Schwieriges Thema, humorvoll verpackt
fundamentalösSchreibstil:
Ich glaube, ich war noch nie so verwirrt von einem Schreibstil. Nicht, weil er nicht fließend lesbar war, sondern weil er so gar nicht zu dem Thema des Buches passen wollte. Aber vielleicht ...
Schreibstil:
Ich glaube, ich war noch nie so verwirrt von einem Schreibstil. Nicht, weil er nicht fließend lesbar war, sondern weil er so gar nicht zu dem Thema des Buches passen wollte. Aber vielleicht machte auch gerade er das Buch überhaupt lesbar…
Jedenfalls ist der Schreibstil der Autorin sehr interessant gewesen. Er war roh, geradezu plakativ. In einem Ton, der locker und rau Witze riss, die mich jedes Mal haben sehr überrascht, die Augenbrauen hochziehen und gleichzeitig haben schmunzeln lassen, fühlte ich mich wie zwischen Teenagern.
Ich fand das Buch durch den Schreibstil sehr gut lesbar und fand, er bot eine Art Safespace in der Handlung, der von dem eigentlich sehr schwierigen Thema ablenkte. Gleichzeitig war er manchmal aber auch einfach etwas drüber. Das musste man wegstecken können.
Die Geschichte – Kriminologin mit gebrochenem Herzen fliegt in den Irak, um Frauen zu helfen, ohne dass ihr jemand hilft
Hauptprotagonistin und einzige Erzählperspektive ist Nadia. Ich habe schnell in das Buch hineingefunden, denn es geht direkt los: der Flug in den Irak steht an. Und plötzlich ist alles fremd und ungewiss. Nicht nur für die Protagonistin, sondern auch für mich, denn vom Irak habe ich bisher nur aus den Medien gehört und keine Ahnung, was mein Bild von diesem Land ausgemalt wirklich war, aber ehrlich gesagt hatte ich es mir einfach nur grausam vorgestellt. Mit Nadia bekam ich jetzt die Chance, den Irak anders kennenzulernen. Denn: Es gibt dort noch Leben, noch unbeschädigte Areale und noch Menschen, die an der Hoffnung festhalten.
Das fand ich wirklich gut beschrieben in dem Buch. Wie es ist, dort als Ausländerin zu leben. Was Alltag dort bedeutet und wie einschränkend, aber auch privilegiert die UN-Personen dort leben. Man merkte, dass die Autorin wusste, was sie dort beschrieb, weil sie sich einerseits nicht mit rosigen Beschreibungen aufhielt, gleichzeitig aber auch keine Klischees von Kriegslandvorstellungen hervorrief. Natürlich kann ich nicht sagen, ob es da jetzt wirklich so aussieht, oder ob die Autorin letztlich doch ein Fantasiebild geschaffen hat, aber es fühlte sich real an, weil es nichts wollte, sondern lediglich still mitteilte.
So gehörte Korruption dort zum Alltag, genauso wie die Aussichtslosigkeit, die mit der Bürokratie einherging und der sich auch Nadia stellen musste. Generell vergegenwärtigte dieses Buch in vielen Szenen, wie sehr die Arbeit mit Menschen, die keiner so richtig haben will, an allen Ecken und Enden behindert wird und wie sehr sich die Menschen, die für diese kämpfen, dabei selbst aufgeben müssen bzw. sich sonst abschirmen müssen. Das ist eine wichtige Message, die man so oder so aus dieser Geschichte mitnimmt. Ganz unabhängig davon, wie einem das Buch oder die Hauptprotagonistin gefallen hat.
Nadia – verlassen, allein und jetzt im Irak, wo sie eine jüngere Version ihrer selbst trifft
Nadia ist eine dieser Figuren, zu der man eher eine gespaltene Meinung hat. Ich fand sie nie vollständig sympathisch, weil sie auf mich auf den ersten Blick sehr schwach wirkte. Sie trauerte immer noch ihrer Freundin hinterher, machte alles Darauffolgende nur, weil es sich gerade so ergab und stürzte sich dann viel zu schnell in ein Projekt, das wenig mit einem konkreten Ziel, sondern vielmehr mit ihren eigenen Gefühlen zu tun hatte. Dazwischen isst sie Schokoriegel und hat Sex. Sie ist geradezu das Gegenteil von dem, was man von jemandem in ihrer Position erwartete und das machte die Sache irgendwie spannend. Teilweise war sie wenig reflektiert, teilweise deckte sie aber auch Probleme auf, die erst durch ihre „normale“ Sicht auf die Dinge sichtbar wurden. Eine Protagonistin also, die nicht gefallen wollte und sich irgendwo in alldem selbst fand.
Die Auseinandersetzung mit dem ganzen Problem vor Ort war zwar irgendwo Hauptthema dieser Geschichte, gleichzeitig fokussierte sich Nadia aber so sehr auf Sara, in der sie sich selbst wieder erkannte, dass der eigentliche Sinn ihrer Arbeit etwas in Vergessenheit geriet. Manchmal geradezu blockiert wurde. Das war nachvollziehbar beschrieben und passte gut zu Nadias Charakter, hat mich aber auch manchmal etwas enttäuscht, weil ich so gerne mehr über die Frauen dort vor Ort erfahren hätte. So musste ich lange warten, bis die Geschichte auch im Hinblick auf diesen Aspekt endlich Fahrt aufnahm.
