Ein richtiger Epos!
This Is Going To HurtSchreibstil:
Und schon sind wir gleich zu Anfang an dem Punkt, an dem sich wahrscheinlich die Geister scheiden, denn der Schreibstil ist schon seeehr besonders. Nicht, weil er schlecht ist, sondern weil ...
Schreibstil:
Und schon sind wir gleich zu Anfang an dem Punkt, an dem sich wahrscheinlich die Geister scheiden, denn der Schreibstil ist schon seeehr besonders. Nicht, weil er schlecht ist, sondern weil er alt klingt. Geradezu altmodisch. Ich musste mich jedenfalls erstmal daran gewöhnen und habe mich dann etwas ins Jahr 1923 versetzt gefühlt (ich glaube, weil ein Yellowstone-Spin-off dann spielt). Ein kleines Beispiel: „Mein Geist ist benommen, gleichwohl empfinde ich jedes Geräusch dieser Nacht in einer Intensität, die durch das Adrenalin, welches meinen Körper durchbrandet, verursacht wird.“ (bei 3%). Versteht ihr, was ich meine? Ich habe mich eigentlich nicht daran gestört, sondern fand es ganz atmosphärisch, allerdings muss ich auch gestehen, dass der Schreibstil an einigen Stellen für Distanz sorgte und Emotionen so vielleicht manchmal durch eine Art Filter weitergegeben wurden.
Die Geschichte – wenn der Cowboy zum Geburtshelfer wird
Alles, was der Schreibstil vermittelt, findet sich irgendwie auch in der Geschichte wieder. Zwar spielt es in einer modernen Welt, aber Jordan wirkt trotzdem etwas aus der Zeit gefallen: unschuldig, etwas naiv, an das Gute glaubend. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie ihr Kind mitten auf einer Landstraße bekommt, weil sie auf dem Weg zu dem Vater ihres Kindes ist, der sie seit einem halben Jahr ghostet. Klingt jetzt erstmal ganz wild und nach einer Geschichte, die vielleicht vor Klischees nur so trieft. Tatsächlich aber ist das Ganze nur die Grundbasis und Jordan hatte ich schnell verziehen, dass sie erst so naiv ist. Denn durch sie bekommt die ganze Dynamik der Geschichte erst so richtig Raum.
Bleiben wir also bei den Fakten: Erzählt wird nahezu abwechselnd aus den Perspektiven von Miles und Jordan, das Setting ist hauptsächlich die Whispering Maples Ranch von Miles, auf der er Jordan aufnimmt. Und das ist dann auch schon Teil des Problems, das die Handlung trägt: Familienfehden.
Ich habe mich wirklich komplett wie in einem alten Western gefühlt (oder was ich dafür halte). Eine Geschichte, in der die Cowboys einen rauen Umgangston haben, Aufgaben erledigen müssen, die keineswegs angenehm sind, mit totem Vieh zu tun haben, irgendwie Geld verdienen und sich dann noch gegen andere Rancher durchsetzen müssen. Dazu kommen dann noch Fehden und Differenzen zwischen den Ranchern, Familienbande, die für Tumult und Rivalität sorgen und viele viele unausgesprochene Worte. Ich empfand es als total authentisch und war sofort von der Geschichte gefangen. Während andere Cowboy-Romances ja doch eher romantisieren und sich auf den Spice und die Smalltown Vibes konzentrieren, spielt sich hier alles auf dem Hof ab und alles bleibt wunderbar authentisch.
Slow Burn vom Feinsten – nicht jede Geschichte lebt vom Spice
Es gibt diese Geschichten, in denen es Liebe auf den ersten Blick ist und dann die, bei denen es Anziehung auf den ersten Blick ist. Hier ist keins davon der Fall, denn beide Hauptfiguren haben zu Anfang der Geschichte ganz andere Dinge im Kopf. Sie wissen nur, dass sie einander sympathisch finden und vertrauen.
