose auf der Brust ausgesetzt wurde. In einer fanatisch religiösen Dorfgemeinschaft ist das ein Makel, der sie ihr ganzes Leben begleitet. Sie wächst als Außenseiterin auf, wird misstrauisch beäugt, verurteilt und kontrolliert. Und trotzdem bleibt sie klug, wachsam und rebellisch genug, um die Glaubenssätze ihrer Umgebung zu hinterfragen. Von Anfang an war sie mir sympathisch, gerade weil sie sich ein dickes Fell zulegen musste und dennoch nie völlig abstumpft.
Erst in Aethyrien beginnt Maevyth, ihre wahre Stärke zu entdecken. Dort lernt sie, ihre Magie zu nutzen, Glyphen zu wirken und sich gegen eine Welt zu behaupten, die sie kleinhalten will. Gleichzeitig umgeben sie zahlreiche Geheimnisse, besonders jene, die ihre Herkunft betreffen. Es war unglaublich spannend, ihre Entwicklung Schritt für Schritt mitzuerleben, während sie langsam begreift, wer sie wirklich ist – und welche Macht in ihr schlummert.
Besonders beeindruckt hat mich der Weltenaufbau. Mortasia, der Kontinent der Sterblichen, und Aethyrien, die magische Seite, sind durch den Umbravale getrennt – eine Barriere, die kein Sterblicher überqueren sollte. Dazwischen liegen die Eating Woods, ein Wald voller Monster und Dämonen, der seinen Namen absolut verdient. Die Welt ist riesig, düster und voller Details, und ich war mehr als einmal dankbar für die detaillierte Karte und das umfangreiche Glossar. Begriffe werden zwar im Text erklärt, aber das Nachschlagen hat mir geholfen, die vielen Völker, Glyphen und Gottheiten besser einzuordnen.
Was mich besonders getroffen hat, ist die Art und Weise, wie beide Kontinente Frauen behandeln. In Foxglove Parish herrscht ein brutaler religiöser Fanatismus, der Frauen systematisch unterdrückt und ihnen jegliche Selbstbestimmung nimmt. Ein einziger Fehltritt kann zur Verbannung in die Eating Woods führen. Auf der magischen Seite sieht es kaum besser aus. Frauen dürfen zwar Titel tragen, doch spätestens bei der widerlichen Volljährigkeitszeremonie, bei der der stärkste Kämpfer die Entjungferung als „Belohnung“ erhält, wird klar, wie tief die Misogynie auch dort verwurzelt ist. Die Szene rund um die Prinzessin von Nyxteros war für mich einer der Momente, in denen mir wirklich schlecht wurde - und gleichzeitig wird klar, wie unerbittlich Keri Lake die dunklen Seiten ihrer Welt herausarbeitet.
Inmitten all dieser Grausamkeit taucht Zevander auf, ein Attentäter, der Skorpione befehligt und zunächst wie ein weiterer grausamer Bewohner dieser Welt wirkt. Doch unter seiner harten Schale steckt ein weicher Kern, und gerade seine Abneigung gegenüber dem König und den Adeligen macht ihn zu einem der wenigen Männer, bei denen man ein gutes Gefühl hat. Besonders im Umgang mit Maevyth zeigt sich seine vorsichtige, respektvolle Seite, die sich erst nach und nach offenbart. Die Romanze zwischen den beiden ist ein Slow Burn, wie ich ihn liebe. Die Anziehung ist spürbar, aber beide wehren sich lange dagegen. Der erste Kuss kommt erst nach gut zwei Dritteln des Buches, und intime Szenen gibt es erst ganz am Ende – und selbst dann gehen sie nicht aufs Ganze, was mit Zevanders Besonderheiten zusammenhängt.
Ein weiterer Aspekt, der das Buch für mich so lebendig gemacht hat, waren die Nebencharaktere. Von jeder Sorte ist jemand dabei – und das im besten wie im schlimmsten Sinne. Maevyths naive, unbeschwerte Schwester Aleysia bringt Licht in eine ansonsten hoffnungslose Welt, während Zevanders Schwester durch Maevyths Einfluss langsam wieder aufblüht und zeigt, wie viel Heilung in kleinen Gesten liegen kann. Zevanders verfluchter Bruder, den Maevyth nicht als Monster, sondern als Person sieht, gehört zu den berührendsten Figuren des Buches. Gleichzeitig gibt es Zevanders Attentäter‑Freunde, die trotz ihrer Brutalität eine unerwartete Loyalität ausstrahlen. Und dann sind da noch Maevyths eigene Familienmitglieder und ihr Verlobter – Figuren, die so verstörend, grausam und abgründig sind, dass mir beim Lesen mehr als einmal eine eiskalte Gänsehaut über den Rücken gelaufen ist. Einige Szenen mit ihnen gehören zu den grauslichsten Momenten des gesamten Buches.
Inhaltlich hat mich das Buch von der ersten Seite an gefesselt, aber ein paar kleine Kritikpunkte gab es dennoch. Die Welt ist groß und atmosphärisch beschrieben, doch im mittleren Teil verbringt Maevyth sehr viel Zeit auf der Burg Eidolon. Und so eindrucksvoll dieser Schauplatz auch ist, irgendwann stößt die Beschreibung einer einzigen Burg an ihre Grenzen. Stattdessen rücken die Beziehungen und Dynamiken der Figuren stärker in den Vordergrund. Das ist grundsätzlich stimmig und unterstreicht Maevyths Isolation und ihre ausweglose Situation, sowie ihr langsames Herantasten an ihre Magie, aber an einigen Stellen fühlte es sich etwas langatmig an.
Der zweite Kritikpunkt betrifft den Klappentext. Dort wird suggeriert, dass Maevyth in den Wald flieht, Zevander dort begegnet und beide gemeinsam versuchen müssen zu überleben. Das klingt spannend – hat aber mit der tatsächlichen Handlung kaum etwas zu tun. Ja, die Eating Woods spielen eine Rolle, und Maevyth ist mehrmals im Wald unterwegs, aber nie gemeinsam mit Zevander. Die beiden treffen sich in Foxglove Parish und verbringen später Zeit in einer Hütte am Waldrand, doch ihre gemeinsame Reise führt sie ausschließlich nach Aethyrien, also hinter den Umbravale und weit weg vom Wald. Während des Lesens wartet man ständig darauf, dass die beiden gemeinsam in die Eating Woods müssen – doch dieser Moment kommt nie. Das hat mich ehrlich gesagt geärgert, weil der Klappentext Erwartungen weckt, die das Buch nicht erfüllt. Diese beiden Punkte waren letztlich der Grund, warum ich meine Bewertung von fünf auf 4.5 Sterne gesetzt habe.
Fazit: "Anathema" ist eine kompromisslose Dark Fantasy voller Gothic‑Atmosphäre und deutlichen Horrorelementen, die ihre Welt ebenso schonungslos zeigt wie ihre Figuren. Es ist ein düsteres, komplexes und verstörend faszinierendes Buch, das sich Zeit nimmt, seine Welt zu entfalten, und das mit einer starken Protagonistin, intensiven Nebenfiguren und einer tiefen Slow‑Burn‑Romance überzeugt. Trotz kleiner Schwächen bleibt es für mich ein echtes Highlight.