Die Fragen hinter der Geschichte – zwischen Setting & Figuren
Denn: Die Perspektiven fehlten mir hier einfach. Es gab Sara, die so gut wie nichts erzählte, dann noch zwei andere und natürlich die Erzählungen der anderen UN-Mitarbeitenden. All dies wurde aber sehr kurz gehalten. Jeder dachte an sein eigenes Wohl und höchstens noch an seine eigene Aufgabe, sodass selten wirklich ernste Gespräche darüber aufkamen, was mit all den anderen Frauen passieren sollte. Wieso sie überhaupt in diese Situation gekommen waren. Ja, mir fehlte einfach etwas die Auseinandersetzung mit der Frage: Wie werde ich zur IS-Braut? Was treibt mich an? Wann bereue ich es? Kommt man da wieder raus?
Auch wenn es sich alles genau so authentisch in die Geschichte eingliederte, fragte ich mich also manchmal nach der Sinnhaftigkeit mancher Szenen oder Figuren. Warum waren sie da, wenn sie doch gar keinen wichtigen Anstoß für die Denkprozesse hinter dem Offensichtlichen lieferten?
Einige der Fragen wurden mehr oder weniger indirekt beantwortet. Und ja, die Hoffnungslosigkeit, die da mitschwang konnte ich gut spüren, aber die Gedanken gingen für mich nicht weiter. Die Botschaft war quasi: Wenn ich keine Muslima bin, kann ich nicht in die Verlegenheit geraten, vom IS rekrutiert zu werden. Und die, die rekrutiert werden, sind auch nur solche, die ein schwieriges oder instabiles Familienverhältnis haben. Aber ist da nicht noch mehr? Ist Manipulation nicht ein großes Thema? Das fehlte mir komplett.
Auch Nadias Auseinandersetzung mit diesem Thema wurde nur sehr knapp gehalten. Es gibt zwar ein paar Rückblicke und Gedankenblitze, aber ziemlich schnell konzentriert sie sich lieber auf anderes, als weiterzudenken. Ich weiß nicht, ob ich da blauäugig bin, aber ich mich selbst hätte die Erkenntnis, dass ich vielleicht fast selbst zur IS-Braut geworden wäre, in eine Sinnkrise geschickt. Ich hätte wissen wollen, warum ich anfällig war, warum ich dem aber nicht nachgegeben habe. Und vor allem, wie man verhindern kann, dass andere Mädchen und junge Frauen sich davon locken lassen.
Untereinander benahmen sich die Figuren wie auf einer Klassenfahrt. Es wurden Scherze gemacht, Witze gerissen, getrunken und Leute in die Pfanne gehauen. Definitiv der Safespace, den die Figuren benötigten, um mit all dem zurecht zu kommen und ja, diese humorvollen Passagen haben die Geschichte definitiv besser verdaulich für mich als Leserin gemacht. Manchmal war es mir aber schon ein wenig zu humorvoll, zu wenig ernst.
Der Handlungsverlauf – Locker bis heiter, frech bis schamlos, spannend bis zum Verlust des Fokus
Das, was mich dann wirklich interessierte (worauf die Geschichte eigentlich auch von Anfang an zulief), passierte erst im letzten Viertel. Da war es dann auch nochmal richtig spannend, wenn auch ziemlich rosarot muss ich sagen. Es gibt eine überraschende Wendung und auch die Ernsthaftigkeit der Situation wird nochmal deutlich, aber ganz am Ende fehlte mir der Bezug zur Realität. Da lief es einfach so aus. I mean: Was hat Nadia jetzt aus der ganzen Geschichte mitgenommen? Wenn ich solche Fragen für mich selbst nach dem Lesen des Buches nicht beantworten kann, dann frage ich mich, wie sehr sie sich wirklich entwickelt hat.
Auch den Erzählstrang mit Rosie fand ich letztlich etwas wild gewählt, weil er so wenig mit der eigentlichen Geschichte und Nadias Entwicklung zu tun hatte. Er war eine Begleiterscheinung, ein Nebenflirren, das hervorkam, wenn Nadia kurz nicht wusste, woran sie sonst denken sollte. Und das betraf noch andere Erzählstränge in diesem Buch, sodass ich mir in Bezug auf diese gewünscht hätte, sie wären entweder nicht erwähnt worden oder hätten mehr Einfluss auf Nadia gehabt.
Fazit:
Diese Geschichte erzählt rau und schamlos mit viel Humor von einem Thema, dass alles andere als das ist. Trotzdem funktioniert es gut miteinander, weil die Geschichte offensichtlich zeigen und nicht direkt urteilen will. Mir war es manchmal etwas zu wenig ernst und ich hätte mir eine Protagonistin gewünscht, die sich tiefer mit den Themen beschäftigt, statt vieles nur anzuschneiden, um es dann fallen zu lassen.
So ließ sich das Buch wunderbar schnell lesen und schafft es, das Thema IS-Frauen in den Köpfen der Leser:innen zu etwas werden zu lassen, was Substanz hat, gleichzeitig eröffnet es aber auch nicht wirklich eine Auseinandersetzung mit dem Thema.
Von mir gibt es 3 von 5 Sterne.