Zu Miles fand ich sehr gut, dass man ihn nicht nur durch seine Taten und sein Verhalten Jordan gegenüber kennenlernte, sondern vor allem auch durch die anderen Bewohner:innen der Ranch, die ihn schon lange kennen und zu beurteilen wissen. Was ich sagen kann: Miles ist total hilfsbereit, sehr empathisch, hat ein sehr gutes Herz und kämpft für das, was ihm und den Menschen, die er liebt, wichtig ist. Dabei stellt er sich selbst oft zurück. Sein eigenes Glück liegt brach, aus verschiedenen Gründen. Beides wird Teil der Geschichte und durchaus thematisiert, was ich ebenfalls sehr gut fand. In vielen Gesprächen und Gedankengängen wird hier alles brav aufgearbeitet und vor allem setzen sich die Figuren alle aktiv damit auseinander, sodass die Geschichte viel Tiefe bekam.
Jordan ist überhaupt nicht typisch für eine Protagonistin, denn sie ist viel ruhiger. Auch sie stellt sich nicht in den Mittelpunkt, ist aber auch anfangs einfach total verloren, sodass sie gar nicht an sich selbst denken kann. Es geht darum, sich um ihr Kind zu kümmern und das in all dem, was um sie herum passiert. Miles hat da unheimlich geholfen, um sie besonders anfangs zu verstehen, denn ja, direkt nachdem man ein Kind bekommen hat, können die Gefühle verrückt spielen.
Ich mochte Jordan aber irgendwie auf Anhieb, da sie sich nicht bemitleidet, sondern versucht, das Beste aus der Situation zu machen und dabei keineswegs zur Nutznießern wurde. Sie tastet sich vorsichtig an alles heran, lässt ihre Gefühle zu Miles nur vorsichtig entstehen und ihre Naivität legt sie ziemlich schnell ab.
Ihre Beziehung zueinander ist geprägt von vielen ungeklärten Situationen, die erst nach und nach aufgeräumt werden müssen. Die Liebe entsteht langsam und ist dadurch umso tiefer und dankbarer. Man merkte richtig, wie gut die beiden zusammenpassen und wie viel sie sich in all den Geschehnissen gegenseitig geben.
Die Coltons – eine zerissene Dynastie
Das Hauptthema dieser Geschichte ist neben der Lovestory, die sich viel Zeit nimmt, auf jeden Fall alles rund um die Familie Colton. Jeden davon lernen wir kennen. Ezra Colton, der Patriarch, seine beiden Söhne, einer nicht besonders pflichtbewusst, der andere leider psychisch labil, und dann Miles und die im Koma liegende Raelynn. Alle hängen irgendwie zusammen, teilen eine Geschichte und zwischen ihnen allen liegen viele ungesagte, aber auch schlecht gemeinte Worte. Wenn ihr an Todesblicke, entsperrte Flinten, Viehdiebstahl und die Weiterführung der Blutlinie denkt, dann seid ihr genau in der Bubble, in der sich alles rund um die Familie Colton abspielt. Ich fand es grandios gemacht. Ich konnte die Zerrissenheit jeder einzelnen Figur deutlich wahrnehmen, habe mit ihnen gelitten und gebangt und war den Tränen nahe, als alles ans Licht kam.
Diese Familiengeschichte hatte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und wurde so erzählt, dass es eindringlich, aber niemals langweilig war. Quasi ein Epos auf 450 Seiten. Das muss man erstmal schaffen.
Fazit:
Das hier ist eine Cowboy-Romance, die diese Betitelung eigentlich nicht verdient, weil es so viel mehr ist. Es ist eine absolut atmosphärische, tiefgreifende Geschichte voller Emotionen, die mich voll erreichen und mitreißen konnten. Das Buch war durchweg spannend, die Figuren alle (und damit meine ich auch die Nebenfiguren) liebenswert bzw. authentisch und die eingegliederte Familiendynastie verband alles geradezu zu einem Epos. Ich kann das Buch allen empfehlen, die bereit sind, für echte Cowboy Vibes und den Fokus nicht nur auf der Lovestory haben wollen.
Von mir gibt es 5 von 5 Sterne.
Vielen Dank an Netgalley.de und den Verlag für das Rezensionsexemplar!
3 Gründe, weshalb du dieses Buch lesen solltest:
Echte Cowboy-Vibes statt nur Country-Ästhetik
Wunderschöne Slow-Burn-Liebesgeschichte
Eine Familiensaga voller Spannung und Emotionen
Liebe Grüße
Tomke